Andy Claus: „Jeder Autor verrät in seinen Büchern eine Menge über sich selbst“

Interview mit Andy Claus

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Ich persönlich denke nicht darüber nach. Ich habe einen Verlag und halte mich an meine Abgabetermine, solange Leser meine Romane wollen. Als ich 1992 mit dem Schreiben begann, gab es lediglich die konventionellen, meist großen Verlage. Sie entschieden unerbittlich über Newcomer und das meist zugunsten von bereits existierendem Erfolg. Das heißt, sie verlegten zum großen Teil ausländische Bücher von erfolgreichen Autoren. Oder sie veröffentlichten die Autoren, welche sich hier in Deutschland bereits etabliert hatten, als es noch keine so große Auswahl gab. Ich war chancenlos, nicht zuletzt wegen meines Genres, denn ich schreibe über schwule Männer. Nach 2000 entwickelten sich einige Nischenverlage, dann kam der große Boom und Selbstverlage schossen aus dem Boden. Nun konnte jeder veröffentlichen. Auch das hat sich inzwischen ein wenig gelegt. Dennoch ist die Konkurrenz tatsächlich riesig. Aber wie gesagt … es wäre sinnlos, darüber nachzudenken.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Bei der heutigen Bücherflut muss es etwas geben, an dem der Leser sich orientieren kann. Dass diese Auswahl oft tendenziös ist und eigentlich danach geht, welches Buch die beste Werbung hat (womit wir wieder bei den großen Verlagen wären) ist schade, aber nicht zu ändern.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich habe keins. Während meiner Autorentätigkeit von inzwischen 23 Jahren und achtzehn Romanen hatte ich zwei große Blockaden. Sie kamen meist, wenn sich in meinem Leben etwas änderte. Einmal fand ich erst nach acht Jahren, das andere Mal nach drei Jahren zurück. Ich denke, man muss der Sache ihren Lauf lassen. Schreiben ist 70% Kreativität und Talent und 30% reines Handwerk, man kann es nicht erzwingen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich habe eine Webseite und früher war ich auch auf verschiedenen Plattformen präsent. Das habe ich zwischenzeitlich beinahe ganz eingestellt. Der Verlag macht meine Werbung.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Internet, Presse und Buchläden

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ephraim Kishon, Heinz G. Konsalik, Johannes Mario Simmel, Stephen King. Zugegeben, eine bunte Mischung, aber alle haben mich geprägt.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Wahrscheinlich gar nicht (siehe Punkt 1) Es geht nach knallharten, wirtschaftlichen Interessen und es ist lukrativer, wenn man die Lesegewohnheiten der breiten Masse auf wenige Autoren kanalisiert.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Erst einmal nur, frei das Buch zu schreiben. Ohne Gedanken an Veröffentlichung usw. Dafür ist noch Zeit, wenn der Text vorliegt.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Es ist für mich schwierig, über junge, naive Liebe zu schreiben. So schön es ist, da meldet sich immer eine Stimme im Kopf, die mich belehren will. 

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Jeder Autor verrät in seinen Büchern eine Menge über sich selbst. Vorbildlich wäre, wenn er bei seiner Arbeit bei allen Themen neutral, objektiv und authentisch bleiben kann. Leider beinahe ein Ding der Unmöglichkeit …

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich schreibe täglich, die Uhrzeiten variieren. So habe ich Struktur und dennoch einen gewissen Freiraum für die „restlichen“ Dinge des Lebens.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Zur Zeit schreibe ich über einen narzisstischen Soziopathen. Es ist der zweite und abschließende Teil über einen Mann, der sehr viel Leid über die Menschen bringt, die das Pech haben, ihm zu begegnen. Der Narziss II erscheint im Mai. Als nächstes ist ein Buch über einen afghanischen Englischlehrer angedacht, der aus seiner Heimat fliehen muss. Sowohl seine Abhängigkeit von der Politik mehrerer Länder als auch seine sexuelle Ausrichtung als Muslim sorgen für eine Menge brisante Elemente.  Wann ich diesen Stoff realisiere und wie lange ich dafür recherchieren und schreiben muss, steht allerdings noch in der Sternen.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Andy Claus auf Facebook

www.andy-claus.de

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