Die Aussagekraft von Bestsellerlisten

Von Schöngeistern belächelt, von Autoren um jeden Preis angestrebt: Die Bestsellerliste. Welche Aussagekraft verbirgt sich dahinter?

Bestseller2Der erfahrene Autor und Verleger Ruprecht Frieling äußerte im Interview das Bonmot, wonach er Bestseller als Verleger „merkantil“ nutze, doch als Leser spotte er darüber, da er wüsste, wie sie entstehen. Aussagen wie diese hört man freilich häufig aus den Kreisen des Bildungsbürgertums. Anderseits orientieren sich Millionen Leser an den Bestsellerlisten von Spiegel, Amazon und anderen Distributoren. Wie also ist es um die Aussagekraft bestellt?

Was genau sind eigentlich „Bestseller“?

Bestseller im Buchbereich sind Bücher, die sich über einen vordefinierten, relativ kurzen Zeitraum besonders gut verkaufen. Im Gegensatz dazu unterscheidet man beispielsweise die Longseller oder Steadyseller, die zwar monatlich geringere Zahlen aufweisen, dafür jedoch beständig seit Jahrzehnten. Ein Beispiel dafür sind berühmte Bücher wie „Moby Dick“ oder „Krieg und Frieden“, die bei Millionen Menschen im Bücherregal stehen.

Die Massen immerhin orientieren sich an den maßgeblichen Bestsellerlisten. Doch zugleich kennt jedermann die abwertenden Kommentare über die sogenannte Mainstream-Literatur. Was ist also dran an der Kritik und was taugen Bestsellerlisten wirklich?

Um die Qualität und damit die Aussagekraft einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick auf den Erstellungsprozess. Bei Amazon ist das noch recht einfach – stundengenau und getrennt nach Ländern werden die Verkaufszahlen geprüft und als Bestsellerlisten ausgegeben. Doch selbst hier gibt es Verschiebungen: Weil man offenbar nicht monatelang „Shades of Grey“ auf den vorderen Plätzen sehen wollte, hat Amazon – zumindest in einigen Landesgesellschaften – die Erotikliteratur in ein eigenes Ranking verbannt und somit die Belletristikliste „gesäubert“. Wie entstehen Bestsellerlisten beim Nachrichtenmagazin Spiegel?

Ein Bestsellerranking entsteht

Die gängigen Bestsellerlisten sind zunächst in verschiedene Themen unterteilt. Insbesondere Hardcover, Taschenbuch, Sachbuch, Hörbuch und eBooks repräsentieren die großen Unterrankings. Daneben gibt es Genres, wie Belletristik, Erotik, Kinderbuch und andere mehr. Wie weit die Unterteilung erfolgt, ist uneinheitlich geregelt.

Seit 1971 erstellt das Fachmagazin Buchbranche die sog. Spiegel-Bestsellerliste, die gegenwärtig als die maßgebliche in Deutschland angesehen werden darf (Vergleiche: Eine Übersicht der gängigsten Bestsellerlisten). Im deutschen Sprachraum erstellen Anbieter in der Schweiz und in Österreich jeweils eigene Listen.

Das Ranking wird dabei von Buchreport auf Basis der Abfrage der Warenwirtschaftssysteme von ca. 450 Buchhandlungen im ganzen Land erstellt. Diese Buchhandlungen sind so ausgewählt, das die Grundgesamtheit der Bevölkerung möglichst repräsentativ abgebildet ist. Warum ist das wichtig? Natürlich könnte man auch 450 Buchhandlungen in Berlin, Kiel und Hamburg auswählen und die Ergebnisse veröffentlichen. Aber wer weiß schon, ob die Lesegewohnheiten im Süden nicht andere sind, als im Norden? Und wird vielleicht auf dem flachen Land andere Literatur bevorzugt als in der Stadt?

Bei den Buchhandlungen wurde außerdem darauf geachtet, dass es sich um sog. Vollsortimenter handelt, also nicht um spezialisierte Buchhandlungen, bei denen es z. B. nur Kinderbücher oder nur Kochbücher gibt.

Verarbeitung der Rohdaten

Die so gewonnenen Daten reichen natürlich noch nicht für die Bestsellerliste. Jetzt muss noch nachsortiert werden. Beispielsweise ist der jeweilige Bestseller von Dan Brown häufig sofort in verschiedenen Fassungen zu haben: Als Hardcover, als Taschenbuch, als eBook und früher oder später auch als Hörbuch. Natürlich muss das sauber getrennt werden. Außerdem wird ein solches Buch auch in verschiedenen Sprachen verkauft – gewünscht ist aber nur die deutsche Bestsellerliste. Also müssen z. B. die englischen Titel entfernt werden.

Wie ist es also um die Aussagekraft bestellt?

Der Erfolg der Bestsellerlisten beruht im Wesentlichen darauf, dass die Menschen eben doch die Erfahrung machen, dass sie von Büchern, die bereits mehrere hunderttausend andere Menschen gelesen und für gut befunden haben, seltener enttäuscht werden. Deshalb spricht viel dafür, sich von dem elitären Denken zu lösen, das „Mainstream“ stets schlecht sei. Zumindest um sich Anregungen zu holen, lohnt sich häufig eben doch ein Blick auf die Charts.

Alternative: Die sogenannten Bestenlisten

Übrigens: Es können ruhig auch mal Klassiker sein, also die Longseller. Als Gegenentwurf und Ergänzung zu den Bestsellerlisten haben einige Feuilletonredaktionen Bücherlisten zusammengestellt, die als die „100 ewigen Besten“ betrachtet werden. So z. B. die ZEIT, das ZDF und die BBC. Doch auch die französische Le Monde hat mit einem aufwendigen Verfahren eine Liste der Bücher zusammengestellt, die man „gelesen haben muss“.

 

Ein Gedanke zu „Die Aussagekraft von Bestsellerlisten“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.