Matthias Engels: „Politik ist einfach nicht das Thema, das mich literarisch stimuliert“

Interview mit Matthias Engels

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

(c) Matthias Engels
(c) Matthias Engels

Matthias Engels: Das ist eine zwiespältige Sache. Natürlich bekommt man mit, was die anderen Autoren so machen und stellt auch fest, was Erfolg hat und was eher weniger. Tatsächlich spielt es aber beim Finden eines Stoffes und der ersten Idee für mich eigentlich keine Rolle. In dem Moment, in dem sich etwas Mögliches herauskristallisiert, erlischt sogar der Appetit auf fremde Literatur bei mir sofort. Während der Arbeit ist dann natürlich alles jemals Gelesene als Bestandteil meines Werkzeugkastens durchaus präsent. Aber das kann auch uraltes oder obskures sein, auf das ich zur Inspiration zurückgreife, nicht nur aktuell erfolgreiches.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

M.E.: Für mich ist das EIN Weg, um auf Bücher aufmerksam zu werden. Nicht alles, was Erfolg hat, ist gut, aber: nicht alles, was Erfolg hat, muss allein deshalb zwangsläufig Müll sein. Deshalb finde ich es durchaus legitim, sich an solchen Listen zu orientierten. Dazu sollten dann aber auch andere Wege, ein eigenes Gespür und eine gewisse Lust am Abseitigen kommen. Als gelernter Buchhändler weiß ich ja, wie schwer es den Lesern fällt, sich zu orientieren in dieser Masse an Neuerscheinungen. Sie wissen nicht, wem sie trauen sollen. (Ich plädiere ja heftigst für den Buchhändler des Vertrauens!) Also nehmen sie die Brigitte oder den Spiegel und hoffen, dort eine gewisse qualitative Vorsortierung vorzufinden. Wenig mutig, aber verständlich. Ich muss mich immer daran erinnern, dass es auch ein Zeitfaktor und eine Frage der Gewichtung ist- nicht für alle Leser steht die Beschäftigung mit Literatur so sehr im Zentrum ihres Alltags wie für mich und da muss das nächste Buch eben schnell und effektiv gefunden werden.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

M.E.: Das sind ja an sich zwei verschiedene Dinge, oder eigentlich sogar drei! Wenn man partout keinen Stoff mehr findet/ man einen hat, aber er sich unter keinen Umständen umsetzen lassen will und sich wehrt UND: wenn man theoretisch gut arbeiten könnte, aber die Nischen dafür nicht findet. Bisher war es gottlob bei mir eher so, dass die Ideen sich stauten und die eine warten musste, bis die andere erledigt war. Wenn ein Stoff sich wehrt, hilft oft warten, rumprobieren und besonders: LESEN! Auch sinnloses Surfen im Netz kann einem sowohl neue Stoffe aus dem Nichts zuspielen oder auf andere Gedanken bringen. Bei Zeitmangel hilft es mir, tausend Notizen zu machen, das bisschen Zeit, das man hat, für grobe Skizzen, Pläne, Handlungsdiagramme zu nutzen, auf die man später meist doch nicht zurückgreift, die einem aber das Gefühl geben, am Stoff zu bleiben und tätig zu sein. Da ich ja auch Lyriker bin und man für Gedichte neben der Sprache selbst oft nicht wirklich einen „Stoff“ im klassischen Sinne braucht, entstehen in solchen Zeiten oft Gedichtfragmente oder vorhandene werden bearbeitet.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

M.E. : Naja, ich bin im Netz präsent und informiere über meinen Blog und die entsprechende Facebookseite über alles, was ich tue. Wenn ich dann gerade etwas veröffentlicht habe, wird auch dies natürlich thematisiert und den Hinweis auf eine Kaufmöglichkeit unterschlage ich da sicherlich auch nicht. Aber ich würde nicht sagen, dass ich meine Bücher aktiv im Netz bewerbe. Ich weise daraufhin, dass ich existiere, dass ich mich mit Literatur befasse und was ich treibe – Autor sein. Ich blogge mal mehr, mal weniger – im Großen und Ganzen lasse ich so drei, vier Mal pro Woche etwas von mir hören. Wenn es größere Beiträge zu literarischen Themen sind, steckt da natürlich ein zeitlich größerer Aufwand dahinter, aber das ist für mich Teil der „Schreibzeit“, denn ein literarischer Essay will auch erst mal geschrieben sein- nicht unbedingt der „Werbezeit“.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

M.E.: Ich veröffentliche zwar seit ungefähr 10 Jahren, aber ich sehe mich immer noch als Anfänger und fern davon, irgendwelche Marktmechanismen durchschaut zu haben. Ich stelle auch fest, dass es für jeden Autoren anders funktionieren kann. Ich fahre ganz gut mit meinem Blog, für den es auch eine Facebookseite gibt. Rückmeldung erhalte ich am meisten über dieses Medium. Eine private Facebookseite, Twitter etc. sind für mich da völlig irrelevant, können aber für andere Autoren je nach Vorgehensweise sicher auch ertragsreich sein. Ich möchte aber festhalten, dass Ertrag im Sinne von Verkauf hier überhaupt nicht mein Thema ist. Ich baue eher darauf, wahrgenommen zu werden und wenn dann der Eine oder Andere auf den Gedanken kommt, er könne ja mal eines meiner Bücher lesen, dann ist das ein Begleiteffekt und ein Erfolg. Aber ich weiß, dass das nur bei einem sehr sehr kleinen Bruchteil der von mir erreichten Personen der Fall ist. Zumindest in meinem kleinen Winkel der Literatur (ich sage nur: Lyrik!) wird das alles völlig überbewertet. Die großen Mainstream-Autoren oder sehr sehr engagierte Indies können den Aufwand ihrer Internetpostings und ihren Verkauf sicher in Relation bringen – für mich ist das nicht der Hauptfaktor.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

M.E.: Oh, das sind soo viele und immer, wenn mir eine solche Frage gestellt wird, vergesse ich die Wichtigsten! Ich fühle mich inspiriert von Ian McEwan wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten und seiner Realitätsnähe; von Paul Auster, weil bei ihm dieser romantische Schreibernimbus noch so stark ausgeprägt ist; von Andreas Maier, wegen seiner knorrigen Sperrigkeit, von Hans Ulrich Treichel wegen seines Understatements und Ralf Rothmann wegen seiner Intensität… Dazu kommen die modernen Klassiker: Kafka, Mann und die von mir sehr geschätzten Hans Erich Nossack und Hans Henny Jahnn. So könnte das stundenlang weitergehen und das sind nur die Prosaautoren! Dann gäbe es noch zahllose Lyriker, die mich mit ihrem gesamten Werk faszinieren und noch mal zahllose weitere, bei denen mich neun Zehntel kalt lassen, EIN einzelnes Gedicht mich aber total anfixt.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

M.E.: Das wird ja schon seit längerer Zeit beklagt. Ich weiß allerdings gar nicht, ob das so stimmt. In den vergangenen Jahren haben einige Initiativen wie z. B. der Deutsche Buchpreis dazu geführt, dass wir eine Menge interessanter neuer AutorInnen in der Presse, auf den Bestseller-Listen und in den Regalen haben. Denken Sie mal an die Träger des Preises der Leipziger Messe: Clemens Setz oder Sasa Stanisic, die durchaus Presse und auch Erfolg hatten. Denken Sie an das aktuell viel besprochene Buch: Das achte Leben von Nino Haratischwili – eine junge und äußerst vielseitige Autorin, die man bis vor anderthalb Jahren noch überhaupt nicht kannte. Auch ein Lutz Seiler, Träger des aktuellen Deutschen Buchpreises, wurde bisher mit seiner Lyrik kaum wahrgenommen oder rezensiert und ist jetzt dankenswerterweise sehr präsent. Auch aus dem Indie-Bereich kommen immer mehr sehr junge, sehr interessante AutorInnen, die es zum Teil zu dauerhaftem Erfolg schaffen werden. Ich finde, wir können uns da in Deutschland gar nicht wirklich beklagen. Natürlich werden die Bücher der „Großen“ nach wie vor besprochen, aber diese Ausschließlichkeit kann ich nicht sehen.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

M.E.: Ich mache jeden Tag Anfängerfehler und sehe mich, wie schon erwähnt, immer noch als solchen. Zu Ratschlägen fühle ich mich also nicht berufen. Noch dazu bin ich weder in Leipzig noch in Hildesheim gewesen und bastele als Autodidakt an meinen Texten herum, was mich zumindest in den Augen vieler noch viel weniger für das Geben von Tipps qualifiziert. Dennoch möchte ich zumindest sagen: Wer ein Buch schreiben will, ist vielleicht generell auf der falschen Schiene unterwegs. Er muss ein Buch schreiben müssen! Er sollte nicht allzu viel auf die Anderen schauen und -bitte bitte- nicht zu früh denken, dass er es könne.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

M.E.: Sex-Szenen sind tatsächlich schwer. Witz ist schwer. Gefühle sind schwer. Spannung ist schwer. Es gibt kaum etwas, was mir leicht fällt, weil alles seinen eigenen Anspruch hat und Mühe erfordert, wenn es gut sein soll. Beschreibungen von Orten, Räumen, Landschaften – da würde ich noch am ehesten sagen, dass es mir einigermaßen leicht fällt. An allem Anderen muss ich beißen und ich denke, wer das oben genannte alles als einfach empfindet, ist entweder ein verdammtes Genie oder nimmt es vielleicht auch zu leicht.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

M.E. : Ich erwarte nur eines: dass es gut ist! Wenn ein Autor sich in seinem Werk zu solchen Themen zu äußern entscheidet, ist es legitim und mutig. Aber es sollte weder platt noch dumm sein. Das ist alles. Gekonnt Romanfiguren zu erfinden, die sich klug, dumm oder demagogisch zu politischen Themen äußern, weil es in ihren Charakterstrukturen stimmig ist und innerhalb eines Konflikts etwas aussagt und Fragen aufwirft, ist meines Erachtens sehr viel besser, als derlei Themen zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Ich selbst bin zwar privat an Politik interessiert, für meine Bücher spielt es bisher aber keine große Rolle. Es ist einfach nicht das Thema, das mich literarisch stimuliert. Ich schließe aber nicht aus, dass es einmal so sein könnte.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

M.E. : Wenn ich aufzähle, was ich alles so treibe, fragen sich die Leute immer, wann ich da noch schreibe, aber letztlich bin ich in der glücklichen Lage, recht viel Zeit für mein Schreiben zu haben. Circa vier Vormittage in der Woche habe ich für meine Arbeit frei. Der Brotberuf beschränkt sich auf ein, zwei Tage die Woche, daneben gibt meines Referententätigkeit für Literatur, die in unregelmäßigen Blöcken stattfindet. Wenn also die Familie in die Welt geht, kann ich mich hinsetzen und arbeiten, was man ja immer noch in Recherche- und reine Schreibzeit unterteilen muss. Größere Prosatexte versuche ich also ausschließlich und am Stück in diesen Zeiten anzugehen. Lyrik kann auch in der Bahn oder im Bus, im Urlaub oder sonstwo zwischendurch entstehen. So bin ich also an freien Tagen von morgens bis mittags Autor, dann bis abends Hausmann, Gatte und Vater. Zwischendurch Buchhändler und Referent. So in etwa.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

M.E.: Aktuell steht unmittelbar das Lektorat für einen Roman bevor, der im Herbst erscheinen wird. An diesem Text über einige erstaunliche Parallelen in den Lebensgeschichten zweier Portalfiguren der literarischen Moderne –Oscar Wilde & Knut Hamsun- habe ich jetzt beinahe drei Jahre gearbeitet und ich lege jetzt alles daran, ihn in bestmöglicher Form endlich endlich auf den Markt zu bekommen. Parallel wächst und gedeiht ein Gedichtband, für den ich aber erst noch einen Verlag finden muss, der ambitioniert oder wahnsinnig genug ist, noch Gedichte zu publizieren. Als nächstes werde ich wohl ein Manuskript wieder aufnehmen, das ich seinerzeit beim Entdecken dieses wunderbaren Wilde/Hamsun-Stoffes zurückstellen musste- eine recht zeitkritische Liebesgeschichte.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

M.E.: Ich habe zu danken!


Über den Autor

Matthias Engels, geboren 1975 in Goch (Niederrhein)
Seit 2001 in Steinfurt/Westfalen beheimatet.

Gelernter Sortimentsbuchhändler, Referent für Literatur & Autor;
veröffentlicht seit 2008 Romane und Lyrik;
Mitglied im VS NRW; aufgenommen in die aktuelle Ausgabe von Kürschners Literaturkalender.


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