Rohna Buehler – Autorenporträt
©Rohna Buehler

Rohna Buehler, geboren in Köln, studierte Kunsterziehung und Pädagogik. Nach ihrer Tätigkeit als Kunstpädagogin arbeitete sie ab 1982 selbstständig als Designerin und Textil/ Objektkünstlerin. Ihre Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen, in Gelerien und Museen sowie auf internationalen Messen in Europa und Übersee präsentiert und mehrfach ausgezeichnet.

Welche literarische Figur wären Sie selbst gerne für einen Tag?

Alice im Wunderland – für einen Tag eine Welt erkunden, in der nichts selbstverständlich ist, die Logik Kopf steht und hinter jeder Tür eine neue Überraschung wartet. Manchmal geht es in meinen Träumen ganz ähnlich zu.

Was ist die ungewöhnlichste Situation, in der Sie jemals geschrieben haben?

Während eines Urlaubs in Panama, in einem Restaurant zwischen Sancocho de Gallina und Carimañolas. An der Wand vor mir ein präpariertes Krokodil, diagonal aufgerichtet in Angriffsstellung, weihnachtlich geschmückt mit Silberkugeln und roten Trockenblumen im aufgerissenen Maul. Ein grotesker Anblick, der mich zum Schreiben reizte. Mit Spott die Furcht besiegen?

Welches Buch hätten Sie gerne selbst geschrieben?

„Die Räuberbraut“ von Margaret Atwood. Ich bewundere ihre präzise, bildhafte Sprache, ihre psychologische Schärfe und die feine Ironie, mit der sie menschliche Widersprüche offenlegt. Besonders fasziniert mich ihre Kunst, das Wesentliche zwischen den Zeilen zu erzählen, und die Art, wie sie ihre Protagonistinnen in Szene setzt – vielschichtig, widersprüchlich und von großer Lebendigkeit.

Was ist der größte, aber falsche Mythos, den Menschen über das Leben als Schriftsteller glauben?

Dass man nur auf den Kuss der Muse warten muss. Die Realität ist eine andere. Schreiben bedeutet auch, sich auf das Unvorhersehbare einzulassen.

Mein letzter Roman beginnt mit einer Szene, die ich ähnlich in einem Film von David Lynch gesehen hatte: Nach einem Autounfall erwacht eine Frau und weiß nichts mehr von ihrem bisherigen Leben. Eigentlich wollte ich schreibend nur herausfinden, wie sich das anfühlt. Doch aus dieser Ausgangssituation entwickelte sich die Geschichte beinahe von selbst: Krankenhaus, Vermisstenanzeige der Haushälterin, Rückkehr in das eigene Haus, allmähliches Wiederfinden von Erinnerungsbruchstücken und schließlich die Erkenntnis, dass sie sich in einer bedrohlichen Lage befindet.

Als ich zu schreiben begann, wusste ich von all dem noch nichts. Ich hatte keinen Plot entworfen. Ebenso wenig ahnte ich, dass meine Protagonistin, nachdem sie einen Konzern zu Fall gebracht hat, am Ende nicht mehr in ihr früheres Leben zurückkehren will.

Romanfiguren haben gelegentlich ihren eigenen Willen.

Welche Marotte oder Angewohnheit begleitet Sie beim Schreiben?

Ich brauche Musik beim Schreiben: Klassik, Jazz, Latin. Musik ist das Bett meiner Gedanken. Manchmal fließt das, was ich gerade höre, unmittelbar in meine Geschichten ein. So auch in meinem Roman „Der Vorhang“: Während ich Bachs h-Moll-Messe höre, lasse ich die Schauspielerin Sofia in ihrer Garderobe auf ihren Auftritt warten und dieselbe Musik hören. „Die strenge Erhabenheit der Musik weitete ihr Empfinden, spannte ihren Körper. Sie spürte Raum in sich, bereit, vor ein Publikum zu treten, Wahrhaftiges zu sagen und zu zeigen.“

Mit welchem Schriftsteller – lebend oder verstorben – würden Sie gerne einen Abend verbringen?

Mit Margaret Atwood und John Irving. Mit Atwood möchte ich darüber sprechen, wie Erinnerungen unsere Wahrheiten formen und wie viel ein Mensch sich selbst verschweigen kann. Mit Irving würde ich der Frage nachgehen, weshalb die Suche nach einem anderen Menschen so häufig zur Suche nach der eigenen Identität wird. Beide beschäftigen sich mit Themen, die auch meine Romane prägen. Und natürlich möchte ich wissen, ob ihre Figuren ihnen manchmal ebenso eigensinnig dazwischenfunken wie meine. Und beide würde ich fragen, wie viel von einer Geschichte sie schon kennen, bevor sie den ersten Satz schreiben.

Wie autobiografisch sind Ihre Bücher? Wie viel von Ihnen selbst fließt dort ein?

Mein erster Roman „Und jag die Asche in den Wind“ (inzwischen vergriffen) war bis auf wenige Veränderungen autobiografisch. Ich hatte angefangen zu schreiben, um etwas loszuwerden – was mir gelungen ist. Am Ende war daraus ein Roman mit 326 Seiten geworden, geschrieben in nur drei Monaten. Danach wusste ich, dass ich schreiben kann. Und ich konnte nicht mehr aufhören. Nur so schnell ging es nicht mehr.

In meinem zweiten Projekt wollte ich herausfinden, woran Beziehungen scheitern. Ich erfand Sofia, eine Schauspielerin, die ihrem Mann ihre ungewisse Herkunft verschweigt. In ihre Geschichte floss meine Kenntnis des Theaterlebens, der Musik und meine Kindheit in einem bigott-strengen Elternhaus ein.

Der Roman „Kreuzwege“ hatte seine Initialzündung in der Antwort eines Steinmetzes auf meine Forderung, die mangelhaft gesetzte Schrift auf dem Grabstein unseres Familiengrabs zu korrigieren: „Können wir damit nicht warten, bis auch der letzte drin liegt?“ – „Das bin dann ich.“ Es wurde ein Kriminalroman.

Beim Schreiben fließt vieles zusammen: selbst Erlebtes, Gelesenes, Gehörtes, das, was andere erzählen, und das Imaginierte. Entscheidend ist für mich, wie sich all das miteinander verwebt und daraus etwas Neues, Eigenständiges entsteht.

Welche Frage wird Ihnen in Interviews nie gestellt, obwohl Sie sie gerne beantworten würden – und wie lautet Ihre Antwort?

Frage: Was ist Ihnen beim Schreiben wichtiger – die Antwort oder die Frage?

Antwort: Die Frage. Eine Antwort beendet etwas, eine Frage setzt Gedanken in Bewegung. Mich interessieren Menschen, ihre Widersprüche, ihre Erinnerungen und die Geschichten, die sie sich selbst erzählen. Vielleicht schreibe ich gerade deshalb Romane: weil es auf die wirklich interessanten Fragen selten nur eine Antwort gibt.

Was können Sie uns schon über Ihr nächstes Projekt verraten?

Mein Roman „Die Spur zurück“, ein psychologischer Krimi um Gedächtnisverlust, Täuschung und die Machenschaften eines Industriekonzerns, ist abgeschlossen. Dafür suche ich derzeit noch einen Verlag.

Währenddessen arbeite ich bereits an meinem nächsten Roman „Die andere Wahrheit“. Zwei Frauen, ein tragisches Ereignis vor dreißig Jahren und zwei Erinnerungen, die einander widersprechen. Was ist damals wirklich geschehen? Und wie verlässlich ist das, was wir für unsere eigene Wahrheit halten?

Sie sind im Weltall: Elon hat Sie auf den Mars geschossen. Die Reise dauert lang, Sie durften aber nur drei Bücher mitnehmen, weil jedes Kilo zählt. Welche wären das?

„Das Wasserzeichen der Poesie“ von Hans Magnus Enzensberger muss unbedingt mit. Dazu „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, die ich noch nicht kenne. Wann, wenn nicht auf einer langen Reise zum Mars, hätte ich Zeit, mich auf eine völlig neue Geschichte einzulassen? Und schließlich Margaret Atwoods „Book of Lives – So etwas wie Memoiren“. Ich würde gern mehr darüber erfahren, wie sie aus Lebenserfahrungen Literatur macht.

Drei Bücher über Sprache, Fantasie und das Schreiben – genügend Anregung für einen neuen Roman nach meiner Rückkehr.

Team Klassiker oder Team Gegenwartsliteratur – was inspiriert Sie mehr und warum?

Eindeutig Team Gegenwartsliteratur. Mich interessiert, wie Schriftstellerinnen und Schriftsteller unsere Zeit wahrnehmen, gesellschaftliche Veränderungen aufgreifen und menschliche Widersprüche sichtbar machen. Besonders faszinieren mich psychologisch vielschichtige Figuren, ungewöhnliche Erzählperspektiven und die Frage, wie unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Wirklichkeit erleben. Die Klassiker schätze ich durchaus, aber die Gegenwartsliteratur ist mir näher, weil sie Fragen stellt, die auch mich beim Schreiben beschäftigen.

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