Rezension zu Hemmungslos von Hugo Bettauer

Ein verarmter Offizier will zurück ins angenehme Leben – und beginnt, sich seine eigenen Gesetze zu machen. Hugo Bettauers „Hemmungslos“ verbindet Kriminalhandlung und Gesellschaftssatire zu einem Roman, dessen Parteinahme für seinen Helden auch Widerspruch herausfordert.

Wie viel Verständnis verträgt die Darstellung eines Verbrechers? Hugo Bettauers „Hemmungslos“ verlangt seinem Publikum einiges davon ab. Der Roman interessiert sich weniger für die beruhigende Trennung zwischen anständigen Bürgern und gesetzlosen Außenseitern als für die Argumente, mit denen ein Mensch diese Grenze für sich verschiebt. Dabei hält Bettauer seinen Helden keineswegs auf Abstand: Er stattet ihn mit Schönheit, Energie und gesellschaftlicher Gewandtheit aus und macht es dadurch unbequem leicht, ihm zu folgen. Gerade diese Nähe ist reizvoll und problematisch zugleich. Als Lektüre empfiehlt sich das Buch deshalb nicht allein wegen seiner kriminellen Verwicklungen, sondern wegen einer Frage, die seine Erzählhaltung aufwirft: Wann wird die Erklärung einer Tat bereits zu ihrer Entschuldigung?

Wien nach dem Ersten Weltkrieg: Koloman von Isbaregg, meist Kolo genannt, hat mit dem Untergang der Monarchie seine bisherige Stellung verloren. Der frühere Ingenieur und Offizier ist ohne Beschäftigung und Einkommen; schließlich fehlt ihm selbst das Geld zum Essen. Ein Diebstahl eröffnet ihm unverhofft die Möglichkeit, wieder ein komfortableres Leben zu führen. In einer Pension begegnet er einer Gesellschaft, in der Vermögen, Beziehungen und ein überzeugendes Auftreten über den Zugang zu Annehmlichkeiten entscheiden. Kolo besitzt Charme und weiß um seine Wirkung auf Frauen, doch seine Geldmittel sind begrenzt. Während er nach Wegen sucht, seinen zurückgewonnenen Lebensstandard zu sichern, gerät er zunehmend mit dem Gesetz in Konflikt. Zu den weiteren Figuren gehört der Lokalreporter Jeremias Finkelstein, der kriminellen Vorgängen nachgeht.

Am stärksten ist Bettauer dort, wo er Kolos körperliche Not und dessen verletztes Selbstbild unmittelbar zusammenführt. Schon der Hunger am Anfang ist nicht einfach Hunger: Kolo vergleicht ihn mit den Entbehrungen des Soldatenlebens und empfindet die gegenwärtige Bedürftigkeit als besondere Demütigung. Damals hatte das Leiden Kameraden und einen vermeintlichen Sinn, jetzt muss er es verbergen. Die Erzählung bleibt dicht an seinen Gedanken, lässt Selbstgespräche, Erinnerungen und begehrliche Blicke ineinanderlaufen. So entsteht Bewegung, bevor die Kriminalhandlung überhaupt Fahrt aufnimmt. Zugleich wird sichtbar, dass dieser Mann nicht bloß überleben möchte. Er beansprucht ein angenehmes Leben, und aus diesem Anspruch entwickelt sich seine Bereitschaft, fremde Rechte geringzuachten.

Die moralische Unruhe des Romans liegt darin, dass Bettauer diese Selbstrechtfertigung nicht einfach bloßstellt. Das Kriegserlebnis erscheint als Erklärung für den Verlust innerer Schranken; persönliche Großzügigkeit steht neben rücksichtsloser Gewalt. Kolo soll weder als bloßes Ungeheuer noch als gewöhnlicher Gesetzesbrecher verstanden werden. Das ermöglicht eine widersprüchliche Figur, führt aber auch zu einer auffälligen Ungleichverteilung des Mitgefühls. Wo andere Menschen abstoßend oder gesellschaftlich schädlich gezeichnet werden, scheint das Gewicht seiner Taten leichter zu werden. Hier lohnt es sich, gegen den erzählerischen Sog zu lesen. Die packende Frage lautet nicht nur, wie weit Kolo geht, sondern auch, wie weit der Roman bereit ist, mit ihm zu gehen.

Für Abwechslung sorgt der Wechsel zwischen persönlichem Drama, erotischer Verwicklung und satirischer Gesellschaftsbeobachtung. Besonders in der Darstellung Finkelsteins wird das Milieu plastisch: Gesellschaftliche Sichtbarkeit hängt davon ab, wer in einer Zeitung erwähnt wird, und journalistische Aufmerksamkeit ist mit Eitelkeiten und Gefälligkeiten verknüpft. Bettauer kann solche Mechanismen in kleinen komischen Situationen vorführen, statt sie ausführlich zu erklären. Dieser Spott belebt die Lektüre, ist allerdings nicht frei von grober Typisierung. Auch die Körperbeschreibungen arbeiten mit starken, bisweilen karikierenden Signalen. Der Ton schwankt dadurch zwischen genauer Beobachtung und demonstrativer Überzeichnung. Wer leise Ironie bevorzugt, dürfte manches zu dick aufgetragen finden; die Anschaulichkeit dieser Szenen bleibt dennoch eine Stärke.

Weniger überzeugend wirken die wiederkehrenden Versicherungen von Kolos männlicher Anziehungskraft. Die erotische Spannung wird häufig behauptet, während Frauen zwischen begehrtem Gegenüber, Herausforderung und Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg stehen. Das kann heutigen Lesern ebenso fremd werden wie die deutlichen Wertungen des Erzählens. Auch als streng gebauter Kriminalroman erfüllt „Hemmungslos“ Erwartungen nur teilweise: Die Ermittlungen treten zeitweise zurück, und die Verbindung zwischen Einzelschicksal und politischer Unruhe wirkt nicht durchgehend organisch. Dennoch besitzt das Buch einen eigenen Zug. Seine Stärke ist nicht makellose Konstruktion, sondern die Reibung zwischen Unterhaltung und moralischer Zumutung. Man liest weiter, weil der Held Handlungsspielräume gewinnt – und weil die Gründe, die dafür angeboten werden, zunehmend fragwürdig erscheinen.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Literarische Bedeutung und heutige Lektüre

Von einem unangefochtenen Platz im allgemeinen Literaturkanon sollte man bei „Hemmungslos“ nicht ohne Weiteres sprechen. Das 1920 erschienene Buch lässt sich vielmehr als wiederzuentdeckender Roman lesen, dessen literarisches Interesse eng mit seiner widersprüchlichen Perspektive verbunden ist. Es erzählt den gesellschaftlichen Umbruch nach dem Krieg nicht ausschließlich als Hintergrund einer Straftat, sondern als Bestandteil jener Argumentation, mit der ein Täter sein Handeln rechtfertigt. Darin liegt ein guter Grund, es weiterhin zu lesen: Die historische Situation wird zur Herausforderung für das eigene Urteil.

Anzeige

Seinen Wert gewinnt der Roman dabei nicht daraus, dass alle seine Urteile überzeugten. Gerade die Bevorzugung des attraktiven, tatkräftigen Helden legt eine kritische Gegenlektüre nahe. Man kann die gesellschaftliche Härte erkennen, die Kolo prägt, und dennoch seine Ansprüche zurückweisen. Ebenso lässt sich Bettauers erzählerischer Schwung genießen, ohne seine groben Figurenzeichnungen zu übernehmen. Wer einen vollkommen ausgewogenen psychologischen Roman erwartet, wird Vorbehalte behalten. Wer dagegen Literatur auch als Austragungsort unbequemer Sympathien versteht, findet hier genügend Widerstände und Widersprüche, um über die Handlung hinaus beschäftigt zu bleiben.

Buchdaten

  • Autor: Hugo Bettauer
  • Titel: Hemmungslos
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966374927
  • Softcover-ISBN: 9783966373524

Rezension von Joe und Luisa