
Alex der Jüngere
Alexandre Dumas der Jüngere hatte einen berühmten Namen und eine schwierige Kindheit: Sein Vater war der Autor der „Drei Musketiere“, seine Mutter eine Näherin, und er selbst wurde unehelich geboren und erst mit sieben Jahren anerkannt. Ausgerechnet dieser Mann machte später Ehebruch, Prostitution, Vaterschaft und die gesellschaftliche Stellung der Frau zu seinen großen Themen. Mit „Die Kameliendame“ schuf er die Vorlage für Verdis „La Traviata“ – und zugleich ein Werk, das erheblich menschlicher wirkt als manche seiner späteren moralischen Urteile.
Der berühmte Vater und das ungeliebte Wort „Bastard“
Alexandre Dumas wurde am 27. Juli 1824 in Paris geboren. Sein Vater war der damals aufstrebende Schriftsteller Alexandre Dumas der Ältere, seine Mutter Catherine Laure Labay, eine Näherin, die in derselben Pariser Wohnanlage lebte. Die Eltern waren nicht verheiratet, und der Junge wurde zunächst nicht von seinem Vater anerkannt. Erst im März 1831, als Alexandre sieben Jahre alt war, erklärte Dumas père offiziell die Vaterschaft; die Mutter erkannte den Sohn kurz darauf ebenfalls an. Danach kam es zwischen den Eltern zu einem bitteren Streit über die Erziehung und das Sorgerecht, aus dem der Vater als rechtlich stärkerer Teil hervorging. Der Junge wurde schließlich in Pension gegeben und lebte damit getrennt von der Mutter, zu der er sich eng verbunden fühlte.
Diese Erfahrung hat Dumas fils offenkundig tief geprägt. In der Schule wurde er wegen seiner unehelichen Geburt verspottet und als „Bastard“ beschimpft. Später tauchten verlassene Frauen, uneheliche Kinder, verantwortungslose Väter und die Frage, welche Pflichten aus Sexualität und Elternschaft entstehen, immer wieder in seinen Stücken und Essays auf. Man sollte daraus keine einfache psychologische Gleichung machen, aber der Zusammenhang ist kaum zu übersehen. Dumas selbst erklärte, er habe in seinen Werken sehr viel von dem verarbeitet, was er persönlich erlebt habe. Das unterscheidet ihn deutlich von seinem Vater. Der ältere Dumas verwandelte Vergangenheit und Geschichte in Abenteuer; der Sohn nahm bevorzugt die moralischen Konflikte seiner eigenen Gesellschaft auseinander.
Das Verhältnis zwischen den beiden Männern blieb dabei widersprüchlich. Dumas fils bewunderte den literarischen Erfolg und die ungeheure Vitalität seines Vaters, empfand dessen Lebensweise aber zunehmend als verantwortungslos. Der ältere Dumas hatte zahlreiche Affären, Kinder außerhalb der Ehe, ständig Geldprobleme und einen Lebensstil, der kaum zu den Vorstellungen von familiärer Ordnung passte, die sein Sohn später entwickelte. Trotzdem unterstützte der Vater seine literarische Karriere, und der Sohn profitierte zweifellos von dessen Namen und Kontakten. Beide liebten einander offenbar, konnten aber kaum unterschiedlicher sein: Hier der verschwenderische, lebenshungrige Erzähler der Musketiere, dort ein Sohn, der mit zunehmendem Alter immer entschiedener Regeln dafür aufstellen wollte, wie Menschen miteinander zu leben hätten.
Dandy, Schuldenmacher und die Begegnung mit Marie Duplessis
Nach einigen Jahren im Internat besuchte Dumas das Collège Bourbon, bestand jedoch das Abitur nicht. Als junger Mann tat er zunächst erstaunlich viel von dem, was er später bei anderen moralisch sezieren sollte. Mit finanzieller Unterstützung seines Vaters führte er ein mondänes Pariser Leben, machte Schulden, bewegte sich in der Theaterwelt und hatte Beziehungen zu Frauen aus der sogenannten Halbwelt. Sein erster wichtiger Gedichtband „Péchés de jeunesse“ – „Jugendsünden“ – erschien 1847. Der Titel passte gut, denn Dumas hatte sich bis dahin keineswegs als strenger Gesellschaftsmoralist hervorgetan.
Die wichtigste Begegnung dieser Jahre war Marie Duplessis. Hinter diesem Namen stand Alphonsine Plessis, eine junge Frau aus armen Verhältnissen, die in Paris zu einer der berühmtesten Kurtisanen ihrer Zeit aufgestiegen war. Sie war gebildet, gesellschaftlich geschickt, wurde von wohlhabenden Männern unterhalten und bewegte sich selbstverständlich in Opern, Theatern und Salons. Dumas lernte sie 1844 näher kennen. Beide waren ungefähr zwanzig Jahre alt. Die Beziehung war intensiv, aber nicht dauerhaft. Dumas war jung, eifersüchtig und keineswegs reich genug, um mit den vermögenden Männern zu konkurrieren, die Duplessis‘ Lebensstil finanzierten. Nach seiner späteren Darstellung trennte er sich 1845 von ihr. Neuere biografische Untersuchungen stellen lediglich infrage, ob die Beziehung tatsächlich so lange und geschlossen verlief, wie Dumas sie später erinnerte.
Marie Duplessis starb im Februar 1847 im Alter von nur 23 Jahren an Tuberkulose. Ihr Besitz wurde versteigert, weil hohe Schulden zurückgeblieben waren. Ihr früher Tod traf Dumas offenbar stärker, als die vergleichsweise kurze Beziehung erwarten ließe. Aus der Erinnerung an sie entstand 1848 „La Dame aux camélias“ – „Die Kameliendame“. Die historische Marie wurde darin zu Marguerite Gautier, Dumas selbst beziehungsweise Teile seiner Erfahrungen gingen in Armand Duval ein. Es wäre dennoch falsch, den Roman als genaue Wiedergabe der Beziehung zu lesen. Dumas machte aus dem Leben einer realen Frau eine romantische Opfergeschichte und veränderte dafür Charaktere und Ereignisse erheblich.
„Die Kameliendame“: aus einer Kurtisane wird eine tragische Heldin
Die entscheidende Idee des Romans war für seine Zeit bemerkenswert: Eine Kurtisane konnte nicht nur Verführerin, gesellschaftliche Gefahr oder komische Nebenfigur sein, sondern die moralisch bessere Person der Geschichte. Marguerite Gautier lebt von reichen Liebhabern und gehört damit außerhalb der respektablen bürgerlichen Gesellschaft. Sie verliebt sich jedoch aufrichtig in Armand. Als dessen Vater sie davon überzeugt, dass die Verbindung die Zukunft der Familie und insbesondere die Heiratschancen von Armands Schwester gefährde, verzichtet Marguerite heimlich auf ihr Glück. Armand hält ihre Trennung zunächst für Verrat, demütigt sie, und erkennt ihre Beweggründe erst, als sie bereits im Sterben liegt.
Das ist sentimentale Literatur, und Dumas schreckt weder vor großen Gefühlen noch vor moralischer Zuspitzung zurück. Gerade darin liegt aber die Wirkung des Buches. Die gesellschaftlich verachtete Frau erweist sich als fähig zu selbstloser Liebe, während die sogenannte gute Gesellschaft sie dazu zwingt, das Opfer zu bringen. Gleichzeitig bleibt die Moral ambivalent. Marguerite darf gewissermaßen dadurch erlöst werden, dass sie auf Liebe, Wohlstand und schließlich auf das Leben verzichtet. Die Gesellschaft, die sie ausgestoßen hat, wird kritisiert, aber ihre Werte werden nicht vollständig verworfen. Dumas verteidigt die gefallene Frau, sofern sie ihre moralische Läuterung beweist. Schon hier zeigt sich die Spannung, die sein späteres Werk bestimmen sollte: echtes Mitgefühl mit gesellschaftlich Ausgeschlossenen verbunden mit einem starken Bedürfnis, ihr Verhalten moralisch zu beurteilen.
Der Roman wurde ein großer Erfolg, doch seine eigentliche Wirkungsgeschichte begann auf der Bühne. Dumas bearbeitete den Stoff selbst zum Theaterstück. Wegen der französischen Zensur verzögerte sich die Aufführung, bis „La Dame aux camélias“ im Februar 1852 in Paris Premiere hatte. Das Stück wurde zu einem der großen Theatererfolge des Jahrhunderts. Bereits 1853 verwandelten Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave den Stoff in „La Traviata“. Aus Marguerite Gautier wurde Violetta Valéry, doch die Grundkonstellation blieb erhalten: die gesellschaftlich ausgegrenzte Frau, der junge Liebhaber, der Vater, der die Verbindung verhindert, die Selbstaufopferung und der Tod. Damit gelangte Dumas fils zu einer Form der Unsterblichkeit, die seinen eigenen Namen teilweise überstrahlt. Millionen Menschen kennen seine Geschichte, ohne zu wissen, wer sie ursprünglich schrieb.
Vom Romantiker zum Moralisten auf der Theaterbühne
Dumas erkannte nach der „Kameliendame“, dass sein eigentliches Talent weniger im Roman als im Theater lag. Stücke wie „Le Demi-Monde“, „La Question d’argent“, „Le Fils naturel“, „L’Ami des femmes“, „La Princesse Georges“ und „L’Étrangère“ machten ihn zu einem der erfolgreichsten französischen Dramatiker seiner Zeit. Er entfernte sich zunehmend vom romantischen Theater seines Vaters und beschäftigte sich mit konkreten gesellschaftlichen Problemen: Ehe, Ehebruch, Geld, Prostitution, uneheliche Kinder, Vaterschaft und die Doppelmoral des Bürgertums. Dumas wollte nicht einfach unterhalten. Er entwickelte eine Form des Gesellschafts- und Thesenstücks, in dem eine moralische oder soziale Frage auf der Bühne regelrecht verhandelt wurde.
Das konnte außerordentlich wirkungsvoll sein. „Le Demi-Monde“ von 1855 prägte sogar einen Begriff, der dauerhaft in die Sprache einging: den „demi-monde“, die Halbwelt jener Frauen und Männer, die am Rand der respektablen Gesellschaft lebten und sich dennoch in deren Salons bewegten. Dumas beobachtete dieses Milieu aus eigener Erfahrung und besaß ein gutes Gespür für gesellschaftliche Heuchelei. Seine Bühnenfiguren diskutieren Geld, Sexualität und sozialen Status häufig erstaunlich offen. Er half damit, das französische Theater vom romantischen historischen Drama in Richtung moderner Gesellschaftskomödie und realistischer Problemstücke zu verschieben.
Der Preis dafür ist allerdings ein ausgeprägter Hang zur Belehrung. Bei Dumas wird eine Bühne manchmal fast zum Gerichtssaal. Figuren sind nicht nur Menschen, sondern Vertreter eines Problems, und lange Dialoge können zu Vorträgen darüber werden, wie Ehe, Sexualität oder Familie funktionieren sollten. Seine Zeitgenossen fanden darin große Aktualität; heute wirken viele dieser Stücke erheblich stärker an ihre Epoche gebunden als „Die Kameliendame“. Literarisch ist Dumas fils deshalb nicht einfach der verkannte zweite große Dumas. Sein Einfluss auf das Theater war erheblich, seine Konstruktion von Szenen und Konflikten oft hervorragend, doch seine Figuren geraten dort an Grenzen, wo der Moralist den Dramatiker überstimmt.
Verteidiger der Frauen – und Autor von „Töte sie“
Besonders widersprüchlich ist Dumas‘ Verhältnis zur Stellung der Frau. Der alte Text bezeichnet ihn recht freundlich als Mitbegründer eines Gesellschaftsdramas, in dem unter anderem die Rolle der Frau behandelt werde. Das stimmt, verschweigt aber, wie problematisch manche seiner Antworten aus heutiger Sicht sind. Dumas setzte sich tatsächlich für die rechtliche Möglichkeit der Scheidung ein. Er forderte außerdem, dass Männer für außerehelich gezeugte Kinder stärker zur Verantwortung gezogen werden sollten, und beschäftigte sich ausdrücklich mit der gesetzlichen Feststellung der Vaterschaft. Angesichts seiner eigenen Kindheit ist das kaum überraschend. In mehreren Stücken fordert er gesellschaftliche Nachsicht für Frauen, die verführt, verlassen oder außerhalb der Ehe Mutter geworden waren.
Ein moderner Verfechter weiblicher Gleichberechtigung war er deshalb keineswegs. Dumas dachte stark in Kategorien von Familie, Mutterschaft, sexueller Treue und männlicher Verantwortung. Frauen konnten bei ihm Opfer gesellschaftlicher Ungerechtigkeit sein, aber ebenso schnell als Gefahr für Familie und gesellschaftliche Ordnung erscheinen. Besonders drastisch wurde das 1872 in seiner Streitschrift „L’Homme-femme“. Dort diskutierte er den Fall einer Ehefrau, die nach seiner Konstruktion alle Pflichten gegenüber Mann und Kindern verletzt, und endete mit der berüchtigten Aufforderung „Tue-la“ – „Töte sie“. Auch wenn diese Passage in eine zugespitzte moralische Argumentation eingebettet war, bleibt sie bemerkenswert brutal. Im gleichen Werk verwendete Dumas den damals neuen Begriff „féministes“ abwertend für Vertreter der Frauenemanzipation.
Diese Seite passt schlecht zum weichgezeichneten Bild des sensiblen Autors der „Kameliendame“, gehört aber zu ihm. Seine Haltung war nicht einfach frauenfeindlich oder frauenfreundlich. Er erkannte reale Ungerechtigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft und forderte Reformen, wo Frauen und uneheliche Kinder rechtlos oder schutzlos waren. Gleichzeitig blieb sein Menschenbild tief patriarchalisch. Weibliche Sexualität betrachtete er oft mit Misstrauen, Mutterschaft erhob er zur zentralen Bestimmung der Frau, und seine moralischen Urteile konnten unerbittlich werden. Aus heutiger Sicht liegt gerade darin ein interessanter Widerspruch: Der Mann, der einer Kurtisane eine der berühmtesten tragischen Rollen des 19. Jahrhunderts gab, konnte wenige Jahrzehnte später über andere Frauen mit einer Härte urteilen, die selbst für seine Epoche Kontroversen auslöste.
Ehe, Académie française und der respektable Sohn
Auch sein eigenes Privatleben passte nicht immer zu der Ordnung, die Dumas auf der Bühne verlangte. Er hatte eine langjährige Beziehung mit Nadejda von Knorring, die durch ihre Ehe als Prinzessin Naryschkina bekannt war. Das Paar bekam 1860 eine Tochter, bevor Dumas und Nadejda 1864 heirateten. Eine zweite Tochter wurde 1867 geboren. Damit wiederholte Dumas in gewisser Weise jene Situation, die ihn selbst so geprägt hatte: Auch seine erste Tochter kam außerhalb einer Ehe zur Welt. Der Unterschied bestand darin, dass er sie anerkannte. Später war die Ehe ebenfalls nicht frei von Konflikten. Dumas begann eine Beziehung mit Henriette Escalier und heiratete sie 1895, wenige Monate nach dem Tod seiner ersten Frau und nur wenige Monate vor seinem eigenen Tod.
Gesellschaftlich war Dumas fils inzwischen sehr viel respektabler geworden als sein Vater. 1874 wurde er in die Académie française gewählt und im Februar 1875 offiziell aufgenommen. Victor Hugo, der seit Jahren nicht mehr an einer Sitzung der Akademie teilgenommen hatte und den Sohn literarisch deutlich geringer einschätzte als den Vater, kehrte eigens zurück, um für ihn zu stimmen. Darin lag eine gewisse historische Ironie. Der ältere Alexandre Dumas, dessen Bücher auf der ganzen Welt gelesen wurden und dessen Figuren längst Teil der französischen Populärkultur waren, war nie Mitglied der Académie geworden. Der diszipliniertere und gesellschaftlich konventionellere Sohn erhielt jene institutionelle Anerkennung, die dem berühmteren Vater versagt geblieben war.
Dumas fils entwickelte sich im Alter zunehmend zur moralischen Autorität des französischen Bürgertums. Er schrieb nicht mehr nur Stücke, sondern Essays und Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen. 1880 veröffentlichte er ein umfangreiches Werk zur Scheidungsfrage, wenige Jahre später zur Feststellung der Vaterschaft. Dabei vertrat er Positionen, die teilweise fortschrittlicher waren als geltendes französisches Recht und teilweise ausgesprochen konservativ. Genau diese Mischung erklärt vielleicht seine damalige Wirkung. Er war kein gesellschaftlicher Revolutionär, sondern wollte das bürgerliche System reformieren, damit es seiner eigenen Vorstellung von Verantwortung besser entsprach.
Vater und Sohn: Wer ist heute der „bedeutendere“ Dumas?
Zu Lebzeiten war Alexandre Dumas fils keineswegs nur der weniger bekannte Sohn. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten seine Stücke zu den wichtigsten Erfolgen des französischen Theaters, und seine Aufnahme in die Académie française bestätigte seinen hohen kulturellen Rang. Zeitgenossen konnten durchaus die Auffassung vertreten, dass der Sohn als ernsthafter Künstler oder gesellschaftlicher Beobachter über dem scheinbar hemmungslosen Unterhaltungsschriftsteller des Vaters stehe. Diese Einschätzung hat die Literaturgeschichte nicht bestätigt.
Heute ist der Abstand deutlich. Die „Drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“ werden weltweit weiterhin gelesen, neu übersetzt, verfilmt und adaptiert. Vom umfangreichen Werk des jüngeren Dumas ist außerhalb Frankreichs im Wesentlichen „Die Kameliendame“ lebendig geblieben – und selbst diese Geschichte ist vielen Menschen eher durch Verdis „La Traviata“ als durch den Roman oder das Theaterstück bekannt. Das hat auch literarische Gründe. Die besten Bücher des Vaters leben von Handlung, Figuren und elementaren Konflikten, die sich leicht von ihrer Epoche lösen lassen. Viele Gesellschaftsstücke des Sohnes hängen dagegen an konkreten Moralvorstellungen, Gesetzen und sozialen Konventionen des 19. Jahrhunderts. Was damals provozierend aktuell war, kann heute didaktisch und überholt wirken.
Das bedeutet nicht, dass Dumas fils literaturgeschichtlich unwichtig wäre. Sein Theater bildet ein Bindeglied zwischen romantischem Drama und realistischer Gesellschaftsbühne; spätere Autoren des problemorientierten Theaters konnten an Formen anknüpfen, die er popularisiert hatte. Vor allem „Die Kameliendame“ besitzt weiterhin eine bemerkenswerte emotionale Klarheit. Dumas‘ späterer Moralismus wirkt dort noch nicht wie ein fertiges System. Marguerite wird nicht auf eine These reduziert. Sie ist zugleich gesellschaftlich Ausgestoßene, Liebende, finanziell abhängige Frau und tragische Figur. Vielleicht liegt gerade darin der Grund, weshalb ausgerechnet dieses frühe Werk den Autor überlebt hat.
Was man von Alexandre Dumas dem Jüngeren lesen sollte
Wer Dumas fils heute kennenlernen möchte, sollte mit „Die Kameliendame“ beginnen. Der Roman ist überschaubar, gut zugänglich und historisch interessant, weil man ihn zugleich als Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik und Verarbeitung einer realen Beziehung lesen kann. Wer Verdis „La Traviata“ kennt, entdeckt außerdem, wie viel der Oper bereits bei Dumas angelegt ist und an welchen Stellen Libretto und Musik die Geschichte verändert haben. Das Theaterstück der „Kameliendame“ ist besonders für Leser interessant, die nachvollziehen möchten, weshalb der Stoff im 19. Jahrhundert eine solche Bühnenwirkung entwickelte.
Danach ist „Le Demi-Monde“ vermutlich das aufschlussreichste Werk. Es zeigt Dumas als scharfen Beobachter gesellschaftlicher Grenzbereiche und erklärt zugleich, warum seine Stücke damals als modern wahrgenommen wurden. Wer die dunklere Seite seines Denkens verstehen möchte, kann sich mit „L’Homme-femme“ beschäftigen, sollte den Text aber eher als historisches Dokument über Geschlechterbilder und Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts lesen denn als zeitlose Gesellschaftsanalyse. Das spätere Werk ist insgesamt interessanter für Literatur- und Theatergeschichte als für Leser, die einfach einen großen Roman suchen.
Alexandre Dumas der Jüngere blieb damit auf eigentümliche Weise sowohl Gewinner als auch Verlierer seines berühmten Namens. Der Vater öffnete ihm Türen, verschaffte ihm gesellschaftlichen Zugang und war zugleich ein übermächtiger Vergleichsmaßstab. Der Sohn reagierte darauf nicht, indem er versuchte, bessere Musketiere zu schreiben. Er machte fast das Gegenteil: Aus Abenteuer wurden gesellschaftliche Probleme, aus historischer Fantasie moralische Analyse und aus der Lebenslust des Vaters ein manchmal bedrückender Ernst. Sein größter Erfolg entstand jedoch genau dort, wo dieser Moralist noch nicht alle Antworten kannte – in der Geschichte einer gesellschaftlich verachteten Frau, die menschlicher handelt als die respektable Welt um sie herum.
Alexandre Dumas der Jüngere – Fakten
- Geboren: 27. Juli 1824 in Paris
- Gestorben: 27. November 1895 in Marly-le-Roi
- Eltern: Alexandre Dumas der Ältere und Catherine Laure Labay
- Bekanntestes Werk: „Die Kameliendame“ von 1848
- Bedeutung: wichtiger Vertreter des französischen Gesellschafts- und Thesentheaters
- Académie française: gewählt 1874, aufgenommen 1875
- Familie: zwei Töchter mit Nadejda von Knorring; zweimal verheiratet
- Grab: Cimetière de Montmartre in Paris
Zitate, die Alexandre Dumas fils zugeschrieben werden:
„Frauen inspirieren uns zu großen Dingen – und hindern uns dann, sie auszuführen.“
„Nur durch die Liebe und den Tod berührt der Mensch das Unsterbliche.“
„Mein Vater ist ein großes Kind, das ich bekommen habe, als ich noch klein war.“
Autorenteam

