
Die Heimkehr zu den Feiertagen führt in „Schneestill“ nicht zu einem friedlichen Wiedersehen. Zwei Schwestern treffen im Elternhaus auf offene Fragen, alte Konflikte und einen Vater, dessen Verhalten sie nur schwer deuten können. Johanna Mo verbindet die Suche nach der verschwundenen Mutter mit dem Blick auf eine Familie, die sich ihrer gemeinsamen Geschichte nicht ohne Weiteres stellen kann.
Natalie und Meja reisen kurz vor Weihnachten zu ihrer Familie nach Öland. Ihre Mutter ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Tagen nicht auffindbar. Der Vater, der früher als Polizist gearbeitet hat, will zunächst keine Behörden einschalten. Die Töchter entscheiden sich dennoch dafür, nach ihrer Mutter suchen zu lassen. Damit ist der äußere Anlass gesetzt; im Mittelpunkt steht bald ebenso, wie die Angehörigen aufeinander reagieren und welche Erklärungen sie für das Verschwinden gelten lassen.
Mo lässt die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln entstehen. Dadurch erhält der Leser keine bequeme, allwissende Übersicht über die Familie. Einzelne Beobachtungen und Aussagen stehen nebeneinander und lassen sich nicht sofort zu einem eindeutigen Bild verbinden. Die wechselnden Sichtweisen helfen, Spannungen zwischen den Schwestern und ihren Eltern sichtbar zu machen, ohne eine Person zum sicheren Maßstab für alle anderen zu erklären. Das passt zu einer Handlung, in der die Suche nach Fakten zugleich von persönlichen Erinnerungen und Interessen geprägt ist.
Der Schauplatz trägt seinen Teil zur Wirkung bei. Das Elternhaus versammelt die Figuren auf engem Raum, während draußen die Feiertage näher rücken. Die vertraute Vorstellung von Weihnachten als Zeit des Zusammenhalts steht dabei im deutlichen Gegensatz zu der Unsicherheit, die zwischen den Angehörigen herrscht. Gerade weil die Figuren einander nahestehen, bleiben Gesten und Ausflüchte nicht neutral: Jede Reaktion kann Sorge ausdrücken, aber auch den Wunsch, etwas für sich zu behalten. Die Atmosphäre entsteht vor allem aus dieser angespannten Nähe.
Besonders vieldeutig wirkt die Haltung des Vaters. Seine berufliche Vergangenheit macht seine anfängliche Zurückhaltung schwer verständlich, erklärt sie aber nicht von selbst. Natalie und Meja müssen deshalb nicht nur herausfinden, was mit ihrer Mutter geschehen ist, sondern auch beurteilen, wie verlässlich die vertrauten Menschen um sie herum sind. Zwischen den Schwestern ist die Sorge um die Mutter ebenfalls kein Schutz vor früheren Reibungen. Der Roman zeigt, wie eine akute Krise bestehende Rollen in einer Familie verschärfen kann, statt sie einfach beiseitezuschieben.
Die Stärke des Buches liegt in diesen Beziehungen und in der Unsicherheit, die aus den verschiedenen Deutungen erwächst. Nicht jeder Abschnitt bringt die Suche sichtbar voran. Manche Gespräche und Verdachtsmomente führen eher zurück zu bereits bekannten Spannungen, als dass sie die Lage grundlegend verändern. Wer vor allem eine rasch fortschreitende Ermittlung erwartet, könnte sich deshalb mehr Abwechslung im Verlauf wünschen. Die ruhige Erzählweise passt zwar zum abgeschlossenen Familienkreis, nimmt der Handlung aber an einigen Stellen Schwung.
Das ist nicht allein ein Nachteil. Weil Mo den Blick wiederholt auf die Angehörigen richtet, bleibt der Vermisstenfall mit der Frage verbunden, was die Figuren übereinander wissen und was sie voneinander glauben. Die Antworten ergeben sich nicht nur aus Hinweisen, sondern auch aus dem Umgang miteinander. So entsteht ein Roman, der eher von brüchigem Vertrauen als von einer Folge spektakulärer Wendungen lebt. Das kann Leser ansprechen, die gern verschiedene Perspektiven gegeneinander abwägen; wer ein durchgehend hohes Tempo sucht, wird weniger abgeholt.
Insgesamt entfaltet „Schneestill“ seine Wirkung, wenn die Suche nach der Mutter und das angespannte Familienleben gemeinsam betrachtet werden. Die weihnachtliche Heimkehr bietet einen passenden Rahmen für eine Geschichte über Nähe, Autorität und unausgesprochene Konflikte. Johanna Mo hält das Interesse vor allem durch die unterschiedlichen Sichtweisen aufrecht, auch wenn die Handlung nicht jederzeit gleichmäßig voranschreitet. Wer sich auf eine eher beobachtende Erzählung einlässt, findet hier eine vielschichtige Familienkonstellation; wer vor allem schnelle Entwicklungen erwartet, dürfte mit dem bedächtigen Verlauf weniger anfangen.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für den Roman spricht zunächst, dass der Vermisstenfall und die Konflikte innerhalb der Familie einander ergänzen: Die Suche nach der Mutter bleibt nicht bloß ein Rätsel, sondern verändert den Blick auf die Angehörigen. Zudem bringen die wechselnden Perspektiven unterschiedliche Einschätzungen ins Spiel und verhindern eine vorschnelle Einordnung. Auch die Verbindung von Feiertagsvorbereitung und angespannter Heimkehr schafft einen passenden Rahmen. Weniger überzeugend ist, dass sich die Handlung stellenweise nur langsam weiterentwickelt. Wer beim Lesen vor allem ein hohes Tempo und häufige Wendungen schätzt, sollte das berücksichtigen. Empfehlenswert ist das Buch eher für Leser, die an widersprüchlichen Beziehungen und verschiedenen Deutungen interessiert sind.
Buchdaten
- Autor: Johanna Mo
- Verlag: Heyne
- Preis: 17,00 €
- ISBN: 9783453444355
Unsere Übersicht der Bestseller-Bücher versammelt weitere aktuelle Titel.
Rezension von Sophia

