
Clemens Brentanos Italienische Märchen erzählen von Prinzessinnen, Sonderlingen, verarmtem Adel und allerhand wundersamen Verwicklungen. Ihr Reiz liegt nicht nur im Geschehen, sondern in einer Sprache, die verspielt, spöttisch und zuweilen eigensinnig ausschweifend ist.
Wer bei Italienische Märchen an knappe Geschichten mit einer klaren Lehre denkt, wird bei Clemens Brentano etwas anderes finden. Seine Märchen lassen Figuren reden, streiten, klagen und prahlen, bis aus einer einfachen Begebenheit ein dichtes Geflecht von Einfällen geworden ist. Hinter dem Titel steht keine durchgehende Reisehandlung, sondern eine Zusammenstellung einzelner Geschichten mit wechselnden Schauplätzen und Gestalten. Italienische Märchenstoffe bilden ihren Ausgangspunkt; in Brentanos Erzählung können die Figuren ebenso gut in einem deutschen Wald auftreten. Das Buch verlangt deshalb keine Lektüre in einem Zug. Man kann seinen Geschichten einzeln folgen und dabei beobachten, wie unterschiedlich sie mit vertrauten Märchenzutaten umgehen: mit Wünschen und Prüfungen, mit höfischer Pracht und Armut, mit Hilfe, die aus unerwarteter Richtung kommt.
Am Anfang steht Liebseelchen, eine Prinzessin, die trotz aller Bemühungen ihres Vaters nicht lachen mag. Um sie aufzuheitern, lässt der König immer neue Scherze veranstalten; daraus entwickelt sich die Situation, in der Geschichten erzählt werden. Die folgenden Märchen haben jeweils eigene Figuren und Konflikte. Im Märchen von Gockel und Hinkel etwa lebt eine verarmte Familie mit ihrer Tochter Gackeleia in einem verfallenen Schloss im Wald. Gockel hofft, mit seinen Hühnern wieder ein Auskommen zu finden, während Hinkel die Entbehrungen des Alltags spürt. Anderswo begegnet man eigentümlichen Namen und Gestalten wie dem Myrtenfräulein, dem Witzenspitzel oder Fanferlieschen Schönefüßchen. Die Schauplätze, Aufgaben und Wünsche wechseln von Geschichte zu Geschichte; eine einzige Hauptfigur führt nicht durch die ganze Sammlung.
Brentano begnügt sich selten damit, einen Vorgang schlicht zu Ende zu erzählen. Er hält bei einer Stimme, einem Namen oder einem Gegenstand inne und schaut, welche Nebenwege sich daraus ergeben. Schon Gockel, Hinkel und Gackeleia klingen wie Figuren, die ihre Geschichte halb mitsprechen, bevor sie richtig begonnen hat. Solche Wortspiele sind nicht bloßer Schmuck. Sie geben dem Erzählen einen Rhythmus, in dem das Feierliche jederzeit ins Komische umschlagen kann. Wer zügige Handlung erwartet, mag darüber ungeduldig werden. Wer gern einem Satz folgt, auch wenn er zunächst einen Umweg nimmt, entdeckt dagegen viel Bewegung im Kleinen.
Besonders gut zeigt sich diese Mischung am verarmten Gockel. Sein Schloss ist kaum noch bewohnbar, doch er spricht mit dem Stolz eines Mannes, dessen Herkunft ihm kostbarer erscheint als seine gegenwärtigen Mittel. Die Not der Familie bleibt dabei spürbar: Hinkels Sorgen haben einen anderen Klang als Gockels große Reden. Brentano muss den Widerspruch nicht erklären. Er lässt ihn im Gespräch hervortreten und gibt dem Leser Raum, über Gockel zu schmunzeln, ohne Hinkels Lage zu vergessen. So gewinnt die Geschichte mehr Kontur, als ein bloßes Gegeneinander von glücklichen Guten und bösen Widersachern bieten würde.
Auch an anderen Stellen ist der Humor nicht immer harmlos. Wenn ein König seine traurige Tochter unbedingt zum Lachen bringen will, geraten Fürsorge und der Wunsch, selbst unterhalten zu werden, unangenehm nah zusammen. Höfische Würde kann binnen weniger Zeilen zur Posse werden. Neben solchen Szenen stehen zärtlichere Momente, in denen ein Wunsch oder eine kleine Hoffnung ernst genommen wird. Gerade der Wechsel macht den Ton eigen: Brentano verspottet seine Gestalten nicht aus sicherer Entfernung, und doch gönnt er ihnen selten ungestörte Erhabenheit. Die Märchen können deshalb gleichzeitig übermütig und ein wenig traurig wirken.
Nicht jede Geschichte trägt diesen Reichtum gleich leicht. Manche Passagen häufen Einfälle und Ausschmückungen so rasch, dass der Faden der Handlung vorübergehend zurücktritt. Auch die ältere Sprache und die Neigung zu langen Reden können Abstand schaffen, zumal die Zusammenstellung keinen gleichmäßig geschlossenen Verlauf bietet. Das ist eine wirkliche Hürde, kein verborgenes Qualitätsmerkmal, das man nur richtig würdigen müsste. Am überzeugendsten liest sich das Buch, wenn man seinen Geschichten Zeit lässt, statt auf die nächste Wendung zu drängen. Dann werden selbst die Abschweifungen lesbar als Teil einer Erzählweise, die lieber Möglichkeiten erprobt, als ihre Figuren auf den kürzesten Weg zu schicken.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Dass Italienische Märchen im literarischen Gespräch geblieben sind, lässt sich vor allem an Brentanos unverwechselbarem Umgang mit dem Märchen verstehen. Er übernimmt erkennbare Formen – den Wunsch, die Prüfung, das plötzliche Eingreifen des Wunderbaren –, aber er lässt sie nicht unberührt. Figuren bekommen einen eigensinnigen Ton, gesellschaftliche Unterschiede werden hörbar, und ein komischer Einfall kann eine rührende Szene im nächsten Augenblick verändern. Das macht die Geschichten auch dort anregend, wo man ihren Wendungen längst folgen kann: Man liest weiter, um zu erfahren, wie sie erzählt werden.
Zur bleibenden Bedeutung gehört ebenso, dass sich an diesen Texten die Möglichkeiten und Grenzen eines kunstvollen Märchens zeigen. Ihr sprachlicher Überschuss kann Freude machen; er kann heutige Leser aber auch ermüden. Nicht jede Abschweifung ist gleich ergiebig, und die lockere Gestalt der Sammlung verlangt eine andere Geduld als ein straff gebauter Roman. Gerade deshalb lohnt sich die Rückkehr zu einzelnen Geschichten. Brentanos Märchen bieten keine glatte, für alle gleichermaßen leichte Lektüre. Sie halten sich, weil ihre Stimmen, ihr Spott und ihre überraschenden Tonwechsel nach dem Lesen nicht einfach verstummen.
Buchdaten
- Autor: Clemens Brentano
- Titel: Italienische Märchen
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966375122
- Softcover-ISBN: 9783966373722
Rezension von Sarah

