Ein Mann verbirgt seine Hände und bringt dadurch seine gesamte Umgebung gegen sich auf. Aus dieser scheinbar kleinen Auffälligkeit entwickelt Leo Perutz in seinem 1918 erschienenen Roman Zwischen neun und neun eine Geschichte über Freiheit, gesellschaftliche Zugehörigkeit und die Unsicherheit unserer Wahrnehmung. Stanislaus Dembas Weg durch Wien wirkt zunächst wie eine Folge grotesker Missgeschicke. Doch hinter den komischen Situationen wächst eine existenzielle Bedrohung. Besonders der Schluss verändert den Blick auf alles Vorangegangene. Wer den Roman verstehen will, muss deshalb nicht nur fragen, was Demba erlebt, sondern auch, welchen Wirklichkeitsstatus dieses Erleben besitzt.
Inhalt
Der Student Stanislaus Demba fällt durch sein sonderbares Verhalten auf: Er hält seine Hände unter seinem Mantel verborgen. Was anderen als Unhöflichkeit, Überheblichkeit oder bedrohliche Absicht erscheint, hat einen zunächst verschwiegenen Grund. Demba trägt Handschellen. Er muss sie verstecken, damit niemand erkennt, dass er der Polizei entkommen ist.
Gleichzeitig steht er unter finanziellem Druck. Seine Freundin Sonja will mit Georg Weiner nach Venedig reisen. Demba benötigt bis zum Abend zweihundert Kronen, um selbst die Reise mit ihr unternehmen zu können. Er versucht deshalb, Geld einzutreiben und neue Möglichkeiten der Beschaffung zu finden. Doch selbst alltägliche Verrichtungen werden schwierig, weil er seine Hände nicht offen benutzen darf.
Erst im Gespräch mit Steffi erzählt Demba die Vorgeschichte. Beim Versuch, ein gestohlenes Bibliotheksbuch zu verkaufen, wurde er festgenommen. Trotz seiner Fesselung gelangte er auf einen Dachboden und sprang aus dem Fenster. Nach seiner Darstellung überstand er den Sturz und begann um neun Uhr morgens seine Flucht durch die Stadt.
Die weiteren Begegnungen bringen ihn seinem Ziel scheinbar näher und werfen ihn wieder zurück. Im Residenzkeller werden seine verborgenen Hände sogar für eine versteckte Schusswaffe gehalten. Schließlich wird die Fesselung entdeckt. Demba entkommt nochmals in sein Zimmer. Dort wartet Steffi, doch der von ihr beschaffte Schlüssel öffnet die Handschellen nicht.
Am Ende zerfällt die vermeintliche Gegenwart. Demba befindet sich erneut am Ausgangspunkt seiner Flucht. Polizisten finden ihn kurz nach neun Uhr morgens tödlich verletzt im Hof. Die Gewalt des Sturzes hat seine Handschellen zerstört. Der scheinbar durchlebte Tag erscheint nun als inneres Geschehen eines Sterbenden.
Analyse und Interpretation
Dembas Bewegung durch die Stadt bedeutet noch keine Freiheit. Er kann Orte wechseln, aber nicht selbstverständlich am Leben teilnehmen. Damit lässt sich der Roman als Versuchsanordnung lesen: Wie viel Selbstbestimmung bleibt einem Menschen, wenn sein Körper zwar beweglich ist, seine Handlungsmöglichkeiten aber ständig eingeschränkt werden? Entscheidend ist nicht allein die Fessel. Ebenso wichtig ist die Notwendigkeit, sie zu verbergen.
Aus dieser Verheimlichung entsteht ein kaum lösbarer Widerspruch. Demba braucht Unterstützung, müsste dafür jedoch seine Lage offenlegen. Gerade die Erklärung, die sein Verhalten verständlich machen könnte, gefährdet ihn. Schweigen schützt ihn vor Entdeckung und produziert zugleich neue Verdächtigungen. Die Flucht verlangt somit genau das Verhalten, das eine erfolgreiche Verständigung verhindert.
Hinzu kommt Dembas eigenes Verständnis von Unabhängigkeit. Seine Not lässt sich nicht ausschließlich auf eine feindliche Umwelt zurückführen. Seine Aggressivität und sein verletzter Stolz erschweren Beziehungen zusätzlich. Die Figur fordert Freiheit für sich, begegnet anderen aber nicht immer mit entsprechender Achtung vor deren Entscheidungen. Besonders sein Umgang mit Sonja macht diese Spannung sichtbar. Sein Wunsch, sie zurückzugewinnen, ist nicht ohne Weiteres mit liebevoller Zuwendung gleichzusetzen.
Der Schluss eröffnet eine zweite Ebene. Wird die Tageshandlung als Sterbevision verstanden, dann schafft Dembas Bewusstsein einen zeitlichen Spielraum, den sein Körper nicht mehr besitzt. Eine solche Lesart macht aus der Flucht keinen bedeutungslosen Traum. Vielmehr wird erkennbar, woran seine Vorstellungskraft gebunden bleibt: an Geld, Konkurrenz, Kränkung und den Wunsch nach Anerkennung. Selbst ein innerlich gewonnener Aufschub führt nicht selbstverständlich zu einem anderen Leben.
Allerdings erklärt die Bezeichnung Sterbevision nicht jede erzählerische Besonderheit. Die Darstellung reicht über Dembas unmittelbares Wissen hinaus. Deshalb sollte der Schluss weder vorschnell als bloßer Trick noch als lückenlose psychologische Auflösung behandelt werden. Eine mögliche Deutung betont die letzten Bewusstseinsmomente der Figur; eine andere nimmt die ungewöhnliche Wirklichkeitsordnung des Romans ernst, ohne sie an alltäglichen Maßstäben zu messen. Die Irritation betrifft nicht nur Dembas Wahrnehmung, sondern auch die Sicherheit des Lesers.
Figuren
Stanislaus Demba ist eine widersprüchliche Hauptfigur. Seine bedrängte Lage erzeugt Anteilnahme, sein Verhalten verhindert jedoch eine bequeme Identifikation. Er ist geistig beweglich und erfindungsreich, zugleich reizbar und zu Übergriffen bereit. Für die Deutung lohnt es sich, diese Eigenschaften nebeneinander stehen zu lassen. Wer ihn ausschließlich zum unschuldigen Opfer erklärt, unterschätzt seine Verantwortung. Wer nur sein Fehlverhalten sieht, verkennt die Härte seiner Ausgrenzung.
Sonja steht im Zentrum seines anfänglichen Vorhabens. Über sie verbindet sich die Geldbeschaffung mit der Angst, einem Rivalen zu unterliegen. In Dembas Blick droht sie zum Beweis seiner eigenen Geltung zu werden: Könnte er die gemeinsame Reise ermöglichen, wäre zugleich seine Konkurrenzfähigkeit bestätigt. Gerade deshalb ist zu fragen, wie genau er Sonja als eigenständigen Menschen wahrnimmt und wie stark er sie auf eine Rolle in seinem persönlichen Kampf festlegt.
Steffi eröffnet eine andere Form der Beziehung. Sie hört Demba zu, kennt seine Fesselung und bemüht sich um konkrete Hilfe. Ihre Zuneigung bleibt ihm lange verborgen. Dadurch entsteht ein Gegensatz zwischen dem, was er unbedingt erreichen will, und dem, was er bereits erhalten könnte: Aufmerksamkeit und persönliche Verbundenheit. Steffi ist dennoch keine allmächtige Retterfigur. Ihr erfolgloser Versuch, die Handschellen zu öffnen, begrenzt die Hoffnung auf eine einfache Erlösung durch Liebe.
Georg Weiner und die zahlreichen Nebenfiguren bilden wechselnde Gegenüber. Weiner verkörpert für Demba den materiell begünstigten Konkurrenten. Die übrigen Begegnungen zeigen unterschiedliche Arten des Urteilens, Helfens und Abweisens. Interessant ist dabei weniger eine geschlossene Front gegen Demba als die Vielzahl einzelner Reaktionen. Seine Isolation entsteht immer wieder neu, in konkreten Situationen und aus unterschiedlichen Motiven.
Themen und Motive
Die Hände und die Handschellen: Hände ermöglichen Essen, Bezahlen, Schreiben, Berühren und Begrüßen. Ihre eingeschränkte Verwendbarkeit macht sichtbar, wie körperlich gesellschaftliche Teilnahme organisiert ist. Dembas Problem besteht deshalb nicht nur im Verlust eines Werkzeugs. Auch Zeichen der Verlässlichkeit und Zugehörigkeit stehen ihm nicht selbstverständlich zur Verfügung. Die Handschellen verbinden eine tatsächliche Behinderung mit der Angst vor einer öffentlich festgelegten Identität als Verbrecher.
Geld und Anerkennung: Die benötigte Summe erscheint zunächst als klar bestimmbares Ziel. Doch Geld soll mehr leisten, als eine Reise zu bezahlen. Es soll einen Rivalen verdrängen, eine Beziehung sichern und Dembas Selbstachtung wiederherstellen. Darin liegt eine Überforderung des Geldes: Selbst wenn die finanzielle Schwierigkeit lösbar wäre, bliebe offen, ob damit auch die zwischenmenschlichen Konflikte verschwänden.
Scham und Sichtbarkeit: Demba will nicht gesehen werden, wie er tatsächlich dasteht. Zugleich leidet er darunter, dass andere ihn falsch verstehen. Diese Spannung lässt sich als Grundproblem sozialer Scham lesen. Verbergen bewahrt kurzfristig das eigene Bild nach außen, verhindert aber die Möglichkeit, mit einer Schwäche angenommen zu werden. Der Mantel schützt deshalb nicht einfach; er hält auch eine belastende Trennung zwischen äußerem Auftreten und innerer Not aufrecht.
Zeit und Endlichkeit: Der Titel verspricht einen überschaubaren Zeitraum zwischen zwei gleichen Uhrständen. Am Schluss wird gerade diese Übersicht fragwürdig. Die zwölf Stunden des scheinbaren Tages stehen wenigen Augenblicken des Sterbens gegenüber. Daraus ergibt sich eine grundsätzliche Frage: Bemisst sich Lebenszeit nur nach der Uhr oder auch nach der Dichte des Erlebens? Der Roman beantwortet sie nicht abstrakt, sondern macht den Zusammenbruch einer vertrauten Zeitordnung erfahrbar.
Sprache und Erzählweise
Der Roman besteht aus zwanzig Kapiteln mit episodischem Charakter. Die wechselnden Schauplätze und Begegnungen erzeugen zunächst den Eindruck einer offenen Stadterkundung. Zugleich hält die wiederkehrende Schwierigkeit mit den verborgenen Händen die Handlung zusammen. Der Aufbau verbindet dadurch Abwechslung mit einer bedrückenden Wiederholung: Neue Situationen bieten neue Chancen, führen Demba aber häufig zu einer ähnlichen Grenze zurück.
Die Informationsvergabe verändert die Spannung. Anfangs weiß der Leser nicht, weshalb Demba sich so auffällig verhält. Nach der Erklärung durch die Handschellen richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf den möglichen Ausgang seiner Unternehmungen. Am Ende muss wiederum die Grundlage des gesamten Geschehens überprüft werden. Der Text lässt somit nicht nur die Handlung voranschreiten, sondern verändert mehrfach die Frage, mit der man ihr folgt.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Erzählerwissen und Figurenwissen. Die Erzählung ist nicht durchgehend an Dembas Wahrnehmung gebunden. Sie vermittelt auch Einblicke und Zusammenhänge, die ihm nicht unmittelbar zugänglich sind. Deshalb greift die Vorstellung zu kurz, der gesamte Roman sei einfach ein innerer Monolog. Gerade die scheinbare Selbstständigkeit der erzählten Welt verleiht der Schlusswendung ihre besondere Schärfe.
Komik entsteht häufig aus der Differenz zwischen Dembas Lage und ihrer Deutung durch andere. Für ihn besitzt eine Handlung einen zwingenden Grund; für seine Umgebung wirkt sie absurd. Dieses Verfahren kann amüsieren, ohne harmlos zu sein. Sobald die Ursache bekannt ist, erhält die Komik einen schmerzhaften Untergrund: Hinter dem Missverständnis steht ein Mensch, dessen Möglichkeiten immer enger werden.
Was bei der Lektüre auffällt
Beim ersten Lesen empfiehlt sich besondere Aufmerksamkeit für die Urteile der Nebenfiguren. Welche Beobachtung liegt einem Verdacht zugrunde? Welche Erklärung wird hinzugefügt, obwohl sie nicht gesichert ist? Auf diese Weise wird deutlich, wie schnell Wahrnehmung und Bewertung ineinander übergehen. Der Leser ist zunächst selbst in einer ähnlichen Lage: Auch er versucht, Dembas Verhalten aus unvollständigen Informationen zu erklären.
Bei einer erneuten Lektüre verschiebt sich das Interesse. Nun lässt sich untersuchen, welche Einzelheiten auf den Schluss vorausweisen und welche zunächst ganz alltäglich erscheinen. Wiederkehrende Sinneseindrücke, darunter der Malzgeruch und die akustische Umgebung des Sturzes, verbinden die auseinanderliegenden Szenen. Wichtig ist dabei, nicht jedes Detail nachträglich zum eindeutigen Beweis zu erklären. Eine Vorausdeutung kann Mehrdeutigkeit erzeugen, statt sie vollständig aufzuheben.
Besonders ergiebig ist außerdem die Trennung dreier Fragen: Was möchte Demba? Was würde ihm tatsächlich helfen? Und was kann er überhaupt noch erreichen? Diese Fragen müssen nicht dieselbe Antwort haben. Gerade der Abstand zwischen Wunsch und möglicher Hilfe verhindert, dass der Roman auf eine bloße Fluchtgeschichte reduziert wird. Er erzählt ebenso von verfehlter Aufmerksamkeit: Demba konzentriert sich auf bestimmte Ziele und erkennt andere Möglichkeiten der Beziehung erst spät.
Was könnten typische Prüfungsfragen sein?
- Wie verändert der Schluss das Verständnis des Romans? Eine tragfähige Antwort unterscheidet die zunächst angenommene Tageshandlung von ihrer möglichen Einordnung als Sterbevision. Anschließend sollte sie erklären, was trotz dieses Wechsels bedeutsam bleibt. Dembas Ängste und Beziehungskonflikte verlieren ihre Aussagekraft nicht dadurch, dass ihr Erleben anders eingeordnet wird.
- Welche Funktionen besitzen die Handschellen? Zu untersuchen wären zunächst die praktischen Folgen der Fesselung. Darauf kann die symbolische Deutung aufbauen. Entscheidend ist die Verbindung beider Ebenen: Das Symbol wirkt gerade deshalb überzeugend, weil die körperliche Einschränkung in gewöhnlichen Situationen konkrete Folgen besitzt.
- Ist Demba vor allem Opfer oder Mitverursacher seiner Isolation? Statt einer eindeutigen Zuordnung bietet sich eine Abwägung an. Welche Hindernisse werden ihm von außen auferlegt? Wo verschärfen Stolz, Täuschung oder Aggression seine Lage? Mitgefühl und Kritik müssen sich dabei nicht gegenseitig ausschließen.
- Wie unterscheiden sich Sonjas und Steffis Bedeutung für Demba? Hier sollten nicht nur Eigenschaften der beiden Figuren verglichen werden. Ebenso wichtig ist Dembas jeweilige Erwartung: Sucht er Bestätigung, Besitz, Nähe oder Hilfe? Die Frage richtet sich damit auch auf seine Fähigkeit, andere unabhängig von den eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen.
- Wodurch verbindet der Roman Komik mit Bedrohung? Eine genaue Betrachtung einer Begegnung kann zeigen, wie ein Missverständnis aufgebaut wird. Danach lässt sich prüfen, wann das Lachen Distanz schafft und wann es in Unbehagen umschlägt. Besonders aufschlussreich ist, wie das Wissen um die Handschellen die Wirkung derselben Situation verändert.
- Wie zuverlässig ist die erzählte Wirklichkeit? Für diese Frage müssen verschiedene Wissensebenen auseinandergehalten werden. Was berichtet Demba selbst, was vermittelt der Erzähler, und was erschließt erst der Leser? Eine überzeugende Deutung benennt dabei auch die Grenzen ihrer eigenen Erklärung.
Fazit
Zwischen neun und neun verbindet eine prägnante Ausgangslage mit weitreichenden Fragen. Die verborgenen Hände erzeugen Spannung und Komik, machen aber ebenso sichtbar, wie abhängig persönliche Freiheit von körperlichen Möglichkeiten und sozialen Beziehungen ist. Demba bleibt dabei eine Figur, die Anteilnahme verlangt, ohne von Verantwortung freigesprochen zu werden. Der Schluss zwingt dazu, nicht nur einzelne Ereignisse, sondern die Ordnung der gesamten Erzählung neu zu betrachten. Seine Wirkung erschöpft sich deshalb nicht in einer überraschenden Auflösung. Zurück bleibt die beunruhigende Frage, ob ein Mensch seinen Zwängen entkommen kann, wenn er seine Wünsche und seinen Blick auf andere unverändert mit sich führt.
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