Rezension zu Der Friede von Aristophanes

Ein Weinbauer fliegt auf einem Mistkäfer zu den Göttern, weil er den Krieg nicht länger hinnehmen will. Aristophanes verbindet in „Der Friede“ politische Satire mit einer handfesten Lust am unversehrten Leben.

Eine Komödie gegen den Krieg muss nicht feierlich werden. Aristophanes setzt in „Der Friede“ auf Frechheit, körperliche Bedürfnisse und die Bereitschaft, einen ungeheuerlichen Einfall beim Wort zu nehmen. Das macht die Lektüre lebendig, gelegentlich aber auch anstrengend: Nicht jeder Spott erklärt sich von selbst, nicht jede derbe Pointe trifft noch unmittelbar. Gerade die Mischung aus Verständlichkeit und Fremdheit lohnt jedoch die Aufmerksamkeit. Hinter dem ausgelassenen Bühnenspiel steht kein makelloser Held, sondern ein Mensch, der seine alltägliche Existenz zurückhaben möchte. Die Stärke des Stücks liegt darin, diesem Wunsch weder würdevolle Zurückhaltung noch moralische Reinheit abzuverlangen. Frieden erscheint hier als etwas, das Menschen mit ihrem Appetit, ihrer Ungeduld und ihren durchaus eigennützigen Hoffnungen angeht.

Der attische Weinbauer Trygaios hat genug vom Krieg, der das Leben der griechischen Städte und ihrer Bewohner bestimmt. Weil er bei den Menschen keinen Ausweg sieht, will er Zeus persönlich zur Rede stellen. Für die Reise hat er einen riesigen Mistkäfer aufziehen lassen, auf dessen Rücken er zum Himmel fliegt. Seine Diener müssen das ungewöhnliche Reittier versorgen; seine Töchter versuchen, ihn von dem gefährlichen Unternehmen abzubringen. Oben begegnet er Hermes und erfährt, dass die übrigen Götter sich zurückgezogen haben. Statt ihrer bestimmt nun der personifizierte Krieg das Geschehen, während die Friedensgöttin eingeschlossen ist. Trygaios sucht nach einer Möglichkeit, ihr zu helfen, und ruft andere Griechen zur gemeinsamen Anstrengung auf.

Schon das Fluggerät zeigt, wie diese Komödie arbeitet: Der Weg zu den höchsten Instanzen führt über das denkbar Niedrigste. Der Mistkäfer ist nicht bloß ein kurioses Transportmittel, sondern eine zuverlässige Störung jeder erhabenen Gebärde. Sobald Trygaios zu einem großen Unternehmen ansetzt, erinnern Verdauung, Geruch und Absturzgefahr an seinen Körper. Besonders schön ist dabei, dass die Bühnenillusion selbst durchlässig bleibt: Der Fliegende sorgt sich auch um die technische Durchführung seines Auftritts. Das Publikum soll den kühnen Himmelsreisenden und den gefährdeten Darsteller zugleich sehen. Diese doppelte Perspektive hält die Szene beweglich. Man lacht über den Mann, ohne seinen Anlass zum Handeln deshalb gering schätzen zu müssen.

Trygaios gewinnt als Hauptfigur gerade dadurch, dass er keinen Abstand zum gewöhnlichen Leben besitzt. Seine Hartnäckigkeit wirkt überzeugender als eine wohlgeordnete Friedensrede. Zugleich schont das Stück die Menschen nicht, für die er sich einsetzt. Persönliche Angriffe und Spott begleiten den erhofften Übergang aus dem Krieg; sie lassen ihn nicht als reibungslosen Wechsel erscheinen. Das gibt dem Lachen eine gewisse Unruhe. Es richtet sich gegen bestimmte Personen und Haltungen, statt alle Beteiligten in einer versöhnlichen Stimmung aufgehen zu lassen. Literarisch ist das ergiebig, weil der gemeinsame Wunsch nach Frieden die Unterschiede zwischen den Figuren nicht einfach auslöscht. Auch eine bessere Aussicht macht aus der streitbaren Gesellschaft noch keine harmonische Gemeinschaft.

Dem setzt Aristophanes eine ausgesprochen sinnliche Vorstellung des guten Lebens entgegen. Essen, Trinken, Ernte und sexuelles Begehren sind keine beiläufigen Ausschmückungen: An ihnen lässt sich ermessen, was eine friedlichere Existenz zurückgeben könnte. Besonders die Verbindung des Weinbauern mit der Ernte führt diese Hoffnungen zusammen. Das überzeugt dort am meisten, wo aus dem politischen Wunsch eine konkrete Erwartung wird: wieder genießen zu können, was die eigene Arbeit hervorbringt. Allerdings kann die ausgedehnte Lust an solchen Bildern auch ermüden. Wer eine knapp geführte dramatische Zuspitzung erwartet, muss sich auf Wiederholungen und ein längeres Auskosten der gewünschten Lebensfülle einstellen. Die Komödie will ihren Gegenentwurf nicht nur behaupten, sondern ihn auf der Bühne bewohnen.

Die größte Hürde liegt für heutige Leser vermutlich im wechselnden Abstand zum Text. Manche Situationen sind sofort anschaulich, während ein Personenname oder eine literarische Anspielung den Lesefluss abrupt bremsen kann. Auch die Übergänge zwischen Dialog, Chorlied und direkter Publikumsansprache verlangen Beweglichkeit. Man sollte das Stück deshalb nicht wie eine geradlinig erzählte Geschichte lesen. Seine Wirkung entsteht aus Auftritten, Unterbrechungen, Zurufen und dem Wechsel zwischen grobem Spaß und nachdrücklichem Wunsch. Nicht jede Einzelheit muss dieselbe Nähe gewinnen. Entscheidend ist, ob man den Rhythmus dieser ungeduldigen Komödie mitgehen kann. Dann tragen die handfesten Situationen auch über Stellen hinweg, deren ursprüngliche Schärfe sich heute nicht ohne zusätzliche Erläuterung erschließt.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

„Der Friede“ kann seinen Platz im literarischen Kanon behaupten, weil das Stück eine politische Hoffnung in eine eigenwillige Theaterhandlung übersetzt. Aristophanes lässt seinen Helden nicht lediglich gegen den Krieg argumentieren: Er gibt ihm ein lächerliches Fluggerät und schickt ihn damit zu den Göttern. An diesem Bild wird der Abstand zwischen der Ohnmacht eines Einzelnen und der Größe seines Vorhabens unmittelbar sichtbar. Die Komödie braucht dafür keinen würdevollen Helden.

Darin liegt für mich ihr bleibender literarischer Reiz. Sie erlaubt einem vernünftigen Wunsch eine unvernünftige Form und bewahrt ihn so vor der Erstarrung zur bloßen Botschaft. Dass dabei nicht jeder Witz verständlich bleibt, ist eine tatsächliche Grenze der Lektüre. Die persönlichen Spitzen lassen sich nicht vollständig von ihren damaligen Adressaten lösen; manche Passagen verlangen Geduld. Doch man muss diese Widerstände nicht übergehen, um das Werk zu schätzen. Gerade neben den fremd gewordenen Anspielungen treten seine anschaulichen Einfälle deutlich hervor. Es bleibt ein Stück, dessen Friedenswunsch nicht durch feierliche Allgemeinheit überzeugt, sondern durch die eigensinnige, komische Energie, mit der er auf die Bühne drängt.

Buchdaten

  • Autor: Aristophanes
  • Titel: Der Friede
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966374538
  • Softcover-ISBN: 9783966373135

Rezension von Emma und Hanna