
Im März 2026 sprach Donald Trump davon, Iran weiter zu bombardieren, falls die Verhandlungen nicht nach seinen Vorstellungen verliefen. An anderer Stelle bezeichnete er den Krieg als Ausflug. Das eine klingt brutal, das andere beinahe beiläufig. Gemeinsam ist beiden Formulierungen etwas anderes: Sie erzählen wenig über diejenigen, die von den Angriffen betroffen sind.
Darin liegt ein Problem politischer Sprache, das sich nicht dadurch lösen lässt, dass man einfach alle beschönigenden Wörter streicht. Auch eine drastische Formulierung kann irreführen. Wer von Bomben spricht, spricht deshalb noch nicht darüber, wer sie abwirft, welches Ziel damit verfolgt wird, wer getroffen wird und welche Folgen bekannt sind.
Der britische Sprachkritiker Steven Poole hat die beiden Trump-Äußerungen im April nebeneinandergestellt. Interessant daran ist weniger die bekannte Erkenntnis, dass Politiker zu Euphemismen greifen. Entscheidender ist die Frage, wann eine Formulierung den Eindruck erzeugt, sie habe eine Sache bereits ausreichend beschrieben.
Genau an diesem Punkt beginnt Ali Smiths Roman „Gliff“.
Wenn ein Verwaltungswort über einen Menschen entscheidet
In der nahen Zukunft des Romans erklärt ein Staat bestimmte Menschen für „nicht überprüfbar“. Sie können festgesetzt und umerzogen werden. Ihre Häuser und Fahrzeuge werden mit roten Linien markiert, Häuser anschließend abgerissen, Fahrzeuge abgeschleppt. „Nicht überprüfbar“ klingt zunächst nicht besonders bedrohlich. Eine Rechnung kann nicht überprüfbar sein, eine Behauptung, ein amtlicher Vorgang. Das Wort gehört in die Welt der Akten, Formulare und Datenbanken.
Smith zeigt, was geschieht, wenn eine solche Kategorie auf Menschen übertragen wird. Plötzlich beschreibt das Wort nicht mehr einen bestimmten Sachverhalt. Es entscheidet darüber, wer als verdächtig gilt, wer bleiben darf und wer verschwinden soll. Aus einer vermeintlich technischen Einordnung wird ein politisches Urteil. Die rote Linie an einem Haus sagt dabei fast nichts über die Menschen aus, die darin leben. Sie sagt vor allem etwas über den Staat aus, der die Macht besitzt, diese Linie zu ziehen.
Die Geschwister Bri und Rose geraten auf die falsche Seite einer solchen Markierung. Während die Behörden für sie eine Kategorie bereithalten, beschäftigt sich ihr Leben mit ganz anderen Dingen. Bri zählt die verbliebenen Konserven. Rose entdeckt Pferde auf einem Feld und gibt einem grauen Wallach den Namen Gliff. Das klingt zunächst nebensächlich. Tatsächlich liegt darin ein wesentlicher Unterschied. Für die Verwaltung existiert ein Status. Für den Roman existiert ein Mensch.
Rose sieht nicht „ein Pferd“, sondern dieses eine Pferd. Bri ist nicht einfach „nicht überprüfbar“, sondern jemand mit Erinnerungen, Sorgen, Widersprüchen und Entscheidungen. Literatur kann solche Unterschiede sichtbar machen, weil sie Zeit und Raum für Einzelheiten hat, die in einer politischen oder bürokratischen Kategorie verschwinden.
Auch Bri selbst lässt sich nicht ohne Weiteres einordnen. Die Figur trägt mehrere Namen, darunter Briar und Brice. Auf die Frage, ob sie Junge oder Mädchen sei, entscheidet sich Bri nicht für eine der angebotenen Antworten, sondern beantwortet die Frage schlicht mit Ja. Aha – woker, neumodischer Scheiss, werden die einen sagen; Notwehr des Individuums gegen einen übergriffigen, festlegenden Staat, werden andere entgegnen. Smith macht daraus keine große Erklärung. Gerade deshalb funktioniert die Szene. Sie zeigt, dass nicht erst die Antwort eine Einordnung enthält. Schon eine Frage kann festlegen, welche Möglichkeiten überhaupt vorgesehen sind.
Der Verfolgte ist nicht automatisch der Gute
An dieser Stelle könnte „Gliff“ zu einem ziemlich einfachen Roman werden. Auf der einen Seite stünde ein Staat, der Menschen in Kategorien presst. Auf der anderen Seite stünden Figuren, die sich dieser Einordnung entziehen. Die Botschaft wäre angenehm: Wer genauer hinsieht, wer Wörter liebt und individuelle Menschen wahrnimmt, widersteht der Barbarei.
Ali Smith verweigert sich dieser einfachen Lösung. Wer die spätere Entwicklung des Romans nicht kennen möchte, sollte den folgenden Absatz überspringen, weil: Spoileralarm!
Fünf Jahre später arbeitet Bri selbst für den Staat und ist an dessen Gewaltherrschaft beteiligt. Wie es dazu gekommen ist, erklärt der Roman nicht vollständig. Bri bricht die Erzählung darüber ab. Gerade diese Lücke ist wichtig. Smith könnte ihrem Leser eine beruhigende Erklärung anbieten. Bri wurde gezwungen. Bri wurde manipuliert. Bri hatte keine Wahl. Oder umgekehrt: Bri war schon immer verdorben, und die späteren Taten enthüllen nur den wahren Charakter. Der Roman liefert keine dieser einfachen Geschichten.
Das bedeutet nicht, dass Bris Verantwortung verschwindet. Wer sich an einem Gewaltregime beteiligt, trägt Verantwortung dafür. Aber die Tat erklärt nicht automatisch den ganzen Menschen, genauso wenig wie Bris frühere Sympathie die späteren Taten entschuldigt. Damit wendet Smith ihr eigenes Verfahren auch auf ihre Hauptfigur an. Sie kritisiert nicht nur die Kategorien des Staates. Sie weigert sich auch, dem Leser eine bequemere Gegenkategorie anzubieten.
Der Verfolgte ist nicht automatisch gut. Der Täter ist nicht dadurch vollständig erklärt, dass man ihn Täter nennt. Ein Urteil kann richtig und trotzdem unvollständig sein. Das ist ein viel anspruchsvollerer Gedanke als die Behauptung, Menschen dürften überhaupt nicht beurteilt werden. Selbstverständlich müssen wir über Schuld, Verantwortung und Gewalt urteilen können. Ohne solche Urteile wäre Politik ebenso unmöglich wie Recht. Problematisch wird es dort, wo die richtige Bezeichnung für eine Handlung mit einer vollständigen Erklärung des Menschen verwechselt wird.
Wörter können richtig sein und trotzdem zu wenig sagen
Ein ähnlicher Mechanismus findet sich in Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrig blieb“. Der Butler Stevens erzählt sein Leben mit Begriffen wie Dienst, Pflicht und Würde. Diese Wörter sind nicht einfach falsch. Sie erklären tatsächlich etwas über ihn. Aber sie erklären nicht alles. Je länger Stevens erzählt, desto deutlicher wird, was seine eigene Beschreibung seines Lebens ausspart. Das Interessante daran ist nicht, dass wir ihn beim Lügen ertappen. Vielmehr sehen wir, wie ein Mensch mit vollkommen brauchbaren Begriffen eine Geschichte über sich selbst erzählt, die gerade deshalb überzeugend wirkt.
Auch politische Sprache funktioniert oft auf diese Weise. Ein Wort muss nicht gelogen sein, um den Blick zu verengen. „Sicherheit“, „Ordnung“, „Terrorist“, „Extremist“, „illegal“, „Kollateralschaden“ oder auch „Freiheitskämpfer“ können in bestimmten Zusammenhängen sachlich gerechtfertigte Begriffe sein. Gefährlich werden sie nicht allein durch ihre Bedeutung. Gefährlich werden sie dort, wo nach ihrer Verwendung keine weitere Frage mehr nötig zu sein scheint.
Wer „Terrorist“ gesagt hat, glaubt möglicherweise, den Menschen erklärt zu haben. Wer „Sicherheitsmaßnahme“ gesagt hat, glaubt womöglich, die Maßnahme bereits gerechtfertigt zu haben. Wer „Krieg“ durch „Ausflug“ ersetzt, verkleinert die Wirklichkeit. Aber auch wer besonders drastisch von Zerstörung spricht, kann entscheidende Fragen auslassen. Die Alternative zu manipulativer Sprache besteht deshalb nicht darin, immer das härteste Wort zu wählen. Sie besteht darin, Wörter nicht mit Erklärungen zu verwechseln.
Macht Literatur uns deshalb zu besseren Menschen?
An diesem Punkt liegt eine Versuchung nahe. Wenn Literatur uns zeigt, dass Menschen komplizierter sind als ihre Kategorien, müsste viel Lesen uns dann nicht toleranter, empathischer und vielleicht sogar politisch vernünftiger machen? Die Geschichte liefert dafür ein drastisches Gegenbeispiel. Joseph Goebbels hatte Germanistik studiert und 1921 an der Universität Heidelberg promoviert. Zwölf Jahre später stand derselbe promovierte Literaturwissenschaftler auf dem Berliner Opernplatz und hielt bei der Verbrennung von rund 20.000 als „undeutsch“ verfemten Büchern die Feuerrede. Viel deutlicher lässt sich kaum zeigen, dass intensive Beschäftigung mit Literatur weder Humanität noch politische Urteilskraft garantiert.
Aber immerhin: 2024 veröffentlichten Lena Wimmer und Jörg Wittwer von der Universität Freiburg gemeinsam mit Gregory Currie von der University of York, Stacie Friend von Birkbeck, University of London, und Heather Ferguson von der University of Kent zwei vorab registrierte Metaanalysen zur Wirkung fiktionalen Lesens. Die erste wertete 70 Experimente aus und fand kleine positive Effekte, insbesondere bei Empathie und der Fähigkeit, Gedanken und Gefühle anderer zu erfassen. Die zweite untersuchte 114 Korrelationsstudien und fand einen kleinen Zusammenhang zwischen langfristiger fiktionaler Lektüre und verschiedenen kognitiven Fähigkeiten.
Das ist bemerkenswert, aber kein Nachweis dafür, dass Romanleser bessere politische Entscheidungen treffen. Die zweite Metaanalyse kann aufgrund ihres korrelativen Materials ohnehin nicht zeigen, dass das Lesen die gefundenen Unterschiede verursacht. Und auch die experimentellen Befunde messen nicht, ob jemand später Propaganda besser erkennt, einem entmenschlichenden politischen Urteil widerspricht oder vernünftiger wählt, siehe Goebbels.
Die Kategorie ist nicht der Mensch
„Gliff“ zeigt, wie schnell eine Bezeichnung ihre ursprüngliche Funktion überschreiten kann. „Nicht überprüfbar“ beginnt als scheinbar bürokratischer Status. Dann wird daraus eine Eigenschaft von Menschen. Schließlich rechtfertigt die Eigenschaft staatliche Gewalt. Der Roman antwortet darauf nicht mit der Behauptung, alle Kategorien seien falsch. Auch Ali Smith kommt ohne Kategorien nicht aus. Ihre Figuren handeln, werden schuldig, werden verfolgt, treffen Entscheidungen. Der Leser muss unterscheiden und urteilen.
Smith erinnert nur daran, dass ein Urteil nicht dasselbe ist wie eine vollständige Beschreibung. Genau darin liegt auch eine mögliche politische Leistung von Literatur. Sie macht uns nicht automatisch klüger. Sie schützt nicht vor Propaganda. Sie garantiert keine Empathie und schon gar keine richtige politische Haltung. Aber sie kann etwas vorführen, das politische Sprache häufig vermeidet: den Abstand zwischen dem Wort und dem Menschen, auf den es angewendet wird.
Ein Staat braucht Kategorien. Behörden müssen Entscheidungen treffen. Journalisten müssen Vorgänge benennen. Auch über einen Bombenangriff lässt sich nicht sinnvoll berichten, ohne Begriffe zu verwenden und Verantwortliche zu benennen. Doch jedes dieser Wörter bleibt eine Auswahl. Es sagt etwas und lässt anderes weg. Gefährlich wird Sprache deshalb nicht erst dann, wenn ein Wort offensichtlich beschönigt oder lügt. Gefährlich kann sie schon werden, wenn ein zutreffendes Wort so vollständig erscheint, dass niemand mehr fragt, was es nicht erzählt.
Die rote Linie in „Gliff“ wird irgendwann auf ein Haus gemalt. Die entscheidende Grenze ist zu diesem Zeitpunkt längst gezogen. Sie entstand in dem Moment, in dem eine Bezeichnung nicht mehr der Anfang einer Beschreibung war, sondern ihr Ende.

