
Die Jugend liest nicht mehr! Kaum ein kulturkritischer Satz hält sich so hartnäckig wie dieser. Mal ist das Smartphone schuld, seit neuestem TikTok, mal die Schule. Früher war’s halt der Fernseher. Neue Studien liefern regelmäßig Zahlen, die sich als Beleg für den Niedergang lesen lassen.
Nur erzählen dieselben Zahlen oft eine kompliziertere Geschichte.
Eine große französische Jugendstudie zeigt beispielsweise: Die deutliche Mehrheit der Sieben- bis Neunzehnjährigen liest auch heute in ihrer Freizeit Bücher. Zugleich greift unter den älteren Jugendlichen etwa jeder Dritte außerhalb von Schule und Ausbildung gar nicht mehr zum Buch. Beides stimmt. Und schon deshalb führt die Rede von „der Jugend“ nicht besonders weit.
Der französische Soziologe Claude Poissenot hat bereits Ende 2025 auf einen weiteren blinden Fleck hingewiesen: Wenn das Lesen zurückgeht, betrifft das keineswegs nur junge Menschen. Auch unter Erwachsenen ist regelmäßige Lektüre weniger selbstverständlich geworden.
Sie lesen noch – aber anders und weniger
Die neue Untersuchung des Centre national du livre bestätigt zunächst etwas, das in der öffentlichen Debatte leicht untergeht: Bücher sind im Alltag junger Menschen keineswegs verschwunden. Rund vier von fünf Befragten sagen, dass sie freiwillig lesen. Interessanter wird es dort, wo man genauer hinsieht. Kinder lesen deutlich häufiger als ältere Jugendliche. Mädchen greifen häufiger zum Buch als Jungen. Und selbst bei denen, die weiterhin lesen, nimmt die dafür aufgewendete Zeit ab.
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Befund der Studie. Die Frage lautet nicht einfach: Lesen Jugendliche – ja oder nein? Sondern: Welchen Platz nimmt das Lesen in ihrem Alltag noch ein?
Vor einigen Jahren verbrachten die Befragten im Durchschnitt noch deutlich mehr Zeit mit freiwilliger Lektüre als heute. Der Rückgang ist sichtbar, ohne dass daraus gleich das Ende des Buches folgt. Wer zweimal pro Woche ein paar Seiten liest, gehört schließlich weiterhin zu den Lesern – auch wenn Bücher im eigenen Tagesablauf immer weiter nach hinten rutschen.
Ebenso wichtig ist eine zweite Unterscheidung. Leselust und Lesekompetenz sind nicht dasselbe. Die französische Studie fragt vor allem nach Gewohnheiten und Erfahrungen. Sie ist kein Lesetest. Dass ältere Jugendliche häufiger von Schwierigkeiten mit schulischer Lektüre berichten, sollte man ernst nehmen. Daraus lässt sich aber nicht ohne Weiteres ableiten, ihre Lesefähigkeit habe sich im gleichen Maße verschlechtert.
Und natürlich kommt irgendwann das Smartphone
Wo über Jugendliche und Bücher gesprochen wird, ist der Verdächtige schnell gefunden: der Bildschirm!
Tatsächlich verbringen junge Menschen – und nicht nur die! – sehr viel mehr Freizeit vor Smartphone, Fernseher, Computer oder Konsole als mit Büchern. Das überrascht kaum. Der Schluss, jede Stunde Bildschirmzeit sei eine verlorene Lesestunde, ist trotzdem zu einfach.
In der französischen Untersuchung ging die Bildschirmzeit zuletzt sogar etwas zurück. Die Lesezeit stieg deswegen nicht automatisch. Zwischen beidem besteht also offensichtlich kein einfacher Tauschhandel nach dem Prinzip: Handy weg, Buch auf. Vielleicht lohnt deshalb der Blick in eine andere Richtung.
Lesen entsteht nicht nur aus individueller Disziplin. Kinder erleben Bücher zunächst durch andere Menschen. Sie sehen Eltern lesen, bekommen vorgelesen, sprechen über Geschichten oder haben Bücher selbstverständlich um sich herum. Auch hier zeigt die Studie Veränderungen. Deutlich mehr Jugendliche als noch vor zehn Jahren sagen, dass ihre Eltern selbst keine Bücher lesen. Regelmäßiges Vorlesen wird ebenfalls seltener. Wenn also jemand „schuld“ ist, dann möglicherweise die fehlenden Vorbilder und weniger oder nicht ausschließlich das Angebot über flackernde Bildschirme.
Das beweist keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Es macht aber eine merkwürdige Schieflage sichtbar: Erwachsene diskutieren ausführlich über die mangelnde Leselust der Kinder und erstaunlich selten über ihre eigene.
Nicht jedes Lesen sieht so aus, wie Erwachsene es gern hätten
Und dann gibt es noch einen zweiten Klassiker der Debatte: Jugendliche lesen durchaus – aber angeblich das Falsche. Bei der freiwilligen Lektüre stehen Comics und Mangas weit oben. Daneben spielen Romane eine wichtige Rolle. Besonders populäre Genres werden von Erwachsenen jedoch regelmäßig mit Misstrauen betrachtet. Heute trifft das etwa New Romance, früher traf es andere Formen der Unterhaltungsliteratur.
Natürlich darf man über Qualität, Inhalte oder Altersangemessenheit von Büchern streiten. Daraus folgt aber nicht, dass die Lektüre selbst wertlos wäre. Wer freiwillig einen Manga verschlingt, liest. Wer einen Liebesroman innerhalb eines Wochenendes beendet, liest ebenfalls. Dasselbe gilt auch dann, wenn diese Bücher nicht auf der persönlichen Bestenliste eines Deutschlehrers, Literaturkritikers oder Elternteils stehen.
Die Schule hat eine andere Aufgabe. Sie soll Jugendliche auch mit Texten konfrontieren, die sie sich nicht selbst ausgesucht hätten. Literaturunterricht wäre ziemlich überflüssig, wenn dort ausschließlich gelesen würde, was ohnehin schon auf dem Nachttisch liegt. Problematisch wird es erst, wenn Schullektüre und Leselust miteinander verwechselt werden.
Ein Jugendlicher kann Comics lieben und sich durch einen Roman im Unterricht quälen. Das eine widerlegt das andere nicht. Und gerade diese Differenz ist wichtig, wenn man verstehen will, weshalb jemand gern liest, aber mit bestimmten Texten Schwierigkeiten hat. Die amerikanische Journalistin Jessica Winter beschreibt in einer ähnlichen Debatte über Kinderbücher eine einfache Haltung, die dabei helfen kann: zunächst herausfinden, was Kinder tatsächlich interessiert, bevor man ihre Auswahl bewertet. Das klingt unspektakulär. Vielleicht ist es gerade deshalb sinnvoll.
Die interessantere Frage
Es gibt also durchaus Anlass, sich über das Lesen junger Menschen Gedanken zu machen. Besonders unter älteren Jugendlichen verliert das Buch an Boden. Die freiwillige Lesezeit sinkt, und ein beträchtlicher Teil liest außerhalb von Schule oder Ausbildung überhaupt nicht mehr. Daraus folgt aber nicht, dass eine ganze Generation das Lesen verlernt oder abgeschafft hätte.
Vielleicht ist die interessantere Frage ohnehin eine andere: Warum erwarten Erwachsene von Jugendlichen eine Beziehung zu Büchern, die sie selbst immer weniger selbstverständlich vorleben?
Die nächste Schlagzeile über die angeblich lesefaulen Jungen wird trotzdem kommen. Bevor man sie glaubt, lohnt sich ein genauerer Blick. Nicht nur darauf, wie viel Jugendliche lesen – sondern auch darauf, was sie lesen, warum sie lesen und welche Rolle Bücher in ihrem Alltag überhaupt noch spielen. Dann lässt sich die übersimplifizierte Diagnose „Die Jugend liest nicht“ nicht mehr halten. Die Wahrheit ist halt dann doch oft zu differenziert, als das man ihr mit einer einzigen Schlagzeile gerecht werden könnte.

