Rezension zu Durchs wilde Kurdistan von Karl May

Kara Ben Nemsi gerät auf seiner Reise durch Kurdistan zwischen verfeindete Gruppen, bedrohte Gemeinschaften und eine undurchsichtige Obrigkeit. Karl May erzählt von Gefahren und Befreiungen – aber auch davon, wie schwer es ist, in einem Konflikt gerecht zu handeln.

Karl May lässt seinem Erzähler Kara Ben Nemsi kaum Zeit, sich oder seine Reise vorzustellen. „Durchs wilde Kurdistan“ setzt mitten in einer längeren Folge von Abenteuern ein; wer ohne Vorkenntnisse beginnt, muss sich zunächst in den Namen, Beziehungen und Schauplätzen zurechtfinden. Bald zeigt sich jedoch, was diese Erzählung trägt: Begegnungen, bei denen das scheinbar klare Verhältnis von Freund und Feind unsicher wird. May liebt die gefährliche Lage und den Einfall, der aus ihr herausführt. Ebenso viel Raum gibt er Gesprächen, Verhandlungen und Fragen des Gewissens. Das macht das Buch stellenweise langsamer, als sein Titel erwarten lässt, und zugleich eigentümlicher als eine bloße Kette von Verfolgungen und Rettungen.

Kara Ben Nemsi reist mit Hadschi Halef Omar und weiteren Gefährten durch eine Region, in der die Wege zwischen Dörfern, Städten und Berggebieten von politischen und religiösen Spannungen geprägt sind. Die Gruppe begegnet den bedrohten Dschesidi, gerät mit osmanischen Amtsträgern aneinander und kommt später mit kurdischen Gemeinschaften und chaldäischen Christen in Berührung. Immer wieder stehen Gefangene, Geiseln oder Menschen in Gefahr im Mittelpunkt. Kara versucht, ihnen zu helfen, während er zugleich seine Begleiter schützen und sich in wechselnden Machtverhältnissen behaupten muss. Eine Begegnung kann Gastfreundschaft versprechen und dennoch in eine Bedrohung umschlagen; eine frühere Feindschaft muss nicht das letzte Wort bleiben. So führt die Reise von einem örtlichen Konflikt zum nächsten, ohne dass Kara und seine Gefährten lange an einem Ort verweilen.

Wie May solche Situationen erzählt, ist oft reizvoller als ihre Lösung. Eine Wache muss überlistet, ein Amtsträger umgestimmt, ein Verdacht entkräftet werden: Das Grundmuster kehrt wieder, doch jedes Mal ändern sich die Menschen, mit denen Kara Ben Nemsi es zu tun hat. Vieles entscheidet sich im Gespräch. Fragen werden zurückgegeben, Behauptungen auf die Probe gestellt, Zusagen so genau geprüft, dass aus einer scheinbar harmlosen Formulierung ein neuer Streit entstehen kann. Diese Wortwechsel halten die Handlung in Bewegung, auch wenn gerade niemand reitet oder kämpft. Wer vor allem rasche Szenenwechsel sucht, wird manche Verhandlung lang finden. Wer sich auf das Hin und Her einlässt, erlebt, wie May Spannung aus Sprache gewinnt.

Kara Ben Nemsi erzählt selbst und steht dabei selten lange ohne einen Plan da. Er beobachtet Spuren, erkennt Schwächen seines Gegenübers und findet oft noch unter Druck den passenden Satz. Das kann Freude bereiten: Man folgt einem Erzähler, der auch eine festgefahrene Lage nicht einfach hinnimmt. Mitunter nimmt seine Sicherheit den übrigen Figuren jedoch zu viel Raum. Sie werden dann vor allem daran gemessen, ob sie seinen Überlegungen folgen können. Interessanter sind die Augenblicke, in denen seine Ortskenntnis nicht ausreicht oder er eine Absicht falsch einschätzt. Hadschi Halef Omar gibt dem Erzähler zudem ein lebhaftes Gegenüber. Sein Rededrang und sein Stolz stören Karas kühle Planung gerade genug, um den gemeinsamen Weg menschlicher wirken zu lassen.

Gewalt ist in diesem Buch ständig möglich, doch May lässt sie selten als einfache Antwort stehen. Kara Ben Nemsi will Menschen befreien und Leben schützen; dabei muss er entscheiden, wie weit er gegen andere vorgehen darf. Auch religiöse Zugehörigkeit gibt ihm keinen verlässlichen Maßstab für Gut und Böse. Menschen, denen er helfen möchte, können selbst rücksichtslos handeln, während ein vermeintlicher Gegner Anstand zeigt. Solche Verschiebungen verleihen den Begegnungen Gewicht. Gleichzeitig spricht aus Karas Urteilen oft eine Gewissheit über die eigenen Maßstäbe, die heutigen Lesern fremd sein kann. Besonders dann, wenn andere Figuren seine Sicht bestätigen sollen, wird aus dem offenen Streitgespräch eine Belehrung.

Mays Ton schwankt zwischen genauer Aufmerksamkeit für eine drohende Gefahr, trockener Komik und feierlichem Ernst. Er kann sich bei einer List lange mit kleinen Hindernissen aufhalten und einer Figur kurz darauf große Worte über Güte und Frieden geben. Nicht jeder Wechsel gelingt mühelos. Manche Nebenfigur wird rasch zur Karikatur, und die wiederholten Gefangennahmen und Befreiungen lassen das erzählerische Verfahren sichtbar werden. Doch das Buch hat auch Geduld für Folgen: Eine Kränkung, ein Versprechen oder eine geleistete Hilfe verschwinden nicht, sobald der nächste Ritt beginnt. Dadurch behalten frühere Begegnungen Bedeutung. Am stärksten ist „Durchs wilde Kurdistan“, wenn May dem Abenteuer diese Erinnerung mitgibt und eine Entscheidung schwerer wiegen lässt als den gelungenen Trick.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Lektüre über Generationen

Warum konnte sich „Durchs wilde Kurdistan“ so lange behaupten? Ein Grund liegt in Mays Fähigkeit, aus überschaubaren Mitteln eine ausgedehnte, lebendige Erzählung zu bauen. Gefahr und Rettung, Täuschung und Erkenntnis wiederholen sich, aber die Umstände verändern ihre Wirkung. Vor allem bleibt Kara Ben Nemsi als Erzähler einprägsam: Man kann seine Entschlossenheit bewundern und sich zugleich an seiner Überlegenheit reiben. Auch die Verbindung von Abenteuer und Gewissensfrage hält das Buch lesbar. Es fragt nicht nur, wie jemand einer Falle entkommt, sondern was er den Menschen schuldet, denen er auf seinem Weg begegnet.

Seine Stellung in der Literatur macht den Text allerdings nicht unangreifbar. Der Beginn verlangt Orientierung, manche Gespräche dauern lange, und Mays Blick auf die bereisten Gemeinschaften lässt sich nicht unbesehen übernehmen. Gerade deshalb lohnt eine Lektüre, die Freude an der Erzählkunst nicht mit Zustimmung zu jedem Urteil verwechselt. Das Buch zeigt, wie weit eine Abenteuergeschichte über ihre nächste Gefahr hinausreichen kann – und wie deutlich zugleich die Grenzen der Erzählhaltung hervortreten.

Buchdaten

  • Autor: May
  • Titel: Durchs wilde Kurdistan
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966379663
  • Softcover-ISBN: 9783966377669

Rezension von Sandrine