Rezension zu Jakob der Letzte von Peter Rosegger

Ein Bauer hält an seinem Hof fest, während die Nachbarn Altenmoos verlassen. Peter Rosegger erzählt von einem Dorf, das verschwindet, und von einem Mann, dessen Treue zur Heimat auch seine Familie belastet.

Ein Hof lässt sich verkaufen; was aber wird aus den Beziehungen, die an ihm hängen? Diese Frage gibt Peter Roseggers Roman „Jakob der Letzte“ seine Spannung. Das Buch kennt die Mühe bäuerlicher Arbeit ebenso wie den Stolz, der aus ihr erwächst. Es nimmt ernst, dass Geld für die einen einen Ausweg bedeutet und für die anderen den Anfang eines Verlusts. Dabei bleibt Rosegger nah an seinem Schauplatz: an Wegen, Feldern, Häusern und den Gesprächen der Menschen, die dort leben. Gerade diese Nähe macht den allmählichen Wandel spürbar. Wer eine behagliche Erzählung vom Landleben erwartet, wird hier auch Härte und Streit finden.

Jakob Steinreuter bewirtschaftet mit seiner Familie den Reuthof in Altenmoos, einem abgelegenen Bauerndorf im steirischen Gebirge. Als ein wohlhabender Käufer beginnt, Höfe der Gegend zu erwerben, nehmen mehrere Nachbarn seine Angebote an und ziehen fort. Jakob will seinen Besitz nicht verkaufen. Für ihn gehören Hof, Arbeit und das Leben seiner Familie so eng zusammen, dass ein Abschied kaum vorstellbar ist. Doch mit jedem fortziehenden Nachbarn verändert sich auch seine eigene Lage. Hinzu kommen Spannungen im Haus: Seine Kinder haben Wünsche und Vorstellungen, die sich nicht einfach mit seinem Willen vereinbaren lassen. Der Roman begleitet Jakob und die Menschen um ihn, während aus einzelnen Verkaufsentscheidungen eine Veränderung für das ganze Dorf wird.

Rosegger erzählt diesen Wandel nicht nur in großen Auseinandersetzungen. Er lässt ihn in Besuchen, Verhandlungen und Gesprächen sichtbar werden: Jemand zeigt Geld vor, jemand verteidigt einen Entschluss, jemand versucht, den anderen zum Bleiben zu bewegen. So hat Altenmoos zunächst Stimmen und Gesichter, bevor seine Leere Gewicht bekommt. Der Roman braucht dafür Zeit und ist stellenweise ausführlicher, als heutige Leser es gewohnt sein mögen. Doch das langsame Erzählen erfüllt einen Zweck. Wenn ein Nachbar fortgeht, fehlt nicht bloß eine weitere Figur; eine bisher selbstverständliche Verbindung im Dorf ist unterbrochen. Jakobs Widerstand gewinnt dadurch an Kraft, ohne dass jede Entscheidung der Fortziehenden als Verrat gelesen werden müsste.

Besonders stark ist das Buch dort, wo Rosegger den Hof als Arbeitsort zeigt. Wetter, Ernte, Tiere und Wege sind für Jakob keine malerische Umgebung, sondern bestimmen, was er an einem Tag tun kann und wovon seine Familie lebt. Auch der Wald verändert seine Bedeutung, sobald andere darüber verfügen und die Jagd Vorrang vor den Bedürfnissen der Bauern erhält. An solchen Stellen wird der Konflikt handfest: Es geht um beschädigte Felder, um Rechte und darum, wer einen Schaden tragen muss. Roseggers genaue Aufmerksamkeit für solche Vorgänge bewahrt den Roman davor, allein von großen Worten über Heimat zu leben. Man versteht, warum Jakob bleibt, und sieht zugleich, was ihn dieses Bleiben kostet.

Jakob selbst wird dabei nicht zur durchweg angenehmen Gestalt. Seine Verlässlichkeit und sein Eigensinn liegen dicht beieinander. Was er als Verantwortung für den Hof begreift, kann seinen Kindern zur Vorschrift werden; sein Wunsch, etwas zu bewahren, lässt wenig Raum für ihren Wunsch nach einem anderen Leben. Diese Spannung macht die Familiengeschichte interessanter als eine bloße Gegenüberstellung von Bauern und Käufern. Rosegger steht Jakob erkennbar nahe, aber der Roman zeigt auch die Enge seiner Haltung. Man kann mit ihm um Altenmoos trauern und sich dennoch fragen, ob er die Menschen in seinem Haus immer ebenso aufmerksam sieht wie das Land, auf dem sie leben.

Der Ton wechselt zwischen anschaulichen Szenen, derber Rede und eindringlichen Klagen. Rosegger kann einen Raum mit wenigen Handgriffen beleben und einem Gespräch durch Eigensinn oder Spott Bewegung geben. Dann wieder sagt die Erzählung sehr deutlich, was auf dem Spiel steht. Diese Neigung zum Nachdruck kann sperrig sein; nicht jedes Gefühl muss so kräftig ausgesprochen werden, wie es hier geschieht. Auch einzelne mundartliche Wendungen verlangen Aufmerksamkeit. Doch wer sich auf den Rhythmus einlässt, findet keinen stillstehenden Heimatroman. Gerade weil Rosegger so beharrlich auf Menschen, Arbeit und Besitz schaut, erhält das Verschwinden Altenmoos’ eine Schwere, die eine knappere Erzählung kaum auf dieselbe Weise erreichen würde.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Was an diesem Roman bleibt

Dass „Jakob der Letzte“ über viele Jahre gelesen und besprochen wurde, lässt sich gut an seiner Hauptfigur verstehen. Jakob steht für den Wunsch, an einem vertrauten Ort weiterzuleben; zugleich zeigt sein Verhalten, wie schwer dieser Wunsch mit den Entscheidungen anderer Menschen zu vereinbaren ist. Der Roman macht aus dem Verlust eines Dorfes keine abstrakte Behauptung. Er verfolgt, was geschieht, wenn Nachbarn wegziehen, Arbeitsverhältnisse zerfallen und ein Hof zwar noch steht, sein bisheriges Umfeld aber nicht mehr. Darin liegt seine literarische Kraft: Der Leser erlebt einen Wandel nicht als fertiges Urteil, sondern als Folge von Begegnungen und Abschieden.

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Nicht alles daran wirkt heute gleich zugänglich. Die gefühlsstarken Passagen und Jakobs enge Bindung an Besitz und Herkunft können befremden. Gerade diese Fremdheit lohnt jedoch die Lektüre. Rosegger fordert nicht bloß Zustimmung zu seinem Bauern, sondern gibt Anlass, dessen Liebe zum Hof und deren Folgen für seine Familie nebeneinander zu betrachten. So bleibt das Buch mehr als ein Zeugnis vergangenen Landlebens: Es erzählt genau davon, wie ein Mensch versucht, einem Ort treu zu bleiben, der sich auch ohne seinen Willen verändert.

Buchdaten

  • Autor: Rosegger
  • Titel: Jakob der Letzte
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988282392
  • Softcover-ISBN: 9783988281395

Rezension von Sandrine