
Seume geht nach Sizilien und schaut dabei nicht nur auf Landschaften und Ruinen. Sein Reisebericht lebt vom Wechsel zwischen genauer Beobachtung, trockenem Witz und unverhohlener Kritik an Ungerechtigkeit.
Ein Spaziergang ist es nur dem Titel nach. Johann Gottfried Seume legt auf dem Weg nach Syrakus eine Strecke zurück, deren Mühen er weder zum Heldentum verklärt noch aus der Erzählung tilgt. Was ihn beschäftigt, passt selten in ein gefälliges Italienbild: ein Gespräch in der Herberge, der Zustand einer Straße, die Not der Menschen, denen er begegnet. Daneben stehen antike Stätten, Landschaften und die kleinen Freuden des Unterwegsseins. Aus diesem Nebeneinander gewinnt das Buch seine eigentümliche Spannung. Seume will sehen und selbst urteilen; er lässt sich weder von berühmten Orten noch von mächtigen Leuten vorschreiben, was Bewunderung verdient. Wer eine lückenlose Route oder eine Folge schöner Ansichten erwartet, muss sich auf einen eigenwilligen Begleiter einstellen.
Seume bricht im Winter 1801 in Sachsen auf, um nach Syrakus auf Sizilien zu reisen. Den größten Teil des Weges legt er zu Fuß zurück. Seine Route führt ihn über Städte wie Dresden, Wien, Venedig und Rom weiter nach Süditalien; unterwegs überquert er die Alpen, sucht Unterkünfte, trifft Bekannte und Fremde und besichtigt Orte, die er aus Büchern kennt. Der Reisebericht folgt seinen Stationen und hält fest, was ihm dort widerfährt und auffällt. Neben Landschaften und Bauwerken beschreibt Seume auch Straßen, Wirtshäuser und die Lebensverhältnisse der Menschen, denen er begegnet. Eine durchgehende Handlung mit festem Figurenkreis gibt es nicht: Der Reisende selbst verbindet die wechselnden Schauplätze, Begegnungen und Beobachtungen.
Schon der Titel verrät etwas über Seumes Ton. „Spaziergang“ nennt er eine Unternehmung, die oft unbequem und mitunter riskant ist. Diese Untertreibung verhindert, dass aus jeder Schwierigkeit eine Heldengeschichte wird. Seume erzählt von Anstrengung, schlechten Wegen und unerfreulichen Begegnungen, kann aber im nächsten Augenblick über eine Kleinigkeit scherzen. Seine Sätze scheinen häufig ebenso entschlossen weiterzuziehen wie er selbst. Dann wieder hält er inne, um eine Beobachtung ausführlich zu prüfen. Gerade dieser ungleichmäßige Takt gibt der Lektüre das Gefühl einer Reise, auf der sich nicht jeder Aufenthalt planen lässt.
Besonders stark ist das Buch dort, wo Seume einen berühmten Ort nicht bei seinem guten Ruf belässt. Antike Überreste interessieren ihn durchaus; sie sind ihm aber kein Grund, die Gegenwart zu übersehen. Auf dem Weg zu einer Sehenswürdigkeit kann ihm die Armut ihrer Bewohner wichtiger werden als das erwartete Panorama. Er achtet auf Preise, Arbeit, Abhängigkeiten und den Umgang der Obrigkeit mit den Menschen. Das macht seine Beschreibungen anschaulich, ohne sie behaglich zu machen. Sein Blick bleibt dabei erkennbar persönlich: Seume sammelt keine neutralen Befunde, sondern reagiert, widerspricht und urteilt. Nicht jedes Urteil wird man teilen müssen. Der Reiz liegt auch darin, einem Beobachter beim Denken zuzusehen.
Seumes Spott trifft höfische Förmlichkeit, politische Willkür und religiöse Autorität. Er kann scharf werden, gelegentlich auch ausgreifend; ein beiläufiger Anlass genügt, und aus der Reisebeobachtung wird ein längerer Gedankengang. Darin liegt eine Stärke und eine mögliche Sperrigkeit des Buches. Wer wissen möchte, was hinter der nächsten Wegbiegung liegt, wird durch politische Bemerkungen oder gelehrte Anspielungen aufgehalten. Umgekehrt wäre ohne solche Abzweigungen wenig von Seumes Stimme zu hören. Er erzählt nicht bloß, was vor ihm liegt, sondern auch, woran ihn das Gesehene erinnert und was ihn daran empört.
Dass die Reise meist aus der Nähe des Weges geschildert wird, verändert auch die Landschaftsbilder. Seume sieht nicht nur aus sicherer Entfernung auf Städte, Berge und Küsten; er muss sich durch sie hindurchbewegen. Höhlen, Steinbrüche und Vulkane gehören ebenso zu seinen Eindrücken wie Plätze und Bauwerke. Schönheit darf stehen bleiben, doch selten lange ungestört. Das Buch verlangt deshalb eine andere Aufmerksamkeit als eine glatt erzählte Abenteuergeschichte. Manche Ortsnamen, Anspielungen und sprunghaften Übergänge bremsen heutige Leser. Wer diese Unebenheiten hinnimmt, bekommt dafür keine nachträglich geglättete Erinnerung, sondern eine lebhafte, zuweilen widerborstige Folge von Wahrnehmungen. Seume ist als Erzähler nicht immer angenehm; gleichgültig ist er fast nie.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Ein Reisebuch mit langem Nachhall
Warum liest man Seumes Bericht noch, obwohl viele seiner Wege heute schneller zurückzulegen und manche seiner Anspielungen schwer zu verstehen sind? Nicht allein wegen der außergewöhnlichen Fußreise. Das Buch zeigt, wie viel von einem Ort verloren geht, wenn man nur das betrachtet, was schon als sehenswert gilt. Seume hält an Ruinen und Landschaften nicht weniger interessiert inne als andere Reisende seiner Zeit; zugleich fragt er, wer dort lebt, wovon die Menschen leben und wer über sie verfügt. Dieser Wechsel zwischen Anschauung und Einspruch trägt das Werk über seine unmittelbaren Reiseumstände hinaus.
Hinzu kommt eine Erzählerstimme, die sich nicht auf eine einzige Stimmung festlegen lässt. Sie ist neugierig, belesen, witzig, ungeduldig und bisweilen ungerecht. Gerade weil Seume seine Gegenwart nicht zu einem harmonischen Bild ordnet, bleibt der Bericht als Literatur lesbar und nicht nur als Zeugnis einer vergangenen Reise. Seine Abschweifungen können Geduld kosten. Doch sie bewahren auch das, was einen langen Weg ausmacht: Begegnungen, Umwege und Gedanken, die kein Reiseplan vorgesehen hat.
Buchdaten
- Autor: Seume
- Titel: Spaziergang nach Syrakus
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988282590
- Softcover-ISBN: 9783988281593
Rezension von Sandrine

