Jane Gardam: Eine treue Frau

Rezension von Olga

Liebe als Pflicht oder Pflicht als Liebe?

Es war einmal eine junge Frau namens Elisabeth. Sie kam im Osten zur Welt, hatte eine schwierige Kindheit, überlebte den Krieg und kehrte nach Hongkong wieder. Dort lernt sie einen jungen Mann, einen Juristen, kennen, bekommt von ihm einen Heiratsantrag und heiratet ihn. Nach über 50 Ehejahren stirbt sie still und bescheiden, wie ihr ganzes Leben, im Blumenbeet beim Tulpen einpflanzen. Man denkt erst, es sei eine Geschichte über Cinderella, die irgendwann alt und zerbrechlich wird. Aber… bei dieser Geschichte muss man folgendes beachten:

Betty selbst: „Sie erinnert mich… an ein Glas Wasser“ – so Edward „Olf Filth“ Feathers über seine Frau vor dem Heirat. Betty sieht den Heirat als Chance, ihr Leben im Griff zu bekommen, und es geht gar nicht ums Geld, sie erbt, wenn sie 30 wird. Sie nimmt die Bedingung von ihrem Ehemann, ihn niemals zu verlassen, an und hält ihr Wort bis zur letzten Minute. Sie ist eine treue Frau in der Tat, sie betrügt ihren Ehemann nie, außer sie verbringt eine Nacht kurz nach der Verlobung mit dem Feind und ewigen Gegenkläger von Old Filth, Terry Veneering. Nach dieser Nacht verfolgt Betty dieser Mann, seine Erscheinung und die Liebe zu seinem Sohn ihr Leben lang. Sie hadert mit ihren Gefühlen und vergleicht ihre Männer immer wieder, der eine ist anständig, der andere bringt Leidenschaft. Einer gibt ihr Liebe, der andere Leidenschaft.

Old Filth: er ist reich, er ist attraktiv, er ist perfekt, er ist versnobt. Er ist so korrekt, dass er mit keine Geste seine Vermutungen über seine angeblich vorbildliche Ehe preisgibt. Sein Snobismus ist ansteckend, nach den Jahren mit ihm mutiert Betty zu einer von seiner Sorte. Jedoch betrachtet er seine Ehe und seine Umgebung nüchtern und weltoffen („wir sind reiche, langweilige Expats“).

Sie leben nebeneinander, sie respektieren einander, sie unterhalten einander. Sie sind beide einsam und finden Gefallen, indem sie einander unterstützen. Die beiden haben keine Kinder, wie Betty sagt, „ ich habe niemanden, mit dem ich unvernünftig sein kann“. Unter einer cooler adeligen Oberfläche brodelt ein Ozean der Liebe, unverarbeitete Emotionen, Trauer und Freude.

Elisabeth „Betty“ Feathers wirkt auf den Leser sogar mit über 70 Jahren erfrischend und jung trotz Ersehens und ihrer Umgebung, sie wagt – jedoch zu spät – ihr Leben zu ändern und von vorne anzufangen. Solche Schicksale sind keine Ausnahmen, wieviele Frauen treten in die Ehe, um nicht alleine zu sein. Betty hatte Glück, sie wurde geliebt, sogar mehr als sie selbst geliebt hatte. Sie hatte Komfort und das Leben im Ausland und das Einzige, was sie dafür machen musste, ist bei ihrem Mann zu bleiben.

Ob Betty wirklich treu war, muss jede(r) selbst entscheiden. Betty ist in meinen Augen genauso treu wie ihr Mann untadelig ( das 1.Buch der Reihe erzählt über Edward „Old Filth“ Feathers und heißt „Ein untadeliger Mann“). War Betty in der Ehe treu, ja. Hat sie in der Ehe ihren Mann betrogen? Ja, jeden Tag, jede Minute. Als sie die Perlenkette von Veneering getragen hatte, als sie seinen Sohn geliebt hatte…

Diesen Roman vergleiche ich mit einem alten englischen Garten. Glatte grüne Rasen, gepflegte Hecke und handverlesene Dekoration, nichts wird dem Zufall überlassen. Aber der Park hat viele schattige Ecken, in denen man sich leicht verstecken und eigene Geheimnisse verbergen kann. Stille Wasser sind bekanntlich tief.

Zitat des Tages

  • "Die Ehe ist ein Versuch, zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist." Oscar Wilde

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