Rezension zu Mathilde Möhring von Theodor Fontane

Mathilde Möhring weiß, was sie will, und erkennt schnell, woran es anderen fehlt. Fontanes Roman macht aus ihrem Aufstiegswillen eine leise ironische Geschichte über Ehrgeiz, Abhängigkeit und den Preis gesellschaftlicher Anerkennung.

Man muss Mathilde Möhring nicht sympathisch finden, um ihr gern zuzusehen. Ihre Entschiedenheit hat etwas Erfrischendes, ihre Menschenkenntnis aber auch eine Schärfe, die wenig Raum für Nachsicht lässt. Fontane stellt mit ihr eine Frau ins Zentrum, deren Fähigkeiten sich nicht in gefälliger Zurückhaltung erschöpfen: Sie beobachtet, organisiert und verfolgt ihre Interessen. Gerade deshalb ist dieser Roman mehr als das Porträt einer berechnenden Aufsteigerin. Er fordert dazu heraus, zwischen Tatkraft und Bevormundung, zwischen berechtigtem Ehrgeiz und gesellschaftlicher Eitelkeit zu unterscheiden. Seine stärksten Momente entstehen dort, wo diese Grenzen unsicher werden. Die Lektüre lebt weniger von großen Gefühlsausbrüchen als von kleinen Verschiebungen im Urteil über die Figuren. Dabei bleibt Mathilde unbequem genug, um nicht zur bloßen Identifikationsfigur zu werden.

Mathilde Möhring lebt mit ihrer verwitweten Mutter in bescheidenen Verhältnissen in der Berliner Georgenstraße. Die beiden vermieten ein möbliertes Zimmer, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Als der Jurastudent Hugo Großmann einzieht, erkennt Mathilde in dem freundlichen, aber wenig entschlossenen jungen Mann eine Möglichkeit, ihre Zukunft anders einzurichten. Hugo steht vor seinem Examen, lässt sich jedoch lieber von seinen Neigungen und seiner Bequemlichkeit leiten, als zielstrebig auf einen Beruf hinzuarbeiten. Mathilde dagegen besitzt praktischen Verstand und einen festen Willen. Sie beginnt, sich für seine Lebensführung und seine beruflichen Aussichten zu interessieren. Zwischen der nüchternen Tochter der Zimmervermieterin und dem angehenden Juristen entwickelt sich eine Beziehung, in der unterschiedliche Erwartungen an Liebe, Alltag und gesellschaftliches Fortkommen zusammentreffen.

Die stärkste Entscheidung des Romans liegt darin, Mathildes Klugheit nicht automatisch mit moralischer Überlegenheit gleichzusetzen. Sie sieht vieles richtig, doch aus ihrer Treffsicherheit entsteht rasch ein Anspruch, auch für andere entscheiden zu dürfen. Schon nach der ersten Begegnung mit Hugo glaubt sie genau zu wissen, wie er seinen Tag verbringen und weshalb er das Zimmer nehmen wird. Das ist komisch, weil ihre Diagnose so unerschütterlich ausfällt; zugleich zeigt sich darin ihre Neigung, Menschen auf brauchbare Eigenschaften festzulegen. Trotzdem wäre es zu einfach, sie als kalte Strategin abzutun. Wer wenig besitzt, kann sich Nachlässigkeit schwer leisten. Mathildes Wachsamkeit wirkt deshalb zugleich wie eine Begabung und wie eine Gewohnheit, die ihre Lebensumstände ihr abverlangen.

Fontanes Ironie setzt besonders wirkungsvoll bei den kleinen Ansprüchen auf Ansehen an. Bereits die Frage, wie viele Treppen man zur Wohnung der Möhrings hinaufsteigen muss, besitzt neben der praktischen eine gesellschaftliche Bedeutung. Rang wird hier nicht feierlich erklärt, sondern in Adressen, Einrichtungsgegenständen und beiläufigen Bemerkungen sichtbar. Auch die Gespräche zwischen Mutter und Tochter leisten viel: Die Mutter sorgt sich um den guten Ruf, Mathilde hält sich an ihre Beobachtungen und ihre unverblümten Redensarten. Diese Stimmen geben dem Roman Beweglichkeit. Man hört nicht bloß Informationen, sondern unterschiedliche Arten, sich gegen Unsicherheit zu schützen. Der Humor bleibt dabei trocken. Er macht die Figuren kenntlich, ohne ihre beschränkten Verhältnisse zur gemütlichen Kulisse zu verniedlichen.

In der Beziehung zu Hugo erhält Mathildes Tatkraft eine besonders widersprüchliche Wirkung. Sie bringt Bewegung in ein Leben, das sonst leicht im Aufschub steckenbleiben könnte; zugleich wird seine berufliche Entwicklung zunehmend zu ihrer eigenen Aufgabe. Das Verhältnis lässt sich deshalb weder als reine Liebesgeschichte noch als einseitige Ausbeutung überzeugend lesen. Beide gewinnen etwas, beide bleiben abhängig. Wenn sich der Schauplatz später in die Kleinstadt Woldenstein verlagert, erweitert sich dieses Muster: Nun müssen nicht nur persönliche Schwächen ausgeglichen, sondern auch örtliche Interessen und gesellschaftliche Empfindlichkeiten berücksichtigt werden. Mathildes Geschick besteht darin, Erwartungen zu erkennen und passende Antworten bereitzuhalten. Gerade darin liegt die leise Unruhe des Romans: Wie viel eigene Überzeugung bleibt übrig, wenn jede Äußerung zugleich dem Fortkommen dienen soll?

Ganz glatt ist diese Lektüre nicht. Fontane hat den Roman nicht abschließend für die Veröffentlichung ausgearbeitet; deshalb sollte man seine Knappheit nicht durchweg als bewusst gesetzte Vollendung bewundern. Manche Übergänge wirken gedrängt, manche Entwicklungen hätten mehr erzählerischen Raum vertragen. Auch die Darstellung jüdischer Nebenfiguren verlangt Aufmerksamkeit: Karikierende Züge und die Rede von einer „dritten Konfession“ lassen sich nicht einfach als harmloser Gesellschaftshumor beiseiteschieben. Hier wird die ironische Distanz selbst fragwürdig. Solche Stellen schmälern die Überzeugungskraft eines pauschalen Lobes, nicht aber den Wert einer genauen Lektüre. Insgesamt trägt den Roman seine eigensinnige Hauptfigur: Mathilde bleibt in Erinnerung, weil ihre Tüchtigkeit weder lächerlich gemacht noch von ihren problematischen Seiten gereinigt wird.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Ein eigenständiger Platz in Fontanes Werk

„Mathilde Möhring“ gehört nicht zu den Romanen Fontanes, die seine öffentliche Wahrnehmung am stärksten bestimmen. Sein Platz in der literarischen Überlieferung lässt sich dennoch gut begründen: Die Titelfigur erweitert das Spektrum seiner Frauenporträts um eine ausgesprochen praktische, auf Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse bedachte Gestalt. Dass der Text unvollendet blieb und lange weniger Beachtung fand, gehört zu seiner Geschichte; es ist kein Grund, ihn nur als Nebenarbeit zu lesen.

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Seine bleibende Stärke liegt für mich in der Genauigkeit, mit der Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten auseinanderfallen. Mathilde kann organisieren und vorausdenken, doch zunächst muss sie diese Fähigkeiten über die Laufbahn eines Mannes wirksam machen. Daraus entsteht kein einfaches Vorbild, sondern eine Figur, an der sich Anerkennung und Unbehagen zugleich festmachen lassen. Die historischen Umgangsformen, gesellschaftlichen Rangzeichen und konfessionellen Anspielungen können heutigen Lesern fremd bleiben. Auch verlangt die knappe Erzählweise gelegentlich Geduld für das nur Angedeutete. Wer sich darauf einlässt, findet jedoch eine präzise Prüfung des Ehrgeizes: Wann hilft er, ein Leben selbst zu gestalten, und wann beginnt er, andere Menschen diesem Entwurf unterzuordnen?

Buchdaten

  • Autor: Theodor Fontane
  • Titel: Mathilde Möhring
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966371902
  • Softcover-ISBN: 9783966371926

Rezension von Emma und Hanna