Anne Carson bei den National Book Awards 2024

Foto: Jay Dixit, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Ausschnitt; WebP-Konvertierung

Sie schreibt Romane in Versen, verwandelt antike Mythen in moderne Liebesgeschichten und macht aus einem Trauerbuch ein meterlanges Kunstobjekt. Anne Carson hat ihr literarisches Leben damit verbracht, die Grenzen zwischen Dichtung, Wissenschaft und Experiment einzureißen. Am 8. Oktober 2026 erhielt die kanadische Schriftstellerin dafür den Literaturnobelpreis.

 

Wer Anne Carson verstehen möchte, sollte vielleicht nicht bei ihren Büchern anfangen, sondern bei einer kanadischen Schülerin, die unbedingt wie Oscar Wilde sein wollte. Sie bewunderte seinen Witz, seine Eleganz und seine intellektuelle Überlegenheit so sehr, dass sie sich gelegentlich sogar wie er kleidete.

Weil Wilde die antiken Sprachen beherrschte, erschien es ihr nur folgerichtig, ebenfalls Griechisch lernen zu müssen. Aus dieser jugendlichen Schwärmerei entstand eine der ungewöhnlichsten Schriftstellerkarrieren der Gegenwart. Carson wurde Altphilologin, Übersetzerin, Professorin und Dichterin. Sie schrieb über Sappho, Marilyn Monroe, Liebeskummer, griechische Götter und den Tod ihres Bruders. Manchmal alles in einer Weise, bei der sich schwer entscheiden lässt, ob man gerade einen Roman, ein Gedicht oder einen wissenschaftlichen Essay liest.

Dass ausgerechnet diese Autorin den Nobelpreis erhielt, ist bemerkenswert. Denn Carson hat sich nie sonderlich dafür interessiert, die Erwartungen eines breiten Publikums zu bedienen. Sie verlangt ihren Lesern einiges ab. Dafür bietet sie etwas, das im Literaturbetrieb seltener ist, als man glauben möchte: eine tatsächlich unverwechselbare Stimme. Ihre Bücher können gelehrt und komisch, schmerzhaft und verspielt, streng komponiert und scheinbar völlig ungeordnet sein.

Wer sich auf sie einlässt, begegnet einer Schriftstellerin, die weder die traditionelle Vorstellung von Literatur noch die Trennung zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Arbeiten besonders ernst nimmt.

Eine Kindheit zwischen Bankfilialen und Oscar Wilde

Anne Carson wurde am 21. Juni 1950 in Toronto als Tochter von Margaret und Robert Carson geboren. Ihr Vater arbeitete für die Toronto-Dominion Bank, ihre Mutter führte den Haushalt. Anne hatte einen älteren Bruder, Michael. Die Familie zog häufig um. Bankangestellte in leitenden Positionen wurden damals regelmäßig versetzt, und so verbrachte Carson ihre Kindheit in verschiedenen kleineren Orten der kanadischen Provinz Ontario, darunter Stoney Creek, Port Hope und Timmins. Für ein Kind bedeutete das immer wieder neue Schulen, neue Freunde und schließlich den nächsten Abschied. Carson erinnerte sich später daran, dass sie irgendwann beschloss, sich möglichst nicht mehr zu eng an andere Menschen zu binden. Wer ohnehin bald wieder fortziehen müsse, könne sich die Enttäuschung vielleicht ersparen. Dass sich hier bereits ihre spätere literarische Beschäftigung mit Verlust, Sehnsucht und Vergänglichkeit ankündigte, wäre eine verführerische, aber allzu einfache biografische Erklärung. Sicher ist lediglich, dass Carson diese Erfahrungen selbst als prägend beschrieb.

Eine zweite Leidenschaft entwickelte sie in der Schulzeit: Oscar Wilde. Zusammen mit Freunden begeisterte sie sich für seinen Stil, seine Bonmots und die Vorstellung einer Existenz, die ganz der Kunst und dem Denken gewidmet war. Etwa 1965 entdeckte sie in einer Buchhandlung in Hamilton eine zweisprachige Ausgabe der Gedichte Sapphos. Links stand der griechische Originaltext, rechts die englische Übersetzung. Sie konnte die griechischen Buchstaben nicht lesen, fand sie aber von einer merkwürdigen Schönheit. Ein Jahr später besuchte sie eine Schule in Port Hope. Dort unterrichtete Alice Cowan Latein und beherrschte auch Altgriechisch. Als sie von Carsons Interesse erfuhr, bot sie ihr an, während der Mittagspausen Griechischunterricht zu geben. Es war ein unscheinbarer Vorgang mit weitreichenden Folgen. Carson erinnerte später ausdrücklich daran, dass sie dieser Lehrerin ihre berufliche Laufbahn und einen erheblichen Teil ihres Lebensglücks verdanke.

Eine Altphilologin mit Schwierigkeiten beim Gehorsam

Carson studierte klassische Philologie an der University of Toronto. Allerdings verlief ihre akademische Karriere keineswegs so geradlinig, wie man es von einer später international gefeierten Gelehrten erwarten könnte. Zweimal brach sie ihr Studium ab. Unter anderem störte sie sich an den starren Vorgaben des Lehrplans. Ein verpflichtender Kurs über John Milton wurde zu einem der Streitpunkte. Zeitweise beschäftigte sie sich stattdessen mit grafischer Gestaltung. Schließlich kehrte sie zurück. 1974 erwarb sie ihren Bachelorabschluss, 1975 den Master. Es folgte ein Studienaufenthalt an der schottischen University of St Andrews, wo sie bei dem bedeutenden Altphilologen Kenneth Dover arbeitete. 1981 promovierte sie an der University of Toronto über Fragen der antiken griechischen Liebesdichtung. Anschließend unterrichtete Carson an verschiedenen Hochschulen in Kanada und den Vereinigten Staaten, darunter die McGill University und die University of Michigan.

Die klassische Philologie war für sie jedoch mehr als ein akademischer Beruf. Während andere Wissenschaftler antike Texte analysierten, begann Carson, mit ihnen zu experimentieren. Sie interessierte sich dafür, wie griechische Dichter über Liebe, Verlangen, Eifersucht und Tod geschrieben hatten. Nicht allein, um historische Zusammenhänge zu rekonstruieren, sondern weil sie in diesen jahrtausendealten Texten Erfahrungen wiedererkannte, die bis heute kaum an Aktualität verloren haben. Für Carson war die Antike kein abgeschlossenes Kapitel der Literaturgeschichte. Sie war ein Vorrat an Figuren, Stimmen, Gedanken und Konflikten, mit denen sich weiterarbeiten ließ. Diese Haltung sollte später ihr gesamtes literarisches Werk prägen und erklärt, weshalb ihre Texte zugleich von großer Gelehrsamkeit und einer bemerkenswerten Freiheit im Umgang mit überlieferten Stoffen zeugen.

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Die Entdeckung der Liebe als Mangel

1986 erschien mit Eros the Bittersweet Carsons erstes Buch. Es entwickelte sich aus ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der antiken Liebesdichtung, insbesondere mit Sappho. Der Grundgedanke ist ebenso einfach wie unbequem: Liebe und Begehren entstehen wesentlich daraus, dass uns etwas fehlt. Wer begehrt, richtet sich auf etwas, das er nicht oder noch nicht besitzt. Gerade die Entfernung zwischen dem Liebenden und dem Begehrten erzeugt jene Spannung, die wir Liebe nennen. Carson untersucht diese Vorstellung anhand griechischer Dichtung, Philosophie und literarischer Bilder. Dabei schreibt sie nicht wie eine Wissenschaftlerin, die ihre Ergebnisse möglichst vollständig und systematisch präsentieren möchte. Sie denkt in überraschenden Verbindungen, tastet sich von einem Text zum nächsten und formuliert ihre Überlegungen mit poetischer Verdichtung.

Was zunächst wie eine ungewöhnliche geisteswissenschaftliche Abhandlung erscheinen konnte, erwies sich rückblickend als programmatisch für ihr gesamtes Werk. Später veröffentlichte sie Glass, Irony and God und Plainwater. Beide Bücher verbinden Lyrik, Prosa, Essays und literarische Experimente. Ihr Interesse reicht von der Antike über mittelalterliche Texte bis zu Schriftstellern wie Emily Brontë und Virginia Woolf. Es gibt Autoren, die ihr ganzes Leben lang dieselbe Geschichte erzählen. Carson scheint eher von der Frage angetrieben zu sein, wie viele unterschiedliche Formen eine Geschichte überhaupt annehmen kann. Dabei geht es ihr nicht allein um formale Originalität. Die ungewöhnlichen Formen ermöglichen ihr, Gedanken und Erfahrungen miteinander zu verbinden, die in einer konventionellen Erzählung womöglich getrennt bleiben müssten.

Ein rotes Ungeheuer wird zum verliebten Jugendlichen

Den internationalen literarischen Durchbruch brachte 1998 Autobiography of Red, ein Roman in Versen. Ausgangspunkt ist die griechische Mythologie. Dort erscheint Geryon als rotgestaltiges Ungeheuer, das vom Helden Herakles im Rahmen einer seiner berühmten Aufgaben getötet wird. Carson verändert die Geschichte radikal. Aus dem mythischen Monster wird ein empfindsamer, fotografierender Junge mit roten Flügeln. Er verliebt sich in Herakles, der hier nicht als strahlender Held auftritt, sondern als faszinierender und zugleich rücksichtsloser junger Mann. Die Beziehung entwickelt sich intensiv und endet schmerzhaft. Geryon bleibt mit einer Erfahrung zurück, die wenig Heroisches besitzt: Er liebt jemanden, der seine Liebe nicht in gleicher Weise erwidert. Aus dem besiegten Ungeheuer der Antike wird damit ein moderner Mensch, der lernen muss, mit seinen Gefühlen zurechtzukommen.

Gerade dieser Perspektivwechsel macht das Buch bemerkenswert. In den klassischen Erzählungen ist Geryon vor allem ein Hindernis auf dem Weg des Helden. Carson interessiert sich dagegen für denjenigen, dessen Leben in der Heldengeschichte gewöhnlich kaum eine Rolle spielt. Auch formal verweigert sich der Roman den üblichen Erwartungen. Er ist in Versen geschrieben, enthält aber Dialoge, erzählende Passagen, lyrische Bilder und eine überraschend moderne Psychologie. Die mythologischen Figuren werden dabei nicht einfach zu gewöhnlichen Menschen umgeschrieben. Ihre fremdartigen Eigenschaften bleiben erhalten und bekommen neue Bedeutungen. Geryons rote Flügel beispielsweise machen seine Andersartigkeit sichtbar, ohne ihn deshalb auf die Rolle eines Monsters festzulegen.

2013 setzte Carson die Geschichte mit Red Doc> fort. Geryon ist inzwischen älter geworden, Herakles erscheint als traumatisierter Kriegsveteran. Die Fortsetzung fragt danach, was von Jugend, Liebe und früheren Verletzungen übrig bleibt, wenn die Beteiligten längst andere Menschen geworden sind. Carson interessiert sich nun weniger für den unmittelbaren Schmerz der ersten Liebe als für dessen Nachwirkungen. Die alten Beziehungen bestehen fort, doch ihre Beteiligten haben sich verändert und müssen einen neuen Umgang miteinander finden. Die beiden Bücher erschienen 2019 in der deutschen Übersetzung von Anja Utler gemeinsam unter dem Titel Rot. Zwei Romane in Versen. Damit wurden zwei der bekanntesten Werke Carsons auch einem größeren deutschsprachigen Publikum zugänglich.

Ein Buch über den toten Bruder, das eigentlich kein Buch ist

Zu Carsons persönlichsten Arbeiten gehört Nox aus dem Jahr 2010. Das Werk entstand aus der Auseinandersetzung mit dem Tod ihres älteren Bruders Michael. Die Geschwister hatten über lange Zeit nur wenig Kontakt. Sein Leben blieb für Carson in wesentlichen Teilen rätselhaft. Statt einen gewöhnlichen autobiografischen Bericht zu schreiben, schuf sie ein literarisches Erinnerungsobjekt aus Fotografien, Briefen, Zeichnungen, Handschriften, Notizen und Übersetzungen. Im Mittelpunkt steht ein antikes Gedicht: Catulls Klage um seinen verstorbenen Bruder. Carson übersetzt den lateinischen Text Wort für Wort und verbindet ihre sprachwissenschaftliche Arbeit mit den fragmentarischen Erinnerungen an den eigenen Bruder. Schon die äußere Form ist ungewöhnlich. Nox besteht aus einem langen, leporelloartig gefalteten Papierstreifen, der in einer Schachtel aufbewahrt wird. Der Leser entfaltet das Werk Stück für Stück, statt gewöhnliche Buchseiten umzublättern.

Darin liegt eine bemerkenswerte Verbindung von Inhalt und Form. Wer einen verstorbenen Menschen verstehen möchte, muss ebenfalls Spuren zusammensetzen: alte Fotografien, unvollständige Erinnerungen, Briefe, die plötzlich eine andere Bedeutung erhalten. Doch diese Fragmente ergeben nicht zwangsläufig ein vollständiges Bild. Nox versucht deshalb gar nicht erst, den Bruder nachträglich in eine geschlossene Lebensgeschichte zu verwandeln. Es zeigt vielmehr, wie unvollständig die Erinnerung selbst an einen nahestehenden Menschen bleiben kann. Das Buch macht deutlich, weshalb Carsons gelehrtes Schreiben nicht mit akademischer Kälte verwechselt werden sollte. Ihr Interesse an einzelnen Wörtern, sprachlichen Nuancen und antiken Texten dient hier einer zutiefst persönlichen Frage: Wie lässt sich mit einem Verlust leben, den man nicht vollständig begreifen kann?

Sappho, Antigone und Marilyn Monroe

Carsons Beschäftigung mit der Antike beschränkt sich nicht auf eigene Dichtungen. Sie hat zahlreiche klassische Werke übersetzt und teilweise so entschieden bearbeitet, dass die Grenze zwischen Übersetzung und Neuschöpfung unscharf wird. Besonders wichtig ist If Not, Winter von 2002, ihre englische Übertragung der erhaltenen Fragmente Sapphos. Von der griechischen Dichterin sind große Teile des Werkes nur bruchstückhaft überliefert. Statt die Lücken möglichst unauffällig zu schließen, macht Carson das Unvollständige sichtbar. Was wir nicht wissen, bleibt erkennbar. 2012 erschien Antigonick, eine eigenwillige Bearbeitung von Sophokles‘ Antigone. Carson verbindet die antike Tragödie mit modernen Anspielungen und einem Sprachwitz, der die ehrwürdigen Figuren gelegentlich aus ihrer historischen Distanz herausreißt.

Noch weiter geht Norma Jeane Baker of Troy von 2019. Hier begegnen sich die antike Helena und Marilyn Monroe, deren Geburtsname Norma Jeane Baker war. Carson verknüpft den Mythos der Frau, um die angeblich ein Krieg geführt wurde, mit der Geschichte einer modernen Berühmtheit, die ebenfalls zur Projektionsfläche fremder Wünsche wurde. Die Verbindung wirkt zunächst abenteuerlich. Tatsächlich zeigt sie jedoch, wie langlebig bestimmte kulturelle Muster sind: Schönheit als öffentliche Angelegenheit, weibliche Berühmtheit als Besitzanspruch anderer und das schwierige Verhältnis zwischen einer realen Person und den Bildern, die von ihr geschaffen werden. Carsons Verfahren besteht selten darin, einen antiken Stoff einfach in die Gegenwart zu verlegen. Sie lässt unterschiedliche Jahrhunderte gleichzeitig auftreten, bis sichtbar wird, dass manche Fragen der Menschheit offenbar erstaunlich wenig altern.

Eine Schriftstellerin, die sich ungern erklären lässt

Bei aller intellektuellen Strenge besitzt Carson einen ausgeprägten Sinn für Komik und das Absurde. Ihre Texte können innerhalb weniger Zeilen von einer gelehrten Überlegung zu einem grotesken Bild oder einer lakonischen Pointe wechseln. Gelegentlich scheinen sie geradezu Freude daran zu haben, die Erwartungen des Lesers zu enttäuschen. Auch mit der üblichen Selbstdarstellung erfolgreicher Schriftsteller kann Carson wenig anfangen. Interviews gibt sie durchaus, doch ihre Antworten fallen bisweilen ausgesprochen knapp oder eigenwillig aus. Sie scheint nur begrenzt daran interessiert zu sein, ihre Bücher nachträglich mit einer eindeutigen Gebrauchsanweisung zu versehen. Ihre Kunst reicht zudem über das gedruckte Wort hinaus. Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Künstler Robert Currie, entwickelte sie experimentelle Bühnenarbeiten und Performances. Auch bildnerische Elemente, Zeichnungen und ungewöhnliche Buchgestaltungen gehören seit Langem zu ihrem Repertoire.

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Das 2024 erschienene Wrong Norma führt diese Arbeitsweise fort. Es versammelt 25 poetische Prosastücke, unter anderem über Literatur, Geschichte, Alltag und politische Themen. Illustrationen und grafische Elemente gehören zum Konzept. Die Texte ergeben bewusst keine geschlossene Erzählung. Für dieses Buch erhielt Carson 2025 den National Book Critics Circle Award in der Kategorie Lyrik. Wer in ihrem Werk nach einer Entwicklung hin zu klareren Formen und leichterer Zugänglichkeit sucht, wird also enttäuscht. Carson ist ihrer experimentellen Methode bemerkenswert treu geblieben. Auch nach Jahrzehnten literarischer Arbeit scheint sie nicht daran interessiert zu sein, eine einmal gefundene erfolgreiche Form einfach zu wiederholen. Jedes neue Buch kann bei ihr zu einem Versuch werden, die Möglichkeiten des Schreibens noch einmal anders auszuloten.

Der lange Weg zum Literaturnobelpreis

Dass Carson international als bedeutende Schriftstellerin anerkannt wurde, begann lange vor dem Nobelpreis. 2000 erhielt sie ein MacArthur Fellowship, eine in den Vereinigten Staaten hochangesehene Förderung für außergewöhnliche kreative und wissenschaftliche Leistungen. 2001 gewann sie für Men in the Off Hours den kanadischen Griffin Poetry Prize. Für The Beauty of the Husband, eine literarische Untersuchung von Ehe, Begehren und Untreue in 29 Tangos, wurde sie mit dem britischen T. S. Eliot Prize ausgezeichnet. 2020 folgte der spanische Prinzessin-von-Asturien-Preis für Literatur. Die Jury würdigte insbesondere ihre Fähigkeit, die Gedankenwelt der klassischen Antike für das Verständnis der Gegenwart fruchtbar zu machen. Am 8. Oktober 2026 gab die Schwedische Akademie schließlich bekannt, dass Anne Carson den Literaturnobelpreis erhält.

Die Entscheidung würdigt ihr kühnes, erfinderisches Werk und ihre Fähigkeit, aus der Auseinandersetzung mit der klassischen Tradition neue Formen der Gegenwartsliteratur zu entwickeln. Anders als bei Schriftstellern, deren Ruhm auf einem einzelnen großen Roman beruht, lässt sich Carsons Bedeutung nicht auf einen bestimmten Bestseller reduzieren. Entscheidend ist vielmehr ihr gesamter Umgang mit Literatur. Sie behandelt Texte nicht wie abgeschlossene Gegenstände, die man möglichst sorgfältig aufbewahren muss. Sie liest sie als etwas Lebendiges, das sich verändern, neu zusammensetzen und mit anderen Erfahrungen verbinden lässt. Dass ausgerechnet eine Altphilologin zu einer der experimentierfreudigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur wurde, gehört zu den reizvollen Widersprüchen ihrer Biografie.

Was man von Anne Carson lesen sollte

Wer Anne Carson zum ersten Mal lesen möchte, dürfte mit Rot. Zwei Romane in Versen einen besonders aufschlussreichen Zugang finden. Die Bücher zeigen ihre außergewöhnliche Verbindung von antikem Mythos und moderner Gefühlswelt. Trotz ihrer ungewöhnlichen Form erzählen sie eine nachvollziehbare, bewegende Geschichte über Liebe, Verletzlichkeit und das Erwachsenwerden. Eros the Bittersweet ist die richtige Wahl für Leser, die sich stärker für ihre intellektuellen Grundlagen interessieren. Das Buch erklärt viel darüber, weshalb Carson immer wieder zu Liebe, Sehnsucht und dem Verhältnis zwischen Nähe und Entfernung zurückkehrt. Wer ihre experimentelle Seite kennenlernen möchte, sollte Nox lesen – oder genauer: entfalten. Das Werk ist gleichermaßen Gedicht, Erinnerung, Übersetzung und Kunstobjekt. Es lässt sich kaum mit einem gewöhnlichen Buch vergleichen.

Antigonick eignet sich für Leser, die klassische Dramen kennen und erleben möchten, wie radikal Carson mit überlieferten Stoffen umgeht. Wrong Norma wiederum zeigt ihre spätere, besonders spielerische und sprunghafte Schreibweise. Leicht macht Carson es ihren Lesern nicht immer. Manche Anspielungen setzen Kenntnisse voraus, manche formalen Entscheidungen erscheinen zunächst rätselhaft. Wer von Literatur vor allem eine klare Handlung und eine möglichst unauffällige Sprache erwartet, wird mit ihr vermutlich Schwierigkeiten haben. Doch ihr Werk belohnt die Bereitschaft, sich auf ungewöhnliche Denkbewegungen einzulassen. Und es widerlegt nebenbei die verbreitete Vorstellung, die intensive Beschäftigung mit antiken Texten müsse zwangsläufig zu konservativen literarischen Formen führen.

Carson kennt die Klassiker so gut, dass sie keine Scheu hat, sie auseinanderzunehmen. Vielleicht ist das die eigentliche Besonderheit dieser Nobelpreisträgerin. Sie hat die vergangenen zweieinhalb Jahrtausende Literatur nicht studiert, um herauszufinden, wie man früher geschrieben hat, sondern um zu entdecken, was sich mit Sprache heute noch alles anfangen lässt.

 

Anne Carson – die wichtigsten Fakten

  • Geboren: 21. Juni 1950 in Toronto, Kanada
  • Nationalität: Kanadisch; besitzt auch die isländische Staatsbürgerschaft
  • Familie: Eltern Margaret und Robert Carson; älterer Bruder Michael; Partner Robert Currie
  • Frühe literarische Einflüsse: Oscar Wilde und die griechische Dichterin Sappho
  • Ausbildung: Klassische Philologie an der University of Toronto; Studienaufenthalt an der University of St Andrews
  • Promotion: 1981 an der University of Toronto
  • Erstes Buch: Eros the Bittersweet (1986)
  • Internationaler Durchbruch: Autobiography of Red (1998)
  • Weitere wichtige Werke: The Beauty of the Husband (2001), If Not, Winter (2002), Nox (2010), Antigonick (2012), Red Doc> (2013), Wrong Norma (2024)
  • Bekannte deutsche Ausgabe: Rot. Zwei Romane in Versen, übersetzt von Anja Utler (2019)
  • Wiederkehrende Themen: Liebe, Begehren, Verlust, Erinnerung, Identität, antike Mythologie und die Grenzen der Sprache
  • Literarische Besonderheit: Verbindung von Lyrik, Prosa, Essay, Übersetzung und bildender Kunst
  • MacArthur Fellowship: 2000
  • Griffin Poetry Prize: 2001
  • T. S. Eliot Prize: Für The Beauty of the Husband
  • Prinzessin-von-Asturien-Preis für Literatur: 2020
  • National Book Critics Circle Award: 2025 für Wrong Norma
  • Literaturnobelpreis: 2026, bekanntgegeben am 8. Oktober