
Drei Erzählungen, drei Beziehungen, in denen Nähe nicht bedeutet, den anderen zu verstehen. Robert Musil beobachtet, wie Liebe, Zweifel und die Bilder, die Menschen voneinander haben, ineinandergreifen.
Wer bei Drei Frauen Erzählungen drei Porträts erwartet, wird bald merken, dass Robert Musil ebenso sehr die Männer betrachtet, die diesen Frauen begegnen. Was sie über Grigia, die Portugiesin und Tonka zu wissen glauben, gerät immer wieder ins Wanken. Musil interessiert sich für jene Augenblicke, in denen ein vertrauter Mensch fremd erscheint und eine scheinbar klare Beobachtung mehr über den Beobachter verrät als über ihr Gegenüber. Das macht die Lektüre nicht immer bequem. Die Geschichten treiben ihre Konflikte nicht einfach auf eine Erklärung zu, sondern halten Möglichkeiten offen, die sich gegenseitig stören. Gerade darin liegt ihr Reiz: Ein Blick, ein Schweigen oder ein Verdacht kann hier schwerer wiegen als ein großes Ereignis.
Der Band enthält die drei Erzählungen „Grigia“, „Die Portugiesin“ und „Tonka“. In „Grigia“ kommt Homo für Arbeiten an einem Bergwerk in eine Gebirgsgegend. Er hat Frau und Kind zurückgelassen und beginnt dort eine Beziehung mit der Bäuerin Grigia. „Die Portugiesin“ spielt auf der Burg des Herrn von Ketten. Seine Frau stammt aus Portugal; während er sich lange seinen Kämpfen widmet, bleibt zwischen den Eheleuten eine Distanz, die auch nach seiner Rückkehr besteht. „Tonka“ erzählt von einer jungen Frau aus einfachen Verhältnissen und einem Mann, mit dem sie zusammenlebt. Als Tonka ein Kind erwartet, zweifelt er an ihrer Treue. Die Geschichten führen also in unterschiedliche Milieus, doch in jeder steht eine Beziehung unter dem Druck von Erwartungen, Schweigen oder Misstrauen.
Musils Erzählweise folgt diesem Druck, statt ihn durch rasche Erklärungen aufzulösen. Besonders eindringlich ist das in „Tonka“: Der Mann sucht nach Gewissheit und prüft seine Erinnerungen, doch je genauer er hinsieht, desto weniger selbstverständlich erscheint ihm sein Urteil. Der Text verlangt dabei nicht, seinen Verdacht zu teilen. Er lässt spüren, wie ein Bedürfnis nach Beweisen die Zuwendung zu einem Menschen verdrängen kann. Tonkas Schweigen ist keine bloße Lücke, die der Leser füllen soll. Es steht auch dem Anspruch entgegen, ihre ganze Person aus dem Blick ihres Gefährten heraus begreifen zu können.
„Grigia“ setzt andere Mittel ein. Die Gebirgslandschaft und die Arbeit am Bergwerk geben der Erzählung eine körperliche, stellenweise beklemmende Gegenwart. Zugleich verändert Homos Verliebtheit seine Wahrnehmung der Umgebung: Das Nahe wirkt fremd, das Fremde verheißungsvoll. Musil beschreibt diese Verschiebung, ohne sie mit Glück gleichzusetzen. Gerade wenn Homo sich aufgehoben fühlt, bleibt ungewiss, wie viel er von Grigias Leben und Wünschen tatsächlich sieht. Das verleiht der Geschichte eine eigentümliche Spannung. Sie entsteht weniger aus der Frage, was als Nächstes geschieht, als aus dem Abstand zwischen dem, was Homo erlebt, und dem, was er darüber wissen kann.
In „Die Portugiesin“ wird dieser Abstand von Burgmauern, Herkunft und lang eingeübten Rollen geprägt. Der Herr von Ketten ist gewohnt zu handeln und Widerstand zu überwinden; gegenüber seiner Frau hilft ihm diese Haltung wenig. Musil gibt der Geschichte einen beinahe sagenhaften Ton, ohne die Figuren zu einfachen Sinnbildern zu machen. Das kann irritieren: Manches erscheint wie ein Zeichen, dessen Bedeutung sich gerade nicht festlegen lässt. Doch die Fremdheit der Erzählung ist sorgfältig gestaltet. Sie macht erfahrbar, dass die Ehe der beiden nicht schon deshalb vertraut ist, weil sie viele Jahre besteht.
So verschieden die drei Texte klingen, gemeinsam ist ihnen eine unbequeme Frage: Was geschieht, wenn Liebe den anderen nur unter Bedingungen gelten lässt, die man selbst festgelegt hat? Musil stellt sie nicht als Lehrsatz aus. Er nähert sich ihr über Wahrnehmungen, unausgesprochene Erwartungen und plötzliche Unsicherheit. Darin liegt auch eine Grenze der Lektüre. Die Frauen bleiben oft stärker durch den Blick der Männer bestimmt, als man es sich als Leser wünschen mag; wer ihre eigene Stimme sucht, wird nicht immer zufrieden sein. Auch Musils dichte Sätze und die Neigung, einen Eindruck mehrfach zu wenden, verlangen Aufmerksamkeit. Doch diese Sperrigkeit gehört zur Genauigkeit des Buches: Es macht seine Figuren nicht leichter verständlich, als sie füreinander sind.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Dass Drei Frauen Erzählungen weiterhin gelesen und zum literarischen Kanon gezählt wird, lässt sich nicht allein mit Musils Namen erklären. Die drei Geschichten erproben auf engem Raum etwas, das erzählerisch schwer zu fassen ist: den Unterschied zwischen einem Menschen und dem Bild, das ein Liebender von ihm entwirft. Musil findet dafür keine einheitliche Formel. Er wechselt zwischen der sinnlich bedrängenden Gebirgswelt, dem fremd anmutenden Burggeschehen und der schmerzhaft genauen Beobachtung eines Verdachts. Jede Erzählung stellt die Frage nach Nähe neu.
Gerade weil Musil auf eindeutige Urteile verzichtet, bleiben seine Texte offen für erneutes Lesen. Ein Satz, der zunächst eine Figur zu erklären scheint, kann beim zweiten Mal deren Blick auf eine andere Figur bloßlegen. Diese Beweglichkeit ist eine literarische Stärke, keine Aufforderung, jede Ungewissheit zum Rätsel zu verklären. Heutigen Lesern können die männlichen Perspektiven eng und manche gedanklichen Passagen mühsam erscheinen. Das Buch behauptet sich dennoch, weil es solche Spannungen nicht durch eine tröstliche Gewissheit ersetzt. Es zeigt, wie anspruchsvoll es ist, einem anderen Menschen gerecht zu werden.
Buchdaten
- Autor: Robert Musil
- Titel: Drei Frauen Erzählungen
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966372053
- Softcover-ISBN: 9783966372077
Rezension von Matthias

