Hildur. Das Tal der Schuld

Ein abgelegener Fundort, eine tote Frau und Fragen, die Hildur lange begleitet haben: Satu Rämö schickt ihre Ermittlerin erneut in die isländischen Westfjorde. Der fünfte Band verbindet die Untersuchung eines aktuellen Todesfalls mit Ereignissen aus früheren Jahren. Dabei erhalten sowohl die Figuren als auch die Ermittlungsarbeit Raum. Die Spannung entsteht nicht nur daraus, welcher Hinweis als Nächstes auftaucht, sondern auch aus dem, was die Beteiligten mit sich tragen.

Während eines Schafabtriebs entdecken Menschen in einem abgelegenen Tal der isländischen Westfjorde eine tote Frau. Hildur nimmt die Ermittlungen auf und erkennt Verbindungen zu einem Fall aus ihren ersten Jahren bei der Polizei. Gleichzeitig sucht ihre Tante Tinna nach Hinweisen auf ihre verschwundene Schwester. So verfolgt der Roman zwei offene Fragen: Was ist im Tal geschehen, und was lässt sich über die Ereignisse der Vergangenheit herausfinden? Beide Spuren berühren Hildurs persönliches Umfeld.

Rämö erzählt den Todesfall nicht als Rätsel, das sich allein durch das Zusammentragen von Beweisen erschließt. Hildurs Erinnerungen an ihre frühe Zeit im Beruf prägen, wie sie den Fall angeht. Das verleiht der Untersuchung eine persönliche Dimension, während der Kriminalfall im Zentrum bleibt. Leser, die ein rasches Erzähltempo und häufige Wendungen suchen, könnten die ruhigeren Abschnitte als ausgedehnt empfinden. Wer gern mehr über die Vorgeschichte einer Hauptfigur erfährt, findet hier dagegen zusätzlichen Stoff.

Ein wichtiges Gestaltungsmittel ist das Zusammenspiel von früheren Ereignissen und der Gegenwart. Was Hildur erlebt hat, bleibt nicht bloß Hintergrundinformation, sondern beeinflusst ihren Blick auf neue Hinweise. Die zeitlichen Wechsel fordern Aufmerksamkeit und lassen manches zunächst offen. Gerade daraus entwickelt sich ein Teil der Spannung: Zusammenhänge werden nach und nach sichtbar, statt in einem Wettlauf gegen die Zeit aufgelöst zu werden.

Tinnas Suche rückt neben Hildurs Polizeiarbeit eine weitere Familiengeschichte ins Blickfeld. Auch dieser Handlungsstrang kreist um Verlust und Fragen, die noch keine Antwort gefunden haben. Wer vor allem dem aktuellen Kriminalfall folgen möchte, kann die parallele Erzählung gelegentlich als Unterbrechung wahrnehmen. Rämö widmet beiden Linien viel Platz. Dadurch liest sich das Buch stellenweise eher als Teil einer fortlaufenden Familiengeschichte denn als völlig für sich stehender Krimi.

Die Westfjorde prägen die Handlung, ohne bloß als dekorativer Hintergrund zu dienen. Der Schafabtrieb, das Tal und die Wege durch die Gegend verankern den Fall in einem bestimmten Lebensumfeld. Die Abgeschiedenheit muss nicht ständig als bedrohlich beschrieben werden, um im Roman spürbar zu sein. Sie setzt die Figuren in ein Umfeld, in dem Vergangenes präsent bleibt und die Gemeinschaft nahe wirkt. So gewinnt die Geschichte Atmosphäre, ohne dass die Landschaft die persönlichen Konflikte verdrängt.

Als fünfter Band knüpft „Hildur. Das Tal der Schuld“ an die bereits entwickelte Hauptfigur an. Wer die Reihe kennt, kann Hildurs Verhalten mit Blick auf ihre früheren Erfahrungen einordnen; zugleich lässt sich der Ausgangspunkt der Ermittlungen auch ohne Vorwissen verstehen. Nicht alle Abschnitte bringen den Fall gleich schnell voran. Das Zusammenspiel von persönlicher Suche und Polizeiarbeit sorgt dennoch für anhaltendes Interesse. Rämö entfaltet die offenen Fragen Schritt für Schritt und setzt dabei weniger auf große Effekte als auf die Verbindungen zwischen den Figuren und ihren Geschichten.

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Ein Grund, zum Roman zu greifen, ist Hildurs persönliche Beziehung zu einem früheren Fall: Sie verleiht der Ermittlung zusätzliche Bedeutung, ohne sie auf Rückblicke zu beschränken. Außerdem ist die Handlung fest in den isländischen Westfjorden verankert. Schafabtrieb und abgelegenes Tal gehören zur konkreten Ausgangslage und sind nicht nur Kulisse. Tinnas Suche nach ihrer Schwester ergänzt Hildurs Perspektive um eine weitere Familiengeschichte. Das gemächliche Erzählen und die Wechsel zwischen mehreren Handlungs- und Zeitebenen dürften jedoch nicht jedem liegen. Wer ausschließlich dem aktuellen Todesfall folgen und ein durchgehend hohes Tempo erleben möchte, könnte die Nebenlinien als Umweg empfinden.

Buchdaten

  • Autor: Satu Rämö
  • Verlag: Heyne
  • Preis: 17,00 €
  • ISBN: 9783453444126

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Rezension von Flora