
In Calandra ist ein Friedensschluss noch lange keine Garantie für Sicherheit. Odessa und Caspia erleben die Folgen politischer Abmachungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und müssen herausfinden, welchen Erwartungen sie folgen wollen – und welchen nicht. Devney Perry erzählt von Macht, familiären Geheimnissen und einer Beziehung, die durch räumliche Trennung belastet wird. Die verschiedenen Handlungsstränge verlangen Aufmerksamkeit, eröffnen aber auch neue Perspektiven auf die Welt des Romans.
Der zweite Band knüpft an die Ereignisse des Vorgängers an und führt in die fünf Königreiche Calandras zurück. Die Gefahr durch Monster bleibt bestehen, doch im Mittelpunkt stehen ebenso die Abmachungen und Loyalitäten, die das Zusammenleben der Reiche bestimmen. Odessa begegnet einer Ordnung, die nach außen Frieden verspricht, deren Voraussetzungen sie aber zunehmend prüfen muss. Ihre persönliche Entwicklung hängt damit eng an der Frage, wer über ihre Rolle entscheidet. Parallel dazu eröffnet Caspias Erzählstrang einen weiteren Zugang zu den politischen Verhältnissen. Sie ist von dem Mann getrennt, den sie liebt, und hat zugleich ein Mädchen zu schützen und Geheimnisse aus der eigenen Familie aufzudecken.
Mit Caspia als zweiter Perspektivfigur verändert sich der Blick auf die Handlung. Odessas Entscheidungen bekommen durch den zusätzlichen Erzählstrang einen größeren Zusammenhang: Was für die eine Figur wie eine persönliche Zumutung erscheint, kann für eine andere Teil einer weitreichenden politischen Lage sein. Das erweitert die Geschichte über die Erfahrungen einer einzelnen Heldin hinaus. Gleichzeitig hat der Wechsel seinen Preis. Wer sich gerade in eine Situation oder Figur eingelesen hat, wird mitunter an einen anderen Ort und zu einem anderen Konflikt geführt. Dieser Aufbau bringt zwar neue Verbindungen ans Licht, hält den Leser aber nicht immer durchgehend bei derselben emotionalen Spannung.
Besonders gelungen ist, dass der Roman Erwartungen nicht einfach als selbstverständliche Pflichten behandelt. Odessa muss erst erkennen, woher die Ansprüche an sie kommen und wem sie zugutekommen. So wird ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle zu mehr als einem inneren Zweifel: Sie berührt die Frage, ob die bestehende Ordnung tatsächlich für alle Beteiligten Sicherheit schafft. Caspias Handlung ergänzt diese Überlegung, indem sie zeigt, wie politische Umstände persönliche Entscheidungen einengen können. Die Figuren handeln daher nicht bloß zwischen Herz und Pflicht. Sie müssen sich auch darüber klar werden, welche Verpflichtungen sie anerkennen und welche sie hinterfragen dürfen.
Die Reisen durch Calandra geben der Fortsetzung Bewegung und führen verschiedene Orte sowie Interessen zusammen. Die Welt erschließt sich dabei vor allem über das, was die Figuren erleben und noch nicht wissen. Nicht jede Grenze oder Vereinbarung wird ausführlich erklärt; vielmehr entsteht nach und nach das Bild einer Region, in der Familienbindungen und politische Absprachen weitere Konflikte verbergen können. Das passt zur unsicheren Lage der Figuren. Allerdings treffen die Ortswechsel auf den Wechsel der Perspektiven und können das Erzähltempo schwanken lassen. Manche Abschnitte bieten neue Orientierung, bevor ein zuvor aufgebauter Spannungsmoment fortgesetzt wird. Eine geradlinige Entwicklung ohne solche Unterbrechungen sollte man deshalb nicht erwarten.
Auch die Liebesgeschichte ist von Distanz geprägt. Die Trennung sorgt dafür, dass die Beziehung nicht nur in gemeinsamen Begegnungen Gewicht erhält. Bedeutung haben ebenso die Entscheidungen, die eine Figur im Interesse der anderen trifft, obwohl beide nicht zusammen sind. Dadurch bleibt die Romanze mit den übrigen Konflikten verbunden, statt sie einfach beiseitezuschieben. Zugleich rückt sie nicht in jeder Phase gleich stark ins Zentrum. Politische Fragen und die Suche nach familiären Antworten beanspruchen viel Raum. Wer vor allem wegen der Liebesgeschichte zum Buch greift, könnte sich daher wünschen, dass die Beziehung häufiger und ausführlicher behandelt wird.
Als Fortsetzung richtet sich der Roman an Leser, die mit Band eins vertraut sind. Der enge Anschluss lässt wenig Gelegenheit, die Vorgeschichte neu aufzubauen; bekannte Beziehungen, offene Fragen und frühere Entscheidungen bilden den Ausgangspunkt. Das erlaubt Perry, rasch wieder in die Handlung einzusteigen und den Blick auf ein größeres Geflecht von Interessen zu lenken. Die stärksten Momente entstehen dort, wo äußere Gefahr und innere Unsicherheit einander berühren. Nicht jeder Abschnitt trägt gleich deutlich zu dieser Spannung bei. Dennoch ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild: Die Figuren suchen nicht nach einfachen Lösungen, sondern müssen mit den Folgen ihrer Entscheidungen umgehen.
Monster bilden weiterhin einen Teil der Gefahren, doch Bedrohung entsteht auch durch Zweifel an der politischen Stabilität und durch Dinge, die innerhalb von Familien unausgesprochen bleiben. Diese ruhigere Spannung ergänzt die abenteuerlichen Elemente. Sie verlangt, auf Hinweise und Verbindungen zwischen den Handlungssträngen zu achten, statt nur auf die nächste Konfrontation zu warten. Das dürfte besonders Lesern entgegenkommen, die neben Fantasyabenteuern Interesse an Machtfragen und persönlichen Verwicklungen haben. Wer hingegen ein dauerhaft hohes Tempo erwartet, könnte die ruhigeren Übergänge als Verzögerung empfinden. Die Erzählung nimmt sich Zeit, unterschiedliche Erfahrungen nebeneinanderzustellen und ihre Konsequenzen sichtbar zu machen.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für den Roman spricht zunächst der Wechsel zwischen Odessa und Caspia, durch den politische Ereignisse aus mehr als einer persönlichen Lage heraus verständlich werden. Auch die fünf Königreiche bieten einen Rahmen, in dem ein Friedensversprechen nicht automatisch Vertrauen schafft. Hinzu kommen familiäre Rätsel, Schutzverantwortung und eine Liebesgeschichte, die trotz der Trennung Einfluss auf die Entscheidungen der Figuren hat. Weniger passend ist das Buch für Leser, die ein gleichmäßiges Erzähltempo oder eine einzelne, durchgehend verfolgte Handlung bevorzugen. Die häufigen Wechsel erfordern Aufmerksamkeit und können den Lesefluss zeitweise bremsen. Wer Freude daran hat, Zusammenhänge nach und nach zu erkennen, findet hier jedoch eine Fortsetzung, die persönliche Konflikte mit Fragen nach Verantwortung und Macht verbindet.
Buchdaten
- Autor: Devney Perry
- Verlag: Heyne
- Preis: 24,00 €
- ISBN: 9783453275737
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Rezension von Flora

