
Grimms Märchen sind weniger behaglich, als ihre Vertrautheit vermuten lässt. Zwischen Hunger, hilfreichen Tieren und gefährlichen Versprechen zeigt sich eine Erzählkunst, die mit wenigen Strichen große Spannungen erzeugt.
Wer zu Fairy Tale greift, begegnet Geschichten, deren Figuren oft schon bekannt scheinen, bevor die Lektüre beginnt. Gerade diese Vertrautheit kann den Blick verstellen: Man erinnert sich an einzelne Bilder und übersieht leicht, wie knapp, eigensinnig und gelegentlich schroff die Erzählungen gebaut sind. Die Märchen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sind zudem keine bloßen Mitschriften mündlicher Überlieferung, sondern das Ergebnis von Sammlung und literarischer Bearbeitung. Ihr Reiz liegt für mich in einer eigentümlichen Spannung: Das Wunderbare braucht kaum Erklärung, während ein Stück Brot, ein Versprechen oder eine verschlossene Tür größtes Gewicht erhalten. Eine erneute Lektüre lohnt deshalb nicht allein aus Erinnerungslust. Sie lässt erkennen, wie viel erzählerische Energie in der scheinbar einfachen Form steckt – und wo deren Härte heutigen Lesern Widerstand abverlangt.
Fairy Tale versammelt Märchen aus dem Erzählkreis der Brüder Grimm; eine durchgehende Handlung mit einem festen Figurenensemble gibt es nicht. Stattdessen stehen wechselnde Gestalten im Mittelpunkt: Kinder aus armen Familien, Königstöchter, Handwerker, jüngste Söhne und Tiere, die sprechen und eigene Absichten verfolgen. Die Geschichten spielen in Häusern und Werkstätten, auf Wegen, in Wäldern und Schlössern. Häufig beginnt das Geschehen mit einem Mangel, einem Verbot oder einer Aufgabe. Hänsel und Gretel wachsen unter bedrängenden Lebensbedingungen auf, Rapunzel lebt unter der Gewalt einer Zauberin, und ein Müllersmädchen soll Stroh zu Gold spinnen. Andere Figuren suchen ihr Glück außerhalb des Elternhauses. Dabei geraten sie an unbekannte Helfer, gefährliche Gegenspieler oder Verpflichtungen, deren Tragweite sie zunächst nicht überblicken.
Die erste Stärke dieser Märchen ist ihre Entschiedenheit. Selten muss eine Figur lange vorgestellt werden; ihre Lage wird mit wenigen Angaben sichtbar. Jemand hat nichts zu essen, wird zurückgesetzt oder soll etwas Unmögliches leisten. Dann setzt die Bewegung ein. Dass diese scheinbare Schlichtheit keineswegs mit fehlender Gestaltung gleichzusetzen ist, gehört zum Verständnis des Werks: Besonders Wilhelm Grimm hat an Sprache und Erzählgestalt gearbeitet. Als literarische Wirkung überzeugt mich dabei vor allem die Konzentration. Die Erzählungen verzichten meist auf ausführliche Innenschau, ohne deshalb gefühllos zu werden. Angst zeigt sich im Zögern vor einer Tür, Hoffnung im Weitergehen. Wer psychologische Ausleuchtung erwartet, wird manches vermissen. Wer auf Handlungen und Gegenstände achtet, findet dagegen eine präzise gesetzte Gefühlsdramaturgie.
Besonders ergiebig ist es, die Dinge ernst zu nehmen. Brot, Gold, Kleider, Werkzeuge und kleine Gaben sind hier keine bloße Ausstattung. An ihnen lässt sich ablesen, was einer Figur fehlt und was sie von anderen abhängig macht. Das Wunderbare wirkt dadurch nicht wie ein zusätzlicher Schmuck über einer ohnehin fertigen Geschichte. Es greift unmittelbar in deren Notlagen ein. Mir erscheint diese Verbindung überzeugender als jede nachträglich angeheftete Botschaft: Die Möglichkeit einer Verwandlung gewinnt Gewicht, weil zuvor eine Grenze spürbar geworden ist. Zugleich behalten die Dinge etwas Eigensinniges. Nicht alles lässt sich sauber in eine Bedeutung übersetzen. Ein rätselhaftes Bild darf stehen bleiben, ohne dass die Erzählung es für das Publikum auslegt.
Allerdings sollte man die Lektüre nicht mit der Erwartung ununterbrochener Geborgenheit beginnen. Zum Spektrum der Grimmschen Märchen gehören neben dem Wunderbaren auch drastische Not, Komik und Grausamkeit. Gerade die unaufgeregte Erzählhaltung kann verstören. Wo ein ausführlicherer Text innehalten würde, geht das Märchen bisweilen bereits weiter. Für mich liegt darin sowohl eine Stärke als auch eine Grenze: Die Härte wird nicht durch gefühlige Kommentare entschärft, kann aber auch allzu selbstverständlich erscheinen. Ebenso wenig muss man jede Verteilung von Schuld und Verdienst überzeugend finden. Manche Figuren werden nach Eigenschaften beurteilt, die heutigen Lesern als unzureichender Maßstab gelten dürften. Solche Stellen verdienen Widerspruch, nicht die beschwichtigende Versicherung, ein Märchen meine es grundsätzlich gut.
Als Sammlung gelesen, entfaltet das Werk seinen Reiz schließlich im Wechsel der Tonlagen. Auf Bedrohung kann Übermut folgen, auf feierlichen Ernst eine handfeste Pointe. Das schützt die Lektüre vor jener Gleichförmigkeit, die eine bloße Folge moralischer Lehrstücke hätte. Dennoch können wiederkehrende Prüfungen, feste Rollen und ähnlich gebaute Steigerungen bei längerer Lektüre ermüden. Mir scheint deshalb das Lesen in einzelnen Etappen besonders angemessen: Eine Geschichte erhält Raum, ihre Bilder wirken nach, und die nächste muss nicht sofort mit ihr konkurrieren. Die größte Leistung dieser Erzählkunst liegt für mich darin, dass sie wenig erklären muss, um viel in Gang zu setzen. Ihre Kürze verkleinert die Konflikte nicht. Sie legt sie frei, manchmal tröstlich, manchmal mit unangenehmer Deutlichkeit.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Erzählformen, die weiterwirken
Dass Grimms Märchen ihren Platz im literarischen Kanon behaupten, lässt sich nicht allein mit ihrer Bekanntheit erklären. Ihre Figuren und Motive sind vielfach in Literatur und anderen Medien weiterverarbeitet worden; das Werk hat weit über seinen deutschen Entstehungszusammenhang hinausgewirkt. Entscheidend erscheint mir aber, was diese Weitergabe ermöglicht: Die Geschichten sind deutlich gebaut und zugleich offen genug, um bei erneuter Lektüre andere Gewichte hervortreten zu lassen. Ein Kind mag vor allem die Gefahr wahrnehmen, ein erwachsener Leser die Abhängigkeit innerhalb einer Familie oder den Preis eines Versprechens.
Dazu kommt eine besondere Ökonomie der Bilder. Wald, Herd, Brunnen oder Schloss brauchen wenig Beschreibung und können doch eine ganze Situation tragen. Diese Verdichtung macht die Märchen erinnerbar, ohne ihren Sinn vollständig festzulegen. Ihre kanonische Stellung verlangt deshalb keine widerspruchslose Bewunderung. Starre Rollenbilder, unverhältnismäßige Strafen und die Nähe von Schönheit und Anerkennung können befremden. Gerade eine aufmerksame Lektüre darf das benennen. Bleibenden literarischen Wert besitzen die Geschichten für mich nicht, weil sie auf jede Frage eine gültige Antwort gäben, sondern weil sie Wünsche, Ängste und Machtverhältnisse in so knappe wie schwer abzuschüttelnde Handlungen verwandeln.
Buchdaten
- Autor: Grimm
- Titel: Fairy Tale
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988289278
- Softcover-ISBN: 9783988287977
Rezension von Sophia und Marc

