Daniela Noitz – Autorenporträt
(c) Daniela Noitz

Daniela Noitz schreibt Geschichten über das Leben und seine Möglichkeiten.

In ihren Romanen, Kurzgeschichten und Erzählungen begegnen uns Menschen und Tiere, die ihren Alltag leben, Beziehungen eingehen, Gewissheiten hinterfragen und manchmal unerwartete Wege einschlagen. Ihr Blick gilt dabei auch dem Unscheinbaren: kleinen Begegnungen, beiläufigen Augenblicken und Veränderungen, die nicht immer sofort erkennbar sind.

Welche literarische Figur wärst du selbst gerne für einen Tag?

Christopher Robin aus „Pu der Bär“. Weil dort Freunde auf mich warten würden, die sich freuen, wenn ich komme. Mit ihnen zusammensitzen, plaudern oder einfach nichts tun. Was könnte schöner sein?

Was ist die ungewöhnlichste Situation, in der du jemals geschrieben hast?

Während einer Wanderung durch Irland hatte ich eine kleine Bluetooth-Tastatur im Gepäck. Und so kam es, dass ich eines Tages auf einer Wiese neben Eseln saß und schrieb. Es war einfach unbedingt notwendig.

Welches Buch hättest du gerne selbst geschrieben?

Keines. So sehr ich die Bücher von José Saramago, Heinrich Böll, Aldous Huxley und vielen anderen schätze, möchte ich keines davon selbst geschrieben haben. Denn dann könnte ich diesen Büchern nicht mehr als Leserin begegnen. Und das wäre ein großer Verlust.

Was ist der größte, aber falsche Mythos, den Menschen über das Leben als Schriftsteller glauben?

Dass Schreiben keine richtige Arbeit ist, sondern man sich einfach hinsetzt, seiner Inspiration freien Lauf lässt und dabei ein wunderbares Bohème-Leben führt.

Natürlich gibt es diese Momente, in denen die Worte nur so fließen. Aber es gibt auch Durchhänger, Sackgassen und Knoten, die sich kaum auflösen lassen. Manchmal kommt eine Geschichte völlig zum Stillstand. Und dann sind da noch die Überarbeitungen! Das wiederholte Durchlesen meiner eigenen Texte ist übrigens eines der zuverlässigsten Mittel, um mich zum Einschlafen zu bringen.

Schreiben macht mir Freude. Aber es ist auch Arbeit. Manchmal sogar verdammt harte Arbeit.

Welche Marotte oder Angewohnheit begleitet dich beim Schreiben?

Meine größte Marotte ist das „Jetzt sofort!“. Wenn eine Geschichte in meinem Kopf Gestalt angenommen hat, muss ich sie so schnell wie möglich aufschreiben.

Einmal lag ich bereits im Bett, als mir eine Geschichte einfiel. Sie entwickelte sich, wurde immer deutlicher, und schließlich war sie da. „Schreib sie morgen“, dachte ich. Aber nein, bis morgen könnte sie verschwunden sein.

Also holte ich meinen Laptop und eine Tasse Tee – die gehört unbedingt dazu. Um niemanden zu wecken, ließ ich das Licht aus. Was ich nicht wusste: Mein Hund hatte sich inzwischen vor die Schlafzimmertür gelegt.

Ich stolperte über ihn. Es folgte ein bemerkenswerter Balanceakt: dem Hund nicht wehtun, den Laptop retten und möglichst wenig Tee verschütten.

Alles gelungen! Nur mein Knie hatte etwas dagegen. Geschrieben habe ich trotzdem.

Welche Kritik an deinen Büchern hat dich besonders getroffen oder überrascht?

Bei zwei meiner Bücher, „Der alte Revoluzzer, das junge Mädel und die Schweine“ und „Ungezähmt“, wurde kritisiert, dass alles zu glatt verlaufe und Schwierigkeiten zu einfach überwunden würden.

Diese Kritik habe ich ernst genommen und für mein weiteres Schreiben mitgenommen. Denn natürlich muss auch das Gelingen glaubwürdig erzählt werden. Gleichzeitig hat sie bei mir eine Frage aufgeworfen: Ist das Gelingen tatsächlich so unglaubwürdig geworden? Haben wir uns so sehr an Dystopien und das Scheitern gewöhnt, dass wir uns kaum noch vorstellen können, dass etwas gut ausgeht?

Ich möchte jedenfalls auch von Möglichkeiten erzählen, die Wirklichkeit werden. Nicht weil ich Schwierigkeiten ausblenden will, sondern weil ich nicht hinnehmen möchte, dass nur noch das Scheitern als realistisch gilt.

Mit welchem Schriftsteller – lebend oder verstorben – würdest du gerne einen Abend verbringen?

José Saramago. Ich bin über Platons Höhlengleichnis auf ihn gestoßen, weil ich mich fragte, ob es Schriftsteller gibt, die diesen Gedanken literarisch verarbeitet haben. So entdeckte ich „Das Zentrum“. Allerdings habe ich das Buch dreimal wieder weggelegt, bevor ich einen weiteren Versuch unternahm. Und plötzlich war ich mittendrin!

Ich würde Saramago gerne erzählen, wie ich zu seinen Büchern gefunden habe und welchen Eindruck seine Werke auf mich gemacht haben – natürlich nur, wenn ihn das interessiert. Und dann würde ich einfach schauen, wohin sich unser Gespräch entwickelt. Ich bin überzeugt, dass es ein spannender Abend werden könnte.

Wie autobiografisch sind deine Bücher? Wie viel von dir selbst fließt dort ein?

Alles und nichts. Alles, weil ich aus meiner eigenen Biografie, meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Gedanken heraus schreibe. Wie sollte es auch anders sein? Nichts, wenn damit gemeint ist, dass meine Geschichten konkrete Ereignisse aus meinem Leben wiedergeben. Natürlich gibt es Erlebtes, aber ebenso Erfundenes, Verändertes und neu Zusammengesetztes. Schon Goethe nannte seine Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“.

Ich frage mich allerdings, was diese Information über ein Buch tatsächlich aussagt. Wird eine Geschichte anders, wenn man weiß, welche Teile davon wirklich geschehen sind?

Ich habe manchmal den Eindruck, dass zu viel Wissen über eine Autorin oder einen Autor den Blick auf ein Werk sogar verstellen kann. Plötzlich wird alles biografisch erklärt, statt sich auf die Geschichte einzulassen. Und um die geht es mir schließlich: um meine Geschichten, nicht um mich.

Welche Frage wird dir in Interviews nie gestellt, obwohl du sie gerne beantworten würdest – und wie lautet deine Antwort?

„Darf dich deine eigene Geschichte überraschen?“

Unbedingt! Und das tut sie ständig. Ich beginne nie mit einem fertigen Plot oder vollständig ausgearbeiteten Charakteren. Ich habe einen roten Faden, weiß, wo ich anfange und ungefähr, wo ich hinwill. Aber welchen Weg die Geschichte nimmt, bleibt offen.
Manchmal verändert sich dabei sogar das ursprünglich vorgesehene Ziel. Bei „Ungezähmt“ bin ich beispielsweise ganz woanders gelandet, als ich zunächst dachte. Und bei „Mütter“ entwickelte sich ein Ende, das nicht alle Konflikte auflöste, sondern eine Möglichkeit eröffnete, weiterzugehen und sich zu verändern.

Das ist für mich einer der schönsten Aspekte des Schreibens: dass ich meine Geschichten nicht nur gestalte, sondern währenddessen selbst noch etwas entdecken kann.

Was kannst du uns schon über dein nächstes Projekt verraten?

Mein nächstes größeres Projekt trägt den Arbeitstitel „Die Sprache der Fäden“.

Die Geschichte handelt von einer Gemeinschaft, deren Leben sich um eine Hanffabrik entwickelt hat. Als die Fabrik geschlossen wird, verändert sich nicht nur die wirtschaftliche Situation, sondern der gesamte Alltag. Das Leben verlangsamt sich. Einer meiner Ausgangsgedanken war dabei die berühmte Marienthalstudie, die untersuchte, wie sich die Schließung einer Fabrik auf das Leben der Menschen auswirkte.

Daneben steht eine Frau, die nicht spricht und sich durch ihre Webbilder ausdrückt. Während die Fabrik das Leben der Gemeinschaft geprägt hat, findet sie in den Fäden ihre eigene Sprache.

Es geht um Arbeit, Gemeinschaft, Veränderungen und unterschiedliche Formen menschlichen Ausdrucks. Wie sich diese Lebenswege miteinander verbinden, wird sich beim Schreiben zeigen.

Du bist im Weltall: Elon hat dich auf den Mars geschossen. Die Reise dauert lang, du durftest aber nur drei Bücher mitnehmen, weil jedes Kilo zählt. Welche wären das?

Zunächst einmal: Ich will gar nicht auf den Mars! Aber wenn es unbedingt sein muss, hätte ich eine Gegenfrage: Darf ich meinen E-Reader mitnehmen? Der wiegt weniger als drei Bücher, bietet Platz für eine ganze Bibliothek und ich kann damit sogar schreiben. Was will ich mehr? Außer vielleicht wieder zurück zur Erde.

Team Klassiker oder Team Gegenwartsliteratur – was inspiriert dich mehr und warum?

Weder noch – oder besser gesagt: beides! Zunächst stellt sich für mich die Frage, was überhaupt ein Klassiker ist. Ich würde darunter ein Werk verstehen, das über seine Entstehungszeit hinaus etwas zutiefst Menschliches berührt. Nicht unbedingt, weil es zeitlose Antworten liefert, sondern weil es Fragen aufwirft, die Menschen auch unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen beschäftigen.

Und was ist eigentlich Gegenwartsliteratur? Wo beginnt sie und wo endet sie? Schließlich war jeder Klassiker einmal Gegenwartsliteratur.

Mich interessiert nicht in erster Linie, wann ein Buch geschrieben wurde, sondern welche Fragen es aufwirft, welche Gedanken es anregt und was ich darin entdecken kann. Deshalb möchte ich mich gar nicht für eines der beiden Teams entscheiden. Ich möchte lesen, was mich interessiert – ganz gleich, aus welchem Jahrhundert es stammt.

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