Günter Grass: Die Blechtrommel – Zusammenfassung, Analyse und Rezension
Günter Grass’ Die Blechtrommel gehört zu den wichtigsten Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur. Als das Buch 1959 erschien, sorgte es gleichermaßen für Bewunderung und Empörung. Grass erzählt deutsche Geschichte vom Aufstieg des Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit aus der Perspektive eines höchst ungewöhnlichen Erzählers: Oskar Matzerath beschließt nach eigener Darstellung an seinem dritten Geburtstag, nicht mehr zu wachsen. Fortan beobachtet er die Welt der Erwachsenen aus der körperlichen Position eines Kindes – und kommentiert sie mit dem Wissen, der Bosheit und dem Scharfsinn eines Erwachsenen.
Oskar ist allerdings alles andere als ein zuverlässiger Chronist. Er erzählt seine Lebensgeschichte aus einer Heil- und Pflegeanstalt, springt zwischen Ich- und Er-Form, widerspricht sich und lässt den Leser immer wieder im Unklaren darüber, wo Erinnerung endet und Fantasie beginnt. Gerade dadurch wird Die Blechtrommel zu mehr als einem historischen Roman. Es ist ein Buch über Erinnerung, Schuld und die Geschichten, die Menschen sich über ihre eigene Vergangenheit erzählen.
Worum geht es in „Die Blechtrommel“?
Oskar Matzerath wird 1924 in Danzig geboren. Seine Mutter Agnes ist mit dem deutschen Lebensmittelhändler Alfred Matzerath verheiratet, unterhält jedoch weiterhin eine enge Beziehung zu ihrem polnischen Cousin Jan Bronski. Wer tatsächlich Oskars Vater ist, bleibt eine der bewusst ungeklärten Fragen des Romans.
Schon als Kleinkind hält Oskar sich seiner Umgebung geistig für überlegen. An seinem dritten Geburtstag erhält er eine Blechtrommel, die zu seinem wichtigsten Besitz und Ausdrucksmittel wird. Gleichzeitig beschließt er, nicht weiterzuwachsen. Einen Sturz über eine Kellertreppe nutzen die Erwachsenen später als Erklärung für seine körperliche Entwicklung; Oskar selbst behauptet dagegen, seine geringe Körpergröße sei das Ergebnis einer bewussten Entscheidung.
Neben der Trommel verfügt er über eine zweite außergewöhnliche Fähigkeit: Mit seiner Stimme kann er Glas zerspringen lassen. Beides verschafft ihm Macht über eine Erwachsenenwelt, der er sich einerseits entzieht und die er andererseits gezielt manipuliert.
Während Oskar heranwächst, verändert sich die politische Welt um ihn herum. Der Nationalsozialismus gewinnt an Macht, Danzig wird zum Schauplatz deutsch-polnischer Konflikte, der Zweite Weltkrieg beginnt und die alte Gesellschaft zerfällt. Oskar erlebt diese Ereignisse nicht aus der Perspektive großer Politiker oder Soldaten. Grass zeigt Geschichte im Alltag: in Familien, Geschäften, Kneipen, Liebesbeziehungen und kleinen Akten der Anpassung.
Die Blechtrommel als Instrument der Erinnerung
Oskars Trommel ist weit mehr als ein Kinderspielzeug. Mit ihr ruft er Erinnerungen hervor, begleitet Situationen und setzt der Welt seinen eigenen Rhythmus entgegen. Trommeln und Erzählen gehören eng zusammen. Beide ermöglichen es Oskar, Vergangenheit festzuhalten und nach seinen eigenen Regeln zu ordnen.
Das ist besonders wichtig, weil Oskars Erinnerung keineswegs objektiv ist. Er behauptet zwar, uns seine Lebensgeschichte zu erzählen, doch seine Version der Ereignisse bleibt zweifelhaft. Mal präsentiert er sich als Beobachter, mal als Verursacher. Mal scheint er erstaunlich genau zu erinnern, dann wieder verwandelt sich die Wirklichkeit ins Groteske und Fantastische.
Grass macht damit ein zentrales Problem der deutschen Nachkriegszeit zum erzählerischen Prinzip: Wie zuverlässig erzählen Menschen von einer Vergangenheit, in die sie selbst verstrickt waren?
Oskar Matzerath: Kind, Außenseiter und Täter
Oskar wird leicht als unschuldiges Kind missverstanden. Das ist er keineswegs. Seine geringe Körpergröße verschafft ihm zwar die Position eines Außenseiters, doch moralisch steht er nicht außerhalb der Welt, die er beobachtet.
Er manipuliert andere Menschen, erzeugt Situationen, aus denen Schaden entsteht, und übernimmt nur ungern Verantwortung für die Folgen. Immer wieder stellt sich deshalb die Frage, wie viel Schuld Oskar selbst trägt. Seine bevorzugte Rolle ist die des Beobachters: Die Erwachsenen seien verrückt, feige, gierig oder verlogen – er selbst dagegen nur derjenige, der alles gesehen habe.
Gerade diese Selbstbeschreibung macht ihn verdächtig. Oskar verkörpert auch eine Haltung, die Grass an der deutschen Nachkriegsgesellschaft interessiert: die Neigung, sich selbst möglichst außerhalb der Verantwortung zu positionieren.
Nationalsozialismus im Alltag
Die Blechtrommel ist kein klassischer Roman über Hitler oder die militärischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Grass interessiert sich stärker dafür, wie politische Umbrüche in den Alltag einsickern. Menschen wechseln ihre Überzeugungen, passen sich an neue Machtverhältnisse an oder versuchen einfach weiterzumachen.
Eine berühmte Szene spielt bei einer nationalsozialistischen Kundgebung. Oskar versteckt sich mit seiner Trommel unter einer Tribüne und bringt die Marschmusik aus dem Takt. Aus militärischem Gleichschritt entsteht plötzlich ein Walzer. Die Szene ist komisch, besitzt aber eine politische Pointe: Eine scheinbar überwältigende Inszenierung von Macht kann durch einen falschen Rhythmus ihre Autorität verlieren.
Solche grotesken Brechungen sind typisch für Grass. Der Nationalsozialismus erscheint dadurch nicht harmlos. Vielmehr verweigert der Roman ihm jene monumentale Würde, mit der diktatorische Systeme sich selbst gerne darstellen.
Danzig als verlorene Welt
Der wichtigste Schauplatz des Romans ist die damalige Freie Stadt Danzig und ihre Umgebung. Deutsche, Polen und Kaschuben leben dort miteinander und gegeneinander. Politische und nationale Zugehörigkeiten überschneiden sich mit Familienbeziehungen.
Auch Oskars eigene Familie trägt diese Mehrdeutigkeit in sich. Alfred Matzerath steht für die deutsche Seite, Jan Bronski für die polnische. Agnes bewegt sich zwischen beiden Männern. Der Konflikt der großen Politik existiert damit zugleich im Innersten der Familie.
Durch Krieg und Vertreibung geht diese Welt schließlich unter. Nach 1945 verlagert sich die Handlung nach Westdeutschland. Auch dadurch erzählt der Roman eine Geschichte von Verlust und Neuanfang – allerdings ohne nostalgische Verklärung der verlorenen Heimat.
Groteske, Ekel und schwarzer Humor
Grass erzählt die deutsche Geschichte nicht feierlich. Die Blechtrommel ist voller grotesker, körperlicher und manchmal ausgesprochen unangenehmer Szenen. Eine der berühmtesten Episoden handelt von einem Pferdekopf, der als Köder für Aale verwendet wird. Essen, Krankheit, Sexualität, Tod und körperliche Ausscheidungen werden immer wieder drastisch dargestellt.
Das kann Leser auch heute noch abstoßen. Doch die Hässlichkeit ist kein zufälliges Stilmittel. Grass verweigert eine saubere und würdevolle Oberfläche für eine Epoche, die selbst alles andere als sauber war. Hinter bürgerlicher Normalität liegen Gewalt, Verdrängung, Sexualität und Tod.
Gleichzeitig besitzt der Roman viel schwarzen Humor. Tragische Situationen können plötzlich komisch werden, während scheinbar lustige Szenen einen ausgesprochen düsteren Kern haben. Dieser ständige Wechsel gehört zu den charakteristischen Eigenschaften des Buches.
Ein unzuverlässiger Erzähler
Schon die ersten Seiten machen deutlich, dass man Oskar nicht bedenkenlos glauben darf. Er erzählt aus einer psychiatrischen Einrichtung und spricht gelegentlich über sich selbst in der dritten Person. Selbst innerhalb einzelner Passagen kann die Perspektive wechseln.
Dieses Verfahren erzeugt Distanz. Der Leser kann Oskars Darstellung niemals vollständig mit der Wahrheit gleichsetzen. Hat er wirklich bewusst aufgehört zu wachsen? Kann seine Stimme tatsächlich Glas zerstören? Sind manche Ereignisse genau so geschehen, oder formt Oskar sie im Nachhinein zu seiner persönlichen Legende?
Grass beantwortet diese Fragen bewusst nicht eindeutig. Die Unsicherheit gehört zum Roman. Oskar kontrolliert seine Geschichte – und gerade deshalb muss der Leser versuchen, hinter seine Version zu schauen.
Die Danziger Trilogie
Die Blechtrommel bildet den ersten Teil der sogenannten Danziger Trilogie. Es folgten die Novelle Katz und Maus von 1961 und der Roman Hundejahre von 1963.
Alle drei Werke beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit Danzig, Nationalsozialismus, Krieg und deutscher Vergangenheit. Figuren und Motive tauchen teilweise in mehreren Büchern auf. Dennoch können die Werke unabhängig voneinander gelesen werden.
Mit der Trilogie wurde Grass zu einer zentralen Stimme der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Jahrzehnte später, 1999, erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Rezension: Wie liest sich „Die Blechtrommel“ heute?
Erstaunlich lebendig – allerdings nicht immer bequem. Der Roman ist umfangreich, voller Abschweifungen und stilistisch eigenwillig. Oskars Stimme kann gleichzeitig komisch, anstrengend, brillant und abstoßend sein. Wer einen geradlinigen historischen Roman erwartet, wird sich zunächst umstellen müssen.
Dafür besitzt das Buch eine enorme erzählerische Energie. Grass kann innerhalb weniger Seiten von Familienkomödie zu politischer Satire, von realistischer Milieuschilderung zu grotesker Fantasie und von Slapstick zu Tod wechseln. Besonders stark ist der Roman dort, wo der Leser gleichzeitig lachen möchte und merkt, dass ihm das Lachen eigentlich im Hals stecken bleiben müsste.
Auch Oskar selbst bleibt faszinierend. Er ist keine sympathische Identifikationsfigur und will es auch nicht sein. Seine Perspektive erlaubt einen scharfen Blick auf die Erwachsenenwelt, doch dieser Blick ist ebenfalls egoistisch und manipulativ. Damit verhindert Grass eine allzu einfache moralische Ordnung.
Manche Passagen wirken heute lang, manche Darstellungen von Sexualität und Geschlechterrollen deutlich zeitgebunden. Trotzdem ist der Roman keineswegs nur wegen seiner historischen Bedeutung lesenswert. Die sprachliche Erfindungskraft und Oskars unverwechselbare Stimme tragen das Buch noch immer.
Verfilmung
1979 verfilmte Volker Schlöndorff den Roman mit David Bennent als Oskar Matzerath. Die Verfilmung konzentriert sich vor allem auf den früheren Teil des umfangreichen Romans und wurde international außerordentlich erfolgreich.
Der Film gewann unter anderem die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes und den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Damit trug er erheblich dazu bei, Oskar Matzerath auch außerhalb des deutschsprachigen Raums zu einer bekannten Figur zu machen.
Unser Fazit
Die Blechtrommel ist eines der großen Bücher über das Deutschland des 20. Jahrhunderts, gerade weil es kein gewöhnlicher Geschichtsroman sein will. Grass erzählt Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit aus einer Perspektive, die zugleich kindlich und altklug, komisch und grausam, beobachtend und schuldig ist.
Oskar Matzerath weigert sich zu wachsen. Die Gesellschaft um ihn herum weigert sich auf andere Weise ebenfalls, erwachsen zu werden: Menschen passen sich an, verdrängen Verantwortung und erzählen sich nachher ihre eigene Version der Vergangenheit.
Dadurch wird die Blechtrommel selbst zum passenden Symbol des Romans. Oskar trommelt gegen das Vergessen an – aber er bestimmt dabei selbst den Rhythmus und damit auch, welche Geschichte wir hören.
Gerade diese Unsicherheit macht das Buch bis heute interessant. Die Blechtrommel erzählt nicht einfach, was geschehen ist. Sie fragt, wer die Vergangenheit erzählt, wie er sie erzählt und was er dabei lieber verschweigt.
Günter Grass und „Die Blechtrommel“ – die wichtigsten Fakten
Autor: Günter Grass (1927–2015)
Erstveröffentlichung: 1959
Hauptfigur und Erzähler: Oskar Matzerath
Zentraler Schauplatz: Danzig und Umgebung, später Westdeutschland
Historischer Hintergrund: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und deutsche Nachkriegszeit
Besondere Merkmale: groteske Erzählweise, schwarzer Humor und ein bewusst unzuverlässiger Erzähler
Danziger Trilogie: Die Blechtrommel, Katz und Maus und Hundejahre
Verfilmung: 1979 unter der Regie von Volker Schlöndorff
Auszeichnungen des Films: unter anderem Goldene Palme und Oscar als bester fremdsprachiger Film
Günter Grass: Literaturnobelpreisträger des Jahres 1999
Zentrale Themen: Erinnerung, Schuld, Verdrängung, Mitläufertum, Identität und deutsche Geschichte


