
Mila hat gute Gründe, nach Sascha zu suchen: Er ist fort, bei seiner Firma fehlt eine große Geldsumme, und die Ermittlungen richten sich gegen ihn – zeitweise auch gegen sie. Doch ihre Suche führt nicht nur zu Fragen nach möglichen Verbrechen. Mila erlebt eine Verbindung zu ihrem Mann, die sich nicht ohne Weiteres erklären lässt. „Ein und Alles“ verknüpft diesen persönlichen Konflikt mit einem Kriminalfall und Gedanken über das Bewusstsein. Das sorgt für Abwechslung, auch wenn nicht jeder Ansatz gleich gründlich ausgearbeitet ist.
Der Roman setzt mit einer Lage ein, die für Mila keine klare Richtung vorgibt. Sascha ist verschwunden, und die fehlende Summe lässt den Verdacht aufkommen, er könne etwas mit dem Geld zu tun haben. Während die Polizei den Fall untersucht, muss Mila mit widersprüchlichen Möglichkeiten leben: Ihr Mann könnte schuldig sein, sie selbst steht ebenfalls im Blick der Ermittler, und zugleich kann sie sich nicht einfach von ihrer Verbundenheit zu ihm lösen. Ihre Taufpatin Brigitte steht ihr bei. Aus dieser persönlichen Notlage entwickelt Suter eine Handlung, in der die Suche nach Sascha und die Frage, was Mila überhaupt wissen kann, eng ineinandergreifen.
Die Erzählweise bleibt dabei bewusst unkompliziert. Suter führt die Leser durch die Ereignisse, ohne die Geschichte mit sprachlichem Zierrat zu beschweren. Das ist ein Vorteil, wenn sich die Handlung zwischen Ermittlungen, Beziehungskonflikt und spekulativen Gedanken bewegt. Hinweise werden nach und nach ergänzt, und neue Zweifel verändern den Blick auf das bereits Bekannte. So hält der Roman sein Rätsel in Bewegung. Die klare Darstellung bedeutet allerdings nicht, dass jeder Einfall gleich viel Gewicht erhält: Mitunter wirkt die Erzählung stärker auf das nächste Ereignis als auf eine tiefere Ausarbeitung seiner Folgen ausgerichtet.
Mila ist die Figur, an der sich die Unsicherheit des Buches am deutlichsten zeigt. Sie nimmt die Abwesenheit ihres Mannes nicht als endgültigen Bruch hin, sondern meint, seine Nähe weiterhin wahrzunehmen. Solche Erlebnisse können aus ihrer Bindung heraus verständlich sein; zugleich lässt der Roman offen, ob damit noch etwas anderes gemeint ist. Diese Unbestimmtheit gibt der Suche eine zusätzliche Spannung. Nicht nur der Aufenthaltsort Saschas ist ungeklärt, sondern auch die Verlässlichkeit von Milas Eindrücken. Der Text nutzt diese offene Frage, ohne sie vorschnell in eine eindeutige Erklärung zu verwandeln.
Mit dem Verlauf der Geschichte treten Überlegungen zu Bewusstsein und Wirklichkeit stärker hervor. Gedanken an ein geteiltes oder überindividuelles Bewusstsein erweitern den Rahmen des Kriminalfalls und geben Milas Erfahrungen eine mögliche Deutung, die über reine Einbildung hinausgeht. Darin liegt ein reizvoller Zug des Romans: Die ungewöhnlichen Vorstellungen sind mit der Handlung verbunden, statt bloß als schmückendes Beiwerk aufzutreten. Sobald der Text seine theoretischen Voraussetzungen erläutert, gerät das Tempo jedoch gelegentlich ins Stocken. Die Erklärungen machen den Ansatz nachvollziehbar, führen ihn aber nicht immer so weit, dass daraus eine umfassende gedankliche Untersuchung würde.
Auch die Beziehung zwischen Mila und Sascha erfüllt eine wichtige Funktion, ohne in jeder Hinsicht zum emotionalen Mittelpunkt auszuwachsen. Milas Treue zu ihrem Mann steht in scharfem Kontrast zu den Verdachtsmomenten, und gerade diese Spannung macht ihre Entscheidungen verständlich. Trotzdem bleiben die Figuren stellenweise eher Träger der Handlung als vollständig ausgeleuchtete Charaktere. Brigitte bietet Mila Unterstützung, doch ihre Anwesenheit kann die begrenzte psychologische Vertiefung nicht ganz ausgleichen. Wer vor allem eine intensive Studie einer Partnerschaft erwartet, könnte deshalb etwas vermissen. Der Roman interessiert sich stärker dafür, wie Liebe und Zweifel unter außergewöhnlichen Umständen nebeneinander bestehen.
Seine Wirkung bezieht „Ein und Alles“ letztlich aus dem Wechsel zwischen konkreter Gefahr und offenen Fragen. Der Kriminalfall gibt der Geschichte einen klaren äußeren Antrieb; die ungewöhnlichen Wahrnehmungen sorgen dafür, dass sich das Geschehen nicht auf die Suche nach einer einfachen Lösung beschränkt. Das Zusammenspiel ist unterhaltsam, aber nicht vollkommen ausgewogen. Manche theoretische Idee wird ausführlicher vorgestellt, als sie später weiterentwickelt wird, während die Beziehung der Hauptfiguren eher knapp bleibt. Dennoch bietet der Roman genügend Anlässe, über Vertrauen und die Grenzen des Erklärbaren nachzudenken. Seine Stärken liegen im zugänglichen Erzählen und in der Verbindung seiner verschiedenen Ebenen, nicht in einer abschließenden Antwort auf die großen Fragen.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für den Roman spricht seine gut lesbare Erzählweise: Auch wenn die Handlung mehrere ungewöhnliche Elemente verbindet, bleibt der Zugang klar. Außerdem hält die Suche nach Sascha die Geschichte in Bewegung und schafft einen handfesten Gegenpol zu den Überlegungen über Wahrnehmung und Bewusstsein. Interessant ist besonders, wie Milas Bindung an ihren Mann ihre Sicht auf die Ereignisse beeinflusst. Einschränkungen gibt es bei der Vertiefung. Die theoretischen Ansätze werden nicht immer konsequent weitergedacht, und auch die Figuren erhalten nicht überall die psychologische Ausarbeitung, die ihre Situation verspricht. Wer einen spannenden, gedanklich angeregten Roman sucht, dürfte dennoch einiges darin finden.
Buchdaten
- Autor: Martin Suter
- Verlag: Diogenes
- Preis: 26,00 €
- ISBN: 9783257073966
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Rezension von Marc

