Wer steht auf der Liste? Warum wir Bestenlisten lieben
Bild: Fabelhafte-Buecher.de · erstellt mit KI

Zehn Bücher, höchstens. Wer bei ABC Radio National über die beliebtesten australischen Bücher abstimmen wollte, musste irgendwann einen elften Titel streichen. Auf der Website standen Hunderte Vorschläge; fehlende Bücher ließen sich ergänzen. Das klingt nach Freiheit, macht die letzte Entscheidung aber nicht leichter. Nimmt man das Buch, zu dem man immer wieder greift, oder eines, das man bewundert und seit Jahren nicht mehr aufgeschlagen hat? Die Abstimmung verlangte kein literaturwissenschaftliches Urteil. Sie verlangte, aus der eigenen Lektüre eine Auswahl zu machen.

Seit dem 1. Oktober 2026 ist die Wahl geschlossen. Am 17. und 18. Oktober will der australische Sender die hundert meistgewählten Bücher als Countdown vorstellen. Noch gibt es also keinen Sieger zu feiern und keinen Platz 101 zu beklagen. Es ist ein guter Moment, nach dem Verfahren zu fragen: Wie wird aus vielen privaten Vorlieben eine öffentliche Rangordnung, die anschließend selbst wieder beeinflusst, worüber gesprochen wird?

Was überhaupt zur Wahl stand

Jeder Teilnehmer konnte einmal abstimmen und bis zu zehn Bücher nennen. ABC ließ alle Genres zu. Ein oft wiedergelesener Kinderroman hatte damit grundsätzlich dieselbe Chance wie ein Gedichtband oder ein Sachbuch. Das Ergebnis wird zeigen, welche Titel die Abstimmenden nannten. Es wird nicht zeigen, welches australische Buch objektiv das beste ist. Der Unterschied klingt selbstverständlich, bis die Stimmen gezählt sind und hinter jedem Titel eine Zahl steht. Zahlen verleihen selbst Geschmacksurteilen einen Anschein von Messgenauigkeit.

Auch die Zugehörigkeit musste ABC festlegen. Als australisch galt ein Buch unter anderem dann, wenn sein Autor, Illustrator, Übersetzer oder namentlich genannter Herausgeber eine bedeutsame Verbindung zu Australien hatte. Auch ein redaktioneller Entstehungsprozess im Land konnte genügen. Das ist weiter gefasst als eine Sortierung nach Geburtsort des Autors und berücksichtigt, dass Bücher durch Übersetzung und Bearbeitung entstehen. Zugleich bleibt es eine Regel, keine Eigenschaft, die sich von jedem Umschlag ablesen ließe. Wer später einen Titel vermisst, sollte deshalb zuerst fragen, ob er antreten durfte.

Die Vorschlagsliste setzte eine zweite, leisere Grenze. ABC ließ ausdrücklich zu, Bücher selbst einzutragen. Dennoch wird ein Titel, den man beim Durchsehen entdeckt, leichter zum Kandidaten als einer, der einem erst zwei Tage später einfällt. Das ist eine plausible Wirkung der Anordnung, kein nachgewiesenes Ergebnis dieser Abstimmung. Gerade weil die Auswahl offen war, lohnt sich der Blick auf solche kleinen Entscheidungen: Ein Eingabefeld kann eine Vorauswahl durchlässig machen, aber nicht ungeschehen.

Das alles spricht nicht gegen die Liste. Wer in einer Bibliothek vor einem Regal unbekannter Bücher steht, kann mit hundert begründeten Hinweisen mehr anfangen als mit dem korrekten Satz, Geschmack sei verschieden. Man muss Platz eins nicht kaufen und Platz hundert nicht verachten. Schon ein einzelner Titel, nach dem man sonst nie gesucht hätte, rechtfertigt das Stöbern. Bestenlisten sind nützlich, solange man sie als Anfang einer Lektüre behandelt und nicht als deren Ersatz.

Von guten Büchern zu den besten

Wie schnell eine Empfehlung zum Urteil wird, zeigte sich bereits 1886. Der britische Politiker John Lubbock empfahl bei einem Vortrag am Londoner Working Men’s College hundert gute Bücher. Die Pall Mall Gazette machte daraus in ihrer Darstellung die hundert besten. Ein einziges Wort erhöhte den Einsatz. Über eine Empfehlung kann man sich freuen, auch wenn das eigene Lieblingsbuch fehlt. Bei den Besten möchte man wissen, wer entschieden hat und warum ausgerechnet dieses Werk noch einen Platz bekam.

Die Zeitung eröffnete eine längere Debatte mit Stellungnahmen prominenter Zeitgenossen. Der Streit war kein Betriebsunfall, sondern eine Folge des Formats. Hundert Plätze sind viele, wenn man sie lesen will, und wenige, sobald man sie vergeben muss. Der Titel auf Platz 101 ist nicht notwendig schlechter als der auf Platz 100; er ist nur nicht sichtbar. Genau diese Härte macht eine Liste handlich. Niemand würde sich ähnlich leidenschaftlich mit einer Empfehlung beschäftigen, die vorsichtshalber kein Buch auslässt.

Wie verschieden schon das Wort Bücher ausgelegt werden kann, zeigt auch Die ZEIT: Die 100 besten Bücher der Weltliteratur. Dort stehen Werke unterschiedlicher Epochen und Formen unter einem gemeinsamen Titel. ABC fragt dagegen nach den Lieblingsbüchern seines abstimmenden Publikums und verlangt eine australische Verbindung. Beide Auswahlen können Lektüre anstoßen. Wer sie nebeneinanderlegt, sollte allerdings nicht so tun, als hätten sie dieselbe Frage beantwortet.

Dieselbe Zahl, andere Wähler

Noch deutlicher wird der Unterschied beim Guardian. Für dessen 2026 veröffentlichte Liste der hundert besten Romane nannten mehr als 170 Schriftsteller, Kritiker und Wissenschaftler jeweils zehn Titel in einer persönlichen Rangfolge. Daraus errechnete die Zeitung eine Gesamtliste. Zugelassen waren Romane, die auf Englisch erschienen sind; ursprünglich anderssprachige Werke konnten also über eine englische Ausgabe teilnehmen. Ein Roman ohne solche Ausgabe blieb draußen. Bei ABC dürfen dagegen Bücher verschiedener Genres antreten, sofern sie die australischen Kriterien erfüllen. Zwei Listen mit je hundert Plätzen, aber mit anderen Wählern, anderen Grenzen und anderen Antworten.

Selbst innerhalb einer Zeitung bleibt der Kanon nicht stehen. In der Guardian-Auswahl von 2026 stammen 36 der hundert Romane von Autorinnen; bei den früheren Listen des Blattes waren es 21 und 16. Daraus folgt weder, dass früher 20 Autorinnen übersehen wurden, noch, dass die jüngste Befragung nun endgültig gerecht wäre. Die Zahlen zeigen etwas Nüchterneres: Wer auswählen darf und welche Bücher in Betracht kommen, gehört zur Geschichte einer solchen Liste. Ein Kanon wird nicht bloß gefunden. Er wird immer wieder zusammengestellt.

Für ABC gibt es eine nahe liegende Probe aufs Exempel. An seiner international angelegten Publikumswahl zu Büchern des 21. Jahrhunderts beteiligten sich 2025 mehr als 280.000 Menschen. Danach kritisierte die Schriftstellerin und Wissenschaftlerin Melanie Saward, dass nur wenige Werke von Autoren der First Nations vertreten waren. Eine große Beteiligung widerlegt diesen Einwand nicht. Sie sagt etwas darüber, wie viele Menschen abstimmten, nicht darüber, ob alle literarischen Stimmen gleiche Aussichten hatten, ihnen bekannt zu sein.

Ob die kommende, ausdrücklich australische Top 100 eine ähnliche Lücke aufweist, weiß noch niemand. Nach ihrer Veröffentlichung lässt sich aber genauer fragen, welche Bücher den Abstimmenden vertraut waren und welche trotz der weiten Zulassungsregeln fehlten. Man kann über einzelne Platzierungen streiten, ohne einer Publikumswahl vorzuwerfen, dass sie kein Verzeichnis sämtlicher lesenswerter Bücher geliefert hat. Umgekehrt muss man ihre Auslassungen nicht für belanglos erklären, nur weil niemand Vollständigkeit versprochen hat.

Eine öffentliche Liste bleibt nicht bei der Abbildung von Vorlieben stehen. Sie gibt den genannten Büchern einen weiteren Anlass, ausgeliehen, empfohlen und besprochen zu werden. Was zunächst als Ergebnis erscheint, wird damit selbst zur Empfehlung. Darin liegt ihr Reiz und ihre Grenze: Die Abstimmenden bringen ihre Lektüre mit, aber die fertige Liste hilft mit zu bestimmen, welche Lektüre andere beginnen.

Am 18. Oktober wird ABC auch Platz eins genannt haben. Interessanter könnte ein Buch auf Platz 73 sein, das jemand zum ersten Mal aus der Bibliothek holt. Oder eines, das fehlt und dessen Verteidiger nun endlich mehr vorbringen muss als Empörung. Eine Rangfolge kann ein Buch sichtbar machen. Ein guter Widerspruch kann es ebenfalls.