
Was bringt Menschen dazu, sich für ein Vorhaben zusammenzutun, dessen Ausmaß ihre eigenen Möglichkeiten übersteigt? In Ken Folletts historischem Roman führt diese Frage in das Britannien der Jungsteinzeit. Der geplante Steinkreis stellt nicht nur handwerkliche Anforderungen, sondern verschärft auch bestehende Spannungen. Das sorgt für einen unterhaltsamen, breit angelegten Erzählstoff. Die vielen Figuren machen das gesellschaftliche Bild lebendig, können die Orientierung aber zeitweise erschweren.
Die Handlung spielt um 2500 vor Christus. Seft, der mit Feuerstein arbeitet, sehnt sich nach einem Leben jenseits der Gewalt in seiner Familie. Bei einem Fest begegnet er Neen, die er liebt. Ihre Schwester Joia verfolgt einen anderen Traum: Sie möchte Priesterin werden und setzt sich für den Bau eines gewaltigen Steinkreises ein. Dafür müssten Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften an einem Strang ziehen, obwohl sie um Land und knappe Mittel konkurrieren. Als schwierige Bedingungen und gegenseitiges Misstrauen den Alltag belasten, geraten persönliche Wünsche und das große Bauvorhaben zunehmend miteinander in Beziehung.
Der Roman schöpft Spannung nicht nur aus Widerständen und Machtfragen. Ebenso wichtig ist, wie ein solches Werk überhaupt entstehen könnte. Es braucht Planung, passende Werkzeuge und viele Menschen, die ihre Arbeit aufeinander abstimmen. Follett macht aus diesen praktischen Problemen einen Teil der Handlung. So wird der Bau nicht bloß zum eindrucksvollen Hintergrund, sondern zu einer fortlaufenden Herausforderung. Besonders gelungen ist der Gedanke, dass eine große Vision erst durch konkrete Entscheidungen und gemeinsame Anstrengung Wirklichkeit werden kann.
Seft und Joia geben dem Geschehen unterschiedliche persönliche Perspektiven. Für den einen steht die Hoffnung auf einen Ausweg aus der vertrauten Umgebung im Vordergrund; die andere verbindet ihren religiösen Ehrgeiz mit dem Wunsch, Menschen für ein gemeinsames Vorhaben zu gewinnen. Ihre Geschichten verankern die weitreichende Entwicklung in individuellen Interessen und Abhängigkeiten. Zugleich bringt der große Figurenkreis Nachteile mit sich. Nicht jede Person prägt sich gleich stark ein, und die wechselnden Beziehungen fordern Aufmerksamkeit. Das Panorama gewinnt dadurch an Umfang, während die Bindung an einzelne Figuren gelegentlich lockerer wird.
Follett erzählt klar und mit Blick auf die Handlung. Die Konflikte werden verständlich entfaltet: Welche Ziele verfolgen die Beteiligten, was steht ihnen im Weg, und weshalb fällt es ihnen schwer, einander zu vertrauen? Diese direkte Art passt zu einem Stoff, der in einer fernen Lebenswelt angesiedelt ist und dennoch zugänglich bleiben soll. Wer vor allem sprachliche Experimente oder mehrdeutige psychologische Porträts erwartet, dürfte andere Schwerpunkte vermissen. Der Roman setzt vielmehr auf anschauliche Situationen und gut nachvollziehbare Interessen. Gerade die Vielzahl der Figuren kann die klare Orientierung, die der Erzählstil bietet, allerdings wieder beeinträchtigen.
Auch Glauben und gesellschaftliche Ordnung sind eng mit dem Bau verbunden. Joias religiöse Vorstellungen stehen neben Fragen danach, wer Entscheidungen beeinflussen und andere für ein gemeinsames Ziel gewinnen kann. Die Nutzung des Landes und der Umgang mit begrenzten Ressourcen sorgen für zusätzliche Reibung. Dadurch wirkt die dargestellte Vergangenheit nicht wie eine bloße Ansammlung geheimnisvoller Bräuche. Die Konflikte haben materielle und soziale Ursachen. Dennoch bleibt es ein Roman: Die anschauliche Darstellung erzählt von erfundenen Figuren und möglichen Beweggründen, nicht von einer endgültigen historischen Antwort auf die Entstehung Stonehenges.
Seine stärksten Momente erreicht das Buch, wenn persönliche Hoffnungen mit den Anforderungen des Gemeinschaftsprojekts kollidieren. Der Steinkreis steht dann zugleich für eine Idee und für die Mühe, Menschen mit verschiedenen Interessen zusammenzubringen. Das umfangreiche Ensemble kostet gelegentlich Übersicht, nimmt der Geschichte aber nicht ihren erzählerischen Kern. Insgesamt ist dies ein zugänglicher historischer Unterhaltungsroman, der seine Spannung aus Arbeit, Konflikten und dem Versuch gemeinsamer Planung bezieht. Wer sich für große Vorhaben und ihre menschlichen Voraussetzungen interessiert, findet hier reichlich Stoff; wer eine knapp geführte Geschichte mit wenigen Figuren bevorzugt, muss sich auf ein breites Panorama einstellen.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Der Roman macht den Bau des Steinkreises zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Handlung und verbindet die technischen Aufgaben mit Konflikten um Einfluss und Zusammenarbeit. Sefts und Joias persönliche Ziele geben dem großen Vorhaben einen menschlichen Bezug. Zudem bietet das jungsteinzeitliche Britannien Raum für Fragen nach Glauben, Land und knappen Ressourcen. Weniger überzeugend ist die große Zahl der Figuren: Sie erweitert zwar das Bild der Gesellschaft, verlangt aber Aufmerksamkeit und kann die Nähe zu einzelnen Lebensgeschichten verringern.
Buchdaten
- Autor: Ken Follett
- Verlag: Lübbe
- Preis: 22,00 €
- ISBN: 9783404014835
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Rezension von Marc

