
Cathy Ames steht nachts vor der Tür der Trask-Brüder. Ihr Kleid ist blutgetränkt, ihr Kopf verletzt. Adam und Charles nehmen sie auf, ohne zu wissen, was ihr zugestoßen ist – oder was sie selbst getan hat. Zoe Kazans Netflix-Serie lässt Florence Pugh als Cathy so auftreten: als jemand, der Hilfe braucht und zugleich gefährlich sein könnte. Später führt Cathy mit ihrer eigenen Stimme durch Teile der Geschichte. Das Rätsel verschwindet dadurch nicht. Aber sie ist nicht länger nur die Frau, über die andere urteilen.
John Steinbecks 1952 erschienener Roman „East of Eden“ erzählt über Generationen von der Familie Trask: von der Rivalität zwischen Adam und Charles und später von Adams Söhnen Cal und Aron. Kazan wählte für die Adaption sieben Folgen statt eines Films. Auch das ist zu wenig Platz für den ganzen Roman. Ihre wichtigste Entscheidung betrifft deshalb nicht die Länge, sondern die Verteilung der Aufmerksamkeit: Cathy bekommt viel davon; die weit verzweigten Geschichten der Hamilton-Familie werden stark gekürzt.
Wer erzählt, ist noch nicht im Recht
Im Roman erscheint Cathy häufig als zerstörerische Kraft in der Geschichte anderer Menschen. In der Serie darf sie selbst benennen, wonach sie sucht: Freiheit. Das macht ihre Entscheidungen nicht harmloser. Sie verlässt Adam und ihre neugeborenen Zwillinge, setzt Gewalt und Täuschung ein und übernimmt später ein Bordell. Doch ihre Erzählerstimme verändert, welche Frage das Publikum zuerst stellt. Statt nur zu fragen, was Cathy den Trasks antut, fragt man auch, welches Leben sie um jeden Preis führen will.
Pugh spielt diese Spannung nicht als verborgene Güte unter einer bösen Fassade. Ihre Cathy beobachtet genau, was andere von ihr erwarten, und nutzt es aus. Adam hält an seinem Bild einer gemeinsamen Zukunft fest, obwohl sie längst andere Pläne hat. Gerade weil man Cathy zeitweise aus ihrer eigenen Sicht erlebt, fällt auf, wie wenig diese Sicht über Adams Hoffnungen oder die Folgen für die Kinder sagt. Eine Erzählerin kann aufrichtig über ihren Wunsch nach Unabhängigkeit sprechen und dennoch die entscheidenden Teile einer Geschichte auslassen.
An den Trask-Männern lässt sich sehen, wie ungleich Steinbecks Familiengeschichte Vorgeschichten verteilt. Ihr Vater Cyrus erzieht Adam und Charles zu Konkurrenten um seine Zuneigung. Als einer der Jungen dem anderen bei einer Übung hilft, bestraft er beide. Die Verletzung erklärt nicht jede spätere Tat der Brüder, aber sie bleibt als Ursache erkennbar. Kazan gibt Cathy eine ähnlich genaue Betrachtung. Bei ihr wirkt die Suche nach einer Ursache nur schneller wie der Versuch, Schuld wegzuerklären.
Die Verschiebung hat einen erzählerischen Preis. Samuel Hamilton ist weiterhin da, seine Familie erhält aber weit weniger Raum als im Buch. Und sobald Cathy aus dem Blick gerät, verliert die Serie nach Ansicht der „New Yorker“-Kritikerin Inkoo Kang an Schwung; besonders die späteren Abschnitte um Cal und Aron findet sie schwächer. Lee, der sich im Alltag wesentlich um die Jungen kümmert, bleibt dort ein Gegengewicht. Seine Fürsorge zeigt, dass sich die Geschichte der nächsten Generation nicht allein zwischen Vater, Mutter und Söhnen abspielt. Cathys starke Präsenz bereichert also die Serie, kann die übrigen Figuren aber nicht tragen.
Eine andere Lesart ihrer Kindheit
Am folgenreichsten greift Kazan bei einer Begebenheit aus Cathys Kindheit ein. Steinbeck schildert, dass Cathy zwei ältere Jungen eines sexuellen Übergriffs beschuldigt, den sie vorgetäuscht habe. Kazan liest die Stelle anders: Ihrer Deutung nach fand der Übergriff statt, doch Cathys Eltern glaubten ihr nicht. In der Serie war Cathy dabei noch jünger als im Roman. Das ist keine nachträgliche Gewissheit über Steinbecks Absicht, sondern eine bewusste Lesart des vorhandenen Textes – und sie verschiebt das moralische Gewicht einer Szene erheblich.
Kazan zeigt die Gewalttat selbst nicht. Stattdessen interessiert sie, was es für Cathy bedeutet, mit ihrer Aussage abgewiesen zu werden. Wenn diejenigen, bei denen ein Kind Schutz sucht, ihm nicht glauben, erscheint Cathys späteres Misstrauen in einem anderen Licht. Pugh begreift auch Cathys Bedürfnis nach Kontrolle von dort aus. Doch eine Erfahrung, so schwer sie ist, liefert keinen vollständigen Schlüssel für einen Menschen. Aus der Gewalt, die Cathy erlitten hat, folgt nicht zwangsläufig die Gewalt, die sie anderen zufügt.
Kazan verbindet diese Deutung mit einem Detail, das schon im Roman steht: Cathy beschäftigt sich als Mädchen mit „Alice im Wunderland“ und stellt sich vor, so klein zu werden, dass ihre Feinde sie nicht mehr finden. In Kazans Fassung bekommt diese Fantasie eine schärfere Bedeutung. Verschwinden zu können hieße, einer Bedrohung zu entkommen. Das macht die Vorstellung konkret, ohne sie zum Beweis für alles Weitere aufzublasen. Sie erklärt weder den Brand im Haus der Eltern noch das Leben, das Cathy später auf Kosten anderer führt.
Wie schwer Cathy auf eine einzige Eigenschaft festzulegen ist, zeigt eine kleine Szene im Bordell. Sie tröstet eine Frau, die von einem Kunden misshandelt wurde. Pugh hat diesen Moment als wichtig für ihr Verständnis der Figur beschrieben. Er enthüllt keine heimlich fürsorgliche Cathy. Aber ihn vorsorglich zur Manipulation zu erklären, wäre ebenso bequem. Für einen Augenblick hilft sie jemandem, dessen Verletzlichkeit sie sonst womöglich ausnutzen könnte. Die Szene verlangt, beides im Kopf zu behalten.
Das Ende: dieselbe Tat, ein anderer Blick
Ab hier folgen Spoiler zum Ende von Roman und Serie.
Cal führt seinen Zwillingsbruder Aron zu Cathy ins Bordell. Aron, der seiner Mutter zum ersten Mal begegnet, reagiert entsetzt. Wenig später stirbt Cathy durch Suizid – im Roman wie in der Serie. Kazan ersetzt dieses Ende nicht durch Rettung oder Versöhnung. Sie verändert, welche Erinnerungen Cathy vor ihrem Tod einholen: an Menschen, denen sie geschadet hat, und an Gewalt, die sie selbst erfahren hat. Die Bilanz ihrer Taten bleibt stehen, doch Cathy ist nun nicht allein Gegenstand dieser Bilanz. Wir erleben auch, was in ihrem Kopf auftaucht.
Schließlich nimmt die Alice-Fantasie Gestalt an. Eine junge Cathy erscheint, und die beiden umarmen sich. Im Roman denkt Cathy in ihren letzten Momenten ebenfalls an Alice; Kazan erfindet die Verbindung also nicht. Sie macht daraus ein Bild von Nähe zu dem Kind, das Cathy einmal war. Für die verlassenen Söhne ist das keine Wiedergutmachung. Das Bild kann rühren und zugleich verdecken, dass Cathy ihre Beziehungen zu anderen Menschen beschädigt hat.
Kazan fand Steinbecks Betonung von Cathys körperlichem Verfall als Grund für ihren Suizid unzureichend. Ihre Fassung rückt stattdessen Erinnerungen und Einsamkeit nach vorn. Darin liegt ihre stärkste, aber auch riskanteste Änderung: Die Serie lädt dazu ein, bis zuletzt bei Cathy zu bleiben. Wer dabei nur noch das verletzte Kind sieht, verliert Aron, Cal und die übrigen Menschen aus dem Blick, deren Leben Cathy verändert hat.
Für eine entscheidende Handlung Cathys gegenüber Aron, die sie aus dem Roman übernahm, hat Kazan selbst keine eindeutige Erklärung. Sie erwog eine Änderung und ließ die Handlung doch stehen. Vielleicht ist das die genaueste Grenze ihrer Neuinterpretation: Cathy erhält eine Vorgeschichte, eine Stimme und einen letzten Blick auf sich selbst. Was sie anderen antut, bleibt sichtbar – und nicht alles daran lässt sich von ihr oder für sie zu Ende erzählen.

