Sophie Andresky: „Ich würde mir insgesamt weniger Geschwafel wünschen“

Interview mit Sophie Andresky

 

Sophie Andresky Foto: G. Bärtels
Sophie Andresky
Foto: Gabriele Bärtels

Sophie Andresky, geb. 1973, ist eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen. Andresky, die unter Pseudonym schreibt, verfasst erotische Literatur und ist Kolumnistin für das Magazin Playboy und das Portal joyclub.de.

Andresky hat Kunstgeschichte studiert und lebt heute in Berlin. Ihr – jugendfreies – Buch „Weihnachtsengel küsst man nicht“ wurde verfilmt.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über so was nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, das würde mich nur paralysieren. Ich könnte nie ein Buch nach Marketing-Gesichtspunkten schreiben. Der Stoff muss mich interessieren und fesseln, immerhin lebe ich ja mehrere Monate damit. Ich finde es immer ärgerlich, wenn ein Buch erscheint, bei dem man genau sieht, auf welcher Welle das mitsurfen soll. Es gab es die Vampir-Klone, dann die S/M-Aufgüsse. Das Nächste sind wahrscheinlich S/M-Romane mit Vampiren, die sich gegenseitig die Hauer abfeilen. Das ist ein typisches Argument auf Vertreterkonferenzen. Die sagen dann: „Das lief doch gerade gut, das können wir doch auch machen.“ Wie langweilig ist das, bitte?

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten, und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich stünde sehr gern mal auf den vorderen Plätzen und bin neidisch auf jede Autorin, die es dahin schafft. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Dazu kommt in meinem Genre ja auch noch, dass es nicht nur um Verkaufszahlen geht, sondern auch um körperliche Lust. Ich stelle mir gern vor, wie Leserinnen und Leser selig lächelnd mit meinen Büchern in der Wanne oder auf dem Sofa liegen. Die Welt braucht mehr guten Sex. Das unfreundliche Paar im Erdgeschoss, das mich immer wegen irgendwas anranzt, wäre mit Sicherheit viel freundlicher, wenn die sexuell nicht so frustriert wären.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich vertraue dem Dampfkessel-Prinzip: Druck erhöhen, bis sich die Schädeldecke hebt und mir irgendwas einfällt. Wenn ich freitags einen Artikel abgeben muss und dienstags noch keine einzige Idee habe, nehme ich sehr gern noch einen Auftrag an, der am Donnerstag fertig werden muss. Dann werde ich Mittwoch Mittag panisch, kriege Herzrasen, jammere und wehklage, gehe meiner Umwelt auf den Geist und trinke mehr Kaffee, als gut für mich ist. Aber Donnerstag Nachmittag sind beide Sachen fertig.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Meine Homepage www.andresky.de pflegt mein Webslave für eine warme Suppe und ein Kopfstreicheln. Da muss ich nur die Einträge absegnen. Den Sinn von facebook und Twitter konnte mir noch nie jemand einleuchtend erklären. Lesungen, TV oder sonstige Dinge, bei denen man live erscheinen muss, mache ich nicht, weil ich anonym arbeiten möchte und ich eh finde, dass viel zu viele uninteressante Leute ihr Zeugs öffentlich ausbreiten. Oder finden Sie, dass Liveauftritte von E. L. James den Erotikfaktor von Fifty Shades erhöht haben?

Fabelhafte Bücher: Nein. Finde ich eher nicht. Was anderes: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Mund-zu-Mund-Propaganda. Und Artikel über Intimrasur, egal in welchem Medium. Immer wenn eine große deutsche Boulevardzeitung das vor Jahren geführte Interview mit mir über Intimenthaarung ausgräbt und erneut online stellt, merke ich das sofort an den amazon-Verkaufszahlen und an den Zugriffen auf meine Homepage.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Beeinflusst weiß ich nicht, das müssen andere beurteilen. Ich mag die Pointen und das Abgründige bei Roald Dahl. Wenn man sich die Quälerei und den Inzest wegdenkt (weil ich beides nicht anregend finde) schätze ich die Direktheit der Sexszenen bei Marquis de Sade. Und ich liebe, liebe, liebe Philip Roth. Darüber hinaus bin ich, denke ich, eher von den neuen TV-Serien wie Californication oder Queer as folk inspiriert als von Romanen.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

1) Weil sich mit etwas, das die Leute schon kennen, mehr Geld machen lässt und weil es die Rezensenten weniger Arbeit kostet, ein Buch zu besprechen, wenn sie von vornherein einschätzen können, was auf sie zukommt.

2) Keine Ahnung.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ein Buch schreiben zu wollen, ist schon mal ein Fehler. Man schreibt eine Geschichte und sieht dann, ob sie als Buch trägt. Ich wünschte, mir hätte früher jemand gesagt, dass man in diesem Job viel Geduld braucht, sehr viel Geduld, unendlich viel Geduld. Oft vergehen Jahre von der Idee bis zum fertigen Produkt. Teilweise liegt das an mir, weil ein Stoff einfach so lange braucht, bis er reif ist. Und teilweise liegt es am Betrieb. Zwischen meiner Geschichte Weihnachtsengel küsst man nicht und der Verfilmung vergingen z. B. Jahre. Auch als die Filmrechte längst verkauft waren, dauerte es noch mal Jahre. Ich bin nicht die Langmütigste, und das ist ein Aspekt an diesem Beruf, der mich wirklich nervt.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwertun?

Sex-Szenen machen mir jetzt eher weniger Schwierigkeiten, sonst hätte ich ja auch den falschen Job. Was ich hasse, sind technische Details. Mir reicht es, wenn da steht, jemand hackt sich in den Account der Heldin. Ich muss nicht wissen, welcher Proxyserver dabei involviert ist und welches Masterpasswort benutzt wird. Und ich muss immer sehr aufpassen bei historischen Abläufen, weil ich persönlich nicht linear denke, sondern konzentrisch. Ein Ereignis löst in mir einen Wust an Erinnerungen, sinnlichen Eindrücken und Assoziationen aus, aber ich finde es schwierig, da eine chronologische Abfolge reinzubringen. Also arbeite ich oft mit Tabellen, die mir genau sagen: Wie alt ist meine Heldin, als dieses und jenes passiert, wie alt sind die anderen, die sie noch nicht kennt, was macht jeder gerade, was weiß wer zu welchem Zeitpunkt. Bei Sexszenen gibt es übrigens das Phänomen des kalten Händchens. Ab drei Personen zähle ich die Körperteile nach, sonst habe ich hinterher eine Hand zu viel, oder eine Körperöffnung ist schon okkupiert. Das ist immer sehr lustig, wenn dann mein Lektor an den Rand schreibt: „Rüdiger hat drei Knie!“

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Mir kommt das immer bizarr vor, wenn Autorinnen oder Autoren Stellung beziehen (sollen) zu politischen Themen. Wir sind ja weder besser informiert noch moralisch integrer als andere Berufsgruppen, da könnte man auch eine Neurochirurgin zum Ukraine-Konflikt befragen. Wenn ich zufällig Ahnung habe von einem Thema, äußere ich mich, ansonsten nicht. Ich würde mir insgesamt weniger Geschwafel wünschen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wenn ich schreiben muss, weil ich eine Deadline habe, muss ich zusehen, dass ich das morgens gleich nach Frühstück hinkriege und zwar bevor ich in die E-Mails lese, bei Ebay nach hübschen antiken Zofen-Utensilien suche, mir Tischdekorationen auf pinterest angucke, die neuesten bekloppten Beichten auf beichthaus.com lese oder mich im Katzenforum oder auf joyclub tummle. Ich kann ganze Tage im Internet verdaddeln, das ist gefährlich. Wenn ich einen guten Tag habe, schreibe ich dann, wenn mir was einfällt, das heißt, sobald ich eine Idee habe, setze ich mich direkt hin und lasse alles andere liegen, dann flutscht es wie von selbst, und ich schaffe richtig was weg. Leider kann ich solche Phasen nicht erzwingen, manchmal ist es sehr wenig Rausch und sehr viel Arbeit.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Mein nächster Roman, den ich gerade im Moment fertigschreibe, handelt von einer Weddingplanerin, die wie die Jungfrau zum Kind zu einer Seitensprungagentur kommt und diese leiten muss. Die beiden Kundenkarteien geraten durcheinander, Trauzeuginnen finden sich im Sexclub wieder, Junggesellen auf Orgien und maskierte Fetischfans auf Hochzeiten. Die erotischen Verwicklungen nehmen ihren Lauf, und schließlich stellt die Heldin fest, wer sie eigentlich ist und welche Art von Erotik und Beziehung sie wirklich führen möchte. Viel Torte, viele durchgeknallte und mitunter sehr unkeusche Bräute, sehr viel Sex. Erscheint im Herbst 2015 bei Heyne Hardcore, ich freu mich drauf.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Ich danke herzlich für die fabelhaften Fragen.


Sophie Andresky im www

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.