
In Dana Vowinckels „Anton und Alma“ bleibt eine junge Beziehung nie bloß Privatsache. Im Berlin der 2020er-Jahre kreuzen sich Liebe, soziale Prägung, Familienerinnerungen und politische Wirklichkeit. Der Roman überzeugt durch seinen genauen Blick auf seine Figuren, wirkt in seiner Fülle an Fragen jedoch mitunter bewusst überladen.
Alma und Anton lernen sich als Jugendliche während eines Schüleraustauschs in der Bretagne kennen. Erst Jahre später treffen sie in Berlin wieder aufeinander, inzwischen als Studierende. Aus der frühen Anziehung entwickelt sich eine Beziehung und schließlich ein gemeinsamer Alltag. Doch während beide versuchen, in ihrem Erwachsenenleben anzukommen, treten Unterschiede hervor: familiäre Erfahrungen, soziale Möglichkeiten und Erwartungen an die Zukunft lassen sich nicht einfach ausblenden. Jüdische Zugehörigkeit, deutsche Familiengeschichten und Antisemitismus sind dabei keine abstrakten Stichworte, sondern greifen in das Leben der Figuren ein.
Vowinckel macht aus dieser Konstellation keine glatte Modellgeschichte. Alma und Anton stehen nicht stellvertretend für feste Lager, sondern erscheinen als verletzliche, eigensinnige Menschen mit widersprüchlichen Bedürfnissen. Gerade die sozialen Differenzen gewinnen Gewicht, weil sie sich im Ton von Gesprächen, in Selbstverständlichkeiten und in Bildern vom späteren Leben zeigen. So entsteht Spannung aus Nähe und Reibung, ohne dass die Figuren auf ihre jeweiligen Hintergründe festgelegt werden.
Die Erzählung wechselt zwischen den Perspektiven der beiden Hauptfiguren. Das verhindert einfache Schuldzuweisungen: Was für die eine Person wie Rückzug oder Kränkung wirkt, kann für die andere ein Versuch des Selbstschutzes sein. Besonders stark ist der Roman dort, wo er solche Verschiebungen nicht ausdeutet, sondern in Dialogen, Pausen und kleinen Irritationen greifbar werden lässt. Die Sprache bleibt dabei meist klar und beweglich; ihre Lakonie verleiht vielen Szenen eine treffende Schärfe.
Zugleich trägt der Roman sehr viele Anliegen in sich. Er verbindet Liebesgeschichte, Familienerzählung und Diagnose einer Gegenwart, in der Klasse, Erinnerung, jüdisches Leben, Antisemitismus und aktuelle Krisenerfahrungen ineinandergreifen. Das ist ambitioniert, aber nicht immer völlig nahtlos: Bisweilen scheint eine Szene vor allem eine Fragestellung weiterführen zu wollen, statt aus ihrer eigenen dramatischen Bewegung zu entstehen. Diese Unebenheit gehört allerdings auch zur Wirkung des Buches, denn sie zeigt, wie wenig unbelastet Nähe unter solchen Bedingungen sein kann.
Bemerkenswert ist, dass Vowinckel politische und gesellschaftliche Konflikte nicht auf bloße Belehrungen reduziert. Ihr Interesse gilt den alltäglichen Folgen von Zuschreibungen, dem Wunsch nach Anerkennung, Momenten der Scham und Formen der Abwehr. Wer eine unbeschwerte Romanze sucht, dürfte die gedankliche Dichte gelegentlich als anstrengend empfinden. Wer sich auf die Unruhe und Widersprüche dieser Beziehung einlässt, entdeckt einen klugen Gegenwartsroman, der nicht in jeder Anlage ausgewogen ist, aber nachhaltig beschäftigt.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Erstens verknüpft Dana Vowinckel die Liebesgeschichte überzeugend mit den sozialen und politischen Wirklichkeiten, die das Leben ihrer Figuren prägen. Zweitens sorgen die unterschiedlichen Perspektiven von Alma und Anton dafür, dass Konflikte offen und vieldeutig bleiben, statt vorschnell entschieden zu werden. Drittens besitzt der Roman ein feines Gespür für jene beiläufigen Verletzungen und Gespräche, in denen Herkunft, Klasse und Zugehörigkeit konkret erfahrbar werden. Ein Vorbehalt bleibt seine große thematische Dichte: Wer eine leichte Liebesgeschichte oder einen stilistisch ganz einheitlichen Roman erwartet, könnte die Vielzahl der Gegenwartsfragen als Überladung empfinden.
Buchdaten
- Autor: Dana Vowinckel
- Verlag: Suhrkamp
- Preis: 26,00 €
- ISBN: 9783518432976
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Rezension von Matthias

