
Ken Follett hat eine Fähigkeit, um die ihn viele anspruchsvollere Autoren beneiden dürften: Er kann Romane von tausend Seiten so konstruieren, dass Millionen Leser freiwillig weiterlesen. Dabei begann seine Karriere keineswegs mit monumentalen Kathedralen, sondern mit zehn weitgehend erfolglosen Büchern, geschrieben teilweise unter Pseudonym. Erst „Die Nadel“ machte ihn zum internationalen Thrillerstar. Mit „Die Säulen der Erde“ riskierte er später einen radikalen Genrewechsel – und schuf ausgerechnet mit einem Roman über mittelalterlichen Kathedralbau sein berühmtestes Werk.
Eine Kindheit ohne Kino – aber mit sehr vielen Büchern
Kenneth Martin Follett wurde am 5. Juni 1949 in Cardiff geboren. Sein Vater Martin arbeitete als Steuerbeamter, seine Mutter Veenie kümmerte sich um die Familie. Die Eltern gehörten den Plymouth Brethren an, einer streng protestantischen Glaubensgemeinschaft. Fernsehen, Kino und sogar Radio waren im Elternhaus nicht vorgesehen. Follett hat später erzählt, wie sehr ihn das als Kind ärgerte: Seine Freunde redeten über Cowboys und Filmhelden, während er nicht mitreden konnte. Die Einschränkung hatte allerdings eine unbeabsichtigte Wirkung. Bücher wurden zu seinem wichtigsten Unterhaltungsmedium, und die öffentliche Bibliothek eröffnete ihm eine Welt, die zu Hause nicht verfügbar war. Als er zwölf Jahre alt war und in die Erwachsenenabteilung durfte, entdeckte er Ian Flemings James Bond und kam zu einer pragmatischen Erkenntnis: Bond selbst werde er wohl kaum werden, aber vielleicht könne er wenigstens Ian Fleming werden.
Als Follett zehn Jahre alt war, zog die Familie nach London. Er studierte später Philosophie am University College London und machte 1970 seinen Abschluss. In diesen Jahren löste er sich auch von der religiösen Welt seiner Kindheit. Die Philosophie habe ihm, so Follett rückblickend, vor allem beigebracht, klar zu argumentieren und Argumente auf ihre Voraussetzungen zu prüfen. Einen literarischen Elfenbeinturm betrat er danach allerdings nicht. Er absolvierte eine journalistische Ausbildung und arbeitete zunächst beim „South Wales Echo“ in Cardiff, später beim „London Evening News“. Der Journalismus gefiel ihm weniger gut als erwartet. Geschichten schrieb er gern, den täglichen Nachrichtenbetrieb deutlich weniger.
Seinen ersten ernsthaften Anstoß zum Romanschreiben schildert Follett mit typisch nüchterner Komik: Sein Auto benötigte eine Reparatur für ungefähr 200 Pfund, die er sich nicht leisten konnte. Ein Kollege hatte für einen Thriller zufällig einen Vorschuss in genau dieser Größenordnung erhalten. Follett dachte, das könne er ebenfalls versuchen. Der große Bestsellerautor begann seine Karriere also nach eigener Erinnerung nicht mit einer höheren künstlerischen Berufung, sondern mit einer Werkstattrechnung.
Zehn Bücher, die kaum jemand lesen wollte
Follett wechselte vom Journalismus zum kleinen Londoner Verlag Everest Books und stieg dort bis zum stellvertretenden Geschäftsführer auf. Die Arbeit erwies sich als eine Art unbeabsichtigte Schriftstellerschule. Er musste Manuskripte und Buchideen aus Sicht eines Verlages betrachten und sich immer wieder fragen, weshalb ein Buchhändler gerade dieses Buch bestellen und weshalb ein Leser dafür Geld ausgeben sollte. Abends und am Wochenende schrieb er selbst. Er veröffentlichte Thriller, Kinderbücher und Romanfassungen von Filmen, teilweise unter Namen wie Symon Myles, Zachary Stone, Martin Martinsen oder Bernard L. Ross.
Der Erfolg blieb zunächst überschaubar. Follett selbst spricht heute von zehn Büchern, die keine große Aufmerksamkeit hervorriefen. Das ist für seine spätere Karriere aufschlussreich, denn der Weltbestsellerautor entstand nicht über Nacht. Er betrachtete diese frühen Bücher als handwerkliche Übungen und analysierte relativ schonungslos, was nicht funktionierte. Seine Geschichten seien zu kurz gewesen, zu schnell erzählt und zu dünn recherchiert. Spannung entsteht eben nicht unbedingt dadurch, dass möglichst schnell möglichst viel passiert. Manchmal muss ein Autor eine gefährliche Situation gerade verlängern, Hindernisse hinzufügen und den Leser wissen lassen, was auf dem Spiel steht.
Mit „Eye of the Needle“, deutsch „Die Nadel“, setzte Follett diese Erkenntnisse 1978 systematisch um. Die Ausgangsidee ist klassische Thrillermechanik: Ein deutscher Agent entdeckt kurz vor der alliierten Landung in der Normandie ein Geheimnis, das den Verlauf des Zweiten Weltkriegs verändern könnte, und muss die Information nach Deutschland bringen. Follett recherchierte erstmals intensiv die historischen Alltagsbedingungen – Zugreisen, Benzinversorgung, Kontrollen, Spionageabwehr – und plante die Handlung genauer als bei seinen frühen Büchern. Das Ergebnis wurde ein internationaler Bestseller, verkaufte sich millionenfach und erhielt 1979 den Edgar Award der Mystery Writers of America. Mit 29 Jahren war Follett plötzlich reich und international bekannt.
Weitere Thriller wie „Dreifach“, „Der Schlüssel zu Rebecca“ und „Der Mann aus St. Petersburg“ bestätigten den Erfolg. Follett hätte dieses Verfahren vermutlich jahrzehntelang wiederholen können. Stattdessen begann er sich für mittelalterliche Kirchen zu interessieren.
Warum ausgerechnet eine Kathedrale?
Die Wurzeln von „Die Säulen der Erde“ lagen paradoxerweise in Folletts religiöser Kindheit. Die Plymouth Brethren versammelten sich in schmucklosen Räumen; Kathedralen, Bilder, Heiligenfiguren und kirchlicher Prunk gehörten nicht zu seiner religiösen Erfahrungswelt. Als Follett später historische Kirchen besichtigte, war er deshalb geradezu überwältigt von deren Architektur. Er begann Fachbücher zu lesen, besuchte Kathedralen in Städten wie Lincoln und Winchester und entwickelte sich nach eigener Beschreibung zu einer Art Kathedralen-Nerd.
Irgendwann entstand die Idee, daraus einen Roman zu machen. Freunde und Verlagsleute reagierten skeptisch. Ein erfolgreicher Thrillerautor wollte plötzlich mehrere hunderttausend Wörter darüber schreiben, wie im 12. Jahrhundert eine Kirche gebaut wird. Follett erkannte jedoch den entscheidenden dramaturgischen Vorteil: Eine mittelalterliche Kathedrale entstand über Jahrzehnte. Wer ihren Bau erzählt, kann ganze Lebensgeschichten erzählen. Architektur liefert das Rückgrat, während Macht, Religion, Liebe, Handel, Krieg und soziale Aufstiege darum herum organisiert werden.
Drei Jahre und drei Monate arbeitete Follett an dem Roman. „The Pillars of the Earth“ erschien 1989 und wurde langfristig zu seinem bedeutendsten kommerziellen Erfolg. Die fiktive englische Stadt Kingsbridge bildet den Mittelpunkt; Steinmetze, Mönche, Adelige, Händler und Handwerker kämpfen über mehrere Jahrzehnte um Macht, Überleben und den Bau einer Kathedrale. Follett machte damit etwas, das später zu seinem Markenzeichen wurde: Große historische Prozesse werden nicht primär aus der Perspektive von Königen und Generälen erzählt, sondern über Menschen, deren Alltag durch diese Prozesse verändert wird.
Der Erfolg war gewaltig. „Die Säulen der Erde“ blieb unter anderem jahrelang auf deutschen Bestsellerlisten und entwickelte sich zum Ausgangspunkt einer ganzen Kingsbridge-Welt. Jahrzehnte später folgten „Die Tore der Welt“, „Das Fundament der Ewigkeit“, „Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit“ und „Die Waffen des Lichts“. Die Bücher liegen Jahrhunderte auseinander und erzählen nicht einfach dieselbe Familiengeschichte weiter; das eigentliche verbindende Element ist der Ort Kingsbridge und die Frage, wie gesellschaftlicher Wandel das Leben seiner Bewohner verändert.
Recherche: gründlich, aber nicht dasselbe wie Geschichtswissenschaft
Follett investiert erheblichen Aufwand in die historische Recherche. Bei großen Projekten verbringt er nach eigener Darstellung inzwischen etwa ein Jahr mit Planung und Recherche, bevor er den ersten Satz des Romans schreibt. Er liest historische Darstellungen, studiert Karten, Bilder und Fotografien, besucht Schauplätze und spricht mit Fachleuten. Für die „Century“-Trilogie ließ er sein Manuskript von Historikern verschiedener Spezialgebiete kontrollieren. Bei technischen Themen sucht er ebenfalls Experten; für „Hornet Flight“ ließ er sich beispielsweise von einem Spezialisten für historische Flugzeuge beraten und nahm selbst Flugstunden.
Das unterscheidet Follett von Autoren, für die Geschichte lediglich exotische Dekoration ist. Wenn Menschen bei ihm Getreide anbauen, eine Brücke konstruieren, eine Maschine bedienen oder eine politische Kampagne organisieren, soll zumindest das praktische Umfeld glaubwürdig funktionieren. Recherche hat bei ihm außerdem eine dramaturgische Funktion. Historische Details liefern nicht nur Farbe, sondern erzeugen Probleme: Wie reist eine Figur? Welche Informationen kann sie überhaupt besitzen? Welche technische Möglichkeit existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht? Aus solchen Grenzen entstehen Szenen.
Trotzdem sind Folletts Romane keine Geschichtsbücher. Genau hier wird der alte Text etwas zu ehrfürchtig. Historische Plausibilität und historische Genauigkeit sind nicht dasselbe. Follett komprimiert Ereignisse, erfindet Beteiligungen seiner Figuren an realen Vorgängen und lässt Menschen vergangener Jahrhunderte gelegentlich auffallend moderne Vorstellungen vertreten. Gerade in den Kingsbridge-Romanen geraten Konflikte mitunter zu übersichtlichen Gegenüberstellungen zwischen toleranten, vernünftigen Reformern und brutalen, gierigen oder fanatischen Gegnern. Das erleichtert die Identifikation, bildet aber die moralische und geistige Fremdheit vergangener Gesellschaften nur begrenzt ab.
Darin liegt ein Grundwiderspruch des historischen Bestsellers: Eine vollständig fremdartige mittelalterliche Figur wäre für heutige Leser erheblich schwerer zugänglich. Follett entscheidet sich fast immer für Zugänglichkeit. Seine Menschen sollen uns ähnlich genug sein, dass wir ihre Wünsche unmittelbar verstehen. Geschichte wird dadurch anschaulich, manchmal aber auch geglättet.
Eine nahezu perfekte Erzählmaschine – mit sichtbaren Zahnrädern
Ken Follett ist kein großer Stilist im Sinne eines Nabokov, Flaubert oder Virginia Woolf, und er versucht auch kaum, einer zu sein. Seine Sprache soll vor allem unsichtbar funktionieren. Ein Satz soll den Leser zum nächsten Satz bringen, eine Szene zur nächsten Szene und ein Kapitel zum nächsten Kapitel. Dafür plant Follett außerordentlich detailliert. Schon früh arbeitete er mit langen Entwürfen, die er Agenten, Lektoren und Familienmitgliedern zu lesen gab. Kritik betrachtet er nicht als Eingriff in die künstlerische Unabhängigkeit, sondern als Teil eines Produktionsprozesses: Wenn jemand an einer Stelle das Interesse verliert, muss die Stelle besser werden.
Das Ergebnis kann beeindruckend sein. Nur wenige Autoren schaffen es, mehrere Familien, Länder und Jahrzehnte über tausend Seiten hinweg so übersichtlich zu organisieren, dass Leser kaum den Überblick verlieren. Follett versteht Cliffhanger, Perspektivwechsel und die Verteilung von Informationen. Sobald eine Frage beantwortet ist, hat die Geschichte meist bereits die nächste eröffnet. Aus seiner Zeit als Thrillerautor hat er das wichtigste Prinzip in die historischen Romane mitgenommen: Auch eine Revolution, eine Kathedrale oder ein Weltkrieg muss sich für den Leser im jeweiligen Kapitel als konkretes Problem einer konkreten Figur darstellen.
Die Nachteile dieses Verfahrens sind ebenso sichtbar. Figuren werden gelegentlich mit wenigen Eigenschaften ausgestattet, damit sie innerhalb riesiger Personalkonstellationen sofort wiedererkennbar bleiben. Bösewichte können sehr böse sein, Helden erstaunlich vernünftig. Zufälle und Katastrophen treten genau dann ein, wenn die Dramaturgie neue Energie braucht. Mord, Vergewaltigung, Verrat, Feuer, Krieg und Sex werden in manchen Romanen so zuverlässig eingesetzt, dass man irgendwann das Konstruktionsprinzip erkennt. Gerade die Sexszenen sind wiederholt kritisiert worden; sie können überraschend mechanisch oder melodramatisch wirken und gehören nicht unbedingt zu Folletts literarischen Stärken.
Das ist keine Kleinigkeit, aber auch kein Grund, seinen Erfolg als bloßes Marketing abzutun. Spannung über tausend Seiten herzustellen ist ein handwerkliches Problem, das sehr viele Autoren nicht lösen können. Follett löst es immer wieder. Seine Bücher sind auf Effekt gebaut – aber der Effekt entsteht nicht zufällig.
Politik: nicht versteckt, aber meistens in Geschichten übersetzt
Follett engagiert sich seit Jahrzehnten öffentlich für die britische Labour Party. Seine zweite Frau Barbara, die er 1985 heiratete, war später Labour-Abgeordnete für Stevenage und gehörte zeitweise der Regierung an. Follett selbst unterstützte die Partei mit Wahlkampfarbeit und erheblichen Spenden und mischte sich auch öffentlich in innerparteiliche Debatten ein. Er macht aus dieser politischen Nähe kein Geheimnis.
Die eigenen politischen Wertvorstellungen sind in seinen historischen Romanen ebenfalls erkennbar, allerdings selten in Form direkter Parteipropaganda. Follett interessiert sich stark für gesellschaftlichen Aufstieg, Gewerkschaften, politische Beteiligung, Frauenrechte, religiöse Toleranz und den Kampf gegen willkürliche Macht. Die „Century“-Trilogie eignet sich dafür besonders, weil sie mehrere Familien durch Ersten Weltkrieg, Revolution, Faschismus, Kommunismus, Zweiten Weltkrieg, Kalten Krieg und Bürgerrechtsbewegung führt. Historische Entwicklungen werden über Figuren verschiedener Länder und gesellschaftlicher Schichten sichtbar gemacht.
Gerade hierbei stößt sein Verfahren aber erneut an Grenzen. Politische und soziale Konflikte sind in Wirklichkeit häufig widersprüchlicher, als ein großer Unterhaltungsroman verträgt. Follett braucht Figuren, deren Ziele der Leser verstehen und emotional begleiten kann. Dadurch wirken historische Reformer bei ihm gelegentlich so, als hätten sie bereits einen politischen Wertehorizont des 21. Jahrhunderts, während ihre Gegner besonders deutlich für Unterdrückung und Rückständigkeit stehen. Wer eine differenzierte Ideengeschichte sucht, ist bei Follett nicht am Ziel. Wer erleben möchte, wie politische Veränderungen in das Leben von Familien, Arbeitern, Unternehmern oder Frauen eingreifen, bekommt dagegen eine ausgesprochen wirkungsvolle erzählerische Umsetzung.
Vom Thrillerautor zum weltweiten Markenautor
Der Erfolg von „Die Säulen der Erde“ veränderte Folletts Karriere grundlegend, ohne dass er den Thriller völlig aufgab. Bücher wie „Die Leopardin“, „Eisfieber“ oder der 2021 erschienene geopolitische Thriller „Never“ zeigen, dass Spannungsliteratur weiterhin zu seinem Repertoire gehört. Gleichzeitig wurden die historischen Großromane immer stärker mit seinem Namen verbunden. Auf die Kingsbridge-Bücher folgte ab 2010 die „Century“-Trilogie mit „Sturz der Titanen“, „Winter der Welt“ und „Kinder der Freiheit“, in der Follett das 20. Jahrhundert über miteinander verbundene Familien aus mehreren Ländern erzählt.
2025 erschien mit „Circle of Days“ ein Roman über Stonehenge. Damit ging Follett historisch noch einmal deutlich weiter zurück als zuvor. Im selben Jahr nahm er zusätzlich zur britischen die französische Staatsbürgerschaft an und wurde in Frankreich zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Seine offizielle Website gibt inzwischen mehr als 198 Millionen verkaufte Exemplare von 38 Büchern in über 80 Ländern und 40 Sprachen an. Solche Verlags- und Autorenangaben sind nicht unabhängig bis auf das einzelne Exemplar überprüfbar, aber an der Größenordnung besteht wenig Zweifel: Follett gehört seit Jahrzehnten zu den kommerziell erfolgreichsten Schriftstellern der Welt.
Bemerkenswert ist dabei seine Arbeitsdisziplin. Der öffentliche Eindruck eines mühelos produzierenden Bestsellerautors täuscht. Für einen großen historischen Roman kalkuliert Follett ungefähr drei Jahre: Planung und Recherche, erster Entwurf und Überarbeitung. Hinter den scheinbar leicht lesbaren Büchern steckt eine ausgesprochen systematische Produktion. Vielleicht erklärt gerade das seine außergewöhnliche Beständigkeit. Follett wartet nicht darauf, dass ihn die Muse küsst. Er behandelt Schreiben wie einen Beruf.
Was man von Ken Follett lesen sollte
Wer Follett kennenlernen möchte und keine tausend Seiten investieren will, sollte mit „Die Nadel“ beginnen. Der Roman zeigt fast idealtypisch, weshalb er als Thrillerautor erfolgreich wurde: klare Ausgangslage, historischer Hintergrund, kontinuierlich steigender Druck und ein überschaubares Figurenensemble. Gleichzeitig erkennt man bereits die Technik, die später seine historischen Epen trägt. Gefahr wird verlängert, statt schnell aufgelöst zu werden, und praktisch jedes Hindernis erzeugt das nächste.
„Die Säulen der Erde“ ist trotzdem sein zentrales Werk. Wer mit umfangreichen historischen Romanen etwas anfangen kann, bekommt hier Follett in seiner charakteristischsten Form: Arbeit und Technik, soziale Hierarchien, Liebe, Gewalt, Machtpolitik und ein Bauwerk, dessen Entstehung Jahrzehnte umfasst. Der Roman ist historisch nicht unangreifbar, psychologisch nicht subtil und manchmal melodramatisch. Aber er besitzt eine seltene Fähigkeit, den Leser über enorme Strecken bei der Geschichte zu halten. Dass Menschen freiwillig mehr als tausend Seiten über den Bau einer Kathedrale lesen, bleibt Folletts vielleicht überzeugendster Leistungsnachweis.
„Die Tore der Welt“ variiert dieses Modell erfolgreich, während die „Century“-Trilogie für Leser geeignet ist, die weniger Mittelalter und mehr politische Geschichte des 20. Jahrhunderts möchten. Wer Folletts Schwächen nicht mag – schematische Figuren, deutlich konstruierte Konflikte, gelegentlich plumpe Erotik und eine Prosa, die kaum um ihrer selbst willen gelesen werden will –, wird sie in den großen Romanen reichlich finden. Wer dagegen einen historischen Stoff in einer klaren, spannenden und extrem zugänglichen Erzählung erleben möchte, findet kaum einen zuverlässigeren Autor.
Ken Follett ist deshalb wahrscheinlich am treffendsten als außergewöhnlich guter Unterhaltungsschriftsteller zu beschreiben. Das klingt nur dann abwertend, wenn man Unterhaltung für eine mindere Kunst hält. Er schreibt keine Romane, bei denen man einzelne Sätze zwanzig Jahre später wegen ihrer sprachlichen Schönheit zitiert. Er baut Geschichten. Und darin ähnelt er den Baumeistern seines berühmtesten Romans: Man sieht die Konstruktion, manches daran ist grob, anderes zweckmäßig – aber am Ende steht ein sehr großes Gebäude, in das erstaunlich viele Menschen freiwillig hineingehen.
Ken Follett – Fakten
- Geboren: 5. Juni 1949 in Cardiff, Wales
- Eltern: Martin und Lavinia „Veenie“ Follett; streng religiöse Plymouth-Brethren-Familie
- Familie: zwei Kinder aus erster Ehe; seit 1985 mit Barbara Follett verheiratet
- Durchbruch: „Die Nadel“ („Eye of the Needle“, 1978)
- Bekannteste Werke: „Die Säulen der Erde“, die Kingsbridge-Reihe und die „Century“-Trilogie
- Erfolg: mehr als 198 Millionen verkaufte Bücher in über 80 Ländern
- Aktuell: seit 2025 zusätzlich französischer Staatsbürger
Verfasst vom Autorenteam.

