
Ein Schmugglerschiff, ein pflichtbewusster Seeoffizier und eine Kaufmannswelt mit dehnbaren Grundsätzen: Cooper verbindet Seeabenteuer mit Gesellschaftskomödie. Seine Geschichte gewinnt dort an Spannung, wo Gesetzestreue, persönliches Begehren und seemännisches Können einander in die Quere kommen.
James Fenimore Coopers „Der Irrwisch oder der Kaper“ verlangt etwas, das Abenteuerromane ihrem Publikum nicht immer abverlangen: Geduld mit Gesprächen, gesellschaftlichen Förmlichkeiten und den Rechtfertigungen geschäftstüchtiger Leute. Dafür bietet das Buch mehr als Verfolgungsfahrten und maritime Gefahren. Seine besondere Energie entsteht aus dem Wechsel zwischen bürgerlicher Berechnung und der schwer kontrollierbaren Beweglichkeit des Meeres. An Land zählen Vermögen, Herkunft und ein tadelloser Ruf; auf dem Wasser müssen sich solche Ansprüche erst bewähren. Cooper erzählt diesen Gegensatz mit Sinn für Komik, aber auch mit einer Neigung zur ausführlichen Erklärung. Das macht die Lektüre stellenweise schwerfällig, stellenweise überraschend lebendig. Am stärksten ist der Roman, wenn seine Figuren ihre ehrbaren Absichten vortragen und dabei unfreiwillig ihre Interessen verraten.
Die Handlung spielt im frühen 18. Jahrhundert in New York und den Küstengewässern seiner Umgebung. Der wohlhabende Kaufmann Myndert Van Beverout bewegt sich zwischen städtischem Geschäftsleben und seinem Landsitz; seine Nichte Alida de Barbérie steht im Mittelpunkt verschiedener Heiratsabsichten. Zu ihren Verehrern gehört der junge Seeoffizier Ludlow, der im Dienst der englischen Krone steht. Zugleich macht ein schwer zu fassendes Schmugglerschiff die Küste unsicher. Dessen Besatzung unterläuft die Handelsvorschriften, die Ludlow durchsetzen soll, und unterhält Verbindungen zur scheinbar respektablen Welt an Land. Als sich die Wege der Beteiligten kreuzen, geraten amtliche Pflichten, private Hoffnungen und einträgliche Geschäfte durcheinander. Heimliche Begegnungen, verschleierte Absichten und die Verfolgung des Schiffes bestimmen den Fortgang der Geschichte.
Van Beverout ist dabei weit mehr als eine komische Nebenfigur. In seinen Reden wird beinahe alles zur kaufmännischen Rechnung: Ansehen, Verwandtschaft, politische Loyalität und selbst die Zukunft seiner Nichte. Cooper lässt ihn seine Vorteile mit einer Beharrlichkeit verteidigen, die zugleich belustigt und entlarvt. Besonders reizvoll ist die Lücke zwischen moralischem Selbstbild und praktischer Geschäftsklugheit. Der Kaufmann hält viel von Ordnung, solange sie seine Bewegungsfreiheit nicht empfindlich beschneidet. Wird ein Gesetz unbequem, findet sich rasch ein Grundsatz, der seine Umgehung rechtfertigt. Der Erzähler beobachtet solche Verrenkungen mit deutlicher Ironie. Diese Komik trägt auch längere Dialogpassagen, obwohl manche Pointe durch Wiederholung an Schärfe verliert. Man versteht diesen Mann bald besser, als er sich selbst verstehen möchte.
Auf See verändert sich der Maßstab. Dort reicht es nicht, gewandt zu reden oder gesellschaftlich richtig eingeordnet zu sein. Wind, Strömung, Entfernung und die Führung eines Schiffes setzen Bedingungen, denen niemand durch bloße Selbstgewissheit entkommt. Cooper gewinnt daraus eine Spannung, die räumlich und körperlich erfahrbar wird: Eine Bewegung muss rechtzeitig erkannt, eine Entscheidung unter unsicheren Voraussetzungen getroffen werden. Das seemännische Detail ist deshalb nicht nur Schmuck. Es erklärt, warum Können Autorität verleihen kann, auch wenn diese Autorität außerhalb der gesetzlichen Ordnung steht. Allerdings verlangt die Ausführlichkeit Aufmerksamkeit. Wer nautische Beschreibungen vor allem als Unterbrechung empfindet, wird manche Strecke mühsam finden. Wer sich darauf einlässt, erkennt, wie genau die Handlung von ihrer Umgebung abhängt.
Das Verhältnis zwischen Gesetz und Gerechtigkeit bleibt dabei erfreulich unbequem. Ludlows Auftrag ist eindeutig, seine Begegnungen sind es weniger. Der Roman stattet die Gegenseite mit Fähigkeiten und Umgangsformen aus, die eine schlichte Verteilung von Sympathien verhindern. Auch die Liebeshandlung lebt davon, dass Beobachtungen vorschnell zu Gewissheiten werden. Alida ist nicht bloß der Preis eines männlichen Wettbewerbs: Ihre Antworten und ihre Zurückhaltung machen sichtbar, wie wenig die Männer über ihre Wünsche verfügen. Geheimhaltung, wechselnde Rollen und unklare Zugehörigkeiten verbinden das private Geschehen mit dem Seeabenteuer. Mitunter werden diese Verwicklungen recht sorgfältig arrangiert; die Konstruktion bleibt spürbar. Dennoch erzeugt gerade das unsichere Wissen der Figuren einen eigenen Reiz, jenseits der Frage, welches Schiff das schnellere ist.
Die Grenzen des Romans liegen vor allem in seiner ungleichen Beweglichkeit. Während die Schiffe auf wechselnde Verhältnisse reagieren müssen, hält der Erzähler das Geschehen gelegentlich für Erläuterungen und Charakterisierungen an. Manche Figuren erscheinen zunächst eher als gesellschaftliche Typen denn als widersprüchliche Einzelne. Hinzu kommt die herabsetzende Zeichnung schwarzer Bediensteter und versklavter Menschen, deren Sprache und Verhalten wiederholt der Komik dienen. Das lässt sich nicht vollständig mit dem Hinweis auf die dargestellte Gesellschaft abtun; auch die Erzählhaltung trägt diese Hierarchie mit. Die Freiheitslust des Seeabenteuers erhält dadurch eine erkennbare Grenze. Trotzdem bleibt genügend lebendige Reibung zwischen den Figuren, um die Lektüre zu tragen. Das Buch überzeugt weniger durch psychologische Feinzeichnung als durch Szenen, in denen Interessen, Irrtümer und praktische Fähigkeiten aufeinanderstoßen.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Ein Platz in der Literatur der See
Dass „Der Irrwisch oder der Kaper“ weiterhin lesenswert ist, bedeutet nicht, dass der Roman zu den unangefochtenen Mittelpunkten des Kanons gehört. Coopers Seeromane stehen eher im Schatten seiner bekannteren Erzählungen. Ihre literarische Bedeutung liegt jedoch darin, dass das Meer nicht bloß eine Strecke zwischen zwei Handlungsschauplätzen bildet. Es besitzt eigene Bedingungen, fordert besonderes Wissen und verändert die Geltung gesellschaftlicher Regeln. In dieser Verbindung von Abenteuer, Arbeit und Autorität liegt ein wichtiger Beitrag Coopers zur Entwicklung des amerikanischen Seeromans.
Gerade dieses Werk bietet außerdem mehr als die Gegenüberstellung von sicherem Heim und gefährlicher Ferne. Handel und Familie, Heiratspläne und maritime Beweglichkeit greifen ineinander. Die Ordnung an Land erweist sich als abhängig von einer Welt, die sie zugleich begrenzen möchte. Auch die Verkleidungs- und Identitätsmotive lassen Zugehörigkeit weniger selbstverständlich erscheinen, als es die gesellschaftlichen Konventionen verlangen. Heutigen Lesern können die ausführliche Erzählweise und die festen Rangvorstellungen fremd bleiben. Der bleibende Reiz entsteht aus dieser Spannung: Cooper sucht Ordnung, erzählt aber mit besonderer Energie von Menschen, die sich ihren vorgesehenen Plätzen entziehen.
Buchdaten
- Autor: James Fenimore Cooper
- Titel: Der Irrwisch oder der Kaper
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966375368
- Softcover-ISBN: 9783966373968
Rezension von Sophia und Marc

