Rezension zu Jeremias von Stefan Zweig

Eine Stadt will an den Sieg glauben, ein Einzelner warnt vor dem Krieg. Stefan Zweigs „Jeremias“ macht aus diesem Gegensatz ein sprachmächtiges Drama über Gewissen, Verführung und den hohen Preis des Widerspruchs.

Wer Stefan Zweig vor allem als Erzähler psychologischer Grenzsituationen kennt, begegnet in „Jeremias“ einer anderen Ausdrucksform derselben Aufmerksamkeit für seelische Bedrängnis. Hier spricht kein Erzähler zwischen den Figuren und dem Publikum: Stimmen stoßen unmittelbar aufeinander, beschwören Gewissheiten, verlangen Gehorsam, ringen um Gehör. Das 1917 erschienene Drama greift den biblischen Prophetenstoff auf und richtet ihn gegen die Verherrlichung des Krieges. Seine historische Situation ist dabei kein bloßer Kostümfundus. Sie erlaubt Zweig, politische Verblendung und persönliche Verantwortung in einer Sprache von großer Feierlichkeit gegeneinanderzustellen. Diese Feierlichkeit trägt das Werk, macht es aber auch anspruchsvoll. Man muss sich auf eine Dichtung einlassen, die ihre Konflikte nicht beiläufig entwickelt, sondern mit Nachdruck ausspricht und emotional zuspitzt.

Jerusalem steht vor einer kriegerischen Auseinandersetzung mit der babylonischen Macht. König Zedekia, seine Berater und die Bevölkerung verhandeln zwischen politischer Abhängigkeit, erhoffter Unterstützung aus Ägypten und dem Vertrauen auf die Unverletzlichkeit ihrer Stadt. Jeremias wird unterdessen von nächtlichen Schreckensbildern bedrängt. Er sieht Jerusalem bedroht und fühlt sich verpflichtet, öffentlich vor dem Krieg zu warnen. Damit gerät er gegen religiöse und militärische Wortführer, die Zuversicht verbreiten und Widerstand fordern. Auch im eigenen Haus findet seine Botschaft keinen selbstverständlichen Rückhalt. Zu den Figuren, denen er begegnet, gehört der junge, zunächst kriegsbegeisterte Baruch. In neun Bildern führt das Drama von privaten Auseinandersetzungen auf öffentliche Plätze und in die Nähe der politischen Entscheidungen.

Seine stärkste Spannung gewinnt das Stück daraus, dass Warnung hier kaum als Fürsorge verstanden werden kann. Wer Unheil ankündigt, erscheint den anderen als dessen Verbündeter. Zweig zeigt diesen Mechanismus nicht nur in politischen Reden, sondern bereits im Verhältnis zwischen Jeremias und seiner Mutter: Die Erwartung, er müsse Hoffnung verkünden, wird zur Forderung, seine Wahrnehmung zu verleugnen. Dadurch bekommt der öffentliche Konflikt eine schmerzhafte private Entsprechung. Der Prophet muss nicht bloß Gegner überzeugen; er setzt Zugehörigkeit aufs Spiel. Gerade darin liegt die Überzeugungskraft dieser Anlage. Gewissen erscheint nicht als bequemes Wissen um das Richtige, sondern als Zumutung, die Beziehungen beschädigen kann und den Sprechenden selbst erschüttert.

Jeremias ist deshalb interessanter als ein unangefochtener Verkünder moralischer Wahrheiten. Seine Berufung gibt ihm keinen sicheren Standort außerhalb des Geschehens. Er leidet an seiner Aufgabe, an der Entfernung zu seinem Volk und an der Frage, was seine Bindung an Gott von ihm verlangt. Baruch setzt daneben einen beweglicheren Akzent. Zweig gestaltet ihn nicht bloß als Gehilfen, der Worte entgegennimmt und weiterträgt, sondern als eigenständig handelndes Gegenüber. Die Beziehung schafft innerhalb der großen öffentlichen Gegensätze einen Raum persönlicher Nähe und gegenseitiger Einwirkung. Das tut dem Drama gut: Wo Menschen einander brauchen, wird seine moralische Absicht weniger abstrakt. Die Figuren gewinnen Kontur durch ihre Bindungen, nicht allein durch ihre Standpunkte.

Die Sprache verlangt allerdings Bereitschaft zum Pathos. Anrufungen, Wiederholungen und drängende Fragen treiben die Rede voran; Bilder von Feuer, Körperqual und Verwüstung geben inneren Zuständen eine beinahe körperlich spürbare Wucht. Schon der Beginn setzt nicht auf behutsame Annäherung, sondern auf Erregung. Das kann beim stillen Lesen überwältigen, gelegentlich auch ermüden. Nicht jede Bekräftigung vertieft einen Gedanken, und manche Rede scheint ihre Wirkung bereits zu kennen, bevor sie endet. Zugleich wäre eine nüchterne Sprache diesem Werk kaum angemessen. Zweig stellt beschwörende Rede gegen beschwörende Rede: Auch die Warnung muss sich in einer Öffentlichkeit behaupten, deren Aufmerksamkeit von großen Versprechen besetzt ist. Die rhetorische Überfülle gehört damit zum Konflikt, nicht nur zum Stil.

Besonders wirksam ist der Wechsel zwischen einzelnen Stimmen und dem vielstimmigen Auftreten der Bevölkerung. Jerusalem bleibt dadurch mehr als der Hintergrund eines persönlichen Schicksals. Gerüchte, Erwartungen und Angst erzeugen einen wechselnden öffentlichen Druck, gegen den vernünftige Einwände wenig ausrichten. Allerdings verteilt Zweig die moralischen Gewichte deutlich. Wer widerspricht, erhält eine andere Aufmerksamkeit als jene, die den Krieg mit großen Worten befördern; manche Gegenspieler bleiben stärker Träger einer Haltung als widersprüchliche Menschen. Diese Zuspitzung begrenzt die Offenheit des Stücks. Seine Wirkung verdankt es dennoch gerade dem beharrlichen Blick auf die Kosten solcher Haltungen. Militärischer Mut wird nicht einfach bestritten, aber an einer unbequemeren Form von Mut gemessen: dem Verzicht auf Zustimmung und dem Aushalten von Ohnmacht.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Literarische Bedeutung und Fortleben

Der Rang von „Jeremias“ lässt sich weniger mit einer ungebrochenen Bühnenpräsenz erklären als mit der Entschiedenheit seiner literarischen Perspektive. Zweigs Dramen stehen im Theaterleben nicht im selben Vordergrund wie seine erzählenden Werke in der Lektüre. Gerade deshalb lohnt es sich, den Begriff des Klassikers hier nicht mit allgegenwärtiger Bekanntheit gleichzusetzen. „Jeremias“ bewahrt eine wichtige Gegenposition zur Bewunderung des Siegreichen: Es fragt nach der Würde jener, die sich der Macht nicht erfolgreich entgegenstellen können. Das macht seinen bleibenden Anspruch aus.

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Hinzu kommt die produktive Umformung des biblischen Stoffes. Zweig behandelt den Propheten nicht als fernes Denkmal, sondern als eine Gestalt, durch die Literatur ihrer eigenen kriegerischen Gegenwart widersprechen kann. Daraus entsteht mehr als ein historisch begrenztes Bekenntnis: eine dramatische Untersuchung darüber, warum Gemeinschaften unbequeme Stimmen abwehren. Heutigen Lesern können die religiöse Bildsprache, der hohe Ton und die deutlich gesetzten moralischen Gegensätze fremd bleiben. Doch diese Widerstände sind nicht bloß abzuziehende Altersspuren. In ihnen liegt auch die besondere Gestalt dieses Werkes: Sein Einspruch gegen den Krieg sucht keine beiläufige Zustimmung, sondern fordert Aufmerksamkeit für einen Menschen, dessen Warnung niemand hören möchte.

Buchdaten

  • Autor: Zweig
  • Titel: Jeremias
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988285157
  • Softcover-ISBN: 9783988284150

Rezension von Emma und Sophia