
Er war zweimal verlobt, heiratete nie und schrieb seiner Freundin Hunderte Briefe. Als Franz Kafka seine erste Verlobung löste, musste er sich in einem Berliner Hotel für seine widersprüchlichen Liebesbriefe rechtfertigen. Wenige Wochen später begann er den Roman Der Prozess. Sein Vater machte ihm Angst, seine berufliche Karriere verlief erstaunlich erfolgreich, und seine Freunde liebten seinen Humor. Kafka selbst fand vieles an seinem Leben unerträglich. Weltberühmt wurde er erst nach seinem frühen Tod – weil sein bester Freund den ausdrücklichen Wunsch missachtete, seine unveröffentlichten Manuskripte zu verbrennen.
Am 12. Juli 1914 saß Franz Kafka in einem Berliner Hotel seiner Verlobten Felice Bauer gegenüber. Neben ihr befanden sich ihre Schwester Erna und ihre Freundin Grete Bloch, mit der Kafka ebenfalls einen intensiven Briefwechsel geführt hatte. Grete hatte einige seiner Briefe an Felice weitergegeben. Nun wurde der junge Schriftsteller mit seinen widersprüchlichen Aussagen konfrontiert. Kafka fühlte sich wie ein Angeklagter vor Gericht. Er selbst bezeichnete die Aussprache im Hotel Askanischer Hof später als einen Gerichtshof. Seine Verlobung wurde aufgelöst. Wenige Wochen danach begann er einen Roman über einen Mann, der eines Morgens verhaftet wird, ohne zu erfahren, was er verbrochen haben soll: Der Prozess. Die Verbindung zwischen dem privaten Erlebnis und dem Roman gilt als gut belegt. Doch die Geschichte zeigt noch etwas anderes. Kafka litt zwar unter der Vorstellung, von anderen beurteilt und verurteilt zu werden. Mit seinem widersprüchlichen Verhalten hatte er allerdings selbst erheblich zur Katastrophe beigetragen.
Ein Vater, vor dem er sich mit 36 Jahren noch fürchtete
Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren. Die Stadt gehörte damals zu Österreich-Ungarn und war geprägt vom Zusammenleben deutscher, tschechischer und jüdischer Bevölkerungsgruppen. Seine Eltern Hermann und Julie betrieben ein Geschäft für Mode- und Kurzwaren. Der Vater stammte aus ärmlichen Verhältnissen und hatte sich mit großer Energie zum erfolgreichen Kaufmann hochgearbeitet. Seine Mutter kam aus einer wohlhabenderen, gebildeten Familie. Franz war das älteste von sechs Kindern. Seine beiden jüngeren Brüder starben früh, die drei Schwestern Elli, Valli und Ottla erreichten das Erwachsenenalter. Besonders Ottla wurde für ihn eine enge Vertraute. Bei ihr fand er Verständnis für seine schriftstellerischen Ambitionen und konnte sich dem familiären Druck gelegentlich entziehen.
Sein Verhältnis zum Vater blieb dagegen zeitlebens schwierig. Hermann Kafka war ein kräftiger, selbstbewusster Geschäftsmann, der von seinem Sohn Tatkraft, Entschlossenheit und beruflichen Ehrgeiz erwartete. Franz fühlte sich ihm körperlich und charakterlich unterlegen. Er erinnerte sich an Demütigungen, abfällige Bemerkungen und die Erfahrung, dem Vater niemals wirklich genügen zu können. Besonders eindrucksvoll beschrieb er eine Kindheitsszene, in der sein Vater ihn nachts auf einen Balkon hinausstellte, weil er immer wieder nach Wasser verlangte. Jahrzehnte später beschäftigte ihn diese Bestrafung noch immer. Mit 36 Jahren schrieb er seinem Vater einen langen Brief, in dem er die Verletzungen seiner Kindheit und deren Folgen schilderte. Auf über hundert Manuskriptseiten versuchte Kafka zu erklären, weshalb er sich bis ins Erwachsenenalter eingeschüchtert fühlte.
Der Brief an den Vater ist ein außergewöhnliches Dokument, aber keine objektive Untersuchung der Familie. Kafka beschreibt darin seine persönlichen Empfindungen und Erinnerungen. Hermann selbst kommt nicht zu Wort. In seiner Darstellung erscheint der Vater beinahe übermächtig, während der Sohn sich immer wieder als hilflos und unterlegen empfindet. Tatsächlich war Franz zu diesem Zeitpunkt längst ein hochgebildeter und beruflich erfolgreicher Mann. Die beiden lebten dennoch in einer Beziehung, in der sich alte Konflikte ständig erneuerten. Der Brief wurde Hermann nie übergeben. Kafka hatte zunächst seine Mutter um die Weitergabe gebeten, doch sie gab ihn zurück.
Wie stark ihn der Vater beschäftigte, zeigt bereits die 1912 entstandene Erzählung Das Urteil. Ein junger Kaufmann teilt seinem Vater mit, dass er heiraten möchte. Daraus entwickelt sich ein immer heftigerer Konflikt, bis der Vater seinen Sohn schließlich zum Tod durch Ertrinken verurteilt. Kafka schrieb diese verstörende Geschichte in einer einzigen Nacht, vom 22. auf den 23. September 1912. Er begann gegen zehn Uhr abends und beendete den Text gegen sechs Uhr morgens. Als er aufstand, waren seine Beine vom langen Sitzen steif. In seinem Tagebuch beschrieb er die ungeheure Anstrengung, aber auch die Freude darüber, endlich eine Geschichte in einem Zug geschrieben zu haben. Das Urteil wurde für ihn zum entscheidenden literarischen Durchbruch.
Ein erfolgreicher Beamter mit einem zweiten Leben
Kafka war keineswegs der lebensuntüchtige Sonderling, als den manche Darstellungen ihn erscheinen lassen. Er besuchte ein angesehenes Gymnasium, studierte Rechtswissenschaften an der Deutschen Universität in Prag und promovierte 1906 zum Doktor der Rechte. Nach ersten beruflichen Erfahrungen bei einer italienischen Versicherungsgesellschaft begann er 1908 bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen. Dort beschäftigte er sich mit Arbeitsunfällen, Versicherungsfragen und Sicherheitsvorschriften. Kafka galt als gewissenhafter, intelligenter und außerordentlich zuverlässiger Mitarbeiter. Seine Vorgesetzten waren mit ihm zufrieden, er wurde mehrfach befördert. Er verfasste Fachtexte und beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, wie gefährliche Maschinen sicherer gemacht werden könnten. Ein Bericht über Holzhobelmaschinen aus dem Jahr 1909 zeigt, wie genau er technische Fragen untersuchte.
Dennoch empfand Kafka seine Berufstätigkeit als Belastung. Nicht weil er seine Arbeit schlecht machte, sondern weil ihm die Zeit zum Schreiben fehlte. Vormittags und nachmittags erledigte er seine Aufgaben im Büro, danach ruhte er sich aus und schrieb oft bis tief in die Nacht. Er entwickelte strenge Gewohnheiten und reagierte empfindlich auf Störungen. Sein Wunsch war ein Leben, das vollständig der Literatur gehörte. Dabei reiste er durchaus gern, interessierte sich für das Kino, besuchte Theateraufführungen und beschäftigte sich mit körperlicher Ertüchtigung und gesunder Ernährung. Besonders das jiddische Theater faszinierte ihn. 1911 lernte er eine jüdische Wandertruppe kennen, deren Aufführungen ihm eine Welt eröffneten, die sich deutlich vom weitgehend säkularen Judentum seiner eigenen Familie unterschied. Mit dem Schauspieler Jizchak Löwy freundete er sich an. Sein Vater missbilligte diese Verbindung und machte abfällige Bemerkungen über den Künstler.
Auch Kafkas Humor wird häufig unterschätzt. Seine Freunde beschrieben ihn als ausgesprochen unterhaltsamen Menschen. Max Brod erinnerte sich, dass Kafka beim Vorlesen aus Der Prozess teilweise so heftig lachen musste, dass er kaum weiterlesen konnte. Die Vorstellung wirkt zunächst überraschend: Ein Mann liest eine Geschichte über Verhaftung, Unterdrückung und einen aussichtslosen Gerichtsprozess vor – und lacht dabei Tränen. Doch wer den Roman aufmerksam liest, erkennt tatsächlich zahlreiche komische Situationen. Beamte verhalten sich lächerlich, Gerichte tagen in gewöhnlichen Mietshäusern, und immer wieder werden bedeutungsvolle Erklärungen angekündigt, die am Ende gar nichts erklären. Kafka konnte die Absurditäten moderner Bürokratie offenbar zugleich erschreckend und urkomisch finden.
Hunderte Liebesbriefe und drei gescheiterte Verlobungen
Seine Beziehungen zu Frauen waren dagegen von Unsicherheit, widersprüchlichen Wünschen und teilweise erstaunlicher Rücksichtslosigkeit geprägt. Im August 1912 lernte er die Berlinerin Felice Bauer kennen. Sie war eine selbstständige, beruflich erfolgreiche Frau und arbeitete in leitender Stellung für eine Firma, die Diktiergeräte herstellte. Kafka begann ihr kurz darauf zu schreiben. Aus einzelnen Briefen entwickelte sich ein geradezu überwältigender Austausch. Mehr als 500 Briefe und Postkarten sind erhalten geblieben. Kafka schilderte darin seinen Tagesablauf, seine Ängste, seine literarischen Pläne und seine Sehnsucht nach Felice. Gleichzeitig beklagte er sich, wenn ihre Antworten nicht schnell genug kamen. Er wollte Nähe, fürchtete aber die Folgen einer Ehe. Besonders die Vorstellung, mit einer Frau zusammenzuleben und dadurch weniger Zeit und Ruhe zum Schreiben zu haben, beunruhigte ihn.
Felice war keineswegs nur die geduldige Empfängerin seiner Briefe. Sie besaß einen eigenen Beruf, eigene Vorstellungen von der Zukunft und erwartete irgendwann eine Entscheidung. Kafka verlobte sich 1914 mit ihr, löste die Verlobung wieder auf und erneuerte das Eheversprechen 1917. Wenige Monate später trennten sich beide endgültig. Inzwischen war bei Kafka Tuberkulose festgestellt worden. Er sah darin offenbar auch einen Grund, die geplante Ehe nicht fortzusetzen. Felice heiratete später einen anderen Mann, bekam zwei Kinder und emigrierte in den dreißiger Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung in die USA.
Auch seine nächste Verlobung führte nicht zur Hochzeit. 1919 lernte er Julie Wohryzek kennen, die aus einer jüdischen Familie stammte. Sein Vater lehnte die Verbindung entschieden ab und äußerte sich herablassend über die junge Frau. Kafka empörte sich darüber, konnte sich aber auch diesmal nicht zu einer dauerhaften Bindung entschließen. Später begann er einen intensiven Briefwechsel mit der tschechischen Journalistin Milena Jesenská, die einige seiner Texte übersetzte. Milena war verheiratet, die Beziehung blieb schwierig. Seine Briefe an sie gehören zu den persönlichsten Zeugnissen seines Lebens. Kafka konnte seine Gefühle mit außergewöhnlicher Genauigkeit ausdrücken, war aber im Alltag häufig kaum in der Lage, das zu leben, was er schriftlich so eindringlich beschrieb.
Diese Beziehungen zeigen nicht einfach einen Mann, der vor Frauen Angst hatte. Kafka war verliebt, eifersüchtig, manchmal fordernd und zugleich voller Zweifel. Er wollte geliebt werden, stellte aber Bedingungen, unter denen eine gemeinsame Zukunft schwer vorstellbar war. Auch seine Partnerinnen litten unter diesem Verhalten. Gerade deshalb sollte man ihn nicht nur als Opfer seiner eigenen Ängste betrachten. Seine Unsicherheit konnte für andere Menschen ausgesprochen anstrengend sein.
Warum ein Mann plötzlich zum Ungeziefer wird
Kafkas bekannteste Erzählung erschien 1915: Die Verwandlung. Gregor Samsa, ein junger Handelsreisender, erwacht eines Morgens und stellt fest, dass er sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt hat. Die Familie reagiert entsetzt. Zunächst versucht Gregor noch, seinen gewohnten Verpflichtungen nachzukommen und an seine Arbeit zu denken. Doch sein Körper macht das unmöglich. Allmählich wird er für die Familie zur Belastung. Was zunächst als unfassbares Ereignis beginnt, verwandelt sich in eine Geschichte über Ausgrenzung, Hilflosigkeit und den Verlust menschlicher Würde.
Interessant ist, dass Kafka nie genau erklärt, in welches Tier Gregor sich verwandelt. Er wollte sogar ausdrücklich verhindern, dass das Ungeziefer auf dem Buchumschlag abgebildet wurde. Für ihn war nicht die zoologische Frage entscheidend, sondern die Reaktion der Menschen auf den verwandelten Sohn. Besonders bedrückend ist die allmähliche Veränderung seiner Schwester Grete. Zunächst kümmert sie sich liebevoll um Gregor, später fordert sie immer entschiedener, dass die Familie ihn loswerden müsse. Die Geschichte lässt sich als Bild für Krankheit, Behinderung, familiäre Abhängigkeit oder gesellschaftliche Ausgrenzung lesen. Sie ist aber keine einfache verschlüsselte Autobiografie. Kafka gestaltet seine persönlichen Erfahrungen zu einer eigenständigen Erzählung, die weit über seine Familie hinausweist.
Die Verwandlung gehört bis heute zu den wichtigsten Schullektüren. In der Oberstufen-Untersuchung von Fabelhafte Bücher erreichte sie Platz 9. Rund 30 Prozent der verwertbaren Schulrückmeldungen mit konkreten Lektüreangaben nannten das Werk. Das überrascht nicht: Die Geschichte ist vergleichsweise kurz, sprachlich zugänglich und eröffnet zahlreiche Möglichkeiten zur Diskussion. Zugleich kann die Fülle möglicher Interpretationen Schüler durchaus überfordern. Nicht jede Einzelheit muss ein verstecktes Symbol besitzen. Manchmal genügt es, sich zu fragen, weshalb eine Familie ihren Sohn erst dann endgültig ablehnt, als er nichts mehr zu ihrem wirtschaftlichen Überleben beitragen kann.
Noch berühmter wurde Der Prozess, den Kafka 1914 und 1915 schrieb, aber nicht abschloss. Der Bankangestellte Josef K. wird eines Morgens verhaftet, ohne den Grund zu erfahren. Er darf weiterarbeiten, muss sich jedoch mit einem undurchsichtigen Gerichtssystem auseinandersetzen. Niemand erklärt ihm die Regeln, und jeder Versuch, sich zu verteidigen, verstrickt ihn tiefer in das Verfahren. Der Roman lässt sich als Geschichte über Schuld, Macht, Bürokratie und menschliche Hilflosigkeit lesen. Seine Stärke liegt darin, dass der Leser ebenso wenig versteht wie die Hauptfigur. Allerdings bleibt Josef K. psychologisch vergleichsweise schwer zugänglich. Seine Beziehungen zu Frauen wirken teilweise befremdlich, und die unvollendete Struktur macht die Handlung stellenweise sprunghaft. Unsere Lektürehilfe zu Der Prozess erläutert diese Besonderheiten ausführlicher.
Ein weiterer wichtiger Text ist In der Strafkolonie, entstanden 1914. Ein Offizier führt einem Besucher eine grausame Hinrichtungsmaschine vor, die Verurteilten ihr angebliches Verbrechen in die Haut schreibt. Die Opfer erfahren ihre Schuld nicht einmal vor der Bestrafung. Kafka beschreibt das Geschehen mit einer erschreckenden Sachlichkeit. Die Erzählung zeigt, wie Gewalt durch Regeln, Traditionen und den scheinbaren Anspruch auf Gerechtigkeit legitimiert werden kann. Sie ist deutlich brutaler als Die Verwandlung, gehört aber ebenfalls zu seinen eindringlichsten Texten. Auch hierzu gibt es bei Fabelhafte Bücher eine Lektürehilfe zu In der Strafkolonie.
Die letzte Liebe und die Bücher, die niemand lesen sollte
1917 wurde bei Kafka Lungentuberkulose diagnostiziert. Die Erkrankung zwang ihn zu wiederholten Aufenthalten in Sanatorien und schließlich 1922 zur Aufgabe seines Berufs. Er versuchte weiterhin zu schreiben, doch die Krankheit schränkte ihn zunehmend ein. 1922 arbeitete er an Das Schloss, einem Roman über einen Mann, der verzweifelt versucht, Zugang zu einer undurchsichtigen Verwaltung zu finden. Auch dieses Buch blieb unvollendet. Im Sommer 1923 lernte Kafka an der Ostsee Dora Diamant kennen, eine junge Frau aus einer jüdischen Familie. Er verliebte sich und zog mit ihr nach Berlin. Zum ersten Mal lebte er tatsächlich mit einer Partnerin zusammen und versuchte, sich dauerhaft vom Elternhaus zu lösen. Es war eine späte Form jener Selbstständigkeit, die ihm zuvor so schwergefallen war.
Die gemeinsame Zeit war allerdings kurz. Kafkas Gesundheit verschlechterte sich dramatisch. Seine Tuberkulose griff auf den Kehlkopf über, sodass ihm schließlich selbst das Schlucken größte Schmerzen bereitete. Dora pflegte ihn, unterstützt von Freunden und Ärzten. Am 3. Juni 1924 starb Kafka in einem Sanatorium in Kierling bei Wien. Er war erst vierzig Jahre alt. Sein Leichnam wurde nach Prag überführt und dort auf dem Neuen Jüdischen Friedhof beigesetzt.
Vor seinem Tod hatte Kafka seinen Freund Max Brod angewiesen, seine unveröffentlichten Manuskripte, Tagebücher und Briefe zu vernichten. Brod missachtete diesen Wunsch. Ganz überraschend kam seine Entscheidung allerdings nicht: Er hatte Kafka bereits zu Lebzeiten gesagt, dass er die Texte nicht verbrennen werde. Nach dessen Tod begann er, die erhaltenen Manuskripte zu ordnen und herauszugeben. Der Prozess erschien 1925, Das Schloss 1926 und Der Verschollene, auch als Amerika bekannt, 1927. Damit legte Brod den Grundstein für Kafkas Weltruhm.
Ob er moralisch richtig handelte, bleibt umstritten. Kafka hatte seinen Willen deutlich formuliert, und Freunde sollten eigentlich die Wünsche Verstorbener respektieren. Andererseits verdankt die Weltliteratur Brods Ungehorsam einige ihrer wichtigsten Werke. Hinzu kommt, dass Kafka selbst bereits zu Lebzeiten Texte veröffentlicht hatte und Brod von ihrer Bedeutung überzeugt war. Die Geschichte ist daher komplizierter als die einfache Behauptung, ein Freund habe heimlich einen letzten Wunsch verraten. Brod wusste, dass er gegen Kafkas ausdrückliche Anweisung handelte, und war bereit, diese Entscheidung öffentlich zu rechtfertigen.
Besonders traurig ist das weitere Schicksal von Kafkas Familie. Seine drei Schwestern wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft deportiert und ermordet. Elli und Valli starben 1942 im Vernichtungslager Kulmhof, Ottla 1943 in Auschwitz-Birkenau. Auch Milena Jesenská, seine frühere Geliebte, wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und starb 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück. Max Brod konnte 1939 mit wichtigen Teilen von Kafkas Nachlass nach Palästina fliehen. Der Schriftsteller selbst hatte die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht mehr erlebt. Seine Geschichten über unbegreifliche Macht und willkürliche Verfolgung erhielten durch die späteren historischen Ereignisse jedoch eine zusätzliche Bedeutung, die Kafka beim Schreiben nicht vorhersehen konnte.
Warum Kafka bis heute gelesen wird
Franz Kafka gehört zu den ungewöhnlichsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Seine Figuren geraten in Situationen, die sich mit Vernunft kaum erklären lassen. Sie werden verhaftet, verwandeln sich in Tiere oder kämpfen gegen Behörden, deren Regeln niemand versteht. Dabei schreibt Kafka überraschend klar und sachlich. Gerade dieser Gegensatz macht seine Literatur wirkungsvoll: Das Ungeheuerliche geschieht in einer Sprache, die beinahe wie ein gewöhnlicher Bericht klingt.
Allerdings sind nicht alle seine Werke gleichermaßen zugänglich. Die Romane bleiben unvollendet, manche Figuren handeln widersprüchlich, und häufig gibt es keine befriedigende Auflösung. Wer am Ende einer Geschichte eine eindeutige Erklärung erwartet, kann von Kafka enttäuscht werden. Außerdem neigt die Literaturwissenschaft dazu, selbst kleinste Einzelheiten mit komplizierten Bedeutungen aufzuladen. Man kann Kafka aber auch lesen, ohne hinter jeder Tür ein philosophisches Symbol zu vermuten. Seine Geschichten handeln von Erfahrungen, die viele Menschen kennen: der Angst vor Autoritäten, dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, der Sehnsucht nach Anerkennung und der Schwierigkeit, den Erwartungen anderer zu entsprechen.
Als Einstieg empfiehlt sich Die Verwandlung. Danach sollte man Das Urteil lesen, um Kafkas Verhältnis zum Vater und seine ungewöhnliche Erzählweise kennenzulernen. Der Prozess ist sein anspruchsvollerer, aber auch bedeutenderer Roman. Wer wissen möchte, wie Kafka sich selbst sah, greift zum Brief an den Vater. Allerdings lohnt es sich, diesen Brief kritisch zu lesen. Der Autor schildert darin seine eigene Sicht der Dinge – und war keineswegs immer ein so hilfloser Mensch, wie seine Selbstbeschreibungen vermuten lassen.
Vielleicht bleibt Kafka gerade deshalb so interessant. Er war ein erfolgreicher Jurist, der sich häufig für einen Versager hielt, ein leidenschaftlicher Briefeschreiber, dem das Zusammenleben mit einer Frau schwerfiel, und ein humorvoller Mensch, dessen Bücher heute als Sinnbilder menschlicher Angst gelten. Er wollte, dass seine wichtigsten unveröffentlichten Texte verschwanden. Sein Freund sorgte dafür, dass sie blieben. Aus dem Prager Versicherungsangestellten wurde ein Schriftsteller, dessen Name sogar ein eigenes Adjektiv hervorgebracht hat: kafkaesk. Gemeint sind Situationen, in denen ein Mensch einer unverständlichen, scheinbar übermächtigen Ordnung ausgeliefert ist. Dass gerade Kafka dafür zum Namensgeber wurde, hätte ihn vielleicht erstaunt. Vielleicht hätte er auch darüber gelacht.
Franz Kafka – Fakten
- Lebensdaten: Geboren am 3. Juli 1883 in Prag, gestorben am 3. Juni 1924 in Kierling bei Wien an Tuberkulose.
- Familie: Sohn des Kaufmanns Hermann Kafka und Julie Löwy; drei Schwestern, zwei früh verstorbene Brüder. Unverheiratet, keine Kinder.
- Ausbildung und Beruf: Studium der Rechtswissenschaften mit Promotion; von 1908 bis 1922 bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag.
- Beziehungen: Zweimal mit Felice Bauer verlobt; weitere bedeutende Beziehungen zu Julie Wohryzek, Milena Jesenská und Dora Diamant.
- Hauptwerke: Das Urteil (1913), Die Verwandlung (1915), In der Strafkolonie (1919), Der Prozess (1925), Das Schloss (1926) und Brief an den Vater (posthum veröffentlicht).
- Besonderheiten: Die drei großen Romane blieben unvollendet. Max Brod veröffentlichte sie nach Kafkas Tod entgegen dessen schriftlich festgehaltenem Wunsch.
Verfasst von Marc und Emma

