Wer Zwietracht sät

Mit dem Tod eines Unternehmers geraten in einem kleinen Ort an der Küste nicht nur mögliche Täter, sondern auch langjährige Spannungen ins Blickfeld. Elizabeth George verknüpft in ihrem 22. Roman um Thomas Lynley und Barbara Havers familiäre Verletzungen mit einem Streit um die wirtschaftliche Zukunft der Region. Das Ergebnis ist ein Kriminalroman, der seine Figuren und Konflikte ausführlich entfaltet. Leser, die vor allem rasche Ermittlungsfortschritte erwarten, sollten sich auf einen ruhigen Einstieg einstellen.

Michael Lobbs gewaltsamer Tod bringt Trevellas aus dem Gleichgewicht. Seine neue Partnerschaft hat die Beziehungen innerhalb der Familie belastet, während berufliche Interessen zusätzliche Reibung erzeugen. Ein möglicher Verkauf des Unternehmens und ein geplantes Lithiumvorhaben betreffen Menschen, die ihre eigenen Vorstellungen von Besitz, Verantwortung und Zukunft haben. Lynley und Havers müssen deshalb mehr als einzelne Alibis prüfen: Hinter vielen Aussagen stehen persönliche Geschichten, und die Beteiligten begegnen einander nicht unvoreingenommen. Auch Lynleys Verbindung zu einem Landsitz in der Gegend macht die wirtschaftlichen Auseinandersetzungen für ihn weniger fern, als es seine Ermittlerrolle nahelegen könnte.

Der Roman nimmt sich Zeit, sein Personal und dessen Verhältnis zum Verstorbenen vorzustellen. Das bekannte Ermittlerduo rückt zunächst nicht in den Mittelpunkt; bevor die Untersuchung deutlich an Fahrt gewinnt, richtet George den Blick auf das Umfeld des Opfers. Diese Entscheidung eröffnet Raum für unterschiedliche Perspektiven, verschiebt aber auch den Moment, in dem die Leser eng mit der Ermittlungsarbeit verbunden sind. Wer sich besonders auf die Dynamik zwischen Lynley und Havers freut, muss warten. Für andere kann gerade der ausgedehnte Blick auf die Dorfgemeinschaft den Reiz ausmachen.

Die familiären Verwerfungen geben dem Fall mehr als einen privaten Hintergrund. Lobbs neue Beziehung wirkt auf Menschen ein, die sich an frühere Rollen und Erwartungen geklammert haben. George zeigt, wie schwer es sein kann, Veränderungen hinzunehmen, wenn sie zugleich als Zurückweisung oder Verlust erlebt werden. Dadurch bekommen Verdächtigungen eine emotionale Vorgeschichte. Nicht alle ausführlichen Betrachtungen führen allerdings zu neuen Einsichten. Manches wird mehrfach umkreist, sodass die Erzählung bisweilen länger bei einer Stimmung verweilt, als es für ihre Entwicklung nötig wäre.

Mit dem Lithiumprojekt weitet George den Konflikt über die Familie hinaus. Es geht nun auch darum, welche Folgen ein wirtschaftlicher Wandel für einen Ort haben könnte und wer bei solchen Entscheidungen tatsächlich Einfluss besitzt. Die Interessen der Beteiligten überschneiden sich, ohne sich sauber in private und öffentliche Anliegen aufteilen zu lassen. Lynleys Nähe zu einem Teil dieses Umfelds bringt eine zusätzliche Spannung in seine Position: Er kann die Verhältnisse nicht ausschließlich aus der Distanz betrachten. Der gesellschaftliche Aspekt bereichert den Fall, nimmt aber neben der Frage nach dem Täter beträchtlichen Raum ein.

Die breite Anlage ist zugleich Stärke und Schwäche des Buches. Einzelne Nebenfiguren und Schauplätze lassen die Gemeinschaft anschaulich wirken, doch nicht jeder Umweg trägt gleich viel zur Aufklärung bei. Wer einen knapp komponierten Kriminalroman mit stetig neuen Wendungen sucht, könnte sich daher gelegentlich fragen, wann die nächste konkrete Bewegung im Fall einsetzt. Auch die ausführliche Beschäftigung mit Motiven garantiert nicht, dass jeder Schritt der Ermittlungen gleich überzeugend wirkt. George interessiert sich stark für die Gründe hinter dem Verhalten ihrer Figuren; die kriminalistische Konstruktion tritt dabei mitunter in den Hintergrund.

Als Teil einer langen Reihe verbindet der Band Vertrautes mit einer Erzählweise, die das Ermittlerduo nicht ständig ins Zentrum stellt. Das kann für Leser, die den Figuren schon lange folgen, eine willkommene Erweiterung sein; wer vor allem ihre gemeinsame Arbeit erwartet, erlebt möglicherweise einen Umweg. Überzeugend ist, wie der Roman persönliche Kränkungen und Fragen regionaler Entwicklung miteinander verschränkt. Weniger gelungen ist die Dosierung: Die vielen Konfliktlinien erhalten nicht immer ein gleich starkes Gewicht, und das Tempo leidet darunter. Insgesamt ist dies ein umfangreicher, gedankenreicher Fall, der eher auf Atmosphäre und Beziehungen als auf einen schnellen Ablauf setzt.

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Für den Roman sprechen vor allem drei Aspekte. Erstens erhalten die Ermittlungen durch die belasteten Familienbeziehungen einen menschlichen Hintergrund, der über die Suche nach einem Täter hinausführt. Zweitens erweitert der Streit um ein Lithiumvorhaben den Blick auf die Interessen und möglichen Veränderungen, die eine kleine Gemeinschaft betreffen. Drittens gerät Lynley durch seine persönliche Nähe zu einem Teil des Umfelds in eine weniger bequeme Position als ein völlig unbeteiligter Ermittler. Ein möglicher Nachteil ist die ausladende Erzählweise: Wer einen straffen Krimi mit früh einsetzender Arbeit des Ermittlerduos bevorzugt, braucht Geduld.

Buchdaten

  • Autor: Elizabeth George
  • Verlag: Goldmann
  • Preis: 14,00 €
  • ISBN: 9783442498208

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Rezension von Hanna