
Eine Operntruppe bringt eine italienische Kleinstadt in Unruhe. Heinrich Mann macht daraus einen Gesellschaftsroman, dessen Komik von Eitelkeiten lebt und dessen Ernst im Zusammenleben liegt.
Wie viel Öffentlichkeit verträgt ein privater Wunsch? Und wie viel Eitelkeit steckt in einem öffentlichen Anliegen? Heinrich Manns „Die kleine Stadt“ gewinnt seinen Reiz daraus, solche Fragen nicht sauber auseinanderzuhalten. Politik erscheint hier weder als fernes Regierungsgeschäft noch als bloßer Streit um Überzeugungen. Sie entsteht dort, wo Menschen einander beobachten, gefallen wollen und ihren Platz behaupten. Das verlangt eine Lektüre, die sich weniger an einen einzelnen Helden hält als an wechselnde Beziehungen. Der Roman bietet dafür eine eigentümliche Mischung: Er ist gesellig und spöttisch, stellenweise überschwänglich, dabei genauer in der Wahrnehmung menschlicher Schwächen, als sein heiteres Treiben zunächst vermuten lässt. Seine stärksten Augenblicke gehören nicht einer großen Erklärung, sondern dem Zusammenspiel vieler kleiner Auftritte.
In einer kleinen italienischen Stadt nahe Rom wird eine gastierende Operntruppe erwartet. Der Advokat Belotti, Wortführer der liberalen Bürger, hat sich für das Gastspiel eingesetzt; der Priester Don Taddeo und seine Anhänger stehen dem Theater ablehnend gegenüber. Schon die Verwendung städtischer Gelder für Kultur und Beleuchtung gibt Anlass zum Streit. Mit der Ankunft der Sänger geraten außerdem private Beziehungen in Bewegung. Zum Ensemble gehören der junge Tenor Nello Gennari und die ehrgeizige Primadonna Flora Garlinda; unter den Bewohnern begegnen ihnen Bewunderung, Neugier und Misstrauen. Während die Aufführungen vorbereitet werden, überlagern sich Liebesgeschichten, gesellschaftliche Rivalitäten und der politische Gegensatz zwischen den beiden Lagern. Plätze, Cafés, Kirche und Theater bilden die Schauplätze dieser Begegnungen.
Manns erzählerische Stärke liegt darin, dass diese Stadt nicht bloß den Hintergrund abgibt. Sie wird durch ihre Stimmen und Bewegungen gegenwärtig. Schon am Anfang genügen das Warten vor dem Café, eine oft erzählte Erinnerung und sich öffnende Fensterläden, um ein dichtes Geflecht gegenseitiger Beobachtung entstehen zu lassen. Menschen treten hinzu, unterbrechen, verschwinden wieder; eine Bemerkung verändert die Stimmung einer ganzen Runde. Das hat etwas Bühnenhaftes, ohne zur bloßen Aneinanderreihung von Szenen zu werden. Man liest mitunter weniger auf ein Ereignis hin, als dass man einer sich formierenden Gruppe zusieht. Gerade darin steckt Vergnügen: Der Roman lässt erkennen, wie aus einzelnen Zuschauern ein Publikum wird und wie rasch ein Publikum seinerseits zu handeln beginnt.
Besonders ergiebig ist Belotti, weil Mann seine Begeisterung nicht von seiner Selbstgefälligkeit trennt. Der Advokat möchte der Kunst dienen und zugleich als ihr unentbehrlicher Förderer erscheinen. Wenn er den Gästen die Geschichte der Stadt vorführt, wächst seine Heimatliebe unversehens zur persönlichen Festrede. Sein seit Jahren vorbereitetes Geschichtswerk und die großspurige Führung machen ihn komisch, aber nicht bedeutungslos. Für die Lektüre ist diese Doppelwirkung entscheidend: Man darf über einen Menschen lachen, ohne jedes seiner Anliegen verwerfen zu müssen. Belotti wäre als makelloser Fürsprecher der Freiheit weit weniger interessant. So hingegen bleibt die Frage offen, wie viel Gemeinsinn durch Geltungsbedürfnis hindurch überhaupt möglich ist. Die Komik schärft den Blick, statt ihn durch ein vorschnelles Urteil zu ersetzen.
Das Theater ist dabei mehr als ein Anlass für Aufregung. Es eröffnet einen Raum, in dem die gewohnten Rangordnungen unsicher werden und gemeinsame Erregung andere Verbindungen ermöglicht. Man kann darin eine demokratische Hoffnung erkennen; überzeugender wird sie jedoch, wenn man sie nicht als fertige Botschaft liest. Denn gemeinsame Begeisterung ist noch keine Verständigung. Gerade das Nebeneinander von Kunstgenuss, Begehren und öffentlicher Selbstdarstellung verleiht dem Geschehen seine Spannung. Der Roman traut der Kunst etwas zu, ohne dass man deshalb jede seiner Hoffnungen teilen müsste. Für heutige Leser kann diese Zuversicht groß erscheinen. Sie bleibt als literarischer Versuch anregend: Was verändert sich, wenn Menschen für eine Weile etwas anderes sehen als ihre angestammten Gegner?
Ganz mühelos erschließt sich dieses Gesellschaftsspiel nicht. Die vielen Namen und rasch wechselnden Gesprächsrunden verlangen Aufmerksamkeit; wer eine geradlinige Hauptgeschichte sucht, wird gelegentlich den Halt vermissen. Auch die starken Gefühlsausschläge können fremd wirken. Schon Nellos frühe Liebesbegeisterung wird mit einer körperlichen Heftigkeit ausgedrückt, die wenig von heutiger erzählerischer Zurückhaltung hat. Man muss diesen Ton nicht durchweg mögen. Doch die Überfülle gehört zum Wagnis des Buches: Gefühle sollen nicht nur benannt werden, sondern sichtbar in die gemeinsame Welt drängen. Am besten liest sich „Die kleine Stadt“, wenn man weder eine behagliche Ortschronik noch einen nüchternen politischen Modellfall erwartet. Ihr eigener Rhythmus entsteht zwischen Gelächter, öffentlicher Unruhe und dem gelegentlich sehr lauten Ernst des Herzens.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Literarischer Rang und bleibende Lesbarkeit
Warum lohnt es sich, diesen Roman weiterhin zu lesen? Sein Anspruch auf einen Platz im Kanon lässt sich vor allem mit seiner Form begründen. Mann erzählt Gesellschaft nicht ausschließlich am Schicksal eines herausgehobenen Einzelnen. Er organisiert ein Ensemble, dessen Beziehungen auf öffentlichen Schauplätzen sichtbar werden. Diese Kunst der Gruppenführung trägt auch dort, wo einzelne Gefühlsausbrüche heutigen Lesern übersteigert vorkommen mögen.
Hinzu kommt eine politische Vorstellungskraft, die nicht bei der Entlarvung stehen bleibt. Die Stadt ist ein Ort von Gegensätzen, aber das Theater eröffnet zumindest die Möglichkeit, eingefahrene Hierarchien zu lockern. Darin liegt für mich der weiterführende Gedanke des Buches: Zusammenleben benötigt mehr als die richtige Überzeugung; es braucht auch Gelegenheiten, andere Menschen außerhalb ihrer festen Rolle wahrzunehmen.
Manches daran darf skeptisch stimmen. Nicht jeder wird der Kunst eine solche gesellschaftliche Kraft zutrauen. Der literarische Gewinn hängt jedoch nicht davon ab, diese Hoffnung vollständig zu übernehmen. Er liegt darin, sie in einem bewegten, komischen und widersprüchlichen Gemeinwesen erprobt zu sehen. Gerade die Verbindung aus kritischem Blick und verweigerter Menschenverachtung macht die erneute Lektüre ergiebig.
Buchdaten
- Autor: Mann
- Titel: Die kleine Stadt
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988289889
- Softcover-ISBN: 9783988288585
Rezension von Emma und Sophia

