
Was macht einen Namen wie Susanna Clarke so interessant – und in der heutigen Fantasyliteratur so eigentümlich unverrückbar? Eher selten mischt eine Autorin Nostalgie für klassisches England mit einer Experimentierfreude, die aus Krankheit und Rückzug eher fragile als heroische Romane gebiert. Clarke steht für ein literarisches Leben, das von Spätzünder-Momenten, hartnäckigem Fragmentieren und dem Mut zu langen Pausen geprägt wird – und gerade darin den Zauber des Unfertigen verteidigt.
Leben und Zeit
Susanna Clarke wuchs als älteste Tochter eines methodistischen Pfarrers im Norden Englands und in Schottland auf. Die prägenden Jahre ihrer Kindheit fielen in die 1960er und 1970er, eine Zeit voller Wandel in Großbritannien, doch das elterliche Haus und die methodistische Gemeinde gaben einen festen Rahmen. Später studierte Clarke am St. Hilda’s College in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft, ehe sie sich beruflich zwischen Verlagswesen und dem Unterrichten von Englisch im Ausland bewegte. Die literarische Szene Londons, getränkt von den Nachwirkungen der klassischen Moderne, blieb lange ein distanzierter Schauplatz. Clarkes Umgang mit Krankheit – das chronische Erschöpfungssyndrom bestimmte über Jahre den Alltag – rückte sie ins Private und verlangsamte ihren Lebensrhythmus erheblich. Mitten in einer Gesellschaft, die auf Effizienz fixiert bleibt, verkörpert sie einen anderen Zeitbegriff: den der langen Reife, des Wieder-Anfangens nach Rückschlägen.
Der Weg zum Schreiben
Clarkes literarische Karriere begann mit Umwegen: Zunächst erscheinen einige Kurzgeschichten, darunter „Mr Simonelli, or The Fairy Widower", die bereits durch genaue Beobachtung und historische Verschiebungen auffiel. Parallel arbeitete sie jahrelang im Verlagswesen und unterrichtete in Italien und Spanien, bevor sie Anfang der 1990er an ihrem ersten Roman zu schreiben begann – mehr als zehn Jahre sollten vergehen, bis „Jonathan Strange & Mr Norrell" 2004 erschien. Die Arbeit an diesem Buch wurde zum Inbegriff der Ausdauer, häufig unterbrochen durch Perioden von Krankheit und Erschöpfung. Clarke selbst schilderte das Schreiben in Fragmenten, die nach und nach ein Ganzes ergaben. Die lange Pause nach ihrem Debüt, schließlich gefüllt erst mit „Piranesi“ sechzehn Jahre später, wurde zum offenen Zeichen einer Schriftstellerin, deren Zugang zur Literatur von außen betrachtet widersprüchlich erscheint: Es geht weniger um Produktionsdruck, vielmehr um das Nachspüren von Stimmungen und Strukturen. Trotz internationaler Erfolge und renommierten Preisen bleibt ein Funken Unsicherheit und ein zögernder Schritt zwischen den Zeilen.
Der Mensch hinter den Büchern
Wer Susanna Clarke begegnet – wenigstens durch Interviews und Figuren – findet keine laute öffentliche Gestalt. Sie betont Privatsphäre und arbeitet bevorzugt in Zurückgezogenheit. Clarke beschreibt den Schreibprozess als das Einrichten eines imaginären Hauses: von Raum zu Raum tragend, Möbel verschiebend, Makel korrigierend. Oft entstehen Geschichten und Romane in Einzelteilen, die sie später mit Geduld zusammenfügt. Diese Arbeitsweise bewahrt die Fragmenthaftigkeit der Bücher und spiegelt sich in ihren Themen: Isolation, Magie im Alltäglichen, Rituale, aber auch Unsicherheit und Suchbewegung. Clarke gibt wenige Interviews, spricht dort aber präzise über Ritual und Zeremonie als Taktgeber ihrer Arbeit. Der Mensch hinter den Büchern versteckt sich nicht aus Koketterie, sondern weil die literarische Welt für sie selbst ein Schutzraum bleibt.
Das Werk: Was man lesen sollte
Clarkes Werk ist übersichtlich, aber markant. „Jonathan Strange & Mr Norrell“ steht als fast 1000-seitiges Hauptwerk für einen magischen Realismus, der das 19. Jahrhundert Englands mit eigener Handschrift weiter- und umschreibt: Zauberei, Machtkämpfe, und das leise Kameradenhafte zweier ungleicher Männer. Die BBC hat daraus eine Miniserie gemacht. In „Piranesi” werden Raum und Zeit zum surrealen Labyrinth, in dem ein einzelner Mann vergeblich Bedeutung sucht – ein Roman für Leser, die langsames Erkunden und subtile Rätsel schätzen. Die Erzählungen aus „The Ladies of Grace Adieu and Other Stories“ bieten ergänzend kleinere Türen in Clarkes magische Welt und lohnen sich besonders für alle, die das große Werk bereits kennen. Ihre Leser finden keine schnellen Pointen, sondern Romane, in denen das Zögern zum Prinzip wird – und vielleicht gerade deshalb lange wirkt.
Verfasst von Emma und Sophia.

