
Enid Blyton schrieb über glückliche Kinder, treue Freundschaften, Picknicks, Internate und Abenteuer in einer überschaubaren Welt, in der das Gute am Ende zuverlässig gewinnt. Ausgerechnet ihre eigene Familie erlebte sie teilweise ganz anders. Ihre jüngere Tochter Imogen beschrieb sie später als arrogant, unsicher, prätentiös und „ohne einen Funken mütterlichen Instinkt“. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann Hugh Pollock sah dieser die gemeinsamen Töchter nicht mehr. Blyton hatte während der Ehe selbst eine Affäre begonnen, sorgte aber dafür, dass Pollock offiziell als der Ehebrecher dastand; später heiratete sie ihren Geliebten. Ihre ältere Tochter Gillian widersprach dem vernichtenden Bild allerdings deutlich und erinnerte sich an eine liebevolle und faszinierende Mutter. Was bleibt, ist damit keine einfache Geschichte von der bösen Kinderbuchautorin, sondern das Porträt einer außerordentlich erfolgreichen, kontrollierenden und widersprüchlichen Frau, die Kindern auf dem Papier eine ideale Welt schuf, während ihr eigenes Familienleben davon atemberaubend weit entfernt war.
Die Tochter, die den Vater liebte und mit der Mutter brach
Enid Mary Blyton wurde am 11. August 1897 in East Dulwich im Süden Londons geboren und wuchs mit zwei jüngeren Brüdern in Beckenham auf. Besonders eng war ihre Beziehung zu ihrem Vater Thomas, einem gebildeten Geschäftsmann, der ihr Natur, Bücher, Musik und Theater nahebrachte. Als Enid 13 Jahre alt war, verließ er die Familie wegen einer anderen Frau. Für die Tochter war das ein tiefer Einschnitt. Mit ihrer Mutter Theresa hatte sie ohnehin ein schwieriges Verhältnis; später brach sie nahezu vollständig mit ihr und ließ Bekannte zeitweise sogar glauben, die Mutter sei bereits gestorben. An deren Beerdigung nahm sie ebenso wenig teil wie zuvor an der ihres Vaters. In der Schule hingegen war Blyton erfolgreich: Sie wurde an der St Christopher’s School Head Girl, spielte Tennis und Lacrosse und schrieb bereits eigene Geschichten. Musikalisch war sie so begabt, dass eine Ausbildung an der Guildhall School of Music im Raum stand, entschied sich aber dagegen und absolvierte ab 1916 eine reformpädagogisch geprägte Ausbildung zur Lehrerin. Sie unterrichtete zunächst an einer Jungenschule und später privat. Der häufig wiederholte Hinweis auf ein angeblich „fotografisches Gedächtnis“ ist schwerer zu belegen als die Tatsache, dass Blyton selbst ihren späteren Schreibprozess als eine Art Film beschrieb, der in ihrem Kopf ablaufe und den sie anschließend nur noch auf der Schreibmaschine festhalten müsse. Erhaltene Manuskripte zeigen tatsächlich ungewöhnlich flüssig entstandene Texte, allerdings keineswegs völlig ohne nachträgliche Änderungen.
Eine Ein-Frau-Buchfabrik – und vermutlich tatsächlich ohne Ghostwriter
Die Schriftstellerin galt als extrem produktiv. Sie schrieb insgesamt an die 750 Bücher, gab eine Magazin heraus und verfasste viele hundert Kurzgeschichten. 1922 erschien mit Child Whispers ihr erstes Buch. Zwei Jahre später heiratete sie Hugh Pollock, einen Verlagslektor, der ihre Karriere unterstützte und sie auch zum Umstieg auf die Schreibmaschine ermunterte. Danach nahm die Produktion Dimensionen an, die selbst für Berufsschriftsteller außergewöhnlich sind. Blyton schrieb Abenteuerromane, Schulgeschichten, Fantasiebücher, Tiergeschichten, religiöse Texte, Gedichte, Lernbücher und Tausende Kurzgeschichten; sie redigierte eigene Zeitschriften und beantwortete enorme Mengen an Leserpost. In Spitzenzeiten erschienen mehr als 20 Bücher in einem Jahr; 1951 sollen es sogar 37 gewesen sein. Die oft genannten bis zu 10.000 Wörter an einem Arbeitstag sind ebenfalls gut überliefert. Eine solche Produktion rief zwangsläufig den Verdacht hervor, hinter dem Namen Enid Blyton arbeite in Wirklichkeit ein ganzes Unternehmen von Ghostwritern. Blyton reagierte darauf ausgesprochen empfindlich.
Als eine Bibliothekarin die Behauptung öffentlich wiederholte, leitete sie 1955 rechtliche Schritte ein; die Frau musste sich vor Gericht entschuldigen. Heute spricht auch das erhaltene Archiv eher gegen die Ghostwriter-Theorie: Typoskripte zeigen genau den von Blyton beschriebenen schnellen Entstehungsprozess samt ihren anschließenden Korrekturen. Sie war also tatsächlich eher eine menschliche Buchfabrik als die Chefin einer geheimen Schreibwerkstatt. Geschäftlich dachte sie allerdings sehr unternehmerisch. Sie machte ihren Namen mit der unverwechselbaren Unterschrift auf den Buchdeckeln selbst zur Marke, gründete 1950 die Firma Darrell Waters Ltd. für ihre wirtschaftlichen Interessen und verstand früh, dass Magazine, Fanclubs, Merchandising und eine direkte Beziehung zu jungen Lesern ihren Erfolg vervielfachen konnten.
Zwei Töchter – und zwei völlig verschiedene Erinnerungen an dieselbe Mutter
Gerade hier beginnt die unangenehme Seite der Biografie. Mit Hugh Pollock bekam Blyton 1931 Tochter Gillian und 1935 Imogen. Die Ehe verschlechterte sich in den späten 1930er Jahren erheblich. Pollock trank zunehmend und begann seinerseits eine Beziehung mit der Schriftstellerin Ida Crowe. Blyton hatte spätestens ab 1941 eine ernsthafte Affäre mit dem Chirurgen Kenneth Darrell Waters. Weil ein öffentlich bekannt gewordener Ehebruch dem Image einer berühmten Kinderbuchautorin schaden konnte, einigten sich Blyton und Pollock nach biografischen Darstellungen darauf, dass sie die Scheidung einreichen und Pollocks Untreue offiziell den Anlass liefern sollte. Im Gegenzug sollte er seine Töchter weiterhin sehen dürfen.
Genau das geschah anschließend nicht. Nach der Scheidung hatten Gillian und Imogen keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater; Blyton änderte ihren Familiennamen in Darrell Waters und heiratete Kenneth bereits 1943. Pollock durfte später nicht einmal an Gillians Hochzeit teilnehmen. Seine spätere Frau Ida behauptete außerdem, Blyton habe ihre Stellung genutzt, um ihm das berufliche Fortkommen im Verlagswesen zu erschweren. Nicht jedes Detail dieser erbitterten Trennung lässt sich heute unabhängig beweisen, aber dass Pollock nach der Scheidung seine Töchter nicht mehr sah, obwohl zuvor ein anderer Umgang vereinbart worden war, ist in mehreren biografischen Darstellungen übereinstimmend überliefert.
Noch aufschlussreicher ist der Gegensatz zwischen den beiden Töchtern. Imogen Smallwood veröffentlichte 1989 A Childhood at Green Hedges und zerstörte damit gründlich die Vorstellung, im Haus der berühmtesten Kinderbuchautorin Großbritanniens müsse es so fröhlich zugegangen sein wie bei den Fünf Freunden. Ihre Mutter schilderte sie als emotional distanziert, streng, selbstbezogen und ohne erkennbaren mütterlichen Instinkt. Besuche im Kinderzimmer seien eher hastig und ärgerlich als liebevoll gewesen; die Töchter wurden weitgehend von Kindermädchen betreut. Imogen sagte später ausdrücklich, ihre Mutter sei als Schriftstellerin brillant, als Mutter dagegen keineswegs. Die ältere Gillian Baverstock erinnerte sich völlig anders: Für sie war Blyton eine faire und liebevolle Mutter und eine faszinierende Begleiterin. Gillian räumte allerdings ein, dass die beiden Schwestern unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten. Vier Jahre Altersunterschied, Blytons immer größere Arbeitsbelastung und unterschiedliche Beziehungen innerhalb der Familie können einen Teil davon erklären. Man sollte Imogens Erinnerung deshalb weder als objektives Gerichtsurteil noch Gillians freundlichere Version als Widerlegung behandeln. Sicher ist nur, dass das öffentliche Bild der strahlenden Kinderfreundin mit mindestens einer Tochter fundamental kollidierte. Selbst Imogens Tochter Sophie sagte später über ihre Großmutter, sie sei im üblichen Sinn eigentlich keine Mutter gewesen.
Die Frau, die unangenehme Wirklichkeit gern umschrieb
Dass Blyton Probleme lieber ausblendete als lange über sie nachzudenken, zieht sich auffällig durch ihre Biografie. Sie trennte sich fast vollständig von ihrer Herkunftsfamilie, präsentierte nach der Scheidung schnell eine neue harmonische Familienwelt und kontrollierte sorgfältig das öffentliche Bild von Green Hedges, ihrem Haus in Beaconsfield. Genau diese Fähigkeit zur Selbstinszenierung machte die BBC-Verfilmung Enid von 2009 so reizvoll. Helena Bonham Carter, die Blyton spielte, bezeichnete sie nach ihrer Beschäftigung mit dem Stoff als emotional chaotisch und „bonkers“. Das ist die Interpretation einer Schauspielerin und selbstverständlich keine psychiatrische Diagnose. Interessanter ist die Beobachtung dahinter: Blyton besaß offenbar eine enorme Fähigkeit, störende Teile ihrer eigenen Wirklichkeit aus ihrer öffentlichen Erzählung zu entfernen. Biografin Barbara Stoney brachte dies mit dem Verlust des Vaters in der frühen Jugend in Verbindung und vermutete eine gewisse emotionale Unreife – auch das bleibt eine biografische Deutung, keine medizinische Feststellung. Gleichzeitig wäre es falsch, daraus eine Frau ohne positive Bindungen zu konstruieren. Blyton unterstützte Wohltätigkeitsorganisationen, mobilisierte über ihre Kinderclubs erhebliche Spendensummen und konnte gegenüber Lesern außerordentlich zugewandt auftreten. Die wahrscheinlich zutreffendere Beschreibung lautet deshalb: Sie war zu großer Wärme fähig, aber offenbar sehr viel eher dann, wenn sie bestimmen konnte, wie eine Beziehung funktionierte.
Geliebt von Kindern, verachtet von Teilen des Literaturbetriebs
Mit den Kindern als Publikum funktionierte Blytons Methode spektakulär. The Famous Five, The Secret Seven, Malory Towers, St Clare’s, The Adventure Series, The Faraway Tree und später Noddy wurden internationale Erfolge. Die deutschen „Hanni und Nanni“-Bücher gehen auf die St Clare’s-Reihe zurück, wurden bei Übersetzung und Fortführung allerdings teilweise so stark bearbeitet, dass die deutschen Ausgaben nicht einfach mit Blytons englischem Originalwerk gleichgesetzt werden können. Insgesamt wurden ihre Bücher nach Angaben des heutigen Rechteinhabers mehr als 500 Millionen Mal verkauft und in über 40 Sprachen übersetzt. Zugleich hielten viele Erwachsene wenig von ihnen. Die BBC blockierte Blyton über Jahrzehnte weitgehend für ihre Programme, weil Verantwortliche ihr Werk für literarisch zweitklassig hielten. Lehrer und Bibliothekare kritisierten die begrenzte Sprache, wiederholte Handlungsmuster und stereotype Figuren.
Blyton konterte sinngemäß, die Meinung von Kritikern über zwölf interessiere sie nicht. Damit hatte sie zumindest marktstrategisch recht: Kinder lasen sie weiter. Schwieriger wegzuwischen sind Vorwürfe von Klassendünkel, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit und rassistischen Stereotypen. Schon 1960 lehnte Macmillan ein Manuskript wegen eines „altmodischen“ xenophoben Beigeschmacks ab. Besonders die Darstellung der Golliwog-Figuren in älteren Noddy-Büchern und verschiedene stereotype Darstellungen wurden später verändert oder entfernt. Gleichzeitig gibt es in der Forschung Streit darüber, ob jede frühere Kritik einzelne Texte korrekt interpretiert hat. Die sinnvolle Position liegt weder im Reinwaschen noch im symbolischen Verbannen: Blytons Bücher waren Produkte ihrer Zeit, enthalten tatsächlich problematische Elemente – und haben dennoch Generationen von Kindern überhaupt erst zum freiwilligen Lesen gebracht.
Was man von Enid Blyton heute noch lesen sollte
Wer verstehen will, warum Blyton so erfolgreich war, sollte nicht mit ihren pädagogischen Texten beginnen, sondern dort, wo sie ihre größte Stärke ausspielt: bei Kindern, die von Erwachsenen weitgehend unbeaufsichtigt eine eigene Welt erobern. Die Fünf Freunde sind dafür der Klassiker. Die Konstruktion wiederholt sich – Ferien, Geheimnis, verdächtige Erwachsene, Höhlen oder verlassene Gebäude, Essen und am Ende die Wiederherstellung der Ordnung –, aber gerade diese Verlässlichkeit gehört zur Wirkung. Mit George schuf Blyton zudem eine Figur, die sich gegen traditionelle weibliche Rollenerwartungen sperrt, auch wenn die Serie an anderen Stellen sehr konventionelle Geschlechterbilder transportiert. Malory Towers und St Clare’s zeigen die andere große Blyton-Welt: das Internat als abgeschlossener sozialer Kosmos aus Freundschaften, Rivalitäten, Streichen, Loyalität und moralischen Bewährungsproben.
Für jüngere Kinder funktionieren die Fantasiegeschichten um The Faraway Tree häufig besser als Noddy, dessen Welt besonders stark unter später kritisierten Stereotypen gelitten hat. Literarisch sollte man dabei keine Virginia Woolf erwarten. Blytons Kunst lag in etwas anderem: Sie verstand außergewöhnlich gut, wie schnell Kinder in eine Geschichte hineinkommen müssen, was sie neugierig hält und welche Mischung aus Wiederholung und Abenteuer ihnen Sicherheit gibt. Dass erwachsene Kritiker darin Formelhaftigkeit erkennen und Kinder gerade deshalb noch eine Seite lesen wollen, ist kein wirklicher Widerspruch.
In ihren letzten Jahren ging diese erstaunliche Produktivität zurück. Ende der 1950er verschlechterte sich ihre Gesundheit, zu Beginn der 1960er Jahre zeigten sich deutlich Symptome einer Demenzerkrankung. Die alte Formulierung „Alzheimer“ würde ich vorsichtshalber nicht mehr als gesicherte Diagnose verwenden; der heutige Rechteinhaber spricht schlicht von Demenz. Ihr zweiter Mann Kenneth Darrell Waters starb 1967. Im folgenden Jahr kam Blyton in ein Pflegeheim in Hampstead, wo sie am 28. November 1968 im Alter von 71 Jahren starb. Ihr Werk lebt in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis weiter: kaum ein Kinderbuchautor wurde von erwachsenen Literaturvermittlern so beharrlich herabgesetzt und zugleich von Kindern über Generationen so konsequent gelesen.
Die Autorin selbst ist noch widersprüchlicher. Sie schuf literarisch eine Welt der Fairness, Loyalität und verlässlichen Freundschaft, während sie im eigenen Leben insbesondere ihrem ersten Mann und nach Aussage ihrer jüngeren Tochter auch ihrer Familie gegenüber ausgesprochen hart handeln konnte. Man muss sie dafür weder dämonisieren noch auf einen Sockel stellen. Gerade der Abstand zwischen den moralisch geordneten Kinderwelten und ihrer persönlichen Biografie macht Enid Blyton heute mindestens so interessant wie die Frage, wie ein einzelner Mensch überhaupt siebenhundert Bücher schreiben konnte.
Enid Blyton – die wichtigsten Fakten
- Vollständiger Name: Enid Mary Blyton
- Geboren: 11. August 1897 in East Dulwich, London
- Gestorben: 28. November 1968 in Hampstead, London
- Eltern: Thomas Carey Blyton und Theresa Mary Blyton
- Geschwister: zwei jüngere Brüder
- Ausbildung: St Christopher’s School; anschließend Ausbildung zur Lehrerin nach Froebel-Prinzipien in Ipswich
- Erstes Buch: Child Whispers, 1922
- Erster Ehemann: Hugh Alexander Pollock, verheiratet 1924, Scheidung 1943
- Kinder: Gillian Baverstock und Imogen Smallwood
- Zweiter Ehemann: der Chirurg Kenneth Darrell Waters, verheiratet ab 1943
- Bekannteste Reihen: The Famous Five, The Secret Seven, St Clare’s, Malory Towers, The Adventure Series, The Faraway Tree und Noddy
- Hanni und Nanni: deutsche Bearbeitung der St Clare’s-Reihe
- Werkumfang: rund 700 Bücher sowie etwa 2.000 Kurzgeschichten nach heutiger Verlagszählung
- Spitzenleistung: bis zu etwa 10.000 Wörter pro Tag; 1951 erschienen nach zeitgenössischen Aufstellungen 37 Bücher
- Ghostwriter: entsprechende Gerüchte gab es, belastbare Belege fehlen; Blyton setzte sich gegen eine solche Behauptung erfolgreich juristisch zur Wehr
- Verkäufe: mehr als 500 Millionen Exemplare nach Angaben des heutigen Rechteinhabers
- Kritik am Werk: unter anderem wegen einfacher Sprache, formelhafter Handlung, Klassenvorurteilen, Geschlechterstereotypen, Fremdenfeindlichkeit und rassistischen Darstellungen
- Gesundheit: in den letzten Lebensjahren fortschreitende Demenz
Enid Blytons Bücher, die man gelesen haben sollte:
Zitat, das Enid Blyton zugeschrieben wird:
„Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich überhaupt nicht.“
Autorenteam

