Rezension zu Satan und Ischariot III von Karl May

Eine geraubte Erbschaft, wechselnde Identitäten und eine Verfolgung, die Old Shatterhand und Winnetou zurück nach Amerika führt: Karl Mays Schlussband verbindet Abenteuer mit Kriminalhandlung. Seine Stärke liegt im geduldigen Aufbau von Verdacht und Gegenlist – seine Grenze in der Selbstgewissheit seines Helden.

Ein Abenteuerroman muss seine Leser nicht darüber im Unklaren lassen, auf welcher Seite das Recht steht. Er kann seine Spannung auch daraus gewinnen, wie mühsam dieses Recht gegen Täuschung, Gewalt und falsche Gewissheiten durchgesetzt werden muss. Genau dort liegt der Reiz von „Satan und Ischariot III“. Karl May verbindet die Verfolgung von Verbrechern mit einem ausgeprägten Interesse an Beweisen, Verstellungen und menschlicher Glaubwürdigkeit. Dabei verlangt die Lektüre zweierlei: Freude an einer weit ausgreifenden Handlung und die Bereitschaft, einen Erzähler zu begleiten, der seine eigene Überlegenheit selten bezweifelt. Der Schlussband bietet deshalb nicht nur Bewegung und Gefahr, sondern auch Anlass, über die besondere Autorität dieses Abenteuerhelden nachzudenken.

Nach den Ereignissen in Nordafrika wollen Old Shatterhand, Winnetou und ihr englischer Gefährte Emery Bothwell nach Amerika reisen, um einen Erbschaftsbetrug zu verhindern. Thomas Melton und sein Sohn Jonathan haben den Tod des jungen Small Hunter ausgenutzt: Jonathan soll dessen Identität annehmen und so ein Millionenvermögen an sich bringen. Die rechtmäßigen Ansprüche der Geschwister Martha und Franz Vogel sind dadurch bedroht. Zunächst verzögert Winnetous schwere Erkrankung in England die Weiterreise. Briefe und Dokumente sollen inzwischen helfen, den Betrug aufzuhalten, doch Old Shatterhand misstraut den Nachrichten aus New Orleans. Von dort führt die Verfolgung in den amerikanischen Westen, wo sich die Wege der Meltons und ihrer Verfolger erneut kreuzen.

May erzählt diese Jagd nicht einfach als Folge schneller Ortswechsel. Er lässt seine Figuren fragen, prüfen, widersprechen und aus kleinen Unstimmigkeiten weitreichende Schlüsse ziehen. Besonders der Beginn gewinnt seine Spannung aus der Differenz zwischen schriftlicher Auskunft und persönlicher Begegnung. Ein Brief scheint Sicherheit zu geben; ein Gespräch macht diese Sicherheit fragwürdig. Das ist wirkungsvolle Kriminaldramaturgie, weil nicht bloß eine Waffe, sondern auch ein Schriftstück gefährlich werden kann. Die ausführlichen Dialoge verlangsamen allerdings das Geschehen. Manches wird mehrfach erfragt oder erläutert, bevor die Handlung weitergeht. Wer einen knapp gebauten Verfolgungsroman erwartet, wird diese Umwege spüren. Wer das allmähliche Bloßlegen einer Täuschung schätzt, findet gerade hier einige der stärksten Passagen.

Im Westen verlagert sich dieses Prüfen auf Gelände, Spuren und das Verhalten möglicher Gegner. May macht Wissen zum Handlungsmittel: Ein Vorsprung entsteht, weil jemand genauer hinsieht, besser zuhört oder die Absicht des anderen früher begreift. Gefahr erhält dadurch eine räumliche Gestalt. Verstecke, Zugänge und Entfernungen sind keine bloße Kulisse, sondern entscheiden darüber, wer handeln kann und wer ausgeliefert ist. Die wiederkehrenden Situationen des Anschleichens, Beobachtens und Überlistens haben etwas Spielerisches, gelegentlich auch etwas Mechanisches. Nicht jede neue Bedrohung verändert die Grundkonstellation. Dennoch trägt die klare szenische Anlage über viele Wiederholungen hinweg: Man möchte wissen, wie der nächste Zug gelingt, auch wenn man die Spielregeln längst kennt.

Ambivalenter wirkt die Erzählhaltung. Old Shatterhand berichtet nicht nur, was geschieht; er beansprucht zugleich, Menschen und Situationen zuverlässiger zu beurteilen als fast alle anderen. Seine Souveränität gibt der unübersichtlichen Handlung Halt, kann aber auch ermüden. Mitunter scheint ein Gespräch vor allem dazu da, einem Gegenüber seine Fehleinschätzung vorzuführen. Umso wichtiger ist der Auftakt mit Winnetous Krankheit. Hier stehen Pflege, Sorge und die Angst um einen Freund vor jeder Heldentat. Der berühmte Gefährte ist zunächst kein unerschöpflicher Kämpfer, sondern ein verletzlicher Mensch. Diese kurze Verschiebung verleiht der Freundschaft Gewicht. Sie zeigt, was unter den späteren Versicherungen gegenseitiger Treue liegt: eine Bindung, die Zeit kostet und die Verfolgung tatsächlich unterbricht.

Der biblisch aufgeladene Titel legt einen Kampf zwischen Gut und Böse nahe, doch der dritte Teil lässt sich nicht überzeugend auf ein durchgehendes religiöses Gleichnis reduzieren. Geld, Erbrecht, familiäre Verpflichtung und missbrauchtes Vertrauen bestimmen das Geschehen unmittelbarer. Das macht den Band stellenweise nüchterner, als seine Überschrift vermuten lässt. Die Meltons bedrohen eine Ordnung persönlicher Verlässlichkeit; der Held setzt ihnen seine Vorstellung tätiger Verantwortung entgegen. Dabei bleibt die moralische Rollenverteilung eng. Widersprüche werden eher durch Schuldzuweisung und Belehrung geordnet als psychologisch offengehalten. Gerade darin liegen Wirkung und Begrenzung des Romans nahe beieinander: Seine Entschiedenheit erzeugt erzählerischen Nachdruck, lässt den Figuren aber wenig Raum außerhalb ihrer zugewiesenen Stellung.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Von einem unangefochtenen Platz dieses einzelnen Bandes im allgemeinen Literaturkanon sollte man nicht sprechen. „Satan und Ischariot“ steht weniger selbstverständlich im Vordergrund als Mays bekannteste Abenteuer. Seine anhaltende Lesbarkeit lässt sich dennoch konkret begründen: Die Trilogie verbindet die vertrauten Helden mit einer Handlung, in der Abenteuer, Verbrechen und moralische Ordnungswünsche ineinandergreifen. Der dritte Teil führt diese Verbindung besonders deutlich vor.

Aus heutiger Sicht überzeugt daran vor allem die Vorstellung, dass Aufmerksamkeit eine Form von Handlungsfähigkeit ist. Nicht allein körperliche Stärke zählt, sondern die Fähigkeit, eine falsche Geschichte zu erkennen und ihre Schwachstellen freizulegen. Zugleich zeigt der Roman die Grenzen dieses Versprechens: Fast immer braucht es den außergewöhnlichen Einzelnen, der für andere erkennt und entscheidet. Seine Autorität ist beruhigend, aber auch bevormundend.

Der literarische Wert liegt deshalb nicht darin, dass jede Wertung noch einleuchtet. Er liegt im Zusammenspiel aus sorgfältig vorbereiteter Überlistung, ausgedehnten Spannungsszenen und einem Heldenbild, an dem man sich zugleich erfreuen und reiben kann. Als Einstieg ist dieser Schlussband weniger geeignet; als Fortführung einer bereits begonnenen Lektüre besitzt er einen deutlichen erzählerischen Sog.

Buchdaten

  • Autor: May
  • Titel: Satan und Ischariot III
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988280664
  • Softcover-ISBN: 9783988280084

Rezension von Sophia und Marc