
Er wollte Filmregisseur werden und fiel durch die Aufnahmeprüfung. Also wurde Kai Meyer Journalist, schrieb nebenbei Romane und entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten deutschen Fantasyautoren. Heute hat er rund siebzig Bücher veröffentlicht und besitzt eine Sammlung ungewöhnlicher Filmrequisiten, darunter eine Ritterrüstung aus einer ziemlich eindeutigen Szene des Films Excalibur. Doch selbst einem so produktiven Geschichtenerfinder gehen gelegentlich die Ideen aus. Nach Jahrzehnten voller magischer Welten hatte Meyer irgendwann genug von der Fantasy. Er begann, sich neu zu erfinden – mit düsteren Romanen über die deutsche Geschichte.
Eine Ritterrüstung aus John Boormans Fantasyfilm Excalibur von 1981 steht in Kai Meyers privater Sammlung. Es handelt sich um die Originalrüstung des Grafen Cornwall, und der Schriftsteller weist Besucher gern darauf hin, dass sie in einer Sexszene getragen wurde. Meyer erzählte diese Geschichte bei den Stuttgarter Dragon Days mit sichtlichem Vergnügen. Alte Filmrequisiten, Monsterfiguren und Gemälde fantastischer Welten gehören zu seiner Leidenschaft. In seinem kleinen Schreibhaus stehen erstaunlich wenige Bücher, dafür umso mehr Gegenstände aus der Geschichte des fantastischen Kinos. Das passt zu einem Autor, der seine Geschichten vorzugsweise in Bildern denkt und ursprünglich gar nicht Schriftsteller werden wollte.
Der Traum vom Kino scheitert
Kai Meyer wurde am 23. Juli 1969 in Lübeck geboren und wuchs im Rheinland auf, unter anderem in Zülpich. Bereits als Zwölfjähriger begann er, angeregt durch Tolkiens Der Herr der Ringe, fantastische Geschichten zu schreiben. Er interessierte sich für Comics, Horrorfilme und alles, was mit dem Gewöhnlichen brach. Als Jugendlicher wollte er entweder Schriftsteller, Comiczeichner oder Filmregisseur werden. Nach dem Abitur bewarb er sich an der Münchner Filmhochschule, wurde jedoch abgelehnt. Es war ein beruflicher Rückschlag, der sich als Glücksfall für die deutsche Unterhaltungsliteratur erweisen sollte. Meyer studierte einige Semester Film, Theater und Philosophie in Bochum, begann dann ein Zeitungsvolontariat und arbeitete unter anderem für die Kölner Boulevardzeitung Express.
Der Journalismus brachte ihn mit einer Wirklichkeit in Berührung, die mindestens ebenso bizarre Geschichten bereithielt wie seine Fantasyromane. Sein erstes Buch Der Kreuzworträtsel-Mörder erschien 1993 und beschäftigte sich mit einem tatsächlichen Kriminalfall aus der DDR. Bereits ein Jahr später gelang ihm mit Die Geisterseher, einem historischen Schauerroman um die Brüder Grimm, der literarische Durchbruch. 1995 gab er seine Arbeit als Redakteur auf. Er war gerade 26 Jahre alt und konnte von seinen Büchern leben. Mit Die Alchimistin von 1998 gelang ihm anschließend ein Bestseller, der Familiengeheimnisse, historische Kulissen und fantastische Elemente verbindet. Meyer fand früh eine erzählerische Formel, ohne sich auf ein einziges Genre festzulegen.
Siebzig Romane und irgendwann keine Lust mehr auf Fantasy
Mit der Merle-Trilogie, die zwischen 2001 und 2002 erschien, erreichte Meyer erstmals ein großes internationales Publikum. Die Geschichte führt in ein fantastisches Venedig voller Magie, geflügelter Löwen und geheimnisvoller Spiegel. Es folgten die Wellenläufer, das Wolkenvolk, die Arkadien-Romane und schließlich Die Seiten der Welt, eine Trilogie über die Magie der Bücher selbst. Meyers Geschichten wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt, als Hörspiele umgesetzt und teilweise verfilmt. Für Frostfeuer erhielt er 2005 den Buchpreis Corine, die britische Ausgabe der Merle-Trilogie wurde 2007 mit dem Marsh Award ausgezeichnet.
Wer so viele Bücher schreibt, läuft allerdings Gefahr, sich selbst zu wiederholen. Meyer hat dieses Problem erstaunlich offen eingeräumt. Nach seiner fünfteiligen Buchwelt um Die Seiten der Welt fühlte er sich von der Fantasy zeitweise regelrecht übersättigt. Er habe darin fast alles untergebracht, was ihn an diesem Genre interessierte. Die Begeisterung für weitere fantastische Welten war vorübergehend erschöpft. Zugleich stieß er bei Verlagen auf Grenzen, obwohl er längst Bestsellerautor war. Eine geplante Space Opera wollte jahrelang niemand veröffentlichen. Science-Fiction galt zwischenzeitlich als wirtschaftlich riskant. Erst als ein Verlag zugriff, entstand daraus die Trilogie Die Krone der Sterne.
Meyer hat durchaus einen kritischen Blick auf die eigene Branche. Er stört sich daran, wenn Verlage erfolgreiche Trends so lange ausschlachten, bis jede neue Vampir-, Werwolf- oder Engelgeschichte wie eine Kopie der vorherigen wirkt. Allerdings sind auch seine eigenen Bücher nicht frei von den Schwächen erfolgreicher Genreliteratur. Die Fülle ungewöhnlicher Einfälle kann Figuren und psychologische Entwicklungen überdecken, manche Geschichte setzt stärker auf Atmosphäre und überraschende Wendungen als auf glaubwürdige menschliche Beziehungen. Gerade Die Seiten der Welt ist dafür ein Beispiel: Die Welt der Bibliomantie steckt voller origineller Ideen, während ihre Figuren nicht immer dieselbe Tiefe erreichen. Unsere Rezension zu Die Seiten der Welt würdigt die Fantasie des Romans, bemängelt aber ebenfalls eine fehlende emotionale Bezugsperson für die Hauptfigur.
Die Rückkehr in die dunkle deutsche Vergangenheit
In den vergangenen Jahren hat Meyer seine literarischen Interessen deutlich verschoben. Mit Die Bücher, der Junge und die Nacht (2022), Die Bibliothek im Nebel (2023) und weiteren Romanen entdeckte er Leipzigs ehemaliges Graphisches Viertel als Schauplatz. Einst gehörte es zu den wichtigsten Zentren des europäischen Buchhandels. Meyer verknüpft die Geschichte der Verlage, Druckereien und Buchbinder mit familiären Geheimnissen, Verbrechen und politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Seine Romane bleiben unterhaltsame Schauer- und Abenteuerliteratur, doch die historischen Hintergründe sind inzwischen stärker ausgearbeitet als in manchen frühen Fantasybüchern.
Im Oktober 2026 erschien Das Alphabet der Masken. Der Roman verbindet das Leipzig von 1930 mit dem Monaco der siebziger Jahre. Eine mysteriöse Künstlerin, geraubte Bücher und mehrere Morde führen die Figuren tief in die deutsche Vergangenheit. Der Autor entfernt sich damit keineswegs völlig vom Fantastischen. Er nutzt vielmehr die historischen Schauplätze, um seine alten Interessen an Geheimnissen, dunklen Mächten und unheimlichen Ereignissen neu zu gestalten. Seine Fähigkeit, umfangreiche Geschichten visuell zu entwerfen, kommt diesen Büchern zugute. Allerdings bleibt die Gefahr einer gewissen Überkonstruktion bestehen: Wo jedes alte Manuskript ein Geheimnis und jede Familiengeschichte eine überraschende Wendung bereithält, kann die literarische Welt zu kunstvoll arrangiert erscheinen.
Dass Meyer den Traum vom Film nie ganz aufgegeben hat, zeigt seine Arbeit für das Fernsehen. Bereits Ende der neunziger Jahre schrieb er Drehbücher für Horrorfilme. 2007 verfilmte Dominik Graf seinen Roman Das Gelübde über den Dichter Clemens Brentano. Für das ZDF entwickelte Meyer gemeinsam mit Max Honert das Drehbuch zu Die Hexenprinzessin, einem Märchenfilm, der Weihnachten 2020 ausgestrahlt wurde. Die Zusammenarbeit mit Fernsehsendern beschreibt er allerdings wesentlich weniger begeistert als das Romanschreiben. Während ihm bei seinen Büchern kaum jemand hineinrede, müsse beim Film beinahe jede Entscheidung mit Redaktionen, Produzenten und anderen Beteiligten ausgehandelt werden. Als Autor sei man dort vor allem für sein Durchhaltevermögen bezahlt.
Meyer lebt weiterhin im Rheinland zwischen Köln und der Eifel und arbeitet nach einer erstaunlich gründlichen Methode. Vor dem eigentlichen Schreiben sammelt er Ideen, bis er das Gefühl hat, genug Material zu besitzen. Dann entwickelt er ein Exposé, das durchaus vierzig bis fünfzig Seiten umfassen kann. Erst danach beginnt die Arbeit am Roman. Privat zeigt er sich vergleichsweise zurückhaltend; über sein Familienleben ist öffentlich wenig bekannt. Dafür spricht er gern über seine Bücher, das Kino und seine ungewöhnlichen Sammlerstücke.
Wer Kai Meyer kennenlernen möchte, sollte mit Die Fließende Königin beginnen, wenn ihn fantastische Welten interessieren. Die Seiten der Welt ist eine Liebeserklärung an Bücher und Bibliotheken, während Die Bücher, der Junge und die Nacht den heutigen, historisch orientierten Meyer besonders gut repräsentiert. Seine größte Leistung liegt in einer Erzählfreude, die sich trotz jahrzehntelanger Routine nicht vollständig abgenutzt hat. Er beherrscht nicht immer die Kunst der literarischen Reduktion, aber er besitzt einen beträchtlichen Vorrat ungewöhnlicher Bilder und Geschichten. Und wenn ihm einmal nichts mehr einfällt, kann er immer noch in sein Schreibhaus gehen und sich jene Ritterrüstung anschauen, die schon 1981 Teil einer ziemlich denkwürdigen Filmszene war.
Kai Meyer – Fakten
- Lebensdaten: Geboren am 23. Juli 1969 in Lübeck; aufgewachsen im Rheinland.
- Ausbildung und Beruf: Studium von Film, Theater und Philosophie ohne Abschluss; Journalist und Redakteur, seit 1995 freier Schriftsteller.
- Wichtige Werke: Die Geisterseher, Die Alchimistin, Die Fließende Königin, Die Wellenläufer, Arkadien erwacht, Die Seiten der Welt und Die Bücher, der Junge und die Nacht.
- Aktuelles Werk: Das Alphabet der Masken (Oktober 2026).
- Erfolge: Rund siebzig Romane, mehrere Millionen verkaufte Bücher, Übersetzungen in mehr als dreißig Sprachen.
- Auszeichnungen: Unter anderem Corine (2005), Marsh Award (2007) und Phantastik-Literaturpreis Seraph.
- Weitere Tätigkeiten: Drehbuchautor, Hörspielautor und Comictexter; Sammler historischer Filmrequisiten.
- Wohnort: Rheinland, zwischen Köln und der Eifel.
Verfasst von Emma und Hanna

