Rezension zu Die Familie Buchholz Buchholzens in Italien von Stinde

Wilhelmine Buchholz hat zu Hause wie auf Reisen zu allem eine Meinung. Julius Stindes Humor lebt davon, dass ihre selbstsicheren Berichte oft mehr über sie verraten, als sie beabsichtigt.

Wilhelmine Buchholz möchte das Leben ihrer Familie ordnen und zugleich darüber schreiben. Sie hat ein waches Auge für Nachbarn, Besucher und kleine Verstöße gegen das, was sie für angemessen hält. Was sie übersieht, ist mindestens ebenso aufschlussreich. Die Verbindung von Berliner Familiengeschichten und italienischen Reiseabenteuern zeigt Stindes Hauptfigur in zwei Umgebungen: zwischen vertrauten gesellschaftlichen Regeln und in einer Fremde, für die sie ihre Regeln vorsichtshalber mitnimmt. Daraus entsteht keine Abfolge großer Enthüllungen, sondern ein dichtes Geflecht aus Gesprächen, Kränkungen, Beobachtungen und Missverständnissen. Das Vergnügen liegt weniger darin, ob Wilhelmine recht behält, als darin, wie überzeugend sie sich selbst auch dann noch erklärt, wenn die Dinge sichtbar anders liegen.

Im Berliner Teil berichtet Wilhelmine Buchholz aus ihrem Familienalltag. Sie lebt mit ihrem Mann Karl und den Töchtern Emmi und Betti zusammen und mischt sich besonders dort ein, wo Bekanntschaften, Heiratsaussichten und das Ansehen der Familie berührt sind. Besuche, Feiern und Ausflüge bringen sie mit Nachbarn und Verwandten zusammen; dabei entstehen immer wieder Meinungsverschiedenheiten. In „Buchholzens in Italien“ begleitet Wilhelmine ihren Mann, der wegen seines Rheumas auf ein günstigeres Klima hofft, und Onkel Fritz auf einer Reise über die Alpen. Unterwegs begegnen sie anderen Reisenden und besichtigen Städte, Kirchen und Kunstwerke. Wilhelmine muss Fahrten und Unterkünfte organisieren, mit fremden Gewohnheiten zurechtkommen und sich mit den Vorstellungen ihrer Begleiter über das Reisen auseinandersetzen.

Stindes sicherster Kunstgriff ist Wilhelmines Stimme. Sie schreibt, als müsse sie einen Sachverhalt endlich richtigstellen, obwohl noch niemand danach gefragt hat. Ihre Sätze springen von der Sorge um die Kinder zur Kritik an einer Nachbarin, vom Kostenbewusstsein zum gesellschaftlichen Ehrgeiz. Gerade weil sie so genau erzählt, wird die Lücke zwischen Ereignis und Selbstdarstellung sichtbar. Sie will verständig und gerecht erscheinen; zugleich hört man, wie rasch sie andere vereinnahmt oder ihnen Motive unterstellt. Stinde braucht diese Widersprüche kaum eigens zu kommentieren. Er lässt Wilhelmine reden und vertraut darauf, dass das Publikum ihren Blick teilen und ihm zugleich misstrauen kann.

Im Familienleben hat das einen doppelten Effekt. Wilhelmines Einmischung kann lästig sein, aber sie entspringt nicht bloß Eitelkeit. Hinter ihren Plänen für Emmi und Betti stehen Zuneigung und die Vorstellung, als Mutter für deren Zukunft verantwortlich zu sein. Wenn sie aus einem Gespräch eine Frage des Anstands oder aus einem Vorteil beim Einkauf eine kleine Leistung der Haushaltsführung macht, wird sie zur komischen Figur, ohne nur eine Witzfigur zu sein. Die Berliner Szenen gewinnen ihre Lebendigkeit aus solchen Verschiebungen: Eine harmlose Einladung kann plötzlich zum Prüfstein von Rang, Geschmack oder familiärer Loyalität werden. Wer eine straff geführte Handlung erwartet, muss sich allerdings auf viele Umwege und Nebenfiguren einlassen.

Auf der Italienreise erhält Wilhelmines Redeweise einen neuen Widerpart. Sie möchte Land und Kunst kennenlernen, prüft das Gesehene aber fortwährend an mitgebrachten Erwartungen. Ein Kirchenraum wird nicht einfach betrachtet: Wilhelmine überlegt auch, wie viel Bewunderung sie sich erlauben darf, ohne ungebildet zu wirken. So trifft die Reisende auf eine Welt, die sich ihrer Ordnung nicht fügt, während sie entschlossen bleibt, diese Ordnung anzuwenden. Der Witz geht dabei nicht nur auf ihre Kosten. Auch das pflichtbewusste Besichtigen, das gelehrte Reden über Kunst und die Angst vor dem falschen Urteil geraten unter Druck. Besonders gut sind die Momente, in denen ein praktisches Ärgernis den feierlichen Ton einer Besichtigung unterbricht.

Nicht jeder Scherz trägt für heutige Leser gleich weit. Wilhelmines eigensinniges Berlinerisch, manche Anspielung und die ausführlichen Streitigkeiten können Geduld verlangen; auf der Reise wiederholt sich mitunter das Muster aus Erwartung, Entrüstung und schlagfertiger Erwiderung. Auch ihre Urteile über Menschen und Orte sind nicht stets angenehm. Gerade hier lohnt es sich, die Erzählerin nicht mit dem Urteil des Buches gleichzusetzen. Stinde gibt ihr Raum, sich zu verrennen, und lässt daneben Wärme, Unsicherheit und gelegentliche Offenheit erkennen. Seine Stärke liegt weniger in einer gleichmäßig zugespitzten Satire als in diesem schwankenden Verhältnis: Man ist über Wilhelmine verärgert und möchte doch wissen, wie sie die nächste Begegnung erzählen wird.

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Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Was an diesen Buchholz-Geschichten über die Jahre lesbar geblieben ist, lässt sich vor allem an ihrer Erzählstimme zeigen. Wilhelmine hält ihre Erfahrungen schriftlich fest, um die Welt zu erklären und ihren eigenen Platz darin zu behaupten. Dabei stellt sie, oft unbemerkt, ihre Eitelkeit und ihre Verletzlichkeit gleich mit aus. Aus dieser Nähe und diesem Abstand entsteht ein Humor, der genauer beobachtet, als eine bloße Sammlung Berliner Späße es könnte. Dass die Buchholz-Texte schon zu Stindes Zeit ein breites Publikum erreichten, erklärt ihre literarische Wirkung nicht allein; die unverwechselbare Perspektive hilft eher zu verstehen, weshalb sie weiterhin gelesen werden.

Die Verbindung von Familienalltag und Italienreise macht diese Perspektive besonders deutlich. Zu Hause verteidigt Wilhelmine ihre Regeln gegenüber vertrauten Menschen, unterwegs gegenüber einer Umgebung, die sie erst kennenlernen muss. Beides fordert ihren Wunsch heraus, immer Bescheid zu wissen. Fremd bleiben können heutigen Lesern der Ton mancher gesellschaftlicher Urteile und das gemächliche Tempo einzelner Episoden. Wer sich darauf einlässt, findet jedoch keine glatte Heldin, sondern eine Figur, deren Eigensinn auf fast jeder Seite sprachlich Gestalt annimmt. Darin liegt der nachhaltige Reiz dieser Lektüre.

Buchdaten

  • Autor: Stinde
  • Titel: Die Familie Buchholz Buchholzens in Italien
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988830234
  • Softcover-ISBN: 9783988288752

Rezension von Noel