
Sie erfand das fröhlichste Mädchen der Schweizer Literatur, litt selbst aber jahrelang unter schweren seelischen Krisen. Johanna Spyri fühlte sich in ihrer Ehe unglücklich, vermisste das Landleben und begann erst mit 44 Jahren, erfolgreich Bücher zu veröffentlichen. „Heidi“ machte sie weltberühmt, doch wenige Jahre später starben ihr einziger Sohn und ihr Ehemann innerhalb von sieben Monaten. Auch ihre Überzeugungen waren widersprüchlich: Während sie Mädchenbildung förderte, lehnte sie studierende Frauen ab. Ausgerechnet ihre Nichte wurde zur ersten promovierten Juristin der Schweiz. Und 2010 erschütterte sogar ein Plagiatsverdacht den Mythos um das berühmteste Schweizer Kinderbuch.
Heidi gehört zu jenen literarischen Figuren, die beinahe jeder kennt, auch ohne das ursprüngliche Buch gelesen zu haben. Das Mädchen mit den dunklen Haaren, der Großvater in seiner Berghütte, der Geißenpeter und die weiten Alpenwiesen sind längst Bestandteil einer internationalen Vorstellung von der Schweiz geworden. In Japan kennt man Heidi ebenso wie in Deutschland, Italien oder den Vereinigten Staaten. Die Geschichten vermitteln ein Gefühl von Freiheit, Geborgenheit und einer Welt, in der selbst die schwierigsten Konflikte schließlich überwunden werden können. Umso überraschender ist das Leben ihrer Schöpferin. Johanna Spyri war keine unbekümmerte Frau, die ihre eigenen glücklichen Kindheitserinnerungen aufschrieb. Sie kämpfte mit den Erwartungen ihrer Familie, litt unter langjährigen depressiven Zuständen und erlebte den Verlust der beiden wichtigsten Menschen ihres Erwachsenenlebens. Ihre Bücher erzählen von der heilenden Kraft der Natur und menschlicher Zuwendung. In ihrer eigenen Lebensgeschichte war diese Heilung keineswegs so einfach zu finden.
Sechs Kinder im Arzthaus und die Sehnsucht nach den Bergen
Johanna Louise Heusser wird am 12. Juni 1827 in Hirzel im Kanton Zürich geboren. Das Dorf liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Zürichsees und bietet einen weiten Blick auf die Landschaft des Schweizer Mittellands und die entfernten Alpen. Ihr Vater Johann Jakob Heusser ist Landarzt und genießt in der Umgebung großes Ansehen. Die Mutter Meta Heusser-Schweizer schreibt religiöse Gedichte und Lieder und gehört zum pietistisch geprägten protestantischen Milieu. Johanna ist das vierte von sechs Kindern. Das Elternhaus verbindet eine für ländliche Verhältnisse beachtliche Bildung mit einem Alltag, in dem Krankheit, Armut und menschliches Leid keineswegs abstrakte Begriffe sind. Der Vater behandelt Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen, und die Kinder bekommen mit, wie sehr sich das Leben armer Familien von demjenigen wohlhabender Bürger unterscheidet. Gleichzeitig herrscht im Haus eine ausgeprägte religiöse Atmosphäre. Die Mutter betrachtet den christlichen Glauben nicht als bloße gesellschaftliche Verpflichtung, sondern als Grundlage des gesamten Lebens. Geschichten, Gebete und religiöse Lieder gehören deshalb ebenso zur Kindheit wie die Landschaft außerhalb des Hauses.
Die junge Johanna entwickelt früh einen starken eigenen Willen und eine ungewöhnliche Begeisterung für Bücher. Sie besucht die örtliche Schule und erhält später zusätzlichen Unterricht. 1843 zieht sie für einige Zeit zu einer Tante nach Zürich, wo sie Fremdsprachen und Musik lernt. Anschließend verbringt sie mehr als ein Jahr bei einer Arztfamilie in Yverdon im französischsprachigen Teil der Schweiz, um ihre Französischkenntnisse zu verbessern. Solche Bildungsaufenthalte sind für Töchter wohlhabender oder angesehener Familien nicht ungewöhnlich. Sie sollen die Mädchen auf ein gesellschaftlich angemessenes Leben vorbereiten, nicht unbedingt auf einen selbstständigen Beruf. Johanna interessiert sich allerdings weit stärker für Literatur, als es die gewöhnliche häusliche Ausbildung verlangt. Sie liest Homer, Lessing, Byron und Annette von Droste-Hülshoff. Besonders verehrt sie Johann Wolfgang von Goethe, dessen Werke sie über Jahrzehnte begleiten werden. Nach ihrer Rückkehr nach Hirzel im Jahr 1845 unterrichtet sie ihre jüngeren Schwestern und hilft im Haushalt. Daneben schreibt sie erste Gedichte und kleine Theaterstücke. Dass aus diesen Versuchen einmal eine internationale Schriftstellerkarriere entstehen könnte, erwartet damals niemand.
Die Erfahrungen im Elternhaus prägen ihre Bücher auf unterschiedliche Weise. In vielen Erzählungen erscheinen große Kinderscharen, kranke Menschen, hilfsbereite Nachbarn und Erwachsene, die ihre gesellschaftliche Stellung nicht immer verantwortungsvoll nutzen. Auch die Vorstellung einer Natur, in der Menschen Trost finden können, hat hier ihren Ursprung. Doch Spyris Kindheit ist nicht mit derjenigen ihrer späteren Romanfigur gleichzusetzen. Johanna wächst in einem geschützten, gebildeten Haushalt auf, während Heidi ein Waisenkind ohne verlässliche gesellschaftliche Absicherung ist. Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Spyri kennt die Lebensbedingungen armer Menschen aus der Umgebung ihres Elternhauses und aus der Tätigkeit ihres Vaters, muss deren wirtschaftliche Unsicherheit aber nicht in derselben Weise selbst ertragen. Ihr späterer Blick auf Armut ist deshalb von Mitgefühl geprägt, gelegentlich jedoch auch von jener idealisierenden Distanz, mit der wohlhabendere Menschen auf das einfache Landleben schauen können.
Eine unglückliche Ehe, Richard Wagner und dreizehn schwierige Jahre
1852 heiratet Johanna den sechs Jahre älteren Zürcher Juristen und Journalisten Johann Bernhard Spyri. Ihr Ehemann gehört zu den Freunden ihres älteren Bruders Theodor und ist gesellschaftlich gut vernetzt. Er arbeitet als Rechtsanwalt und Redakteur der Eidgenössischen Zeitung, später übernimmt er wichtige Aufgaben in der Zürcher Stadtverwaltung. Für Johanna scheint die Heirat zunächst einen gesellschaftlich angesehenen Lebensweg zu eröffnen. Sie zieht nach Zürich und wird Teil des gehobenen Bürgertums. Doch das Leben in der Stadt bereitet ihr erhebliche Schwierigkeiten. Die häuslichen Pflichten, gesellschaftlichen Erwartungen und städtischen Umgangsformen engen sie ein. Ihre Umgebung erwartet von ihr, dass sie sich als gebildete Ehefrau und Gastgeberin bewährt. Johanna dagegen vermisst die Freiheit ihrer ländlichen Jugend und zeigt wenig Begeisterung für die sorgfältig geregelten gesellschaftlichen Rituale.
Wie fremd ihr diese Welt erscheint, verraten zeitgenössische Briefe aus dem Freundeskreis. Dort ist von ihren ungewöhnlichen Einfällen und einem Verhalten die Rede, das nicht recht zu den Vorstellungen einer vornehmen Zürcher Hausfrau passen will. Johanna wirkt auf manche Bekannte zu ungestüm und zu wenig angepasst. Ausgerechnet diese Eigenschaften wird sie später ihrer berühmtesten Kinderbuchfigur mitgeben. Heidi kann mit höfischen und großbürgerlichen Anstandsregeln ebenfalls wenig anfangen und bringt ihre Umgebung durch unmittelbare Fragen regelmäßig in Verlegenheit. Im Unterschied zu ihrer Romanfigur besitzt Johanna allerdings nicht die Freiheit, einfach davonzulaufen. Ihr Ehemann arbeitet viel, seine berufliche Karriere nimmt immer mehr Raum ein, und sie selbst findet in ihrer vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle keine dauerhafte Erfüllung.
Der Zürcher Literatur- und Musikbetrieb bietet immerhin interessante Begegnungen. Johann Bernhard Spyri kennt unter anderem den Komponisten Richard Wagner, der nach seiner Beteiligung an den revolutionären Ereignissen von 1849 im Exil in Zürich lebt. Zu Wagners 40. Geburtstag im Mai 1853 verfasst Johanna einen Festgesang, den ein Sänger während der Feier vorträgt. Die junge Frau ist zu diesem Zeitpunkt erst 25 Jahre alt. Das Publikum reagiert begeistert, doch ihr Name wird bei der Aufführung nicht genannt. Die Episode zeigt, dass Johanna bereits lange vor ihrem ersten veröffentlichten Buch literarische Ambitionen besitzt. Sie ist jedoch noch weit davon entfernt, sich als eigenständige Autorin in der Öffentlichkeit zu etablieren. Wagner selbst wird sie später keineswegs uneingeschränkt bewundern. Auch den Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller schätzt sie nach biografischen Überlieferungen als Autor deutlich mehr als im persönlichen Umgang. Johanna ist also nicht jene zurückhaltende, mit allem zufriedene Frau, als die man sich die Schöpferin von Heidi vielleicht vorstellen könnte. Sie hat ausgeprägte Vorlieben und Abneigungen und macht aus ihren Urteilen nicht immer ein Geheimnis.
1855 wird ihr einziges Kind geboren, der Sohn Bernhard Diethelm. Die Mutterschaft bringt ihr allerdings nicht jene innere Sicherheit, die sie möglicherweise erhofft hatte. Schon während der Schwangerschaft und besonders in den Jahren nach der Geburt leidet sie unter schweren depressiven Zuständen. Biografische Untersuchungen beschreiben eine lange Phase von Niedergeschlagenheit, Selbstzweifeln und religiös geprägten Schuldgefühlen. Wie diese Beschwerden aus heutiger medizinischer Sicht einzuordnen wären, lässt sich rückblickend nicht zuverlässig feststellen. Sie einfach als Depression nach der Geburt zu erklären, wäre ebenfalls zu kurz gegriffen, denn die Probleme dauern viele Jahre an und stehen offenbar auch mit ihrer unbefriedigenden Lebenssituation zusammen. Erst nach dem beruflichen Aufstieg ihres Mannes und dem Umzug in eine neue Amtswohnung 1868 verbessert sich ihr Zustand allmählich. Damit liegen zwischen der Geburt ihres Sohnes und dem Ende dieser schweren Lebensphase rund dreizehn Jahre.
Die Erfahrungen dürften ihren Blick auf menschliches Leid geschärft haben. Immer wieder schildert sie später Menschen, die durch Krankheit, Einsamkeit oder gesellschaftliche Erwartungen aus dem Gleichgewicht geraten. Besonders Kinder leiden in ihren Geschichten häufig daran, dass Erwachsene ihre Gefühle nicht ernst nehmen. Die Literatur wird damit zu einem Ort, an dem sie Erfahrungen gestalten kann, für die ihr das gewöhnliche gesellschaftliche Leben nur wenig Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Allerdings lässt sich nicht beweisen, dass das Schreiben ihre seelischen Probleme vollständig überwand. Solche einfachen Geschichten vom künstlerischen Schaffen als Heilmittel klingen schön, verkennen aber die Komplexität langjähriger psychischer Belastungen.
Mit 44 Jahren die erste Erzählung – und ein Dichter als heimlicher Bewunderer
Johanna Spyri beginnt verhältnismäßig spät, ihre literarischen Arbeiten zu veröffentlichen. Der entscheidende Anstoß kommt vom Bremer Pastor Cornelius Rudolf Viëtor, der die Familie kennt und sie ermutigt, eine Geschichte für sein kirchliches Umfeld zu schreiben. 1871 erscheint Ein Blatt auf Vrony’s Grab, zunächst nur mit den Initialen J. S. auf dem Titelblatt. Johanna ist inzwischen 44 Jahre alt. Wer bei ihrem ersten Werk eine freundliche Kindererzählung erwartet, erlebt eine Überraschung. Die Geschichte handelt von einer jungen Frau, die sich in einen Mann verliebt, der sich als brutal und gewalttätig erweist. Aus der Hoffnung auf ein glückliches Familienleben entwickelt sich ein Martyrium. Die Erzählung besitzt einen deutlich religiösen Grundton und ist stellenweise ausgesprochen sentimental, zeigt aber bereits Spyris Interesse an menschlichen Abhängigkeiten und an den zerstörerischen Folgen falscher Lebensentscheidungen.
Das Buch findet Leser, und Spyri schreibt weiter. Zunächst entstehen vor allem Erzählungen für Erwachsene, in denen familiäre Konflikte, Krankheit, Armut und religiöse Fragen eine wichtige Rolle spielen. Erst gegen Ende der 1870er-Jahre wendet sie sich verstärkt der Kinderliteratur zu. Nach dem Tod ihrer Mutter 1876 scheint diese Entwicklung zusätzlich an Bedeutung zu gewinnen. 1878 erscheint der Band Heimatlos, der unter anderem die Geschichten Am Silser- und am Gardasee und Wie Wiselis Weg gefunden wird enthält. Der Titel verweist auf ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt: die Erfahrung, keinen sicheren Platz in der Welt zu besitzen. Kinder verlieren ihre Eltern, werden von ihren Angehörigen getrennt oder müssen in fremden Haushalten leben. Heimat erscheint nicht einfach als geographischer Ort, sondern als eine Beziehung zwischen Menschen, die Sicherheit und Zugehörigkeit vermittelt.
Zu ihrem literarischen Umfeld gehört Conrad Ferdinand Meyer, einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Die beiden kennen sich seit ihrer Jugend, und Johanna ist auch mit Meyers Schwester Betsy eng befreundet. Aus dem persönlichen Kontakt entwickelt sich ein bemerkenswerter literarischer Austausch. Meyer legt ihr eigene Manuskripte vor und bittet sie ausdrücklich um ihre Meinung. Dass ein bereits angesehener Schriftsteller den Rat einer Kinderbuchautorin sucht, zeigt, wie ernst er ihre Fähigkeiten nimmt. In einem Brief bezeichnet er sie als großes Talent. Besonders den zweiten Heidi-Band schätzt er außerordentlich. Er bewundert die Fähigkeit, aus einem vergleichsweise einfachen Stoff eine leuchtende, überzeugende Erzählung zu schaffen. Johanna wiederum liest Meyers Werke mit Begeisterung und berichtet ihm, dass seine Bücher sie für einige Zeit über die gewöhnlichen Sorgen des Alltags hinaustragen könnten.
Der Briefwechsel bietet einen seltenen Einblick in ihre schriftstellerische Arbeitsweise. Während Meyer häufig lange an seinen Texten feilt, setzt Spyri stark auf den ersten Entwurf. Sie erklärt ihrem Freund sinngemäß, der erste Wurf sei meistens der beste. Daraus darf man nicht schließen, sie habe ihre Bücher ohne Überarbeitung geschrieben. Doch offenbar vertraut sie stärker auf den ursprünglichen erzählerischen Impuls als auf eine endlose sprachliche Verfeinerung. Gerade die Unmittelbarkeit ihrer besten Kinderbücher lässt sich damit gut erklären. Ihre Geschichten wirken weniger wie kunstvoll konstruierte literarische Maschinen als wie Erzählungen, die jemand aus einem inneren Bedürfnis heraus niedergeschrieben hat.
Heidi: Das berühmteste Schweizer Mädchen wird geboren
Im Sommer 1879 arbeitet Johanna Spyri an einer Geschichte, deren Erfolg alles bisher Geschriebene übertreffen wird. Innerhalb weniger Wochen entsteht Heidis Lehr- und Wanderjahre, das 1880 beim Verlag Friedrich Andreas Perthes in Gotha erscheint. Das Buch wird zunächst nicht unter ihrem vollständigen Namen veröffentlicht, sondern als Werk der Verfasserin von Ein Blatt auf Vrony’s Grab. Schon die ersten Auflagen verkaufen sich ausgezeichnet. Bald folgt eine neue Auflage unter ihrem Namen, und 1881 erscheint die Fortsetzung Heidi kann brauchen, was es gelernt hat. Zusammen bilden beide Bücher die Geschichte eines Waisenkindes, das in der Schweizer Bergwelt seine eigentliche Heimat findet. Die Veröffentlichung macht Spyri zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautorinnen ihrer Zeit.
Der Anfang ist keineswegs so idyllisch, wie spätere Verfilmungen vermuten lassen. Heidi ist fünf Jahre alt, als ihre Tante Dete sie zu ihrem Großvater auf die Alp bringt. Beide Eltern sind tot, und die Tante möchte das Kind nicht länger versorgen. Der Großvater lebt abgeschieden, hat sich mit den Menschen im Dorf überworfen und gilt als unfreundlicher Sonderling. Das Mädchen wird also nicht in eine liebevolle Familie aufgenommen, sondern gewissermaßen bei einem Mann abgeliefert, der selbst kaum noch Verbindung zur übrigen Gesellschaft besitzt. Erst langsam entwickelt sich zwischen beiden eine tiefe Zuneigung. Heidi entdeckt die Berge, die Ziegen, das einfache Leben und die Freundschaft mit dem Geißenpeter. Der Großvater wiederum beginnt, sich durch das Kind allmählich wieder anderen Menschen zuzuwenden. Schon in dieser Ausgangssituation liegt ein wesentlicher Teil von Spyris Erzählkunst: Zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von der Gesellschaft abgeschnitten sind, finden durch ihre Beziehung zueinander einen neuen Halt.
Dann wird Heidi erneut aus ihrem vertrauten Leben gerissen. Tante Dete bringt sie nach Frankfurt, wo sie der körperlich beeinträchtigten Klara Sesemann Gesellschaft leisten soll. Heidi lebt nun in einem wohlhabenden Haushalt, in dem es ihr materiell an nichts fehlt. Dennoch wird sie immer unglücklicher. Die strenge Hausdame Fräulein Rottenmeier verlangt Gehorsam, gute Manieren und Anpassung an Regeln, die Heidi nicht versteht. Der Vater Klaras ist häufig abwesend, und das Kind aus den Bergen verliert zunehmend seine Lebendigkeit. Schließlich beginnt es zu schlafwandeln. Die Ärzte erkennen, dass das Mädchen unter schwerem Heimweh leidet. Erst die Rückkehr zum Großvater bringt ihm seine Freude zurück.
Der Gegensatz zwischen Stadt und Land ist offensichtlich, doch er besitzt auch eine biografische Dimension. Johanna Spyri hatte selbst erlebt, wie bedrückend das städtische Leben auf einen Menschen wirken kann, der seine Freiheit und seine gewohnte Umgebung vermisst. In Frankfurt leidet Heidi nicht unter Armut oder körperlicher Gewalt, sondern unter einer Form von Entfremdung. Alles ist ordentlich, bequem und gesellschaftlich angesehen, aber nichts entspricht ihren eigentlichen Bedürfnissen. Besonders die Figur Fräulein Rottenmeier lässt sich als satirische Überzeichnung jener großbürgerlichen Umgangsformen lesen, mit denen Spyri selbst Schwierigkeiten hatte. Die korrekte Erziehung wird hier beinahe zur Bedrohung des Kindes, weil sie dessen Persönlichkeit nicht ausreichend berücksichtigt.
Trotz dieser kritischen Seite ist Heidi keineswegs ein moderner Roman über individuelle Selbstverwirklichung. Die religiöse Botschaft nimmt großen Raum ein. Heidi lernt, zu beten und auf Gott zu vertrauen. Der Großvater findet schließlich zur christlichen Gemeinschaft zurück, und die Versöhnung mit den Dorfbewohnern erinnert deutlich an die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn. Natur, Glaube und menschliche Zuwendung bilden für Spyri eine zusammenhängende Ordnung. Die Berge sind nicht einfach deshalb gut, weil sie schön aussehen. Sie erscheinen als Ort, an dem Menschen ihrer eigentlichen Bestimmung näherkommen können.
Besonders deutlich wird diese Vorstellung im zweiten Band. Klara besucht Heidi in den Bergen und lernt schließlich wieder zu gehen. Die Episode gehört zu den bekanntesten Szenen der gesamten Reihe. Für viele Leser ist sie ein bewegendes Bild von Hoffnung und neuer Lebensfreude. Aus heutiger Sicht darf man allerdings fragen, ob die Darstellung nicht eine allzu einfache Vorstellung von Krankheit und Heilung vermittelt. Klara kann ihre körperlichen Einschränkungen überwinden, weil sie frische Luft, Bewegung, Zuwendung und die besondere Umgebung der Alpen erlebt. Welche medizinischen Ursachen ihre Beschwerden tatsächlich haben, bleibt weitgehend offen. Spyri benutzt die Heilung vor allem als literarischen Ausdruck ihrer Überzeugung, dass ein Leben im Einklang mit Natur und christlicher Fürsorge Menschen wiederherstellen könne. Als medizinische Aussage sollte man die Geschichte nicht verstehen.
Auch die sozialen Unterschiede verschwinden dadurch nicht einfach. Heidi kann in ihre geliebten Berge zurückkehren, weil wohlhabende Menschen sich für sie einsetzen. Der Großvater erhält Unterstützung, und die Familie Sesemann besitzt die finanziellen Möglichkeiten, verschiedene Probleme zu lösen. Das zeigt einerseits, dass Spyri gesellschaftliche Ungleichheit durchaus wahrnimmt. Andererseits erscheinen die Lösungen häufig als Ergebnis persönlicher Güte und christlicher Hilfsbereitschaft, nicht als Folge gerechterer gesellschaftlicher Verhältnisse. Die freundlichen Reichen helfen den Bedürftigen, ohne dass die Ursachen der Armut grundsätzlich verändert werden müssten.
Gerade darin liegt eine Grenze des Romans. Seine Welt ist nicht frei von Leid, aber sie bietet fast immer einen Weg zur Versöhnung. Die Realität des 19. Jahrhunderts war wesentlich härter. Viele Kinder mussten unter schwierigen Bedingungen arbeiten, waren von Krankheit und Armut betroffen und konnten nicht darauf hoffen, dass wohlhabende Wohltäter ihr Leben zum Guten wenden würden. Spyri verwandelt diese gesellschaftlichen Verhältnisse in eine moralische Erzählung, in der Hilfsbereitschaft und religiöses Vertrauen beinahe alle Konflikte lösen können. Das ist tröstlich, entspricht aber nicht unbedingt den tatsächlichen Möglichkeiten der betroffenen Menschen.
Literarisch besitzt Heidi dennoch eine bemerkenswerte Qualität. Die Figuren sind mit wenigen Eigenschaften klar erkennbar, die Naturbeschreibungen erzeugen eine intensive Atmosphäre, und die Handlung ist auch für jüngere Leser verständlich. Besonders gelungen ist die Darstellung kindlicher Gefühle. Heidi erklärt ihre Bedürfnisse nicht in komplizierten psychologischen Begriffen. Sie reagiert unmittelbar auf ihre Umgebung, wird traurig, wenn sie ihre Heimat vermisst, und freut sich über Dinge, die Erwachsene kaum beachten. Diese Einfachheit ist keineswegs banal. Spyri gelingt es, die Perspektive eines Kindes ernst zu nehmen, ohne den Text auf eine bloße Aneinanderreihung niedlicher Erlebnisse zu reduzieren.
Die berühmte Kinderbuchautorin und ihre unbequeme Nichte
Johanna Spyri setzt sich in Zürich durchaus für Bildungsfragen ein. 1875 wird sie in die Aufsichtskommission der Höheren Töchterschule gewählt und bleibt dort bis 1892 tätig. Sie interessiert sich also für die Ausbildung junger Frauen und besitzt selbst ein erhebliches Maß an Bildung. Dennoch betrachtet sie die Vorstellung, Frauen sollten an Universitäten studieren und akademische Berufe ausüben, mit großer Skepsis. Diese Haltung entspricht zwar verbreiteten gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit, steht aber in einem bemerkenswerten Gegensatz zu ihrem eigenen Lebensweg. Schließlich hat sie sich durch ihre schriftstellerische Arbeit eine öffentliche Stellung erarbeitet, die weit über die gewöhnlichen Möglichkeiten bürgerlicher Ehefrauen hinausgeht.
Besonders deutlich wird der Widerspruch am Schicksal ihrer Nichte Emilie Kempin-Spyri. Emilie wird 1853 geboren und ist eine Tochter von Johannas Schwager Johann Ludwig Spyri, der als Pfarrer tätig ist. Sie heiratet ebenfalls einen Geistlichen und bekommt drei Kinder. Doch als die wirtschaftliche Situation ihrer Familie schwieriger wird, beschließt sie, sich selbst eine berufliche Existenz aufzubauen. Gegen den Widerstand ihrer Verwandten holt sie die notwendigen Schulabschlüsse nach und beginnt an der Universität Zürich Rechtswissenschaften zu studieren. 1887 promoviert sie als erste Frau im deutschsprachigen Raum zur Doktorin der Rechtswissenschaften.
Die Reaktion ihrer Familie ist keineswegs von uneingeschränkter Bewunderung geprägt. Auch Johanna Spyri lehnt Emilies akademische Ambitionen ab. Nach den Recherchen zu einer späteren SRF-Dokumentation bezeichnet sie studierende Frauen abfällig als „Mannweiber“. Emilie lässt sich davon nicht abhalten. Sie kämpft um das Recht, als Juristin tätig zu sein, stößt aber auf institutionelle Hindernisse. Im Kanton Zürich ist die Zulassung zum Anwaltsberuf an politische Bürgerrechte gebunden, die Frauen nicht besitzen. Sie kann deshalb trotz ihrer Qualifikation zunächst nicht als Anwältin arbeiten. Später versucht sie in den Vereinigten Staaten eine neue berufliche Existenz aufzubauen und beteiligt sich an der juristischen Ausbildung von Frauen.
Das Schicksal der Nichte ist tragisch. Emilie kämpft über Jahre gegen berufliche Einschränkungen und wirtschaftliche Schwierigkeiten, erlebt persönliche Krisen und stirbt 1901 im Alter von nur 48 Jahren. Ihre Tante Johanna gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Europas, hat aber für die radikaleren Bildungs- und Berufsziele der jüngeren Frau nur wenig Verständnis aufgebracht. Dabei hätte Emilies Leben durchaus Stoff für eine Spyri-Erzählung geboten: eine begabte Frau, die sich gegen die Erwartungen ihrer Umgebung behaupten muss und trotz großer Anstrengungen immer wieder an gesellschaftlichen Schranken scheitert. Nur hätte eine solche Geschichte kaum mit jener versöhnlichen Selbstverständlichkeit enden können, die viele Bücher Johannas kennzeichnet.
Die Episode zeigt, dass persönliche Begabung und gesellschaftliche Aufgeschlossenheit keineswegs dasselbe sind. Spyri kann Kinder mit großer Sensibilität beschreiben und zugleich an Vorstellungen festhalten, die erwachsenen Frauen erhebliche Grenzen setzen. Sie kann selbst eine wirtschaftlich erfolgreiche Schriftstellerin werden, ohne daraus die Forderung abzuleiten, andere Frauen sollten unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Geschlecht vergleichbare berufliche Möglichkeiten erhalten. Allerdings sollte man ihre Haltung auch nicht vollständig auf diese Ablehnung reduzieren. Neuere literaturwissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass ihre Mädchenbücher teilweise differenziertere Vorstellungen weiblicher Selbstständigkeit enthalten, als ältere Bewertungen vermuten ließen. Die Schriftstellerin war widersprüchlicher, als es eine einfache Einordnung als fortschrittlich oder konservativ nahelegen würde.
Sieben Monate, zwei Todesfälle – und die Einsamkeit nach dem Erfolg
Die Jahre nach der Veröffentlichung von Heidi gehören beruflich zu den erfolgreichsten ihres Lebens. Spyri schreibt zahlreiche weitere Erzählungen, ihre Bücher erscheinen in neuen Auflagen, und ihr Name wird über die Schweiz hinaus bekannt. Auch ihr Sohn Bernhard Diethelm entwickelt sich zunächst gut. Er studiert Rechtswissenschaften in Zürich, Leipzig und Göttingen und arbeitet später als Sekretär der Kaufmännischen Gesellschaft in Zürich. Für Johanna ist er eine wichtige Bezugsperson. Sie hat erhebliche Hoffnungen in seine Zukunft gesetzt und begleitet seinen Lebensweg mit großer Anteilnahme. Doch schon in jungen Jahren erkrankt Bernhard schwer an Tuberkulose, einer damals weit verbreiteten und häufig tödlichen Krankheit.
In der Hoffnung auf Besserung reist der junge Mann in wärmere Regionen. Er hält sich unter anderem am Lago Maggiore und in Pisa auf. Solche Aufenthalte gehören im 19. Jahrhundert zu den verbreiteten Behandlungsversuchen für Tuberkulosekranke, auch wenn ihre Wirksamkeit begrenzt ist. Johanna muss erleben, wie ihr einziger Sohn zunehmend geschwächt wird. Am 3. Mai 1884 stirbt Bernhard im Alter von nur 28 Jahren. Für seine Mutter ist der Verlust verheerend. Die Frau, die in ihren Geschichten immer wieder beschreibt, wie Kinder durch menschliche Zuwendung gerettet werden, kann das Leben ihres eigenen Kindes nicht bewahren.
Noch bevor sie den Tod ihres Sohnes verarbeiten kann, folgt der nächste Schlag. Ihr Ehemann Johann Bernhard Spyri stirbt am 19. Dezember 1884. Zwischen den beiden Todesfällen liegen nur etwas mehr als sieben Monate. Johanna ist nun 57 Jahre alt, verwitwet und ohne eigene Kinder. Sie besitzt zwar Freunde, Geschwister und weitere Verwandte, doch ihre unmittelbare Familie ist verschwunden. Der Gegensatz zu ihrer literarischen Welt könnte kaum größer sein. In den Heidi-Büchern finden Menschen durch Zusammenhalt und Vertrauen wieder zueinander. Im tatsächlichen Leben hat Spyri innerhalb eines einzigen Jahres zwei Menschen verloren, mit denen sie ihre bisherige Existenz geteilt hatte.
Ausgerechnet ihre wirtschaftliche Lage ist inzwischen weitgehend gesichert. Der Erfolg ihrer Bücher ermöglicht ihr ein unabhängiges Leben. Sie zieht aus der bisherigen Amtswohnung aus und bewohnt später eine Wohnung in den vornehmen Escherhäusern am Zürcher Zeltweg. Die Schriftstellerin reist viel, hält sich regelmäßig in Montreux auf und besucht verschiedene Orte in der Schweiz und im Ausland. Sie schreibt weiterhin Bücher, aber die Lebenssituation ist eine andere geworden. Die gesellschaftlichen Verpflichtungen als Frau des Stadtschreibers entfallen, ebenso jedoch die familiären Bindungen, die ihren Alltag lange bestimmt hatten.
In ihren späten Werken kehren Einsamkeit, Krankheit und die Suche nach menschlicher Geborgenheit immer wieder. Aus dem Leben eines Advokaten von 1885 wird auch als literarische Erinnerung an ihren verstorbenen Mann verstanden. Andere Erzählungen beschäftigen sich mit Kindern, die ohne Eltern aufwachsen oder in schwierige familiäre Verhältnisse geraten. Eine unmittelbare Gleichsetzung dieser Figuren mit Spyris eigenen Verlusten wäre zu einfach. Doch es fällt auf, wie beharrlich sie sich mit Menschen beschäftigt, denen etwas Wesentliches fehlt und die darauf angewiesen sind, von anderen angenommen zu werden.
Die Trauer macht aus Spyri keinen Menschen, der sich vollständig von der Welt zurückzieht. Sie reist, pflegt Freundschaften und nimmt weiterhin am literarischen Leben teil. Ihre Beziehungen zu Conrad Ferdinand Meyer und seiner Schwester Betsy bleiben wichtig. Zugleich schützt sie ihr Privatleben mit zunehmender Entschiedenheit. Sie möchte nicht, dass andere Menschen ihre persönlichen Erfahrungen zum Gegenstand öffentlicher Betrachtung machen. Diese Zurückhaltung wird später noch erhebliche Folgen für die biografische Forschung haben.
Ein deutscher Vorgänger, ein Schweizer Aufschrei und Heidis zweite Geburt in Japan
Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt sich Heidi zu einem internationalen Kulturphänomen. Das Buch wird in zahlreiche Sprachen übersetzt und immer wieder neu bearbeitet. Besonders die Verfilmungen sorgen dafür, dass die Geschichte auch Menschen erreicht, die den ursprünglichen Roman nie gelesen haben. Bereits 1937 übernimmt Shirley Temple die Titelrolle in einer amerikanischen Verfilmung. 1952 entsteht ein erfolgreicher Schweizer Film mit Heinrich Gretler als Alpöhi. Später folgen weitere Kinofilme, Fernsehserien und Bühnenfassungen. Nicht jede Bearbeitung hält sich eng an die literarische Vorlage. Manche vereinfachen die religiösen Botschaften, andere rücken die Abenteuer des Mädchens stärker in den Mittelpunkt oder verändern die Figuren, um den Erwartungen eines modernen Publikums zu entsprechen.
Besonders folgenreich wird eine japanische Zeichentrickserie von 1974. Unter der Regie von Isao Takahata entstehen 52 Folgen von Heidi, Girl of the Alps. Zu den wichtigsten Mitarbeitern gehören Hayao Miyazaki, der später das international berühmte Studio Ghibli mitbegründen wird, und der Animator Yoichi Kotabe. Die Künstler reisen 1973 eigens in die Schweiz, um die Landschaft und das Leben in den Bergen kennenzulernen. Sie wollen nicht einfach eine beliebige Fantasiewelt zeichnen, sondern die Umgebung der Geschichte möglichst glaubwürdig gestalten. Besonders ungewöhnlich ist ihr langsames Erzähltempo. Statt ständig neue Abenteuer zu präsentieren, verwenden sie viel Zeit darauf, die Landschaft, das Wetter, die Tiere und den gewöhnlichen Alltag auf der Alp zu zeigen. Für eine damalige Zeichentrickserie ist diese Aufmerksamkeit für scheinbar nebensächliche Dinge bemerkenswert.
Der Erfolg der japanischen Serie verändert die internationale Wahrnehmung der Schweiz. Vor allem in Japan entwickeln zahlreiche Zuschauer eine starke emotionale Beziehung zur dargestellten Alpenwelt. Manche reisen später nach Maienfeld, um jene Landschaft zu sehen, die sie aus ihrer Kindheit kennen. So entsteht eine eigentümliche Verbindung zwischen einem Schweizer Kinderbuch des 19. Jahrhunderts und der japanischen Populärkultur des 20. Jahrhunderts. Dabei passt die Geschichte erstaunlich gut in die japanische Gesellschaft der 1970er-Jahre. Auch dort führen Industrialisierung, wirtschaftliches Wachstum und zunehmende Verstädterung zu einer Sehnsucht nach einer überschaubaren, naturnahen Lebensweise. Die Schweizer Alpen werden zu einem Gegenbild der modernen Großstadt, so wie sie es bereits für Johanna Spyri gewesen waren.
Diese Wirkung ist literarisch faszinierend, bringt aber auch eine erhebliche Vereinfachung mit sich. Das international bekannte Heidi-Bild besteht häufig aus grünen Wiesen, glücklichen Ziegen und einer von modernen Problemen scheinbar unberührten Bergwelt. Der ursprüngliche Roman enthält jedoch deutlich mehr soziale Härte. Kinder werden von ihren Angehörigen getrennt, Erwachsene erkranken oder sterben, und gesellschaftliche Unterschiede bestimmen die Möglichkeiten der Figuren. Die spätere Vermarktung verwandelt diese konfliktreiche Geschichte zunehmend in eine idyllische Vorstellung der Schweiz. Aus einem Buch über Heimatlosigkeit und menschliche Abhängigkeit wird stellenweise ein touristisches Versprechen von unbeschwerter Naturverbundenheit.
Eine ganz andere Kontroverse entsteht 2010. Der Germanist Peter Büttner weist darauf hin, dass bereits 1830 eine Erzählung des deutschen Schriftstellers Hermann Adam von Kamp erschienen war, deren Handlung auffällige Ähnlichkeiten zu Heidi aufweist. Der Text trägt den Titel Adelaide, das Mädchen vom Alpengebirge. Auch hier geht es um ein Mädchen, das bei seinem Großvater in den Bergen lebt, seine Heimat verlassen muss, unter starkem Heimweh leidet und schließlich zurückkehrt. Büttner vermutet, dass Spyri die ältere Geschichte gekannt und sich möglicherweise davon anregen lassen habe. Der Name Adelaide, dessen Kurzform Heidi lautet, verstärkt für ihn die Ähnlichkeit.
Die Entdeckung löst vor allem in der Schweiz beträchtliche Aufregung aus. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob die berühmteste Schweizer Kinderbuchfigur vielleicht einen deutschen Vorläufer besitzt. Allerdings geht Büttner selbst nicht so weit, einen eindeutigen Plagiatsvorwurf zu erheben. Er spricht vielmehr von möglichen literarischen Bezügen. Andere Forscher halten seine Belege für wenig überzeugend. Die Übereinstimmungen betreffen überwiegend verbreitete Motive der damaligen Kinderliteratur. Heimweh, Großeltern, Berglandschaften und die Rückkehr in die Heimat sind keineswegs ausschließlich bei diesen beiden Autoren zu finden. Zudem ist die ältere Erzählung mit ungefähr dreißig Seiten wesentlich kürzer als Spyris Roman und besitzt nicht dessen Figurenreichtum.
Der Streit bleibt deshalb ohne eindeutigen Beweis für eine direkte Übernahme. Es ist möglich, dass Spyri die ältere Geschichte kannte. Ebenso gut können beide Autoren auf verbreitete literarische Vorstellungen ihrer Zeit zurückgegriffen haben. Gerade die Heimwehgeschichte gehört im 19. Jahrhundert zu einer langen Tradition. Ein Schweizer Kind, das fern der Heimat leidet, wäre auch ohne eine konkrete literarische Vorlage eine naheliegende Figur gewesen. Die Episode zeigt allerdings, wie empfindlich das nationale Selbstverständnis reagieren kann, wenn eine berühmte Kulturfigur plötzlich eine möglicherweise ausländische Vorgeschichte erhält. Für die literarische Qualität von Heidi wäre eine nachgewiesene Anregung ohnehin nicht entscheidend. Schriftsteller übernehmen seit Jahrhunderten Motive und gestalten sie neu. Wichtig wäre lediglich, zwischen Inspiration, eigenständiger Bearbeitung und tatsächlicher Übernahme fremder Texte zu unterscheiden.
Die Frau, die ihre Briefe zurückhaben wollte
Johanna Spyri stirbt am 7. Juli 1901 in Zürich im Alter von 74 Jahren. Sie wird auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt. Zu diesem Zeitpunkt ist Heidi längst ein international erfolgreicher Klassiker. Dennoch hinterlässt die Schriftstellerin eine erstaunlich lückenhafte persönliche Überlieferung. Sie hat keine umfassende Autobiografie verfasst und sich gegenüber neugierigen Biografen und Journalisten nur zurückhaltend geäußert. Besonders in ihren letzten Lebensjahren bemüht sie sich darum, die Kontrolle über private Briefe und andere persönliche Dokumente zu behalten.
Ein Brief an ihre Jugendfreundin Betsy Meyer aus dem November 1892 zeigt das besonders deutlich. Spyri bittet darum, ihre früheren Briefe und Gedichte zurückzubekommen. Sie begründet den Wunsch mit der Überzeugung, persönliche Briefe seien ausschließlich für denjenigen bestimmt, an den sie ursprünglich gerichtet wurden. Der unmittelbare Anlass ist die Vorbereitung einer Biografie über Conrad Ferdinand Meyer. Johanna befürchtet offenbar, dass ihre privaten Mitteilungen darin verwendet oder später öffentlich zugänglich werden könnten. Der Wunsch nach Vertraulichkeit ist verständlich, erschwert aber die Erforschung ihres Lebens erheblich.
Lange Zeit verbreitet sich sogar die Geschichte, Spyri habe vor ihrem Tod sämtliche Manuskripte, Briefe und persönlichen Aufzeichnungen vernichtet. Eine frühe Biografin beschreibt ihren Nachlass so, als habe die Schriftstellerin keine einzige Zeile hinterlassen wollen. Ganz richtig ist das jedoch nicht. Verschiedene Briefe sind erhalten geblieben, darunter auch Teile der Korrespondenz mit Conrad Ferdinand Meyer. Die Zentralbibliothek Zürich konnte außerdem ein bislang unveröffentlichtes Werkmanuskript sichern, das einen seltenen Blick auf Spyris literarische Arbeitsweise ermöglicht.
Das Fragment trägt nach seinem ersten Kapitel den vorläufigen Titel Ein stilles Haus. Es umfasst rund 112 Manuskriptseiten und erzählt eine noch unvollendete Geschichte, die am Genfersee beginnt und später nach Interlaken führt. Die Handschrift enthält zahlreiche Korrekturen und zeigt, wie Spyri ihre Sätze bearbeitete. Damit ist das Dokument besonders interessant, weil von ihren veröffentlichten Büchern heute keine entsprechenden Originalmanuskripte bekannt sind. Die Zentralbibliothek hat den Text 2026 in einem öffentlichen Forschungsprojekt transkribieren lassen. Für 2027, das Jahr ihres 200. Geburtstags, sind eine Veröffentlichung des Fragments und eine digitale Ausgabe ihrer frühen Werke vorgesehen.
Schon 2023 wurden die Heidi- und Johanna-Spyri-Archive in das Weltdokumentenerbe-Register der UNESCO aufgenommen. Die Entscheidung würdigt nicht nur die internationale Verbreitung des Romans, sondern auch die außergewöhnliche Geschichte seiner zahlreichen Übersetzungen und Bearbeitungen. Inzwischen existieren Ausgaben in rund siebzig Sprachen. Von Heidi wurden nach Schätzungen mehr als fünfzig Millionen Exemplare verkauft. Die genauen Zahlen lassen sich über einen Zeitraum von fast anderthalb Jahrhunderten und zahlreiche Länder hinweg nicht vollständig überprüfen. An der außergewöhnlichen Verbreitung des Werkes besteht jedoch kein Zweifel.
Für die Literaturwissenschaft ist das Jubiläum von 2027 auch deshalb interessant, weil das übrige Werk der Schriftstellerin noch immer erstaunlich wenig bekannt ist. Spyri veröffentlichte insgesamt rund fünfzig Romane und Erzählungen. Viele davon waren zu ihren Lebzeiten erfolgreich, wurden aber im Laufe des 20. Jahrhunderts kaum noch gelesen. Die Forschung beschäftigt sich deshalb zunehmend mit der Frage, ob die internationale Berühmtheit von Heidi den Blick auf eine wesentlich vielseitigere Autorin verstellt hat. Ihre Erzählungen über Armut, Krankheit, religiöse Konflikte und die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Kindern bieten dafür reichlich Material.
Das Glück auf der Alm – und die Härte dahinter
Johanna Spyri ist keine Schriftstellerin, deren gesamtes Werk allein an ihrer berühmtesten Figur gemessen werden sollte. Ihre frühen Erzählungen besitzen eine düstere Seite, die in der populären Vorstellung von Heidi kaum vorkommt. Menschen leiden unter Armut, unglücklichen Beziehungen und gesellschaftlicher Abhängigkeit. Kinder müssen mit dem Tod nahestehender Personen zurechtkommen oder geraten in die Obhut von Erwachsenen, die ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden. Solche Erfahrungen sind nicht bloß schmückender Hintergrund, sondern gehören zu den eigentlichen Themen ihres Schreibens.
Allerdings haben ihre Bücher deutliche literarische Grenzen. Die religiöse Botschaft wird gelegentlich mit einer solchen Entschiedenheit vorgetragen, dass die Handlung vor allem dazu dient, eine bestimmte moralische Einsicht zu bestätigen. Gute Menschen vertrauen auf Gott, lernen aus ihren Fehlern und finden am Ende eine Form von Versöhnung. Schwierige gesellschaftliche Verhältnisse lassen sich durch persönliche Wohltätigkeit verbessern. Wer eine realistische Auseinandersetzung mit den Ursachen sozialer Ungleichheit erwartet, wird deshalb nicht immer zufrieden sein. Auch die Darstellung von Frauen und Mädchen bleibt in Teilen stark an den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts orientiert. Die Figuren dürfen mutig und selbstständig sein, solange sie bestimmte moralische und gesellschaftliche Grenzen nicht grundsätzlich infrage stellen.
Ihre beste Literatur ist jedoch stärker als diese Einschränkungen. Besonders die beiden Heidi-Bände besitzen eine unmittelbare erzählerische Kraft, die auch nach fast 150 Jahren funktioniert. Spyri versteht es, einfache Beobachtungen mit starken Gefühlen zu verbinden. Das Rauschen der Tannen, das Licht auf den Bergen und die Freude eines Kindes über die Rückkehr an einen vertrauten Ort werden so geschildert, dass sie für Leser unterschiedlicher Generationen nachvollziehbar bleiben. Ihre Sprache ist klar, die Figuren sind einprägsam, und die Geschichte besitzt ein natürliches Tempo, das nicht auf ständig neue Sensationen angewiesen ist.
Wer ihr Werk kennenlernen möchte, sollte beide Heidi-Bände lesen. Der erste Teil ist erzählerisch geschlossener und besitzt die stärkeren Konflikte. Der zweite Teil ist stärker von religiösen und moralischen Vorstellungen geprägt, entwickelt die Beziehungen der Figuren aber weiter. Auf Fabelhafte Bücher haben wir Heidi kann brauchen, was es gelernt hat ausführlich rezensiert. Darüber hinaus lohnt sich ein Blick auf Heimatlos, weil der Band zeigt, dass Spyri bereits vor ihrem großen Erfolg ähnliche Themen beschäftigten. Ein Blatt auf Vrony’s Grab ist dagegen vor allem für Leser interessant, die die dunkleren und stärker religiös geprägten Anfänge ihrer Schriftstellerei kennenlernen möchten.
Was ihre Biografie besonders berührend macht, ist der Gegensatz zwischen literarischem Glück und persönlichem Leid. Spyri erfand eine Welt, in der Kinder Geborgenheit finden und schwere Verluste schließlich überwunden werden können. Ihr eigenes Leben ließ sich nicht auf diese Weise ordnen. Sie litt unter einer Ehe, in der sie lange keinen erfüllenden Platz fand, erlebte schwere seelische Krisen und verlor ihren einzigen Sohn, bevor er dreißig Jahre alt wurde. Ihr Ehemann starb noch im selben Jahr. Dass sie trotzdem weiterschrieb, macht ihre Werke nicht automatisch besser. Es zeigt aber, wie wichtig das Erzählen für sie geworden war.
Vielleicht steckt die eigentliche Bedeutung von Heidi gerade darin. Das Buch handelt nicht nur von einer glücklichen Kindheit in den Schweizer Bergen. Es erzählt von der Erfahrung, aus einer vertrauten Welt herausgerissen zu werden, und von der Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sein darf, wie man ist. Diese Sehnsucht kann ein Kind ebenso verstehen wie ein Erwachsener. Für Johanna Spyri muss sie eine besondere Bedeutung gehabt haben, denn sie kannte die Erfahrung, sich in einer äußerlich angesehenen und sicheren Umgebung fremd zu fühlen, aus ihrem eigenen Leben.
Dass ausgerechnet diese Frau eines der dauerhaft beliebtesten Kinderbücher der Welt schrieb, erscheint dann gar nicht mehr so überraschend. Sie erfand mit Heidi vielleicht nicht die Welt, in der sie selbst gelebt hatte. Aber sie erzählte von einer Welt, nach der sie sich möglicherweise ein Leben lang gesehnt hatte.
Johanna Spyri – die wichtigsten Fakten
- Geboren: 12. Juni 1827 in Hirzel, Kanton Zürich, als Johanna Louise Heusser.
- Gestorben: 7. Juli 1901 in Zürich.
- Eltern: Johann Jakob Heusser (1783–1859), Landarzt; Meta Heusser-Schweizer (1797–1876), religiöse Lyrikerin.
- Familie: Viertes von sechs Kindern; seit 1852 verheiratet mit Johann Bernhard Spyri (1821–1884), Rechtsanwalt und Zürcher Stadtschreiber. Ein Sohn, Bernhard Diethelm Spyri (1855–1884).
- Wichtigste Werke: Ein Blatt auf Vrony’s Grab (1871), Heimatlos (1878), Heidis Lehr- und Wanderjahre (1880), Heidi kann brauchen, was es gelernt hat (1881), Sina (1884), Cornelli wird erzogen (1890), Schloss Wildenstein (1892).
- Besondere Bedeutung: Schöpferin der international berühmten Heidi-Figur und eine der bedeutendsten Schweizer Kinderbuchautorinnen. Die Heidi- und Johanna-Spyri-Archive gehören seit 2023 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
Verfasst vom Marc und Sophia

