
Ein Junge sucht seine verschwundene Freundin: Hugo Bettauer verbindet kindliche Zuneigung mit einer abenteuerlichen Kriminalhandlung. Ein flott erzählter Roman, dessen sentimentaler Ton und rassistische Feindbilder heute allerdings Distanz verlangen.
Als Gertie verschwindet, will ihr Freund Bob nicht untätig bleiben. Aus der engen Verbindung zweier Kinder entwickelt Hugo Bettauer eine Geschichte von Suche, Gefahr und entschlossener Eigenmächtigkeit. „Bobbie oder die Liebe eines Knaben“ ist dabei weniger eine behutsame Erkundung erster Gefühle als ein Abenteuerroman, der seine Spannung aus der Bedrohung einer zunächst beinahe makellosen Kinderwelt gewinnt. Seine Mittel sind deutlich: starke Gegensätze, liebenswürdige Helfer, ein jugendlicher Held und ein Geschehen, das zum Weiterlesen drängt. Gerade diese Geradlinigkeit macht die Lektüre zugänglich, begrenzt aber auch ihre psychologische Tiefe. Hinzu kommen Vorurteile, die nicht bloß im Wortschatz liegen, sondern die Darstellung von Menschen prägen. So verlangt das Buch eine doppelte Aufmerksamkeit: für sein erzählerisches Geschick ebenso wie für dessen problematische Voraussetzungen.
Der dreizehnjährige Bob Holgerman wächst als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten auf. Seine zwei Jahre jüngere Freundin Gertie Sehring lebt mit ihrer verwitweten Mutter in wesentlich bescheideneren Verhältnissen auf der anderen Straßenseite. Die beiden verbringen ihre freie Zeit miteinander und stellen sich bereits eine gemeinsame Zukunft vor. Dann bleibt Gertie eines Tages verschwunden. Die Nachforschungen der Polizei bringen zunächst keinen Erfolg; zudem sind bereits weitere Mädchen vermisst worden. Bob kann sich mit dem Warten und den Anweisungen der Erwachsenen nicht abfinden und beginnt, selbst nach seiner Freundin zu suchen. Dabei begegnet er Menschen, deren Hilfe er braucht, und versucht, Hinweisen nachzugehen. Ein Hund wird zu einem wichtigen Begleiter seiner Suche.
Bettauer beginnt mit einer Idylle, deren Süße durchaus an die Grenze des Erträglichen reicht. Bob ist nicht einfach ein aufgeweckter Schüler, sondern schön, begabt, herzlich und von seiner Umgebung beinahe einhellig geliebt. Gerties Anmut wird mit ähnlichem Nachdruck ausgemalt. Der Erzähler hält sich mit seiner Zuneigung nicht zurück; er erklärt, lobt und lenkt die Sympathien. Das schafft sofort Nähe, lässt den Figuren aber wenig Raum für Widersprüche. Interessanter als die wiederholten Versicherungen ihrer Vorzüge ist der soziale Abstand zwischen den Kindern. Villa und Mietshaus stehen einander unmittelbar gegenüber. Doch auch hier bleibt die Perspektive befangen: Bobs empfindliche Abneigung gegen die Gerüche des Mietshauses erscheint als Zeichen kultivierter Herkunft, nicht als Anlass zur Selbstprüfung.
Sobald die Suche einsetzt, gewinnt diese deutliche Figurenzeichnung einen praktischen Nutzen. Man muss nicht lange über Beweggründe rätseln, sondern kann Bobs Unternehmungen folgen. Die Anlage mit Hinweisen, Verdachtsmomenten und neuen Helfern trägt eine Spannung, die stärker auf Fortgang als auf sprachliche Verdichtung setzt. Besonders anschaulich wird Bettauers Verfahren dort, wo körperliche Hindernisse das Geschehen bestimmen: ein enger Zugang, ein abgeschlossener Raum, eine Türspalte, durch die sich vielleicht eine Nachricht übermitteln lässt. Solche Situationen übersetzen Angst in konkrete Handlungen. Der Roman braucht dann keine weitläufigen Erklärungen, weil jeder kleine Fortschritt zählt. Seine Stärke liegt in dieser unmittelbaren Verständlichkeit des Abenteuers, weniger in einer überraschenden oder vieldeutigen Sprache.
Auch die titelgebende Liebe erhält ihre Kontur vor allem durch Handlungen. Bob beweist seine Bindung an Gertie, indem er nicht aufgibt und Regeln überschreitet. Darin liegt ein reizvoller Widerspruch: Der vorbildliche Sohn muss den Gehorsam verlassen, um seinem eigenen Verantwortungsgefühl zu folgen. Zugleich bleibt die Rollenverteilung eng. Er ist der Suchende, sie vor allem die Vermisste, deren Gefährdung seine Entschlossenheit hervorruft. Die frühe Zuneigung wird weniger in ihren Unsicherheiten erkundet als zur Gewissheit erhoben. Das kann berühren, weil Bettauer die Gefühle seiner jungen Figuren ernst nimmt. Es kann aber auch befremden, weil ihre vorgestellte gemeinsame Zukunft so wenig Offenheit besitzt. Die Kinder dürfen außergewöhnlich handeln, ohne deshalb besonders widersprüchliche Menschen zu werden.
Die größte Distanz entsteht allerdings nicht durch Sentimentalität, sondern durch rassistische Darstellungsmuster. Schwarze Figuren werden mit Vorstellungen von Primitivität und sexueller Bedrohung weißer Mädchen verbunden. Das ist kein beiläufiger sprachlicher Altersfleck, den man beim Lesen einfach übergehen könnte. Es betrifft die Frage, mit welchen Bildern der Roman Gefahr erzeugt und wem er Individualität zugesteht. Wo der jugendliche Held mit einem Übermaß an Sympathie ausgestattet wird, greifen andere Figurenzeichnungen auf entmenschlichende Zuschreibungen zurück. Die Spannung verliert dadurch ihre vermeintliche Unschuld. Auch die Mischung aus Kriminalhandlung, Märchenmotiven und medizinischem Schauerstoff wirkt deshalb nicht durchweg spielerisch. „Bobbie“ bleibt gut lesbar, doch seine Lesbarkeit sollte nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden. Sein erzählerischer Schwung verdient Anerkennung; seine Menschenbilder verlangen Widerspruch.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Literarische Bedeutung und heutige Lektüre
Von einem über Jahrzehnte unangefochtenen Platz im literarischen Kanon sollte man bei diesem Roman nicht ohne Weiteres sprechen. Sein Wert lässt sich überzeugender an seinen erzählerischen Eigenschaften erläutern als durch einen behaupteten Klassikerstatus. Bettauer verbindet eine leicht erfassbare Gefühlslage mit den Bewegungsformen des Abenteuers: Jemand fehlt, die Erwachsenen kommen nicht weiter, ein Kind wird selbst tätig. Diese Konstellation besitzt eine unmittelbare erzählerische Kraft. Wie daraus durch Helferfiguren, räumliche Hindernisse und zugespitzte Gefahren eine fortlaufende Handlung entsteht, bleibt lesenswert.
Hinzu kommt ein weniger angenehmer, aber wichtiger Erkenntnisgewinn. Das Buch zeigt, wie eng warmherziges Erzählen und ausgrenzende Vorstellungen nebeneinander bestehen können. Seine Zärtlichkeit gegenüber den Kindern schützt es nicht vor rassistischen Bildern; seine Vorstellung von Treue öffnet nicht automatisch den Blick für andere Menschen. Gerade deshalb lohnt eine Lektüre, die weder verklärt noch vorschnell aburteilt. Wer psychologische Feinzeichnung sucht, wird an Grenzen stoßen. Wer die Möglichkeiten und Beschränkungen einer geradlinigen Abenteuererzählung kennenlernen möchte, findet hier einen anschaulichen, stellenweise spannenden und deutlich widersprüchlichen Text.
Buchdaten
- Autor: Hugo Bettauer
- Titel: Bobbie oder die Liebe eines Knaben
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966374859
- Softcover-ISBN: 9783966373456
Rezension von Sophia und Marc

