Rezension von Sarah

Das Dorf der Bücher – Gropius

Nicht erst seit Kafka und Lessing wissen wir um die Fähigkeiten guter Parabeln, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und den Einzelnen zum verschärften Nachdenken anzuregen. Soweit zu den berühmten Vorbildern. Wovon also handelt Gropius‘ „Das Dorf der Bücher“?

Eigentlich sollte man denken, zur deutschen Debatte um die Flüchtlingskrise sei alles gesagt und geschrieben. Gropius jedoch wagt ein Gedankenexperiment und bereichert die Diskussion damit auf eine Weise, wie es ein Sachbuch oder eine redaktionelle Analyse gar nicht könnten: Er verlagert die Probleme unseres 82-Millionen-Volkes auf ein 820-Einwohner-Dorf und hält diese Verkleinerung im Maßstab dann auch durch. Und siehe da – so manches Problem sieht in dieser Perspektive schon anders aus.

Ein Beispiel? Nehmen wir die PEGIDA-Demonstrationen in Dresden und andernorts, die wochenlang, wenn nicht länger, eine gigantische Aufmerksamkeit der Medien erhielten, so als ob „das Volk“ auf die Straße gegangen wäre – dabei handelte es sich um weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Bei Gropius geht dann zum Beispiel maßstabsgerecht ein einzelner Bewohner durchs Dorf und brüllt „Wir sind das Volk! Wir sind …“. Soweit zu den interessanten und überraschenden Einsichten, die dieser – und andere – radikale Perspektivenwechsel ermöglichen.

Den Charme des Buches aber macht die Erzählweise aus. Der Autor hat sichtlich Lust am Schreiben: So baut er etwa dutzendfach versteckte Hinweise und Parallelen ein, die nur der politisch interessierte Zeitgenosse auf Anhieb wird aufdecken können. Manche Hinweise sind so gut versteckt, dass Gropius selbst am Ende des Buches einen Tipp gibt. Zum Beispiel erhält man ein sehr treffsicheres Zitat eines deutschen Philosophen, wenn man die ersten Wörter eines jeden Kapitels heraus schreibt und in eine Satzfolge bringt.

„Das Dorf der Bücher“ bietet aber nicht nur Analysen an, sondern auch Lösungen. Der Autor plädiert radikal dafür, dass wir uns auf unsere Kultur besinnen und insbesondere die Bücher sprechen lassen. Wie er anschaulich und kenntnisreich belegt, bieten auch, oder gerade, Klassiker noch Lösungen und Anregungen, die sich umstandslos in unsere Zeit übertragen lassen.

Fazit

Kenntnisreich, hoch originell und spannend zu lesen: Das Dorf der Bücher macht Spaß – ich mochte es kaum aus der Hand legen und werde es beizeiten meiner kleinen Schwester vorlesen. Ich teile sein Resümee, dass uns in der öffentlichen Debatte irgendwann die gesunde Mitte zwischen – manchmal ignorant-verbohrten – Multikultifreunden einerseits und mitleidloser AfD-Klientel andererseits verloren gegangen ist. Gropius will, dass wir wieder genauer hinschauen und uns die Mühe machen, ideologiefrei ein gesundes Mittelmaß zu finden.

 

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