Antoine de Saint-Exupéry
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Antoine de Saint-Exupéry war ein Abenteurer, wie es sie heute kaum noch gibt: Er flog Post über Wüsten und Gebirge, überlebte mehrere schwere Abstürze und kehrte mit 43 Jahren gegen erhebliche Widerstände als militärischer Aufklärungspilot in den Krieg zurück. Doch der französische Nationalheld war auch ein eigenwilliger, gelegentlich leichtsinniger Pilot, ein notorisch untreuer Ehemann und ein Mann, der an seiner eigenen Legende kräftig mitschrieb. Aus dieser widersprüchlichen Biografie entstand mit „Der kleine Prinz“ eines der meistgelesenen Bücher der Welt.

Ein aristokratisches Kind mit einer frühen Liebe zum Fliegen

Antoine Marie Jean-Baptiste Roger de Saint-Exupéry wurde am 29. Juni 1900 in Lyon in eine alte, aber keineswegs grenzenlos wohlhabende Adelsfamilie geboren. Sein Vater starb 1904, als Antoine noch nicht vier Jahre alt war, und seine Mutter Marie zog fünf Kinder groß. Einen prägenden Teil seiner Kindheit verbrachte er auf dem Familiensitz Saint-Maurice-de-Rémens. In späteren Erinnerungen erscheint diese Zeit als beinahe verlorenes Paradies: ein Kosmos aus Geschwistern, Spielen, technischen Basteleien und Fantasie. Schon als Junge zeichnete und schrieb Saint-Exupéry, zugleich faszinierte ihn die junge Luftfahrt. Mit zwölf Jahren durfte er erstmals in einem Flugzeug mitfliegen. Aus dem früh entwickelten Interesse wurde jedoch zunächst kein geradliniger Berufswunsch. Er scheiterte an der Aufnahmeprüfung für die Marine und beschäftigte sich anschließend an der Pariser École des Beaux-Arts mit Architektur, ohne daraus eine ernsthafte Laufbahn zu machen.

Während seines Militärdienstes kam er 1921 wieder zur Fliegerei und erwarb seine Pilotenlizenzen. Bereits damals zeigte sich eine Eigenart, die ihn sein Leben lang begleitete: Saint-Exupéry liebte das Fliegen nicht nur, sondern suchte dabei offenbar auch die Grenzerfahrung. 1923 startete er am Flughafen Le Bourget zu einem Vergnügungsflug mit einem Hanriot HD-14, für dessen Typ er keine entsprechende Berechtigung besaß. Beim Start geriet die Maschine außer Kontrolle und stürzte ab; die militärische Untersuchung führte den Unfall auf Pilotenfehler zurück. Sein Passagier erlitt einen Schädelbruch, Saint-Exupéry kam mit zahlreichen Verletzungen davon. Nach diesem Unfall verzichtete er zunächst auf eine militärische Fliegerkarriere, auch weil die Familie seiner damaligen Verlobten Louise de Vilmorin ein Leben mit einem Piloten wenig attraktiv fand. Er arbeitete einige Zeit in Büros und als Vertreter für Lastwagen – Tätigkeiten, für die er offensichtlich weit weniger Talent und Begeisterung aufbrachte. Nach dem Ende der Verlobung zog es ihn wieder ins Cockpit.

Aéropostale: Das wirkliche Abenteuer hinter dem späteren Mythos

1926 begann Saint-Exupéry bei der Fluggesellschaft Latécoère, aus der später die legendäre Aéropostale hervorging. Die damalige Postfliegerei hatte mit dem heutigen Linienflug wenig gemeinsam. Piloten saßen in vergleichsweise primitiven Maschinen, verfügten über begrenzte Navigationsmöglichkeiten und flogen bei Wetterbedingungen, bei denen heute kaum jemand starten würde. Auf der Strecke von Toulouse über Casablanca nach Dakar waren Notlandungen, technische Defekte und der Verlust von Maschinen und Besatzungen keine außergewöhnlichen Ereignisse. Saint-Exupéry flog zunächst selbst auf diesen Routen und wurde 1927 Leiter des abgelegenen Flugplatzes Cap Juby an der Atlantikküste des damals spanisch kontrollierten südlichen Marokko. Dort musste er nicht nur einen Flugbetrieb organisieren, sondern sich auch um abgestürzte oder notgelandete Kollegen kümmern und mit lokalen Gruppen verhandeln. Für seine Arbeit in der zivilen Luftfahrt erhielt er später den Rang eines Ritters der Ehrenlegion.

1929 wechselte er nach Buenos Aires und wurde Betriebsdirektor der Aeroposta Argentina. Er organisierte bestehende Strecken und half beim Aufbau neuer Verbindungen bis nach Patagonien. Saint-Exupéry war deshalb mehr als ein wohlhabender Aristokrat, der aus Langeweile gelegentlich Flugzeuge steuerte. Er gehörte tatsächlich jener Generation von Berufspiloten an, die den zivilen Luftverkehr auf Strecken aufbauten, die technisch und organisatorisch kaum erschlossen waren. Gleichzeitig sollte man aus ihm keinen unfehlbaren Fliegerhelden machen. Zeitgenössische und spätere Berichte zeichnen ein widersprüchliches Bild: mutig, ausdauernd und unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig, aber manchmal zerstreut, nachlässig und von einem starken Vertrauen in die eigene Improvisationsfähigkeit getragen. Dass Kollegen wie Jean Mermoz oder Henri Guillaumet fliegerisch mindestens ebenso bedeutend waren, während Saint-Exupéry später zum überragenden Symbol dieser Generation wurde, hat einen einfachen Grund: Er konnte ihre Erfahrungen in Literatur verwandeln.

Seine ersten Bücher entstanden unmittelbar aus dieser Welt. Hemingway nicht unähnlich schöpfte er aus ausgefallenen Erlebnissen. In „Südkurier“ von 1929 und besonders in „Nachtflug“ von 1931 interessierte ihn das Abenteuer weniger als Selbstzweck denn als moralische Versuchsanordnung. Was schuldet ein Mensch seiner Aufgabe? Wie viel Risiko darf eine Organisation verlangen? Was bedeutet Verantwortung, wenn ein Fehler tödlich sein kann? „Nachtflug“, für das Saint-Exupéry den Prix Femina erhielt, erzählt deshalb nicht einfach von kühnen Piloten. Der unerbittliche Betriebsleiter Rivière nimmt bewusst in Kauf, dass Menschen gefährliche Nachtflüge durchführen, weil nur auf diese Weise ein zuverlässiger Luftpostdienst entstehen könne. Saint-Exupéry bewundert Disziplin, Pflicht und Gemeinschaft, zeigt aber zugleich ihren Preis. Diese Spannung macht seine frühen Bücher heute interessanter als die bloße Nostalgie für Lederhauben und Propellerflugzeuge.

Abstürze, Rekorde und die Grenze zwischen Mut und Leichtsinn

Nach dem Niedergang der Aéropostale flog Saint-Exupéry weiter, arbeitete zeitweise als Testpilot und Journalist und suchte zunehmend spektakuläre Langstreckenprojekte. Hier wird die romantische Erzählung vom kühnen Flieger problematischer. Ende 1935 wollte er mit seinem Mechaniker André Prévot den Rekord auf der Strecke Paris–Saigon brechen und damit auch das ausgelobte Preisgeld gewinnen. Die Vorbereitung erfolgte unter erheblichem Zeitdruck. Saint-Exupéry verzichtete auf ein Funkgerät, um zusätzlich Treibstoff mitnehmen zu können, und ließ Karten kurzfristig von einem Freund vorbereiten. In der Nacht verirrte sich die Besatzung zwischen Bengasi und Kairo. Beim Versuch, unter die Wolkendecke zu gelangen, prallte die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auf ein Plateau in der ägyptischen Wüste. Beide Männer überlebten unverletzt, hatten jedoch kaum Wasser und irrten mehrere Tage durch die Wüste, bevor Beduinen sie fanden. Aus einer schlecht vorbereiteten Rekordjagd entstand eine der berühmtesten Episoden seines späteren Werkes.

Saint-Exupéry lernte daraus jedenfalls nicht, künftig auf riskante Fernflüge zu verzichten. 1938 wollte er von New York bis Feuerland fliegen. Beim Zwischenstopp in Guatemala wurde sein Flugzeug viel zu schwer betankt, weil unterschiedliche Gallonenmaße nicht korrekt berücksichtigt wurden. Die Maschine kam beim Start nicht richtig in die Luft und zerschellte am Ende der Startbahn. Prévot brach sich ein Bein; Saint-Exupéry erlitt acht Frakturen und entging nur knapp einer Amputation der Hand. Die Folgen dieser und weiterer Unfälle begleiteten ihn für den Rest seines Lebens. Wer Saint-Exupéry ausschließlich als großartigen Piloten beschreibt, verwechselt daher Mut mit fliegerischer Perfektion. Er war erfahren und zweifellos furchtlos, aber er war auch ein Mann, dessen Abenteuer manchmal erst durch vermeidbare Fehler zu Abenteuern wurden.

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Literarisch erwies sich gerade das als ergiebig. „Wind, Sand und Sterne“, im Original treffender „Terre des hommes“, erschien 1939 und ist wahrscheinlich das beste Buch für Leser, die Saint-Exupéry jenseits des kleinen Prinzen kennenlernen wollen. Es ist weder klassischer Roman noch nüchterner Erlebnisbericht, sondern eine Mischung aus Erinnerung, Essay, Reportage und philosophischer Reflexion. Die Sahara-Erfahrung von 1935 bildet einen Höhepunkt, daneben erzählt Saint-Exupéry von Kameraden wie Guillaumet und von einer Luftfahrt, in der technische Arbeit, Freundschaft und Todesgefahr miteinander verbunden waren. Seine Gedanken über Menschlichkeit und Verantwortung können bisweilen pathetisch werden, aber hier entstehen sie noch sichtbar aus konkreter Erfahrung. Das unterscheidet die stärksten Seiten Saint-Exupérys von den unzähligen Kalendersprüchen, zu denen einzelne Sätze des späteren „Kleinen Prinzen“ inzwischen verarbeitet worden sind.

Consuelo: eine große Liebe und eine ziemlich schlechte Ehe

1930 lernte Saint-Exupéry in Buenos Aires die aus El Salvador stammende Künstlerin Consuelo Suncín kennen; 1931 heirateten sie. Aus der Beziehung entstand später ein zweiter Saint-Exupéry-Mythos: Consuelo als die Rose des kleinen Prinzen und Antoine als Mann, der erst spät versteht, dass Verantwortung wichtiger ist als rastlose Suche. Ein biografischer Kern ist dabei unverkennbar, doch das wirkliche Eheleben war erheblich unordentlicher. Beide trennten sich wiederholt und fanden wieder zusammen. Saint-Exupéry unterhielt mehrere Beziehungen zu anderen Frauen; noch während der Entstehung des „Kleinen Prinzen“ verbrachte er viel Zeit bei seiner amerikanischen Geliebten Silvia Hamilton, der er schließlich sogar das Manuskript und seine Zeichnungen überließ. Seine Ehe mit Consuelo blieb trotzdem emotional eng, und die später veröffentlichten Briefe zeigen neben Streit, Eifersucht und Verletzungen auch eine starke gegenseitige Bindung.

Nach Saint-Exupérys Tod wurde Consuelo von Teilen seiner Familie lange aus dem offiziellen Bild des Schriftstellers herausgedrängt. Ihre postum veröffentlichten Erinnerungen zeichneten wiederum ein ausgesprochen negatives Bild des Ehemanns und wurden selbst zum Gegenstand von Auseinandersetzungen über Entstehung und Zuverlässigkeit. Eine vernünftige Biografie sollte deshalb weder den verehrungswürdigen Saint-Exupéry der Familie noch jede Anschuldigung seiner Witwe ungeprüft übernehmen. Sicher dokumentiert ist, dass die Ehe konfliktreich war und Saint-Exupéry häufig untreu war. Ebenso sicher ist, dass die Beziehung bis zuletzt Bedeutung für beide besaß. Die Rose im „Kleinen Prinzen“ ausschließlich als verschlüsselte Consuelo abzuhaken, würde Literatur auf Klatsch reduzieren; ohne die Ehe mit Consuelo zu kennen, übersieht man allerdings eine wichtige persönliche Erfahrung hinter den Themen Bindung, Verantwortung, Trennung und Heimkehr.

Saint-Exupéry selbst war auch außerhalb seiner Ehe kein unkomplizierter Mensch. Freunde beschrieben einen Mann, der charmant, großzügig und kindlich verspielt sein konnte, aber zugleich unorganisiert, selbstbezogen und emotional fordernd war. Er zeichnete ständig, erfand technische Lösungen, schrieb häufig nachts und konnte seine Umgebung mit seinen Arbeitsgewohnheiten strapazieren. Die spätere Verehrung hat daraus gern das Bild eines großen Kindes gemacht, das sich die Reinheit der Jugend bewahrt habe. Das passt hervorragend zum „Kleinen Prinzen“, ist aber als Charakterbeschreibung zu bequem. Saint-Exupéry war ein erwachsener Mann mit erheblichen Widersprüchen, der anderen Menschen durchaus Verletzungen zufügte und gleichzeitig außerordentlich intensiv über Freundschaft, Loyalität und menschliche Verantwortung nachdachte. Gerade die Differenz zwischen moralischem Anspruch und gelebtem Leben macht ihn menschlicher als das Heiligenbild.

Krieg, Vichy und der Konflikt mit de Gaulle

Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs ließ sich der fast vierzigjährige Saint-Exupéry als Aufklärungspilot mobilisieren und flog 1939 und 1940 mit der Gruppe 2/33 gefährliche Einsätze über den deutschen Vormarsch. Aus einer Mission über Arras entstand später „Flug nach Arras“ beziehungsweise „Pilote de guerre“. Nach Frankreichs Niederlage ging er Ende 1940 in die Vereinigten Staaten. Seine politische Haltung während dieser Jahre passt schlecht in die späteren französischen Lagererzählungen. Saint-Exupéry war kein überzeugter Anhänger des Vichy-Regimes und wies eine Berufung in dessen Nationalrat öffentlich zurück. Er schloss sich aber ebenso wenig Charles de Gaulle und dessen Freiem Frankreich an. Anfangs verteidigte er den Waffenstillstand und hoffte, Pétain könne zumindest einen Rest französischer Einheit bewahren. Vor allem misstraute er de Gaulle, dessen politische Ambitionen er ablehnte, und wollte die verfeindeten französischen Lager zur gemeinsamen Konzentration auf den Kampf gegen Deutschland bewegen.

Im Rückblick wirkte diese Position teilweise naiv. Während Saint-Exupéry zur nationalen Versöhnung aufrief, war Vichy längst ein autoritäres Regime, das mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollaborierte und unter anderem antisemitische Gesetze durchsetzte. Andererseits passt es ebenfalls nicht, Saint-Exupéry deshalb zum Vichy-Anhänger zu erklären. Sein „Pilote de guerre“ wurde von der Vichy-Zensur schließlich verboten; mit seinem jüdischen Kameraden Jean Israël setzte Saint-Exupéry darin auch bewusst einen Gegenakzent zum Antisemitismus. Sein enger Freund Léon Werth, dem er später den „Kleinen Prinzen“ widmete, war ebenfalls Jude und musste sich während der Besatzung verstecken. Saint-Exupérys politischer Fehler bestand weniger in Sympathie für die Ideologie Vichys als in seiner langen Weigerung, die französische Wirklichkeit in jene eindeutigen politischen Fronten einzuordnen, die der Krieg zunehmend erzwang.

Nach der alliierten Landung in Nordafrika wollte er unbedingt wieder selbst fliegen. 1943 gelang ihm die Rückkehr zur Gruppe 2/33, obwohl er mit 43 Jahren weit über der für die amerikanischen P-38-Aufklärungsmaschinen vorgesehenen Altersgrenze lag und sein Körper von früheren Unfällen schwer gezeichnet war. Sondergenehmigungen machten den Einsatz möglich. Schon nach wenigen Missionen war er wieder am Boden: Bei einer Landung nach einem Motorproblem missachtete beziehungsweise vergaß er eine für den kurzen Flugplatz vorgeschriebene Bremsprozedur, rollte über die Bahn hinaus und beschädigte seine Maschine. Die Behörden entzogen ihm daraufhin zunächst die Flugerlaubnis. Saint-Exupéry akzeptierte das nicht, nutzte Beziehungen und drängte monatelang darauf, wieder eingesetzt zu werden. 1944 erhielt er schließlich erneut die Erlaubnis. Darin steckt etwas Bewundernswertes und zugleich Irritierendes: Ein berühmter Schriftsteller mit angeschlagenem Körper hätte den Krieg problemlos außerhalb eines Cockpits überstehen können. Saint-Exupéry wollte es nicht.

„Der kleine Prinz“: schlicht, sentimental – und trotzdem ein großes Buch

Während seines amerikanischen Exils entstand 1942 jenes Buch, das alle anderen Werke Saint-Exupérys in den Schatten stellen sollte. „Der kleine Prinz“ wurde im April 1943 in New York gleichzeitig auf Französisch und Englisch veröffentlicht. Die französische Ausgabe bei Gallimard erschien wegen des Krieges erst 1946, sodass Saint-Exupéry den Siegeszug seines berühmtesten Werkes in seiner Heimat nicht mehr erlebte. Die erhaltenen Manuskriptseiten zeigen übrigens, dass die scheinbare Einfachheit keineswegs mühelos entstand. Saint-Exupéry schrieb zahlreiche Fassungen, strich ganze Episoden, überarbeitete Dialoge und reduzierte den Text immer weiter. Auch die berühmten Aquarelle stammen von ihm selbst, obwohl er keine eigentliche künstlerische Ausbildung besaß. Der Eindruck eines naiv hingeworfenen Kinderbuchs täuscht: Seine Schlichtheit ist das Ergebnis intensiver Arbeit.

Literarisch bewegt sich „Der kleine Prinz“ gefährlich nah am Kitsch. Erwachsene sind eitel, geschäftig oder habgierig; Kinder sehen das Wesentliche; Freundschaft entsteht durch Bindung; Liebe bedeutet Verantwortung. Das sind keine komplizierten Gedanken, und manche der bekanntesten Sätze haben durch millionenfache Verwendung auf Postkarten, Wandtattoos und Traueranzeigen zusätzlich an Frische verloren. Wer philosophische Originalität erwartet, wird das Buch überschätzt finden. Seine Qualität liegt an anderer Stelle. Saint-Exupéry kann elementare Erfahrungen – Einsamkeit, Freundschaft, Abschied, Liebe und Tod – in Bilder verwandeln, die sofort verständlich und dennoch nicht vollständig verbraucht sind. Die Rose, der Fuchs, die Baobabs, der Brunnen in der Wüste und der kleine Reisende auf seinem winzigen Planeten besitzen eine symbolische Offenheit, die über die einzelnen Lebensweisheiten hinausgeht. Dass Kinder eine Geschichte lesen und Erwachsene darin Verlust und Verantwortung erkennen können, ist keine geringe literarische Leistung.

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Auch die Biografie steckt überall darin, ohne dass das Buch zu einem Schlüsselroman wird. Der Erzähler ist ein abgestürzter Pilot in der Sahara, Saint-Exupéry selbst hatte einen solchen Absturz überlebt. Das Exil des kleinen Prinzen erinnert an einen Autor, der weit von seinem besetzten Heimatland entfernt lebte. Die schwierige Rose lässt sich mit Consuelo verbinden; zugleich ist sie jede geliebte Person, deren Einzigartigkeit erst aus der Beziehung zu ihr entsteht. Und hinter dem Misstrauen gegenüber der vernünftigen Erwachsenenwelt steht ein Mann, der sich mit Bürokraten, Militärbehörden und politischen Lagern zeitlebens schwertat. Vielleicht funktioniert „Der kleine Prinz“ gerade deshalb besser als viele ausdrücklich philosophische Bücher Saint-Exupérys: Hier zwingt die kleine Form ihn dazu, seine großen moralischen Gedanken in konkrete Figuren und Bilder zu übersetzen.

Der letzte Flug und ein Geheimnis, das kleiner geworden ist

Am Morgen des 31. Juli 1944 startete Saint-Exupéry vom Flugplatz Borgo auf Korsika in einer unbewaffneten F-5B, der Aufklärungsversion der Lockheed P-38 Lightning. Sein Auftrag bestand nicht darin, nach Grenoble zu fliegen und dort zu landen, sondern Gebiete um Grenoble und Annecy aus großer Höhe zu fotografieren. Die Aufnahmen sollten der Vorbereitung der alliierten Landung in Südfrankreich dienen. Saint-Exupéry flog allein. Nach mehreren Stunden hätte er zurückkehren müssen, doch seine Maschine blieb verschwunden. Jahrzehntelang konnte niemand sicher sagen, ob sie über den Alpen oder dem Mittelmeer abgestürzt war, ob ein technischer Defekt, ein Pilotenfehler oder ein deutscher Jäger den Tod des Schriftstellers verursacht hatte.

Das Rätsel wurde seit den späten 1990er-Jahren zumindest teilweise gelöst. 1998 geriet vor Marseille ein silbernes Armband mit Saint-Exupérys und Consuelos Namen in die Netze eines Fischers. Ein Taucher entdeckte später Flugzeugteile, und 2004 bestätigten französische Behörden anhand einer Seriennummer, dass Wrackteile tatsächlich zu Saint-Exupérys P-38 gehörten. Die Maschine stürzte also im Mittelmeer vor Marseille ab. Warum, weiß man weiterhin nicht. 2008 wurde die Geschichte international bekannt, der ehemalige deutsche Jagdflieger Horst Rippert habe erklärt, er könne Saint-Exupéry abgeschossen haben. Seine Schilderung passt in einigen Punkten zu Ort und Zeitpunkt, doch ein zeitgenössischer deutscher Abschussbericht wurde nie gefunden. An den geborgenen Wrackteilen ließen sich keine eindeutigen Einschüsse nachweisen; allerdings wurde nur ein kleiner Teil der Maschine geborgen. Ripperts Aussage bleibt deshalb eine Möglichkeit, kein gelöster Fall.

Auch ein Unfall aufgrund technischer Probleme oder eines Fehlers des Piloten bleibt denkbar. Gelegentlich wurde sogar über einen absichtlichen Absturz spekuliert, doch dafür gibt es ebenfalls keinen belastbaren Beweis. Aus Saint-Exupérys körperlicher Erschöpfung, seinen melancholischen Äußerungen oder seinem schwierigen seelischen Zustand kurz vor dem letzten Flug lässt sich Jahrzehnte später keine sichere Todesursache konstruieren. Die seriöseste Antwort ist deshalb weniger dramatisch als manche Legende: Wir wissen heute, wo Saint-Exupérys Flugzeug ins Meer stürzte, aber nicht, weshalb.

Was man von Saint-Exupéry lesen sollte

Wer Saint-Exupéry nur aus dem „Kleinen Prinzen“ kennt, hat einen wesentlichen Teil des Autors noch nicht gesehen. Für den Einstieg bleibt das kleine Buch selbstverständlich geeignet, solange man es wirklich liest und nicht nur die berühmtesten Zitate kennt. Wer verstehen möchte, weshalb Saint-Exupéry bereits vor 1943 als bedeutender Autor galt, sollte anschließend zu „Wind, Sand und Sterne“ greifen. Dort verbinden sich seine stärksten Eigenschaften: präzise Beobachtung, große Landschaftsbilder, konkrete Erfahrungen der frühen Luftfahrt und eine humanistische Philosophie, die noch nicht völlig ins Allgemeine abhebt. „Nachtflug“ ist knapper und härter und zeigt besonders gut den Konflikt zwischen individuellem Leben und Pflicht. „Flug nach Arras“ ist literarisch ungleichmäßiger, aber für Saint-Exupérys Kriegserfahrung und seine Vorstellungen von Frankreich ausgesprochen interessant.

„Südkurier“ ist vor allem als frühes Werk lesenswert, während die postum herausgegebene „Stadt in der Wüste“ beziehungsweise „Citadelle“ Saint-Exupérys Gedanken in enormem Umfang versammelt, aber zugleich zeigt, wo seine Schwächen liegen: Pathos, Wiederholung und ein Hang zu großen Wahrheiten, die nicht immer so tief sind, wie sie klingen. Saint-Exupéry war kein philosophischer Denker ersten Ranges und auch als Romancier nicht besonders vielseitig. Seine große literarische Fähigkeit bestand darin, Erfahrungen in Bilder zu verwandeln und komplizierte menschliche Bedürfnisse auf elementare Situationen zu reduzieren, ohne sie immer völlig zu banalisieren. Seine besten Bücher leben deshalb genau von dem, was auch seine Biografie prägt: dem Widerspruch zwischen einem Mann, der immer wieder erstaunlich unvernünftig handelte, und einem Schriftsteller, der wie kaum ein anderer seiner Zeit über Verantwortung nachdachte.

Der Mythos Saint-Exupéry entstand nicht erst nach seinem Tod. Er hatte selbst daran mitgeschrieben: der einsame Pilot über der Wüste, der Freund verlorener Kameraden, der Aristokrat ohne Interesse am bürgerlichen Komfort, der Schriftsteller, der lieber handelt als nur über das Handeln zu schreiben. Ein Teil davon war Pose, vieles war aber tatsächlich gelebt. Seine Abstürze waren real, ebenso seine Arbeit bei der Aéropostale, seine Kriegseinsätze und sein letzter Start. Gerade deshalb muss man ihn nicht zum makellosen Helden erklären. Der interessante Saint-Exupéry ist der wirkliche: mutig und fahrlässig, großzügig und selbstbezogen, moralisch anspruchsvoll und privat widersprüchlich, ein erfahrener Pilot mit erstaunlich vielen Unfällen und ein Autor, dessen scheinbar einfachstes Buch sein dauerhaftestes wurde.

Antoine de Saint-Exupéry – Fakten

  • Vollständiger Name: Antoine Marie Jean-Baptiste Roger de Saint-Exupéry
  • Geboren: 29. Juni 1900 in Lyon, Frankreich
  • Gestorben: vermutlich 31. Juli 1944 im Mittelmeer vor Marseille
  • Familie: eines von fünf Kindern; sein Vater starb 1904
  • Berufe: Schriftsteller, Berufs- und Militärpilot, Journalist
  • Pilotenlizenz: während seines Militärdienstes ab 1921
  • Aéropostale: ab 1926; später Flugplatzleiter in Cap Juby und Betriebsdirektor der Aeroposta Argentina
  • Ehefrau: Consuelo Suncín de Sandoval, verheiratet ab 1931
  • Wichtige Werke: „Südkurier“, „Nachtflug“, „Wind, Sand und Sterne“, „Flug nach Arras“, „Der kleine Prinz“ und die postum erschienene „Citadelle“
  • Prix Femina: 1931 für „Nachtflug“
  • Grand Prix du Roman der Académie française: 1939 für „Terre des hommes“
  • „Der kleine Prinz“: erstmals 1943 in New York auf Französisch und Englisch erschienen; französische Veröffentlichung bei Gallimard 1946
  • Verbreitung des „Kleinen Prinzen“: inzwischen Hunderte Millionen Exemplare und rund 680 Übersetzungen beziehungsweise Sprachfassungen
  • Militärischer Einsatz: Aufklärungspilot 1939/40 sowie erneut 1943/44
  • Letzter Flug: 31. Juli 1944 von Borgo auf Korsika zu einer fotografischen Aufklärungsmission über Südostfrankreich
  • Wrack: Teile seiner P-38 wurden vor Marseille gefunden und 2004 eindeutig identifiziert
  • Todesursache: bis heute nicht zweifelsfrei geklärt

Verfasst vom Autorenteam.