Rezension zu Märchen von Oscar Wilde

Oscar Wildes Märchen verbinden kostbare Bilder mit einem scharfen Blick für Armut, Eitelkeit und missverstandene Liebe. Ihre Schönheit verspricht Trost, doch ihre Ironie macht es dem Publikum nicht ganz so leicht.

Eine goldene Statue, eine rote Rose, ein Garten hinter einer Mauer: Oscar Wilde braucht keine weitläufigen Schauplätze, um Gegensätze sichtbar zu machen. Seine Märchen stellen Glanz und Bedürftigkeit, große Worte und kleine Gesten dicht nebeneinander. Dabei entsteht eine eigentümliche Spannung. Die Geschichten sprechen mit der Unmittelbarkeit einfacher Fabeln, verweigern aber häufig deren beruhigende Eindeutigkeit. Wer hier vor allem liebenswürdige Wunder erwartet, begegnet auch gesellschaftlicher Kälte und einer Liebe, die sich bis zur Selbstaufgabe steigern kann. Das macht die Lektüre bewegend, gelegentlich jedoch bedrückend. Wildes Stärke liegt darin, Schönheit nicht bloß als Schmuck einzusetzen: Sie lockt den Blick an und führt ihn gerade dadurch auf das, was eine selbstzufriedene Umgebung lieber übersieht. Diese Verbindung trägt die Erzählungen stärker als jede einzelne Lehre.

Unter dem Titel „Märchen“ begegnet man einzelnen Geschichten mit jeweils eigenen Figuren und Schauplätzen, keiner fortlaufenden Handlung. In „Der glückliche Prinz“ steht eine kostbar geschmückte Statue hoch über einer Stadt. Von dort sieht der Prinz die Not ihrer Bewohner; eine Schwalbe, die eigentlich in wärmere Länder ziehen möchte, wird von ihm um Hilfe gebeten. „Die Nachtigall und die Rose“ beginnt mit einem Studenten, der für einen erhofften Tanz eine rote Rose benötigt, aber keine finden kann. Eine Nachtigall hört seine Klage und macht sich auf die Suche. In der Geschichte vom selbstsüchtigen Riesen spielen Kinder in einem Garten, bis dessen heimkehrender Besitzer sie vertreibt und den Zugang versperrt. Zwischen Stadt, Garten und Tierwelt entwickeln sich daraus voneinander unabhängige Begegnungen und Konflikte.

Wie sorgfältig Wilde seine Wirkung vorbereitet, zeigt schon der Blick auf den Prinzen. Gold und Edelsteine ziehen zunächst alle Aufmerksamkeit auf sich; erst danach treten die armseligen Zimmer und erschöpften Menschen der Stadt hervor. Das Kostbare und das Entbehrte stehen nicht unverbunden nebeneinander. Eine Näherin arbeitet an einem prächtigen Kleid, während ihr eigenes Kind krank und unversorgt bleibt. In solchen Einzelheiten gewinnt die Gesellschaftskritik ihre Schärfe. Wilde muss keine Verhältnisse erklären, weil eine konkrete Arbeitssituation den Widerspruch bereits enthält. Zugleich verweilt er mit sichtbarer Lust bei Farben, Materialien und Licht. Diese Üppigkeit ist reizvoll, kann aber auch etwas Feierliches bekommen: Nicht jedes Bild wirkt beiläufig gefunden, manches wird wie ein Schmuckstück ausgestellt.

Gegen das drohende Übermaß an Rührung arbeitet die Ironie. Besonders deutlich wird sie dort, wo Figuren über Kunst, Vernunft oder Anständigkeit sprechen und dabei ihre eigene Beschränktheit verraten. Der Student in „Die Nachtigall und die Rose“ glaubt den Gesang des Vogels sachverständig beurteilen zu können, versteht aber dessen Beweggrund nicht. Wilde lässt zwischen diesem Urteil und dem Wissen des Publikums einen schmerzhaften Abstand entstehen. Das ist mehr als ein geistreicher Einfall: Die Erzählung zeigt, wie bequem sich Gefühl bestreiten lässt, solange man dessen Preis nicht kennt. Auch jüngere Leser werden dabei nicht bloß mit einer fertigen Moral versorgt. Sie müssen Unterschiede zwischen Behauptung und Handlung wahrnehmen und aushalten, dass aufrichtige Hingabe auf Unverständnis treffen kann.

Schwieriger ist das Ideal der Selbstaufopferung, das mehrere Geschichten prägt. Wilde gibt dem Mitgefühl eine große Würde, verbindet es aber mit Verlust und Leiden. Die Bereitschaft, für andere auf eigene Sicherheit oder eigenes Glück zu verzichten, erscheint zugleich schön und erschreckend. Gerade heutige Leser können hier Widerstand empfinden: Muss Güte so viel kosten? Die christlichen Motive von Demut, Erlösung und Gnade verstärken diese Frage, statt sie für jedes Publikum selbstverständlich zu beantworten. Wo religiöser Trost hinzutritt, mag er dem einen folgerichtig, dem anderen wie ein Ausweg aus einer unerträglichen Wirklichkeit erscheinen. Die Märchen gewinnen, wenn man diese Spannung stehen lässt und sie nicht vorschnell auf die Aufforderung reduziert, ein besserer Mensch zu werden.

Auch die Erzählweise verlangt eine gewisse Bereitschaft zum Pathos. Wiederholte Bitten, sprechende Blumen und feierliche Liebesbekenntnisse besitzen einen eigenen Rhythmus; nüchtern wirken wollen sie nicht. Wer knappe psychologische Prosa bevorzugt, dürfte manche Passage als süßlich empfinden. Doch Wilde setzt neben die empfindsamen Szenen immer wieder komische Selbstgefälligkeit und unvermittelte Härte. Dadurch bleibt der Ton beweglich. Am stärksten sind die Märchen, wenn Zärtlichkeit und Spott nicht gegeneinander ausgespielt werden: Man kann über eine eitle Bemerkung lächeln und im nächsten Augenblick deren Grausamkeit bemerken. Für die Lektüre empfiehlt sich deshalb eher die einzelne Geschichte als die rasche Folge vieler Texte. So behalten die Bilder ihre Kontur, und die wiederkehrenden Opfergesten werden nicht zur bloßen Formel.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Literarische Beständigkeit

Warum Wildes Märchen ihren Platz im literarischen Kanon behaupten können, lässt sich an ihrer doppelten Lesbarkeit erkennen. Ihre Ausgangssituationen sind leicht zu erfassen: Jemand braucht Hilfe, wünscht sich Liebe oder beansprucht einen Ort allein für sich. Doch aus diesen übersichtlichen Konstellationen entstehen Fragen, die keine ebenso übersichtliche Antwort erhalten. Was unterscheidet Zuneigung von Besitzdenken? Woran erkennt man Großzügigkeit? Und weshalb wird Schönheit bewundert, während das Leid in ihrer unmittelbaren Nähe unbeachtet bleibt? Wilde macht solche Fragen an Dingen und Handlungen erfahrbar, nicht an abstrakten Erörterungen.

Hinzu kommt eine Erzählhaltung, die ihrem Publikum Gefühl und Urteil zugleich zutraut. Die Geschichten dürfen traurig sein, ohne dass ihre Ironie verstummt; sie dürfen moralische Ansprüche stellen, ohne deshalb nur eindeutige Lehrstücke zu werden. Gerade diese Mehrschichtigkeit ermöglicht unterschiedliche Lektüren in verschiedenen Lebensaltern. Fremd bleiben können der religiöse Trost und die hohe Wertschätzung leidender Hingabe. Auch die üppige Bildsprache erschließt sich nicht jedem unmittelbar. Dennoch bewahren die Märchen ihre Kraft, weil ihre schönsten Bilder keine ungestörte Behaglichkeit erzeugen. Eine Rose oder eine vergoldete Statue bleibt nach der Lektüre mit der Frage verbunden, was Menschen füreinander wahrzunehmen und zu tun bereit sind.

Buchdaten

  • Autor: Oscar Wilde
  • Titel: Märchen
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966372329
  • Softcover-ISBN: 9783966372312

Rezension von Emma und Hanna