
Welche literarische Figur wären Sie selbst gerne für einen Tag?
Don Quijote von der Mancha. Ich identifiziere mich mit dem Streben nach Humor, Selbstironie, Leidenschaft und Beharrlichkeit, diesem festen Glauben an eine tiefere (oder höhere, jedenfalls uns verborgene) Bedeutung unserer Existenz. Mich interessiert an dieser Figur im Speziellen, wie viele versucht sind, sie zu belächeln und als dumm bzw. naiv abzukanzeln. Dabei könnte man nahelegen, oder besteht wenigstens die Möglichkeit, dass eher jemand bemitleidenswert ist, der nichts riskiert, nicht bereit ist, sich für seine oder ihre Träume der Lächerlichkeit preiszugeben, jene zu bedauern sind, die viel zu feige sind ihren Herzensdrängen zu folgen. Und was bedeutet es schon, ob man am Ende damit recht behält oder nicht? (Mir ist bewusst, dass der Roman einst als Persiflage auf die damalig so beliebten, heldenhaften Ritter-Geschichten entstand. Das Werk ist jedoch in seiner Vielschichtigkeit über sich hinausgewachsen.)
Welche Marotte oder Angewohnheit begleitet Sie beim Schreiben?
Übertriebenes Feilen am Text. Zuweilen eine erhebliche Prokrastination, aufgrund meiner Suche nach ultimativer Klarheit in der Sprache. Diese Jagd nach dem perfekten Ausdruck für einen bestimmten Gedanken, den es nicht zu geben scheint, kann sich sehr hemmend gestalten.
Mit welchem Schriftsteller – lebend oder verstorben – würden Sie gerne einen Abend verbringen?
Ich denke, mit einem einzigen würde ich mich da nicht zufrieden geben. Mir schwebt da eher eine Tafel vor, gesäumt von Autoren und Autorinnen. (Sagen wir, es sollen all die tausenden von Unbekannten sein, deren überragendes Talent, deren poetisch-kristallene Zeilen mit so großer Ungerechtigkeit, unbemerkt von der Menschheit, ins große Vergessen geglitten sind.) Reichlich Essen, ausgelassenes Trinken, eine Menge Lachen und natürlich Tanzen. Möge auch die gesamte Welt rundherum in Trümmer zerfallen, wir feiern diesen einen in der Zeit unvergänglichen Abend. Die Welt kann auch mal warten – und sie sollte auf ihre Dichter und Dichterinnen hören, nicht auf ihre Despoten!
Was können Sie uns schon über Ihr nächstes Projekt verraten?
Es wird polarisieren. Es wird ungehobelt bleiben. Ich ziehe darin mit einer surrealistischen Arbeitsweise gegen die literarische KI in den Krieg. Womöglich wird es eine ausgedehnte Brandrede.
Diese KI ist da, und sie bleibt, wird uns von hier aus begleiten. Daher stellt sich umso mehr die alte Frage: Was produzieren wir Menschen als Menschen? Was setzen wir in die Welt? Womit trainieren wir diese KI? Wir sollten von hier aus selektiver werden. Die KI wird stark wie unser Spiegel agieren, wie ein mächtiges, wissbegieriges Kind.
Ich arbeite nach der Definition von Surrealismus durch Andre Breton, 1924. Es ist für mich ein neuer Zugang zum Schreiben, ich möchte den Text weniger ordnen, finde diese Gedanken und Ideen sollen auch nach der Formulierung in Worte frei schweben, schwirren, tanzen. Sie sind bereits in einer, mag sein undurchdringlichen Ordnung, die erst zu einem späteren Zeitpunkt, aus einer anderen Perspektive stimmig wird.
Thomas Bernhard sagte einst in einem Interview, dass es modern sei jedes winzige Detail aufzuschreiben. Man gehe durch die Haustür und bis man beim Gartentor angekommen sei, wären bereits 15 Seiten zu lesen gewesen. Was sich wirklich lohnte aufzuschreiben, wirklich interessant sei, wären die inneren Vorgänge, das Verborgene. Das, was nicht ohnehin jede und jeder selbst sehen könne.
Sie sind im Weltall: Elon hat Sie auf den Mars geschossen. Die Reise dauert lang, Sie durften aber nur drei Bücher mitnehmen, weil jedes Kilo zählt. Welche wären das?
Ich denke, ich würde keine Bücher transportieren. Aber, um mich auf dieses Gedankenspiel einzulassen:
Also sprach Zarathustra, um mich immer wieder neu aufzurichten
No longer Human, von Osamu Dazai, weil ich vorhabe es zu lesen
Die Bibel, falls ich Gott begegne, möchte ich nicht mit leeren Händen aufkreuzen
Team Klassiker oder Team Gegenwartsliteratur – was inspiriert Sie mehr und warum?
Klassiker, sie sind inhaltlich und stilistisch wuchtiger. Lese ich bspw. Moby Dick, so kommt mir aus diesen Seiten eine Dichte, eine Intensität, eine Kraft entgegen, eine Art tragende Gewalt der Sprache, die ich in modernen Texten bisher zu oft vermisse, oder noch nicht häufiger finden konnte.

