Der Nachtzug

Ein Kind ist verschwunden, und sein Vater sucht nach einem Weg, es wiederzufinden. Sebastian Fitzek führt diese Ausgangslage in einen luxuriösen Zug, der durch die Nacht fährt und zum Schauplatz eines bedrängenden Konflikts wird. Der Roman setzt auf rasche Wendungen und einen Helden, der unter Zeitdruck handeln muss. Das erzeugt einen kräftigen Lesesog. Weniger überzeugend fällt aus, wie ausführlich die Figuren und die moralischen Fragen hinter dem Geschehen ausgelotet werden.

Adrian Corvin arbeitet als Strafverteidiger in Berlin. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau verschwindet auch sein kleiner Sohn. Die Suche nach dem Kind führt Corvin an Bord des Royal Rail Express, der zwischen Prag und Berlin unterwegs ist. Dort wird seine berufliche Rolle Teil eines Spiels, in dem persönliche Not und juristische Pflichten gegeneinander ausgespielt werden. Eine Frau, die sich zum Tod seiner Frau bekannt hat, macht die Rückkehr des Jungen von einer Bedingung abhängig. Für Corvin beginnt damit ein Wettlauf, bei dem jeder Schritt neue Risiken mit sich bringt. Die Situation ist wirkungsvoll zugespitzt; sie stellt zugleich hohe Ansprüche an die Bereitschaft, die dramatischen Voraussetzungen des Romans zu akzeptieren.

Der Text hält sein Tempo vor allem durch immer neue Unterbrechungen und offene Fragen hoch. Antworten werden zurückgestellt, während sich die Lage weiter verschärft. Das funktioniert besonders gut, wenn Corvins Angst um seinen Sohn im Mittelpunkt steht: Sie gibt der Handlung ein klares emotionales Ziel und macht die Dringlichkeit unmittelbar verständlich. Die Kehrseite ist ein Erzählrhythmus, der kaum innehält. Kaum ist ein Konflikt gesetzt, drängt der nächste nach vorn. Dadurch bleibt wenig Zeit, einzelne Entscheidungen oder ihre Folgen länger zu betrachten. Wer vor allem eine rasante Geschichte sucht, kann sich davon mitreißen lassen; Leser, die eine ruhigere Entwicklung bevorzugen, dürften das permanente Anziehen der Spannung als ermüdend empfinden.

Die Fahrt bietet einen passenden Rahmen für diese Dynamik. Die Passagiere bewegen sich in einem begrenzten Raum, während der Zug weiterrollt und eine einfache Flucht aus der Situation kaum möglich scheint. Die komfortable Ausstattung steht dabei in einem reizvollen Gegensatz zur Gefahr, der Corvin ausgesetzt ist. Wohlstand und Bequemlichkeit nehmen der Bedrohung nichts von ihrer Wirkung. Der Schauplatz schafft so eine geschlossene Atmosphäre und hält die Geschichte räumlich zusammen. Er kann jedoch nicht jede Unwahrscheinlichkeit erklären. Eine beengte Umgebung verstärkt den Druck, ersetzt aber keine nachvollziehbare Entwicklung der Ereignisse.

Corvins Lage ist leicht zu erfassen: Er hat seine Frau verloren und fürchtet um sein Kind. Auch seine berufliche Identität ist klar umrissen. Gerade diese eindeutige Ausgangslage macht ihn zu einer zugänglichen Hauptfigur. Seine persönlichen Eigenschaften treten jedoch weniger deutlich hervor als die Rollen, die er erfüllen soll. Der Leser versteht, weshalb der Vater handelt und worauf der Anwalt achten muss, lernt aber nur begrenzt kennen, was Corvin jenseits dieses Ausnahmezustands auszeichnet. Das gilt auch für die emotionale Ausarbeitung. Belastung und Trauer sind präsent, werden aber häufig rasch wieder in den nächsten Handlungsschritt überführt.

Die Sprache unterstützt vor allem Übersicht und Tempo. Sie lenkt den Blick auf die Gefahr und die Entscheidungen, vor denen die Hauptfigur steht, ohne besonders stark durch eine eigene sprachliche Handschrift hervorzutreten. Das ist für einen Thriller dieser Art funktional, lässt aber nur wenig Raum für Zwischentöne. Auch die Wendungen verlangen dem Leser wiederholt ein gewisses Maß an Vertrauen ab. Manche Steigerung wirkt eher darauf angelegt, den nächsten Schock zu ermöglichen, als sich zwingend aus dem bisher Erzählten zu ergeben. Wer die Übertreibung als Teil des Genres akzeptiert, wird daran weniger Anstoß nehmen. Wer Wert auf eine lückenlos plausible Handlung legt, könnte dagegen an mehreren Stellen aus dem Lesefluss geraten.

Am meisten Stoff zum Nachdenken bietet der Gegensatz zwischen Corvins Beruf und seiner privaten Not. Als Anwalt soll er sich an Grundsätze halten, auch wenn die Umstände ihn persönlich treffen. Der Roman macht aus dieser Frage eine akute Prüfung, indem er die Angst um das Kind mit der Forderung verbindet, eine berufliche Pflicht zu erfüllen. Diese Anlage ist interessant, wird aber eher als Motor der Handlung verwendet, denn als Ausgangspunkt für eine ausführliche Auseinandersetzung mit Recht, Verantwortung und persönlicher Grenze. Der Konflikt gibt dem Thriller Gewicht, ohne seine Spannung grundsätzlich in eine tiefere Erkundung moralischer Fragen zu verwandeln. So bleibt die Idee reizvoller als ihre Ausarbeitung.

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Für den Roman sprechen das hohe Tempo, die klare Bedrohungslage und ein Schauplatz, der die Handlung atmosphärisch bündelt. Die Fahrt durch die Nacht bringt Corvin in eine Situation, aus der er sich nicht ohne Weiteres zurückziehen kann, und hält die Spannung auf engem Raum. Auch die Kollision von familiärer Verantwortung und beruflichen Grundsätzen verleiht der Geschichte einen interessanten Kern. Weniger überzeugend sind die begrenzte Entwicklung der Hauptfigur und die stellenweise wenig belastbare Plausibilität der Wendungen. Wer vor allem einen schnellen Thriller mit zugespitzten Konflikten sucht, dürfte gut unterhalten werden. Wer eine differenzierte Figurenzeichnung oder eine gründliche Erkundung der moralischen Fragen erwartet, findet diese Aspekte weniger ausgearbeitet.

Buchdaten

  • Autor: Sebastian Fitzek
  • Verlag: Droemer
  • Preis: 26,00 €
  • ISBN: 9783426281765

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Rezension von Emma