Rezension zu Die Bergwerke zu Falun von E. T. A. Hoffmann

Zwischen menschlicher Nähe und dem Lockruf der Tiefe: Hoffmann erzählt von einer Sehnsucht, die keinen sicheren Ort findet. Eine dunkle, bildmächtige Erzählung, deren Unruhe stärker wirkt als jeder bloße Schauereffekt.

Die größte Bedrohung kommt in „Die Bergwerke zu Falun“ nicht einfach aus der Dunkelheit. Sie liegt darin, dass diese Dunkelheit einem Menschen schöner und verheißungsvoller erscheinen kann als das Leben im Tageslicht. Hoffmann macht aus diesem Widerspruch eine Erzählung von eigentümlicher Sogkraft. Ihre Stärke liegt weniger im überraschenden Ereignis als in der schleichenden Verschiebung dessen, was Geborgenheit, Schönheit und Gefahr bedeuten. Das Unheimliche tritt dabei nicht als sauber abgrenzbare Gegenwelt auf: Es mischt sich in Wünsche, Wahrnehmungen und Hoffnungen. Wer nüchterne psychologische Erklärungen erwartet, wird deshalb auf Widerstand stoßen. Wer sich dagegen auf die sinnliche Genauigkeit dieser wechselnden Wirklichkeit einlässt, entdeckt eine Geschichte, die ihre Bilder nicht zur Ruhe kommen lässt.

Der junge Seemann Elis Fröbom kehrt von einer Reise nach Göteborg zurück und erfährt, dass seine Mutter während seiner Abwesenheit gestorben ist. Während die anderen Matrosen ihre Heimkehr feiern, zieht er sich zurück und sieht für sich keine Zukunft mehr auf See. In dieser Lage begegnet ihm der alte Bergmann Torbern, der von den Erzgruben im schwedischen Falun erzählt und ihm einen Berufswechsel nahelegt. Elis folgt dieser Anregung. In Falun findet er Aufnahme beim Bergwerksbesitzer Pehrson Dahlsjö und verliebt sich in dessen Tochter Ulla. Zugleich beschäftigen ihn Torberns Schilderungen und eindringliche Träume von einer unterirdischen Welt. Zwischen der Aussicht auf ein gemeinsames Leben mit Ulla und seiner wachsenden Hinwendung zum Bergwerk entsteht ein Konflikt.

Wie Hoffmann diesen Konflikt räumlich erfahrbar macht, gehört zu den überzeugendsten Leistungen der Erzählung. Das Bergwerk ist kein austauschbarer Schauplatz für düstere Vorgänge. Schwefeldunst, zerklüftetes Gestein, enge Abstiege und wechselnde Luftströmungen geben ihm zunächst eine bedrängende Körperlichkeit. Man spürt, dass hier jeder Schritt Anstrengung und Gefahr bedeutet. Doch derselbe Raum kann in Elis’ Wahrnehmung aufleuchten und eine überwältigende Schönheit gewinnen. Gerade diese Verwandlung verunsichert: Was ihn bedroht, verspricht ihm zugleich Erfüllung. Die Beschreibungen liefern deshalb mehr als Atmosphäre. Sie lassen das Publikum nachvollziehen, wie eine gefährliche Umgebung zum Gegenstand eines Verlangens werden kann, das sich vernünftigen Einwänden immer weiter entzieht. Der Schrecken wächst aus der Anziehung selbst.

Dabei wahrt Hoffmann eine produktive Unsicherheit. Torberns Auftreten, die Traumvisionen und die Gestalt der Bergkönigin lassen sich nicht bequem auf eine einzige Erklärung festlegen. Man kann darin die Bilder eines erschütterten Menschen erkennen; ebenso beansprucht das Wunderbare innerhalb der erzählten Welt sein eigenes Gewicht. Für meine Lektüre liegt gerade hier die Stärke des Textes: Er verlangt keine vorschnelle Entscheidung zwischen Spukgeschichte und Seelendrama. Elis wird weder bloß zum Opfer fremder Mächte noch zum restlos durchschaubaren Fall. Seine Trauer macht seine Empfänglichkeit verständlich, erklärt aber nicht jede Regung weg. Dadurch bleibt eine beunruhigende Nähe zu ihm bestehen, selbst dort, wo sein Blick auf die Welt zunehmend fremd wird.

Einen leiseren, aber wichtigen Anteil an dieser Wirkung hat das Verhältnis von Reden und Schweigen. Elis empfindet heftig, findet jedoch gerade gegenüber Ulla nicht selbstverständlich die Worte, die Nähe schaffen könnten. Torbern dagegen versteht es, mit seinen Schilderungen Vorstellungen hervorzurufen und Wünsche auszurichten. Darin liegt ein scharf beobachteter Gegensatz: Die Sprache des Verlockenden erreicht Elis leichter als das offene Gespräch mit einem wirklichen Gegenüber. Die Liebesgeschichte erhält dadurch eine Spannung, die über die Konkurrenz zweier Lebensmöglichkeiten hinausgeht. Es fehlt nicht einfach an Gefühl, sondern an dessen rechtzeitiger Mitteilung. Hoffmann macht diese Schwierigkeit spürbar, ohne sie in eine beruhigende Lektion über gelingende Verständigung aufzulösen.

Nicht alles daran kommt heutigen Lesern unmittelbar entgegen. Die ausgreifenden Sätze, die emphatischen Gefühlsäußerungen und einzelne schwedische Bezeichnungen verlangen Aufmerksamkeit. Auch Ulla bleibt gegenüber Elis’ innerer Bewegung vergleichsweise schmal gezeichnet; als Gegenüber hätte sie stellenweise mehr Eigengewicht vertragen. Die Bergkönigin verfügt über die stärkere Bildsprache, während die menschliche Liebe häufiger durch ihre Verheißung von Treue und häuslichem Glück bestimmt wird. Das ist eine Grenze der Figurenzeichnung, zugleich aber Teil des erzählerischen Ungleichgewichts: Das Ferne erhält einen Glanz, mit dem das Nahe kaum konkurrieren kann. Wer langsamer liest und die Übersteigerungen nicht vorschnell als bloßen Schwulst abtut, wird mit eindringlichen Übergängen zwischen Zärtlichkeit, Beklemmung und jähem Entsetzen belohnt.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Ein Platz im literarischen Gedächtnis

Dass sich „Die Bergwerke zu Falun“ im literarischen Kanon behaupten konnte, lässt sich vor allem aus der engen Verbindung von Bild und innerem Konflikt verstehen. Hoffmann erzählt nicht erst eine seelische Entwicklung, um sie anschließend mit Landschaft auszustatten. Der Abstieg, das Funkeln der Mineralien und die veränderte Wahrnehmung des Gesteins sind selbst Formen dieser Entwicklung. Darin liegt ein überzeugender Grund, die Erzählung wiederzulesen: Ihre Schauplätze verändern ihre Bedeutung mit jeder Verschiebung von Elis’ Hoffnungen. Zugleich bleibt offen, wie weit seine Wahrnehmung die Welt verwandelt oder etwas in ihr erkennt, das anderen verborgen ist.

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Die Erzählung verdient ihren Rang deshalb nicht als bloßes Beispiel romantischer Vorlieben für Traum und Nachtseite. Sie prüft, wie nahe der Wunsch nach einem erfüllteren Leben an die Abwendung vom tatsächlich möglichen Leben geraten kann. Ihre historischen Ausdrucksformen bleiben dabei sichtbar und bisweilen sperrig. Man muss weder ihre Gefühlsrhetorik noch ihre Verteilung der Frauenrollen vorbehaltlos übernehmen, um ihre literarische Kraft anzuerkennen. Entscheidend ist die Genauigkeit, mit der sie Anziehung und Gefahr untrennbar werden lässt: Schönheit bietet hier gerade keine Gewähr dafür, dass etwas dem Menschen guttut.

Buchdaten

  • Autor: Hoffmann
  • Titel: Die Bergwerke zu Falun
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988286987
  • Softcover-ISBN: 9783988285980

Rezension von Emma und Marc