
Herman kam aus gutem Hause und ging doch zur See
Er sprang von einem Walfänger, lebte unter angeblichen Kannibalen und erfand einen weißen Wal, der ihn unsterblich machen sollte – allerdings erst nach seinem Tod. Herman Melville schrieb eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur und verdiente damit kaum Geld. Privat verlief sein Leben düster: Seine Frau erwog die Trennung, sein ältester Sohn starb durch einen Schuss, der zweite an Tuberkulose. Aus dem gefeierten Abenteuerschriftsteller wurde ein schlecht bezahlter Zollbeamter. Als Melville 1891 starb, war er beinahe vergessen. Dass sein berühmtestes Buch eines Tages Weltruhm genießen würde, erlebte er nicht mehr.
Als Moby-Dick 1851 in England erschien, fehlte ein entscheidender Teil des Romans: das Nachwort, in dem erklärt wird, wie der Erzähler Ismael als einziger den Untergang des Walfangschiffs überlebt. Der Londoner Verleger hatte die Passage bei der Bearbeitung offenbar versehentlich weggelassen. Die Kritiker wunderten sich entsprechend darüber, dass ein Ich-Erzähler vom eigenen Tod berichten konnte. Auch sonst stieß das Buch auf erhebliche Skepsis. Die langen Abhandlungen über Wale, philosophische Abschweifungen und die wilde Mischung literarischer Formen überforderten viele Leser. Melville hatte etwas geschaffen, das zu seiner Zeit kaum jemand verstand. Den wirklichen Erfolg seines Meisterwerks sollte er niemals erleben.
Ein Kaufmannssohn wird zum Deserteur
Herman Melville wurde am 1. August 1819 in New York geboren. Seine Familie war gesellschaftlich angesehen, doch sein Vater Allan, ein Importkaufmann, wirtschaftete sich in erhebliche Schwierigkeiten. Als er 1832 starb, hinterließ er Schulden und acht Kinder. Herman musste seine Ausbildung abbrechen und Geld verdienen. Er arbeitete als Bankangestellter, Verkäufer, Lehrer und auf einer Farm, ohne eine Beschäftigung zu finden, die ihn erfüllte. Mit neunzehn Jahren heuerte er erstmals auf einem Handelsschiff an. Zwei Jahre später bestieg er den Walfänger Acushnet, der ihn in den Pazifik bringen sollte. Dort lernte er einen Beruf kennen, der wenig mit romantischer Seefahrt zu tun hatte. Monatelange Enge, schlechte Ernährung, harte körperliche Arbeit und die blutige Jagd auf riesige Meeressäuger bestimmten den Alltag.
Im Juli 1842 hatte Melville genug. Gemeinsam mit einem Kameraden desertierte er auf der Marquesas-Insel Nuku Hiva und gelangte in ein abgelegenes Tal, das von den Taipi bewohnt wurde. Europäische Seeleute erzählten sich schauerliche Geschichten über deren angeblichen Kannibalismus. Melville verbrachte dort vermutlich drei bis vier Wochen, ehe er auf einem anderen Walfänger weiterreiste. In seinem späteren Buch Typee machte er daraus einen erheblich längeren Aufenthalt und dramatisierte seine vermeintliche Gefangenschaft. Die Geschichte wurde 1846 ein Bestseller. Melville hatte seine tatsächlichen Erlebnisse mit angelesenen Informationen, exotischen Fantasien und literarischen Ausschmückungen vermischt. Er wurde als Abenteurer berühmt, obwohl seine Berichte keineswegs durchgehend zuverlässig waren.
Auch die folgenden Jahre verliefen turbulent. Auf einem australischen Walfänger geriet Melville in eine Meuterei und wurde auf Tahiti inhaftiert. Später gelangte er nach Hawaii und trat schließlich in die amerikanische Marine ein. Erst 1844 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück. Seine Erlebnisse verarbeitete er in weiteren Büchern, darunter Omoo (1847), Redburn (1849) und White-Jacket (1850). Sie brachten ihm den Ruf eines erfolgreichen Seefahrtschriftstellers ein. Dabei interessierte ihn zunehmend weniger das Abenteuer als die Frage, weshalb Menschen einander beherrschen, erniedrigen und ausbeuten. Melville kritisierte den Kolonialismus und die Überheblichkeit europäischer Missionare, bediente zugleich aber selbst exotische Klischees. Er war ein genauer Beobachter menschlicher Widersprüche, nicht frei von den Vorurteilen seiner Zeit.
Der weiße Wal und der Absturz
1847 heiratete Melville Elizabeth Knapp Shaw, die Tochter eines einflussreichen Richters aus Massachusetts. Drei Jahre später kaufte das Paar das Landhaus Arrowhead in den Berkshire Mountains. Dort freundete sich Melville mit dem Schriftsteller Nathaniel Hawthorne an. Die beiden diskutierten über Literatur, Schuld, Religion und menschliche Abgründe. Hawthorne beeinflusste Melville stark und ermutigte ihn, sein nächstes Buch anspruchsvoller anzulegen als die bisherigen Seefahrtsgeschichten. Das Ergebnis war Moby-Dick, den Melville 1851 veröffentlichte und seinem Freund widmete.
Der Roman erzählt von Kapitän Ahab, der seinen Hass auf einen weißen Pottwal zur alles beherrschenden Obsession macht. Ahab hat bei einer früheren Begegnung ein Bein verloren und opfert nun Besatzung, Schiff und schließlich sein eigenes Leben dem Wunsch nach Vergeltung. Melville verwandelt diese einfache Ausgangsgeschichte in eine gewaltige Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, menschlicher Hybris und der Frage, ob hinter der Natur überhaupt eine erkennbare Ordnung steht. Besonders bemerkenswert ist seine Figur Queequeg, eines polynesischen Harpuniers, der mit dem Erzähler Ismael Freundschaft schließt. Die beiden entwickeln eine Nähe, die gängige rassistische Vorstellungen des 19. Jahrhunderts unterläuft. Eine ausführlichere Würdigung bietet unsere Rezension zu Moby-Dick.
Doch der Roman ist kein bequemes Lesevergnügen. Melville unterbricht seine Geschichte immer wieder mit langen wissenschaftlichen, philosophischen und technischen Betrachtungen über Wale und den Walfang. Ganze Kapitel beschäftigen sich mit Anatomie, Klassifikationen und der Verarbeitung von Walöl. Einige dieser Passagen sind geistreich, andere erschweren den Lesefluss erheblich. Die Figuren werden gelegentlich zu Trägern großer Ideen, statt sich wie gewöhnliche Menschen zu verhalten. Gerade diese formale Maßlosigkeit macht das Buch einzigartig, erklärt aber auch seine schwierige Aufnahme. Zu Melvilles Lebzeiten wurden insgesamt nur ungefähr 3.000 Exemplare verkauft.
Der folgende Roman Pierre oder die Doppeldeutigkeiten (1852) verschlimmerte die Lage. Die düstere Geschichte über familiäre Geheimnisse, sexuelle Tabus und psychische Abgründe wurde von vielen Kritikern regelrecht verrissen. Melville verlor zunehmend Leser, Geld und Ansehen. Zwar entstanden noch herausragende Erzählungen wie Bartleby, der Schreiber, deren rätselhafter Held jede Aufforderung mit einer höflichen Weigerung beantwortet, und Benito Cereno, eine beklemmende Geschichte über Sklaverei und menschliche Selbsttäuschung. Doch seine Karriere als erfolgreicher Romancier war praktisch beendet. Er schrieb immer anspruchsvoller, während das Publikum sich von ihm abwandte.
Die dunklen Seiten eines Familienvaters
Parallel verschlechterte sich die Situation zu Hause. Melville galt als eigensinnig, reizbar und zunehmend unzugänglich. Seine Frau Elizabeth musste vier Kinder versorgen, während er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog und weiterhin Bücher schrieb, die kaum Geld einbrachten. Hinzu kamen finanzielle Sorgen und seine wachsende Verbitterung über den literarischen Misserfolg. Die Ehe geriet in eine so schwere Krise, dass Elizabeths Angehörige 1867 über eine Trennung nachdachten. Ein Geistlicher schlug sogar vor, sie durch eine vorgetäuschte Entführung aus dem gemeinsamen Haus zu bringen und bei ihrer Familie unterzubringen.
Die erhaltenen Briefe deuten darauf hin, dass Elizabeth Angst vor ihrem Mann hatte und sich körperlich sowie seelisch bedroht fühlte. Einige Literaturwissenschaftler schließen daraus, dass Melville seine Frau misshandelte. Andere halten die Beweislage für weniger eindeutig. Der genaue Umfang möglicher Gewalt lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Unstrittig ist jedoch, dass die Ehe zeitweise außerordentlich belastet war. Elizabeth entschied sich letztlich gegen die Trennung und blieb bei ihrem Mann. Die Vorstellung vom missverstandenen literarischen Genie, dessen Familie selbstlos seine Arbeit ermöglichte, erscheint angesichts dieser Dokumente deutlich weniger romantisch.
Im September 1867 traf die Familie eine weitere Tragödie. Der achtzehnjährige Sohn Malcolm wurde mit einer tödlichen Schussverletzung im Kopf aufgefunden. Häufig wird sein Tod als Selbstmord bezeichnet, doch zeitgenössische Untersuchungen ließen auch einen Unfall als Möglichkeit offen. Die Umstände sind bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Sein jüngerer Bruder Stanwix starb 1886 in San Francisco, vermutlich an Tuberkulose. Beide Söhne überlebten den Vater nicht. Die beiden Töchter Elizabeth und Frances erreichten dagegen das Erwachsenenalter.
Neunzehn Jahre beim Zoll – und der späte Ruhm
1866 hatte Melville eine Stelle als Zollinspektor im Hafen von New York angenommen. Fast zwanzig Jahre kontrollierte er dort Waren und Schiffe, während kaum noch jemand nach seinen Büchern fragte. Aus dem Schriftsteller, der einst die Meere bereist und mit spektakulären Abenteuern ein großes Publikum erreicht hatte, war ein unauffälliger Staatsangestellter geworden. Seine literarische Arbeit gab er trotzdem nicht auf. Er schrieb Gedichte über den amerikanischen Bürgerkrieg und veröffentlichte 1876 mit Clarel ein gewaltiges philosophisches Versepos über eine Pilgerreise ins Heilige Land. Das Werk fand kaum Leser. Für seine letzten beiden Gedichtbände ließ Melville jeweils nur 25 Exemplare drucken.
Privat zog er sich immer weiter zurück. Gleichzeitig zeigen Erinnerungen seiner Enkelinnen eine andere, überraschend zärtliche Seite. Sie durften in seinem Arbeitszimmer spielen, mit seinen Büchern kleine Häuser bauen und seinen großen Bart streicheln. Der schweigsame alte Mann, den manche Angehörige fürchteten, konnte offenbar auch ein liebevoller Großvater sein. Er starb am 28. September 1891 im Alter von 72 Jahren in New York, ohne den literarischen Ruhm zurückgewonnen zu haben.
Seine vielleicht schönste posthume Geschichte begann mit einem einfachen Behälter aus Blech. Nach Melvilles Tod hatte seine Frau unveröffentlichte Manuskripte sorgfältig aufgehoben. Sie blieben jahrzehntelang im Familienbesitz, der Überlieferung zufolge in einer Brotbüchse verwahrt. Erst 1919 erhielt der junge Literaturwissenschaftler Raymond Weaver Zugang zu den Papieren und entdeckte darunter die unvollendete Erzählung Billy Budd. Sie handelt von einem jungen, unschuldigen Matrosen, der durch einen verhängnisvollen Zwischenfall zum Tode verurteilt wird. Das Buch erschien 1924, mehr als dreißig Jahre nach Melvilles Tod. Bis heute diskutieren Forscher darüber, wie der vom Autor nicht abgeschlossene Text eigentlich zu lesen ist.
Etwa zur selben Zeit begann die große Wiederentdeckung seines Werks. Schriftsteller und Literaturwissenschaftler erkannten in Moby-Dick einen Roman, der seiner Epoche weit vorausgewesen war. Was die Zeitgenossen als überladen und verworren empfunden hatten, erschien nun als kühnes Experiment mit Erzählformen, Perspektiven und philosophischen Fragen. Aus dem vergessenen Zollbeamten wurde nachträglich einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller.
Wer Melville kennenlernen möchte, sollte durchaus mit Moby-Dick beginnen, allerdings nicht in der Erwartung eines gewöhnlichen Abenteuerromans. Die kürzere Erzählung Bartleby, der Schreiber eignet sich für Leser, die seine rätselhafte, moderne Seite entdecken wollen. Benito Cereno gehört zu seinen spannendsten Auseinandersetzungen mit menschlicher Blindheit und Selbsttäuschung. Und Typee zeigt den jungen Abenteurer, der die Wirklichkeit so lange ausschmückte, bis daraus Literatur wurde.
Melvilles Leben besitzt eine bittere Ironie: Sein berühmtester Held opfert alles einer Besessenheit, die schließlich zur Katastrophe führt. Melville selbst hielt an einer literarischen Vision fest, für die er wirtschaftlichen Erfolg, gesellschaftliche Anerkennung und vermutlich auch einen Teil seines familiären Glücks verlor. Ob dieses Opfer notwendig war, ist eine andere Frage. Die Literaturgeschichte hat ihn dafür belohnt – allerdings viel zu spät, als dass er selbst noch etwas davon gehabt hätte.
Herman Melville – Fakten
- Lebensdaten: 1. August 1819 in New York City bis 28. September 1891 ebenda.
- Familie: Sohn des Kaufmanns Allan Melvill und Maria Gansevoort; sieben Geschwister. Seit 1847 verheiratet mit Elizabeth Shaw; vier Kinder, Malcolm, Stanwix, Elizabeth und Frances.
- Beruflicher Werdegang: Kaufmannsgehilfe, Lehrer, Matrose, Walfänger, Schriftsteller; von 1866 bis 1885 Zollinspektor in New York.
- Wichtige Werke: Typee (1846), Omoo (1847), Moby-Dick (1851), Pierre (1852), Bartleby, der Schreiber (1853), Benito Cereno (1855) und Billy Budd (posthum 1924).
- Persönliche Schicksalsschläge: Wirtschaftlicher Ruin der Herkunftsfamilie, schwere Ehekrise, früher Tod beider Söhne und jahrelange finanzielle Schwierigkeiten.
- Literarische Bedeutung: Wegbereiter des modernen amerikanischen Romans; Wiederentdeckung seines Werks insbesondere seit den 1920er-Jahren.
Von Emma und Hanna

